M Arme norm Kinde aus und umarmen das Kind unb nisten es aus den Scheitel. Dann erst geben sie den Bischosskuß, den sie vom scheitel des lindes genommen, weiter in der kirchlichen Rangordnung, und der Bischof schreitet zum Altar empor, und das Amt nimmt seinen gewobnten ,^ottgang^omkind lmb weiß nicht, wie ihm geschieht. Schließlich kommen zwei Subdiakone und pflanzen sich neben ihm auf . . . da blickt es zum steinernen Milchisedech empor und rutscht vom Sessel herunter. und läuft gesenkten Hauptes zi,r Tür und verschwindet aus dem himmlischen Raum.--- . . , , ,, , r ,,
König Saul hat das Kind sitzen sehen; wie er setzt merkt, daß es geht, winkt er einen der Kleriker zu sich und bittet ihn, dem Kmd zu folgen, weil das Körperchen voller Fieber stecke! Der Kleriker eilt hinaus, greift dem Kind an den heißen, glühendheißen Kopf und trägt's in die Turmer- wohnung, wo der Vater noch beharrlich schnarcht.
Und gleich nach der Mette kommt mit der Mutter der Komg Saul derauf in den Turm, und sie sehen Vater und Sohn nebeneinander liegen rind schlafen. Doch wie sie näher zusehen und am Bett verweilen, bewegt das Kind bald Arm, bald Bein, schlägt die Augen aus, ohne sie zu be- tocn^n, obn-c ein) ctx> zu sehen, und läföt die Qibcr wieder sinken, und sem Möpschen nlühr. Sie wecken den Vater, der König Saul versucht am Tele- phvii den'Arzt zu sprechen, doch meldet sich kein Arzt. Erst läßt er vom Amt die Kinderärzte anrufen, doch haben anscheinend alle in der Herligen Nacht ihren Fernruf abgesteili; vielleicht denken sie, vielleicht wissen sie aus der Erfahrung: in der Christnacht braucht kein Kmd einen Arzt! Endlich meldet sich ein anderer und verspricht, sogleich zu kommen!
Eine Stunde lang stand der Domkapellmeister da am Hörer, der im Wohnzimmer hängt neben der Tür zum Rundgang, auf daß man auch .-.Ht außen sprechen konnte. Während dieser Stmrde ward innen IM Schlafzimmer das Kind kränker und kränker, schrie bisweilen laut in mnggezogenen Tönen, fuchtelte mit den Händen an der Holzwand empor, was der König Saul deutlich hörte, obgleich er den Schalltrichter fest ans Ohr preßte. Das war ein anderes Geräusch, als es da durch den Draht ihm vermittelt wurde: aus dem Hals des Kindes strömte zerbröckelt 2(tetn.
König Saul konnte das nicht anhören; er hatte nie wie andere Geistliche an einem Totenbett gesessen, er hatte nie einen Menschen sterben «eben’ Und nun ein Kind so leiden sehen, das konnte er nicht ertragen! Er weiß ja auch nicht zu helfen! Was die Eltern tun, wird wohlgelan fein! Er möchte fortgehen. Da sich endlich ein Arzt meldet, beschreibt er >-asch den Zustand des Kindes, kommt herein ins Zimmer und sieht, daß die Eltern gerade das tun, was er sie eben hat tun heißen wollen! Er geht wieder hinaus. Er nimmt die Schlüssel, den Arzt hereinzulassen, und geht herunter.
Auf be>- Treppe fällt ihm ein, daß er einstweilen als Priester etwas fürs Kind tun könnte, da er als Mensch nichts zu tun vermochte! Er zündet zunächst eine Kerze an und stellt sie an den Markteingang, schließt aui und hebt'das Schloß aus der Nase, so daß der Arzt sogleich eintreten kann. Dann geht er in die Sakristei; er darf als Priester heute am Weih- m-cbtsag drei belüge Messen lesen! Das hat er getan, seit er geweiht ist, aas' will er Heuer wieder tun, und er könnte jetzt, da das Kind vielleicht h> feinem letzten Stündlein liegt, augenblicklich wenigstens eine lesen! Wer weiß, ob sein Gebet nicht geradesoviel vermag als die Wissenschaft des Arztes! ... „ ,
Er zündet alio zwei Kerzen am Marienattar an, der unmittelbar neben dem Eingang liegt, holt in aller Hast Hostie, Wein und Kelch und wirst die heiligen Gewänder über sich und beginnt allein, ganz allein, innig und fromm das heilige Meßopfer, und rundum stehen die Räume des Domes unsichtbar verhüllt und schweigen. Vom Turme schlägt's drei.
Die beiden Altarkerzen flimmern, jede der Blumen an dem festlich geschmückten Altar leuchtet hin und wieder; die Fuchsien drangen sich zwischen die silbernen Leuchter, als wollten ihre tiefherabhängenden Glöckchen jeden Augenblick ein Trauergeläut anstimmen.
Wie König Saul schon bis zur Opferung gekommen ist mit seinen Gebeten, hört er den Arzt, bricht seine Messe ab und eilt in den restlich hellen Gewändern an die Tür.
Der Arzt erschrickt ein wenig und kommt dann herein; König Saul streift das Meßgewand ab, hängt's über eine Bank und geleitet mit der Kerze den Arzt hinab. Oeffnet die Tür, hört ein jämmerliches Gestöhn, läßt den Arzt eintreten und geht selber nicht hinein. Etliche Minuten verweilt er da vor der Tür und weiß nicht: soll er hineingehen oder nicht, malt sich die verzerrten Bilder vor Augen und wendet sich schließlich, lagt sich; erstens, er wolle doch nicht in Mb und Stola erscheinen, zweitens, er wolle doch das Domkind, wenn es vielleicht sterben müsse, in schönem Bildern sich aufbewahren, und drittens, er müsse doch auch die begonnene Messe beenden. .
So tastet er sich also herab, schlüpft in das Meßgewand und opfert Brot und Wein und opfert die ganze Messe dem Herrn auf für die Ge- sundung seines besten Freundes. Mit zitternden Händen hebt er Hostie und Kelch zur Wandlung empor. Rasch schließt er, indem er die letzten Gebete auf der Wendeltreppe aus dem Gedächtnis hergesagt.
Wieder öffnet er sachte die Tür, lauscht auf das Gestöhn, hört aber nichts! Da denkt er: vielleicht hat mein Gebet geholfen, und tritt ein. Das Kind war tot! Ausgestreckt lag das Körperchen da und brannte noch, und der Kapellmeister spürte die Glut der Stirn in seiner Hand.
Die Mutter lag auf dem andern Bett in den Armen des Arztes, der Vater kniete da und hielt die zarte Hand des Kindes an feine Lippen. König Saul konnte sich nicht halten, weinte laut und trat hinaus in den Rund gang.
Als es vier schlug, kam der Türmer heraus, die Manner umarmten sich und weinten Wange an Wange. Der Arzt ging; auch die Mutter kam heraus, umklammerte den Kapellmeister und weinte an feiner breiten Brust und zog ihn mit sich hinein ans Totenbettchen, — aber er konnte keine Minute bleiben!
Um fünf Uhr wurde für die ersten Messen geläutet; da fiel es dem Kapellmeister ein, daß unten am Marienattar die Kerzen noch brannten, daß die Gewänder noch da lagen, und er eilte hinunter und begann am selben Altar seine zweite Weihnnchtsmesse, und las seine dritte sogleich hintennach.
In der Sakristei sagte er, daß das Kind gestorben sei, und jeder der geistlichen Herren weinte um bas Kind. Der Domdekan, der nm halb sieben kam, ging, noch bevor er seine Messe begann, hinauf zur Türmerei und machte den Leuten eine große Freude. Er sagte ihnen, er wolle dafür sorgen, daß der kleine Paulus im Rasenplatz des Kreuzganges begraben würde!
Der Bischof war damit einverstanden.
Die Kunde vorn Tod des Domkindes verbreitete sich nicht so rasch wie seinerzeit die Kunde von seiner Geburt. Zeitungen wurden während der Feiertage nicht gedruckt, und selbst wenn sie gedruckt worden wären, so hätte vielleicht unter vielen kleinen Notizen auch diese gestanden: daß oben auf bem Turm ein Kind gestorben sei! Doch mancher, der die Nachricht vernahm, sah zum Turm auf und dachte: „An Weihnacht gekommen, an Weihnacht gegangen: glückliches Kind, daß du unser armseliges Leben nicht zu kosten brauchst!" . . . Und bann: „Ein Geheimnis wird schon dahinterstecken: wollen mir nicht daran rühren!"
Ach, während der düsterfeierlichen Weihnachtstage flammt jedes Kerzlein heller, und der Weihrauch kann sich nicht verziehen, weil die Meßbuben zu oft auf schöpf en müssen. Zwischen den Säulen geht manch farbiges Gefunkel einher, bas sonst im Lauf des Jahres sich nicht sehen läßt! König Haut wollte gar nicht mehr fort aus dem Dom; in seine Traurigkeit klang von allen Seiten Musik; Farben lösten sich aus in Musik, Weihrauch ward Musik für ihn. Er bestellte jeden Tag zweimal seine Singbuben: während der feierlichen Tage des Kirchenjahres ein Grablied zu üben, aber er wußte im voraus, daß das Lied am Grab ihm nicht gelingen werbe.
Am dritten Weihnachtstag ward bas Grab geschaufelt, und der Türmer stand oben am Gitterchen, das den Rundgang abschließt, und winkte mit einem gelbweißen Fähnchen, daß der Totengräber jenes Plätzchen fand, das von da oben aus auch recht zu sehen war. „Dort unten", sagte die Mutter, „hätte unser Kind oft spielen können; nun kann es nicht mehr spielen und wird kein Grashälmchen zerstören."
„Hörst du, wie die Buben fingen?" antwortete der Türmer, „aber auch sie hätten mit ihren Liedern früher kommen müssen und mit ihrer Freude!"
Der kleine Sarg ward im Chor des Domes aufbewahrt, und von zwei Uhr an kamen fortgesetzt Leute, dem geliebten Kind mit dem Buchs- biijchel Weihwasser zu geben und oben am Sargende ein Kerzlein anzuzünden. Schließlich mußte der Küster den großen Wachsständer aus der Muttergotteskapelle heraufschleppen, weil so viele Kerzen, kleine unb große, bargebracht wurden. Alle Menschen, die kamen und das zarte ?lntlitz sahen, dachten unb sagten: ein Engel!
Es eilten so viele Leute herbei, und sie gingen nicht mehr und blieben, und als der Bischof kam mit seinem Kapitel, war der ganze Dom schwarz angefüllt mit Trauernden. Das hatten insbesondere die Ettern nicht er- ma'rtet, und der Kapellmeister erst recht nicht, denn er war wohl hinterm Hochaltar, seiiab von der Menschenmasse, ein Held und konnte seinen Paleskrina dirigieren wie selten einer, aber mitten unter den Menschen stellte er sich oft nicht gerade gut an.
Die Zotenmänner schraubten den Sarg zu, toingbitben trugen ihn hinaus durch die Hallen des Kreuzganges, damit die Menschenmenge hintendrein sich etwas verteilte, und senkten ihn unter dem sanften Schneegestöber hinunter ins Grab. Der Bischof betete laut am Grad, was vorgeschrieben ist, die Domherren umstanden ihn. Alles, was schwarz tuar, umflorte sich mit weißem Schnee, und selbst das Trauerfähnchen, das am Kreuz flatterte, ward weiß, und der hl. Benediktns lächelte anders als sonst, weil Kopi unb Hand und Buch und Fuß weiß zugebeckt waren. Die Eltern standen hinterm Bischof und meinten nicht mehr, die Singbuben ordneten sich mit hängenden Köpfen um ihren General, aber dem General liefen immerzu die Tränen über die Wangen, und als er seinen Buben den Ton des Liedes angeben sollte, fiel ihm die Stimmgabel aus der Hand, und er konnte sich nicht halten vor Schmerz, und schließlich verhüllte er sein Angesicht unb bahnte sich mit seinen mächtigen Armen einen Weg durch die Menge und verschwand. Da war niemand, der nichi erschüttert' meinte.
Der Totengräber aber hatte es gut: als der letzte der Leidtragenden seine Handvoll Erde aufs Grab werfen wollte, mußte er sich mühsam die wenigen Sandkörnchen zusammenscharren, denn alle Erde, die da lag, war schon hinein- und hinübergeworfen aufs kleine Grab.
Wer den Kapellmeister nachträglich über irgend etwas befragte, der bekam zur Antwort:
„Dieses Kind war kein Kind, sondern war em Enge!, der am Weihnachtsabend mit dem Christkind herabstieg zur Erde — vielleicht aus Neugier nach den derzeitigen Menschen —, im Turm des Domes rasch Fleisch und Blut annahm, wie ein anderes Kind an diesem Tage auch getan, und nun, da es enttäuscht wurde von uns Menschen, wieder heim- kehrte in den Himmel! Aber wahrlich," fügte der König Saul hinzu, „ein Kind, das inmitten von Heiligen aller und jeglicher Schattierung auf- wächst, inmitten von gelehrten Männern, seltsamen Käuzen und wirklichen Käuzchen, inmitten von Blumen, die aus Stein gemacht sind, ininnten von Glocken, Rauchfässern und heiligen Dingen aller Art, ein solches Kind kann nicht mehr gut über seine Engelsjahre hinaus gedeihen, denn fein Herz schlägt genau mitten in der Brust wie bei Engeln, unb sie Wett weiß mit Engeln nicht mehr umzugehen und ist zudem auch fernes Engels mehr würdig!"
Die armen Eltern aber lebten fortan sehr einsam auf dem Doni unb wollten nicht mehr herunter. Am eisernen Gitter des Rundgangs f.and ein Stuhl, von dort aus konnten sie das Grab ihres Kindes sehen, uno j bas war ihnen das Liebste auf der Welt! _________
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot.- Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


