Ausgabe 
15.1.1927
 
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Aber jetzt zu guter Letzt Scherz und Humor beiseite! So kann und darf es nicht weitergehen. Dis Allgemeinheit verbohrt sich sonst immer mehr in einen so verschobenen und verschrobenen Gesichtswinkel der Tierwelt und der Tierhaltung gegenüber, daß Umkehr und Einkehr zu natürlichen, sach­gemäßen und vernünftigen Anschauungen immer schwerer wird. Und das muh zwangsläufig auch die ganze Natur- und Weltanschauung unheilvoll beeinflussen, abdrängend von Natur und Natürlichkeit. Wir werden jetzt glücklicherweise in so vielem natürlicher. Man braucht nur an das Frei­bad zu denken, eine der besten Errungenschaften der heutigen Menschheit. Muß dieser Natürlichkeit im Körperlichen Widernatürlichkeit im Geistigen gegenüberstehen? Manchmal scheint es fast so. Deshalb wende ich mich mit diesem Notschrei an die Presse; wenn sie hilft, so wird es wieder besser werden. Es ist aber auch an der Zeit.

Das Domklnd.

Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

(Schluß.)

Es huscht über die achtzehn Stufen, die breitausladend zu Westchor und Hochaltar ernporsühren, findet daselbst wieder eine Tür . . . und guckt nun in den von himmlischen Chören erfüllten Stall von Bethlehem! Hunderte von Kerzen flammen um die goldene Monstranz, Gold und Silber sprühen auf den strotzenden Gewändern der drei Priester, die am Altäre stehen, und rundum schreit der Purpur der Meßdiener, schreit das Weiß der jungen Kleriker, die in zwei langen Zügen vorm Altar hin und her schweben in gemessenen, fast tanzenden Schritten . . . das sind die Hirtenknaben, die zur Krippe eilen, und Seide raschelt und flunkert die raschelt bestimmt aus Mariens blauem Mantel!

Das Domkind tritt hinein durch die Tür, steht da, läßt seine Augen schweifen, die Krippe zu suchen und das Kindlein ... die Orgel schweigt plötzlich, sein Herzchen klopft, der Domchor fällt brausend in die Stille. Da ist es dem Kind: der Chor der seligen Geister sei herabgestiegen.. . . die duftenden Wolken des Rauchfasses strömen herzn, als wollten sie es mitführen zur Krippe hin!

Der Priester am Sliter wendet sich zum Volk: es ist der Bischof selber! Alle Domherren starren in gelblich-weißer Seide zu ihm hinaus, die junaen Kleriker des Seminars falten in weiten Bögen die Hände und strömen zum' Bischof hin, und dieser tritt vom Altar weg auf seinen Thronsessel, der links seitab vorm großen Melchisedech in purpurner Seite steht, und alles strömt hinter ihm drein wie eine mächtige Schleppe.

Das Domkind denkt: sie eilen zru Krippe, und trippelt etliche Schritte über den flockigen Teppich in die Herrlichkeit hinein!

Jedoch auf einmal hat man cs entdeckt: von allen Seiten eilen junge Kleriker auf das Kind zu, und sogar ein Domherr der mit der großen Matz« kömmt her und reißt die Tür auf, das Kindlein hinauszujagen wie einen lästigen Pudel! .

Allein, da geschieht etwas Wunderbares: der Bischof sieht senr Paten­kind verängstigt dastehen, sieht in dem verscheuchten Kindesauge den fragenden Blick eines andern Kindes, die große Frage eines andern Kindes an ihn und alle Welt . . . und er erhebt sich von seinem Sessel! Sille Anwesenden starren 311 ihm hin, roeit er sich wider alle Zeremome erhebt, und weil in seinen Äuget, etwas flammt, was nicht von dieser Erde ist! Er streckt die in Bischofsblau gekleidete Hand mit dem Hirtenstab den Geistlichen entgegen der Rubin glitzert auf, und er wehrt den jungen Klerikern und dem Domherrn mit der Glatze.

Ringsum glitzern aller Augen in Erwartung der Dings! Und dann winkt die andere Hand das Kind zu sich heran!

Wie es eilig zu feinem Paten hintrippelt, verjubeln die Singbuben Hintern, Altar,'die nichts gesehen haben, alle Kraft, die sie besitzen, in die paar Worte der Antiphon: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf dessen tod)ulten, Herrschaft ruht!

Dem Domkind zittert das erregte Herz; ihn, ist's: der Bischof werde nunmehr mit ihm zur Krippe gehen und beten. Es legt ohne Zagen sein Händchen in die violett bekleidete Bischofshand, der Bischof gibt seinen Stab einem Geistlichen und beugt sich nieder und hebt das Kind auf den Purpur seines Thrones und kniet neben ihm nieder mit geschloßenen Augen, und seine Gewänder starren in ungewohnten Linien wie voller Entsetzen.

Alle Geistlichkeit guckt ratlos umher: die heiligste Messe des Jahres ist gestört, ist zerstört wie die am Karfreitag. Doch in etlichen Augen dämmert der tiefe Sinn des Hergangs auf: ein Kind ist unter sie getreten, vielleicht, daß Gott ihnen ein Zeichen geben wollte, irgendein Zeichen? . . . Tränen glitzern in etlichen Äugen und glitzern sanft uni, zart zwischen Gold, Rubin und Seide!

Das Domkind weiß nicht recht, was es da tun soll, legt sein Aennchei, zaghaft aus die Lehnen des Thrones ... und lächelt schließlich zu einem Diakon, den es nicht kennt. Seine kurzen Beine baumeln, zwischen Strumpf und Höschen lugen die Knie hervor.

Unten aus den Reihen der Gläubigen hebt sich vereinzelt ein Angesicht über das Geländer zwischen Melchisedech und Aron und versinkt wieder. Es kann höchstens unterscheiden, daß der Bischof kniet, anstatt zu sitzen!

Der Jubel des Chores hinterm Altar aber verstummt gemach, der Bischof erhebt sich, die beiden Domherren kommen auf ihn zu: den Bruderkuß entgegenzunehmen, und den Kuh alsdann an die andern Dom­herren weiterzugeben, daß er von denen zu den Diakonen getragen werde und bis hinab zum letzten Diener am Altar.

Er schlägt einmal hurtig die Augen auf, der Bischof, und läßt sehen, daß in seiner Seele immer noch etwas vorgeht, was nicht zur Liturgie des Festes gehört. Und wahrlich: er läßt den Domherrn stehen und läßi ihn warten auf den Kuß! Und wahrlich: er wendet sich vom Domherrn weg, dem Kinde zu, breitet die Arme weit aus, beugt sich tief herab und küßt das Kind auf den Scheitel! Dann faltet er wieder feine Hände vor der Brust, die Domherren wissen nicht, ob sie jetzt geküßt werden oder nicht, aber der Bischof deutet mit den gefalteten Händen nach den: Kind herab . . . und die beiden Domherren, einer nach dem andern, breiten

vogels:Das Winterquartier unserer Wildgänfe." Der Tölpel hat, auch abgesehen von der Farbe, mit der Wildgans nicht mehr zu tun, als das Pferd mit der Kuh oder dem Schwein. Unter dem Augenblicksbild eines nächtlichen Halbaffen, des Galagos, der, aus dem Tagschlaf geweckt, mit seinen runden Eulenaugen geblendet und verwirrt, hilflos ins Licht starrt, steht:Der Affe mit dem scharfen Blick." Und vollends diepsychologi­schen" Unterschriften! Sie werden offenbar häufig ganz skrupellos hin­gesetzt, weil man sich nicht klar macht, was man damit anrichtet. Finde ich da in einer unserer angesehensten illustrierten Zeitungen ein großes Blatt prachtvoller Äffenbilder, gezähmte Tiere, in ihrer Heimat ausgenommen. Auf zweien dieser Aufnahmen ist ein großer und ein kleiner Affe von ganz verschiedenen Arten zusammen zu sehen, und unter der einen dieser Aufnahmen steht:Warst dn's auch wirklich nicht?", unter der anderen: ,Lch will dich Mores lehren!" Darüber habe ich herzlich lachen müssen; denn es ist'ein ganz guter Witz, und ich weiß genau, daß es nur ein solcher sein kann und sein soll. Aber wie werden es viele Leser und noch mehr Leserinnen auffassen, zumal wenn sie im Begleittext noch von den pädagogischen Fähigkeiten des größeren Äffen lesen? Darf ich mich da wundern, wenn ich von einer Dame einen Brief noch weitergehenden Inhalts bekam? Von einer Dame, deren allgemeine Bildung über allen Zweifel erhaben ist. Die Dame sieht bei einem Besuche des 'Zoologischen Gartens sofort auf den ersten Blick, daß unser Orangpaar in unglücklicher Ehe lebt, daß daszarte Frauchen, mit verängstigtem Gesichtsausdruck vor dem brutalen Ehegefpons flüchtend, am Kitter hangt". In Wirklichkeit sind die beiden Tiere ein Herz und eine Seele, das Männchen macht dem Weibchen nicht einmal das Futter streitig: das Aeußerste, was man von einerglücklichen Che" bei Tieren verlangen kann. Das hängende Klettern üben beide mit Vorliebe, weil sie auch in der Freiheit auf den Bäumen sich so bewegen, und sehr oft sitzen sie,zärtlich umschlungen", beisammen: ein Bild ehelichen Glückes" konnte man im Sinne der Briefschreiberin sagen. Ich suchte sie über den wirtlichen Sachverhalt aufzuklären, indem ich ihr unter anderem auch die Frage vorlegte, ob sie das Mienenspiel des Drangs so genau kenne, daß sie sofort unterscheiden könne, ob er ein glückliches ober unglückliches Gesicht macht, und gab mir dabei Mühe, ihr zu der'besseren Einsicht zu verhelfen, wie sehr sie ohne weiteres die Tiere vermenschliche. Darauf erhielt ich einen zweiten Brief, indem sie sich fürfeinfühlig" erklärt und stolz behauptet, siesehe auf den Grund". Sie ist also unbelehrbar, merkt nicht, daß sie dem Oranggehirn Denk- und Empfindungsleistungen zutraut, vergleichsweise etwa, als wenn sie von Teckelbeinen wie selbstverständlich die Laufleistungcn eines Rennpferdes vorausfetzen wollte.

Wir haben aber heute längst eine mikroskopische Gehirnanatomie, traft deren mir in den feinsten Bau des Menschen- und Tiergehirns hineinsehen, und können daher heute auch mit Sicherheit darüber urteilen, was ein Gehirn nach feinem Aufbau leisten kann und was nicht. Das habe ich in der neuen Auflage von Brehms Tierleben gemeinverständlich darzulegsn versucht, und konnte da anfuhren, daß selbst bei den menschenähnlichen Tieren, den mit vollem Recht deshalb sogenannten Menschenaffen (Drang, Schimpanse, Gorilla), die feineren und feinsten Gehirnverhältnisse zu­gunsten des Menschen etwa wie 1:6 liegen. Das wußte man früher nicht, und die älteren Brehm-Auflagen stehen in dieser Beziehung nicht auf festem, unangreifbarem Grunde. Es war aber sehr hübsch zu lesen, wenn die Tiere sozusagen als Menschen dargeftellt werden.

Zu diesen ärgerlichen Tatsachen und unerquicklichen Verhältnissen noch ein Beleg, der eines gewissen Humors nicht entbehrt, weil da nicht eine gebildete Dame, sondern eine tüchtige Mutter ans dein Volke die Heldin ist. Aus meiner Sonntagnachmittagsrunde höre ich gerade, wie die mit köstlicher Selbstsicherheit zu den Ihrigen sagt:Det Vieh is krank, bet is bis morsen srieh boot." Es war eine kleine Krickente, die, Kopf unterm Flügel, ihren Mittagsschlof hielt. Ich fragte möglichst wißbegierig und Möglichst berlinerisch, so gut es meine Darmstädter Zunge hergab:An wat sehn Scn bet? Woher wissen Sc 'n bei? Sie darauf mit Pracht-. voller Unfehlbarkeit:Det seh' ick un bet weeß ick!" und mit besonderem Nachdruck noch:besser wie Sie!" Ich wollte, vollständig geschlagen und überwältigt, antworten:Ihnen kann teener! Jes en Ihnen bin ick der reene Popel." Wer weiß aber, was darauf erst erfolgt märe! Nicht nur vonMuttern" selber, sondern auch von derwerten Familie". So dachte ich nur still bei mir: Ein süßes Völkchen, diese Berliner! Welche rührende Bescheidenheit und welche entzückende Liebenswürdigkeit!

Eine spaßhafte Geschichte, nicht wahr? Genau genommen aber ebenso unerfreulich wie der Briefwechsel mit der gebildeten Dame. Wenn die beiden Frauen in irgendeine technische oder industrielle Anlage hinein- kommen, so würden sie mir von Stauen und Bewunderung voll sein, sich aber nicht einbilden, hierüber irgend etwas urteilen zu können. Und doch fahren sie jeden Tag auf der Elektrischen und gebrauchen das Tele­phon, ebenso wie sie jeden Tag Tiere sehen. Sie maßen sich aber nicht an, davon irgend etwas zu verstehen, wenn sie es nicht ehrlich gelernt haben. Nur im Zoo, da sehen sie auf den ersten Blick, daß eine schlafende Entebis morsen srieh boot" ist,

Warum ich diese Lächerlichkeiten tragisch nehme? Weil mit derartigen nicht burch die leiseste Sachkenntnis getrübten Ansichten sehr ost abfällige Kritiken unserer Tierhaltung und Tierpflege im Zoo verbunden werden. Und diese Kritiken werden mir in der Regel namenlos zugeschickt, so daß ich nicht einmal antworten und aufklären kann. Eine solche tragikomische Geschichte kehrt immer wieder, die in das Gebiet der vielberegtensexuellen Aufklärung" schlägt. Bei brünstigen Äesfinnen, insbesondere den Pavian­weibchen, schwillt das Gesäß sehr stark an, daß es aussieht wie eine bös­artige Geschwulst. Da sind es wiederfeinfühlige" Damen, dieauf den Gründ sehen" und sich in der größten Empörung über die unglaubliche Roheit und Schlamperei befchweren, daß wir dieseoffenbar schwer- kranken Tiere ohne jegliche Pflege und tierärztliche Hilfe Herumlaufen lassen". Einmal wurde mir sogar geschrieben, der Wörter habemit zynischem Lächeln erklärt:Det macht jarnischt, det dicht die Olle janz jut."Dieser gefühllose Rohling!", so schließt der Brief. In diesem Falle war ich einigermaßen froh, daß er namenlos war; denn ich hätte sonst mit einer kleinen Variante vor der berühmten Sexu-alaufklärungssrage ge- tanden: Wie sage ich's der Same?