Brio, das Spielende des Schaffens, das flutende Dahin über die Erde und dann noch ein paar äußerliche Dinge, rote Geld und materielle Un- beforgtheit. Geblieben dagegen: ein paar kostbare Freundschaften, gut« Kenntnis der Welt, jene alte leidenschaftliche Liebe zur Erkenntnis hin und, plötzlich dazugewachsen, ein neuer harter Mut und volles Gefühl der Verantwortlichkeit nach so vielen verlorenen Jahren. Nun, damit konnte man beginnen. Entschlossen warf ich mein Leben herum, ließ die Großstadt, entwienerte mich, zog nach Salzburg, heiratete und nahm, festgeankert, die Arbeit auf in einer ganz planhasten und nun zum erstenmal die Horizonte meiner Möglichkeit ausmessenden Art, denn nichts fordert ja meiner Meinung nach eine Zeit der Verwirrung wie die unsere unbedingter als eigene Klarheit über Absicht und Ziel. Als Hauptaufgabe stehen zwei große Reihen, jede eine Anzahl Bände umfassend, auf Jahre hinaus verteilt vor mir. In der novellistischen Reihe, „Die Kette", von der bisher die Bände „Erstes Erlebnis", „Amok", „Verwirrung der Gefühle" erschienen sind, möchte ich in abgeschlossenen Kreisen je «inen immer andern Typus des Gefühls, der Leidenschaft, der Zeit und Alterszone in verschiedener Abwandlung deuten und durch Gestaltung zur Welt runden. Die andere Reih« — „D i e Baumeister der Welt" ist ihr Gesamttitel — versucht parallel im andern Element bloß nachgestaltend und dichterisch essayistisch eine Typologie des Geistes ebenso zu formen wie jene eine des Gefühls: von ihr sind die Bände „Drei Meister" (Balzac, Dickens, Dostojewski) und „Der Kampf mit dem Dämon" (Hölderlin, Nietzsche, Kleist) jetzt schon gerundet. Diese beiden Reihen sind gleichsam als Treppen gedacht, die von der Unterwelt bis'ins Gesetzmäßig-Geistige auf- steigend auf einer oberen Schwelle einander begegnen und im schaffenden Spiegel der Psychologie sich bildhaft einigen. Die fünf bisher erschienenen Bände sind nur Ansatz der beiden Bogen, die, einmal zusammengefchlossen, zugleich wohl auch den eigenen Lebenskreis umfassen.
Tierkunde und TierUebe.
Von Professor Br. Ludwig Heck, Direktor des Zoologischen Gartens Berlin.
Ich habe zwar noch keinen Tierkundigen getroffen, der nicht auch ticrlieb wäre; denn der Werdegang ist ja doch, wie bei mir selber, so auch bei allen engeren Fachgenossen, die ich kenne, der, daß aus der angeborenen, unwiderstehlich starken Tierliebe heraus die Beschäftigung mit den Tieren zum Lebensberuf erwählt wird. Umgekehrt aber stimmt die Sache leider nicht. Ich habe schon sehr viele Menschen getroffen, insbesondere solche weiblichen Ge'chlechts, die sehr tierlieb sind, dabei aber von den Tieren, die sie so sehr lieben, von ihrer körperlichen Natur, von ihrem geistigen Wesen, gar keine Ahnung haben. Das muß zwangsläufig auf die schlimmsten Irrwege führen, wie es ja überhaupt keine unglücklicher wirkenden Menschenkinder geben kann als solche, die cs mit einer Sache zwar von Herzen gut meinen, aber von Vernunft und Verstandes wegen nichts davon verstehen.
Manchmal, so scheint mir, wirken sogar Behörden und Volksvertreter in dieser Weise oder sind wenigstens nahe daran. Ich denke dabei an gewisse Vogelschutzverordnungen und -gesetze, die m. E. weis über das Ziel hinausschießen und die natürlichste und beste (weil kundigste) Hikfs- truppe für vernünftigen Vogelschutz, die Vogelliebhaber, vergrämen und vernichten. An Zahl kommen die zur Liebhaberei gefangenen und ver- kauften Vögel gegenüber der Gesamtmasse gar nicht in Betracht, zumal jie meist aus dem Ausland stammen. Aber welche idealen Gemütswert« werden durch Erschiverung und Verhinderung der Vogclhaltung verkümmert und vernichtet, gerade bei dem kleinen Manne, der sich.kostspielige Vergnügungen nicht gestatten kann! Wie eifrig und liebevoll bemühen sich'die' zahllosen Vogelliebhabervereine, immer mehr Erfahrungen zu sammeln und unter den Mitgliedern auszutauschen, um so ihren Lieblingen das Gefangenleben immer angenehmer und gesünder zu gestalten! Sie haben es längst so weit gebracht, daß ein Vogel in guter Gefangen Haltung ebenso lange, ja, erheblich länger lebt und gesund bleibt, als in der Freiheit, wo er allen möglichen Gefahren und Schädigungen aus- ao stift ist. Und wie er seinem Herrn zugetan ist und ihn begrüßt! Der beste und sicherste Beweis, daß er sich wohl fühlt. Das können nur diejenigen verkeimen, die mit einer allgemeinen, unklaren Tierliebe cme vollkommene Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse verbinden, Menschen, bei denen der Tierliebe keinerlei, auch nicht das bescheidenste Maß vntt Tierkunde zur Seite steht. -, . , - .. .
Solche Leute gibt cs aber leider sehr viele; ja, mir scheint sogar, daß ihrer in unseren Tagen immer mehr werden. Gerade unter dem Ge-, bildeten. Und doch sollte, wer heute in jüngeren oder mittleren Jahren steht, ganz von selber ein ungleich besserer Tierkenner sein, als wer heute alt ist. Denn inzwischen sind die Schullehrpläne nach der Seite der Nalur- wissenschasten mehrfach verbessert worden, und es sind so ausgezeichnete Lehrmittel zur Verfügung gestellt worden, wie man sie sich in meiner Jugend gar nicht träumen ließ. Man braucht nur zum Beispiel an die klassischen Schulnaturgeschichten von Schmeil zu denken, die, das kann man aus der geradezu erstaunlichen Zahl der Auflagen berechnen, m vielen Himderttausenden von Exemplaren verbreitet sein müssen. Und der cr- folg? Ich darf nicht allgemein sagen: gleich null, weil ich nur danach urteilen darf, was ich vom Zoo hier beim Publikum un-o Honst nn verkehr mit Menschen fcststellen föhn. Da muß ich aber wahrheitsgemäß seftstellen, ich tue es immer mit dem größten Bedauern, ich mochte ms. sagen: mit blutendem Herzen, daß heute, auch von den sW-namsten Gebildeten, und gerade von diesen, über Tiere noch genau fo töricht, gedach und geredet wird, wie in meinen jurigen Jahren, als ich mein Ami
nur töricht geredet wird, sondern auch töricht geschrieben Und das ist noch viel schlimmer. Denn jede geschriebene und .Ne Torheit hat wieder ein Vielfaches an gedachten und geratest. Poche tt«n zwangsläufig zur Folge. Es werden jetzt von manchen 3etWn sty viel Tierbilder gebracht, weil man gemerkt hat, batz das Publikum der . artiges liebt. Aber wieviel Unterschri len smd grundfalsch!! «° las um nur ein Beispiel von vielen anzufuhren, unter der photogmpYlM Abbildung des Brutplatzes des Tölpel-, eines weihen nordischen w
drängte, das nach ßeben verlangte, alles Alltagsgewese beiseite schob und «eh Babn brach, dem eigenen Willen zum u. rotze.
Die Stumpfen wurden wach, die Trägen lebendig,, die Lauten stille. Alle beugten sich vor der Macht, die hier aus der Geig« zu ihnen sang und klagte bangte und jubelte, sich demütig in den Staub warf vor der Gotthci? und sich wieder aufrichtete und stolz das Haupt emporhvb zu ^^Ws der Meister geendet hatte, sah er um sich wie traumverloren Wo war er’ Er sah plötzlich wieder die Schar seiner Hörer, aber wie anders. Jbre Herzen hatten sich ihm erschlossen, weil seine Seele zu ihnen ge- ivrochen hatte -durch göttliche Melodien. Er las den San. m allen Blicken auch ohne Applaus^Er sah verwundert sein Orchester,^er sah den bestürzten Dirigenien, dann zog ein Lächeln über sein Antlitz. Er wandte sich an baj Publikum und sagt? schlicht: „Um Verzeihung, aus dem Programm war dies Stück nicht vorgesehen: Ein Heimgekehrter grüßte tue Heimat und die Heimatsgenossen." Und er verneigte sich, und kein Applaus brachte i rt'2lts aber bann zum Schlüsse der Künstler das Violinkonzert von Beethoven erstehen ließ, und das Orchester sich ganz semem Willen und SpIel anpaßte und einfügte, da erlebte man wirklich Beethoven, da gab es Nellen schwer von innerem Grieben, Disharmonien, die sich endlich auf« (äffen in die tiefe Erkenntnis des kleinen Jchs und des großen Alls und dadurch zu unzerstörbaren Harmonien wurden. , „ - ,
nnh io?r an diesem Abende aus dem Konzert nach Hanfe kam, der war stille, und wenn die Freunde fragten: „War es em genußreicher Abend?", so bekamen fie eine seltsame Antwort. „Em genußreicher Abend im gewöhnlichen Sinne", sagte ein Mann 3ü feinem Sßeibe, „w « faum eine Offenbarung war es, die goldenen Schimmer göttlichen ^.icht.s über unser verstaubtes Alltagsleben spann."
Flüchtiger Spiegelbild».
Von Stefan Zwei g.
Von Stefan Zweig ist kürzlich im Jnselvertag ein neuer, aus- aeze-ichneier Navell-enband unter dem Titel „Verwirrung der Gc- iiihle" erlchienen, den wir an anderer Stelle roürbigten. Hier rotrb eine kleine autobiographische Skizze-des Dichters nicht ohne Interesse sein.
Wir alle, die wir'etwa dreißig Jahre alt waren, als der Krieg begann, werden das sonderbare Gefühl eines zweigeteilten eines doppelten Lebens nicht mehr los. Uns kreuzte der Krieg mittwegs die entscheidenden Ueber- gangsjahre, und seitdem empfinben wir alle unser Leben zweisonnig, als ein Vordem und ein Nachdem. .
Mein Vordem war besonders leicht und beflügelt, um fo scharfer spure ich jene Zäsur. Denn meine Jugend spielt in einer vollkommen sorglosen, heute kaum mehr darstellbaren Sphäre der stcroizugigkeit gleichsam über alle Länder hinweg, nirgends verhaftet. Nirgendwo durch Beruf, obet Milcht gebunden. 1881 in Wien warmbürgerlich geboren, durchlief ich un- gedilldia die Schule, freudiger die Univerfität; inzwischen hatten schon Verse begonnen, ein Buch und ein zweites sich eingestellt. Aber kaum kann ich mich mehr entsinnen, in welcher Weise diese Bucher entftanben; wie hergeweht und geschenkt kam dieses Dichterische von dem musikalischen Wind, der unser Wien von damals so weich iioerftromie (Gustav Mahler, Busock, Hofmannsthal und Rilke hatten ihn geweckt). Mein persönlicher Ebrgeiz ging an der Literatur vollkommen vorbei, er -drängte nur stark und knabenhaft ungebärdig der Wett und ihrer Vielfalt zu. Eine geheimnisvolle Neugierde lockte mich jahrelang, immer wieder andere Grenzen zu überschreiten, im Wirklichen und im Geistigen, und dies bis wett ins Erotische und Gefährliche hinein. Wo bin ich nicht gewandert und gewesen in jenen Jahren! Ich habe in Paris, London und Florenz, in Berlin und Rom kameradschaftlich mit der gleichalterigen Jugend gelebt, biN nach Spanien und Schottland, nach Indien, an die chMstschon Grenzen, durch Afrika Nordamerika, Kanada, nach Kuba und an den Panamakanal gereift all dies aber, weiß Gott, nicht aus literarischer Ambition ober um Bücher zu schreiben. Diese Gle-ichgültgkeit gegen bas eigene Werk befähigte mich, anderen Werken zu dienen: Jahre hab« ich den kkrien —erharrens, der Einführung ausländifcher Dichter, Studien und Bermtti- lungen bei gänzlicher Vernachlässigung der eigenen Produktion geopfert, und darum erscheint mir das Spciziergängerifche jener Wanderjahre nicht ganz ohne Sinn. Offenbar haben eben diese Icmbstreiftnden Sorglosen eine besondere biologische Aufgabe im Organismus unserer Kultur: sie bringen geistige Botschaft von Nation zu Nation; ihre Wandcrjahre sind die Lehrjahre der andern.
Dann kam der Krieg. Furchtbar wurde mir dies« ungeahnte, nicht zu ahnende Erschütterung. Alle meine untersten Wesenswurzeln fühlte ich bei diesem Sturz gewaltsam angeriffen und griff mit einmal taumelnd ins Leere. Die besten, die oertrauteften Menschen waren in ihrer Gesinnung schwankend und umgeworfen worden, die wenigen aufrechten Freunde wie Romain Rolland und einige andere vermochten nur durch unsichtbare Lichtfignalc über die Fronten zu grüßen. So griff ich nach einem Halt zum erstenmal ganz in mein Wirklichstes hinein, und meine Gegenwehr wurde das dramatifche Gedicht „Jeremias", das, 1916 geschrieben, in Deutschland als erster tragischer Protest sich gegen das Unvermeidliche erhob, das einzige meiner Bücher vielleicht, dem ein gewisses Unrecht ge= schchen ist. Denn während des Krieges fehlte infolge der Zensur diesem Drama (außer im neutralen Zürich) die Möglichkeit, mahnendes Wort zu werden; nach dem Zusammenbruch wiederum spielte die Wirklichkeit selbst, was hier gedichtet und vora-usgcspiegelt war, mit noch feurigeren Farben. So blieb im wesentlichen Buch, was rechtzeitig warnender Schrei werden sollte. Aber wenn nicht der Zeit, fo hatte ich mir felbft geholfen, zum erstenmal waren alle Saiten Meines Wesens vehement in Schwingung gekommen und das lässig Spielende der zufälligen Gestaltung endlich in Leidenschaft verwandelt.
Als der Krieg dann beendet war ober schien (schwelt denn nicht noch immer Funke und ersttckte Glut unter der Asche?), galt es Umschau zu halten nach innen. Meine Welt war zerstört, eine neue wollte gebaut sein. Das forderte Selbstprüfung, entschloffen-e Lebensbilanz. Was war verloren? Was war geblieben? Verloren: die Leichtigkeit des Vordem, das


