Ausgabe 
15.1.1927
 
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EjetzenerZainilieiiblAter

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang $927

Die Infe! der MLÄcklichen.

Von Detlev v. L i l i e n c r o n.

Dos Hängelcnnpchen qualmt im warmen Stalle In dem behaglich sich zwei Kühe fühlen.

Der Hahn, die Hennen, um den Sproß die Kralle, TEumen von pmnderbarem Düngerwühlen.

Der Junge pfeift auf einer Hosenschnalle, Dein Brüderchen ein Lied mit Zartgefühlen.

Und Knabe», Kühe. Hühner lassen all« Gelrost den Strom der Well vorüberspüle».

Der berühmte Musiker.

Von Pauline Lang e.

Bei dem reichen Kommerzienrat in der Tiergartenstraße war heute große Zejeliphasl. Herren und Damen wogten bunt durcheinander; hie unö da hatten sich Gruppen gebildet, die in eifriger Unterhaltung zu­sammenstanden.

Habt ihr schon gehört," sagte eine Dame,daß in nächster Woche der große, berühmte Geigenspieler X. einmal wieder hier konzertieren wird?"

Nein," entgegneten ihre Freunds,davon wußten wir nichts."

Nun," meinte sie,so beeilt euch, um Billette zu bekommen. Ich hörte soeben, daß fast dos ganze Haus schon ausverkauft sei."

Das sollte mich nicht wundern," sagte Frau von Sgilt X. doch für den besten Meister, den wir heutzutage im Violinspiel haben."

Wann hörten Sie ihn zuletzt, gnädige Frau?" meinte der Leut­nant Ohde.

_Ungefähr vor zehn Jahren. Ich habe kaum je ein so vollendetes Dpiel gehört. Es war, als ob eine lebendige Seele aus dem Instrument zu einem spräche."

Ja, ja, es soll ergreifend sein, wir müssen uns sofort Billetts besorgen."

Und wie in diesem Salon, so ging es durch die ganze Hauptstadt.

Längst, ehe der Konzerttag herannahte, war das Haus ausverkauft bis auf den letzten Platz. Unerhörte Preise waren gezahlt worden.

Der Meister X. aber, mit de malle musikalischen Kreise der Hauptstadt sich beschäftigten, tarn soeben von einer Tournee aus Amerika zurück. Liste Male war er dort gewesen und hatte goldene Ernten eingehelmst und auch diese letzte Fahrt über den Ozean sollte ihm ungeheure Reich­tümer eing.bracht haben. Die amerikanischen Zeitungen waren seines Lobes voll, die reichsten und vornehmsten Häuser in Neuyork hatten sich um die Ehre ».stritten, ihn als Gast bei sich 311 sehen.

Der einzige, welcher keine Freude an all' dem Erfolge in Amerika hatte, war er selber. Je glänzender die Kritik, je lauter der Beifall, um so häufiger war de>. Meister selber verstimmt. Er hatte sich endlich wie erlöst gefühlt, als er das Schiff bestieg, das ihn wieder nach Europa bringen follle.

Er war sich vorgekonmien !vie in dem Banne eines bösen Zauberers, aber jetzt lag der Ozean hinter ihm, er sah im Kupee, das ihn der Haupt­stadt entgegentrug.

Die Nacht brach herein; ec war allein; er starrte in die Dunkelheit und jeufzte schwer. Dann sprach er bei sich:Ja, ja, mit Gold habt ihr mich überhäuft, mit Lorbeer überschüttet, und mit eurem Beifall, eurem 'gleißenden Golde und eurem blühenden Lorbeer habt ihr meine Seele erstickt und getötet."

So mochte dem Manne zumute sein, dec seinen Schatten verloren hatte: so mag ein armes Gespenst empfinden, das voller Sehnsucht um die Stätten seines frühere» Wirkens kreist und doch fühlt, daß ihm die Möglichkeit genommen ist, sich mitzuteilen.

Endlich sank er über diesem schwermütige» Brüten in Schlununer, und als er erwachte, da dämmerte die kalte Wintersonne ins Kupee, und nach kurzer Frist ivar er am Ziel. Ein Auto führte ihn in sein elegantes Hotel. Er badete, ruhte lange, hatte dann die nötige Besprechung mit ieinem Manager und mehr dergleichen. Und ehe er sich's versah, mar der Abend gekommen, und der Wagen hielt vor der Tür, dec ihn in de» Konzertsaal bringen sollte.

Und als er de» Raum betrat, in dem er vor ungefähr zehn Jahren soviel Lob und Anerkennung dec Beste» geerntet hatte, da erwachte etwas von der alten Stimmung und er dachte:Seid ihr nur noch dieselben, >0 inufi ein Funke von euch zu mir herüberschlagen, der das Verlorene mir wiedergibt, der mir die Kraft verleiht, als Seele zu Seelen zu reden."

Aber aus dieser großen, geputzten, zudringlichen Menge konnte ihm wohl kaum der Weckruf für seine schlummernde Seele kommen. War das iwch dasselbe Publikum, an das er jenseits des Ozeans oft voller Heimweh qebadjt, waren das noch dieselben Menschen, deren Verstehen in ihm do.s oefte ausgelöst und ihn befähigt hatte, ihnen sein Höchstes zu geben?

Suchend glitt das Auge des Geigers über die Menge, und immer werer und vereinsamter fühlte er sich. Aber Orchester und Dirigent

3 !pl«len. Das Orchester setzte ein, das Publikum horchte. Dw Tone reihten sich aneinander wie Perlen. Eine geradezu ver. bluffende Technik verriet sich in dem Spiel. Aber des Meisters Seele war PnX; ff rXn' "ä- Ben®e lohnte das glänzende Können durch brausenden Beifall. Der Künstler zog sich zurück, das Beifallsgeklaifche jedoch zwang 'hn, immer von neuem zu erscheinen. 1 d 8

, Widerwille stieg in ihm auf gegen diese Mensche», Ekel packte ihn vor pch selber. War er den» zu Stein geworden? War äußere Kunstfertigkeit "ll«s, was er aus dem inneren Zusammenbruch gerettet hatte? Er wollte das Violinkonzert von Beethoven spielen, aber gelähmt durch die soeben gemachte Erfahrung, liefen ihm Schauer kalt über den Rücken. Er kam sich vor rote em Ausgestoßener. Mechanisch hob er den Bogen, da fiel sein Blick aus em junges Mädchen, das nicht mehr Knospe und doch noch Nicht zu voller Blute erschlossen war. Leuchtend wie eine lichte Blume haben sich Haupt und Racken aus dunklem Sammetgewande, ihre tiefen

Hellen Augen weilten wie gebannt auf dem Antlitz des Meisters; 1 '/ r rage, voller Erbarmen und endlich staunend mußte er es sich gestehen - mit einer starken Willensäußerung, als wollte sie sagen: ich weiß, was in dir vorgeht, aber beuge dich einem Höheren, erkeime dich als sein Werkzeug, als das Instrument, durch welches seine Melodien hm- ftromem um dich und die Menge zu besiege!!. Und indem er dieses und ?ftJi os auf ihrem Antlitze zu lesen vermeinte, vergaß er de» Raum, sich selbst und das stuck, das von ihm verlangt wurde; er forschte und las in ^ei,ra^sUi t*1*5 kleinen Mädchens. Er hob den Bogen und hielt weiter m Gedanken eine Zwiesprache mit ihr.

. . Aud was er ihr fugte, und was er in ihrem Antlitze las, das ließ er eine Geige künden:Kleines Mädchen, sagte er, liebes, kleines Mädchen «chwesterfeele. ich grüße dich. Auf anderen Wegen bist du gewandelt als ich und doch find unsere Geschicke ähnlich; verwandt unsere Erfahrungen- nur bist au unverdrossen auftvärtsgeklomme», und von Seiner' Höhe aus mochtest du mir, bei» Verzagenden, helfend Sie Hand entgegenstrecken. Du tiebe^, deines Mädchen, wie ein Tautropfen fiel dereinst Seine Seele in Sen Ozean des Lebens, wurde geschaukelt, auf und ab auf weichen, tanze», öe» Wogen, spielte mit den Geschöpfen des Meeres und der Erde, und dann kam der Sturm, der unbarmherzige, brausende Sturm und schüttelte deine Seele und rüttelte sie und trennte sie von den Schwesterseelen und Schleuderte he hinaus in die Einsamkeit, in die Wüste. Und du liebe, kleine Schwester wandertest und suchtest und sehntest dich nach einem Menschen.

verstünde, und ritztest dir Herz und Füße wund und qlaubteft einen Menschen gesunden zu haben, und siehe, ein böses Tier der Wildnis war es, das dich anfiel, und nur die Flucht in das Dickicht konnte dich retten.

Und wieder suchtest du, suchtest nach einer einzigen Seele, die dich verstünde nach einem Herzen, das dir Liebe gäbe, und siehe, in dunkler Jiaajt gesellte sich zu dir dem Schutzgeist, aber gewohnt der Einsamkeit erkanntest du ihn nicht, und weiter wandertest du einsam gefährliche Pfade. Selber wolltest du dir Hilfe», deine Kraft wuchs, du warst ftoh auf dein Können, meine Schwester, du glaubtest sicher zu stehen, stolz trugst Su das Haupt, und kühn war dein Streben. Und siehe, dein Fuß glitt aus, weich fühltest du de» Bode» unter Seinen Schritten, die Erde gab nach, schon fühltest du dich versinken; wie ein Tvdesschrei braun bei» Hilferuf durch Sie Nacht.

Da streckte sich dir eine starke Hand entgegen und entzog Sich Sem Verderben. Geführt von deinem Retter, wandertest du heimwärts auf jicherem Pfade. Und als du so wandeltest durch Sen finsteren Wald hörtest du neben Sir eine weiche Stimme, und beim fahlen Lichte des Mondes erkanntest du deinen Schutzgeist. Konntest bu ihn früher nicht verstehen so hatte jetzt Sie bittere Not dein Innerstes erschlösse».

Voller Hingebung lauschtest du seinen Worte» und eine tiefe Erkennt­nis erschloß sich dir: eine Seele, eine einzige fühlende, verstehende Seele hattest du gesucht auf dem Jrrgange deines Lebens, und dein e Seele, deine eigene Seele hattest du entdeckt in deines Daseins dunkelster Stunde

Und nachdem du deine Seele gefunden, diesen leuchtendeii Funke» ur­ewiger Glut, da schautest du in Sie Tiefe Ser Singe, da offenbarte 'ich dir das Kreisen Ser Welten, da erschloß sich dir das Geheimnis des Seins. Kraft und Liebe durchdrangen dein Wesen und als Licht- und Freude- spender dienst du nun dem All.

Dein Weckruf drang auch mir in die schlummernde Seele, der Bann ist gebrochen, ich folge Sem Rufe.

Hab' Dank, du treue Schwesternseele, hab' tausend, tausend Dank!

Die Menge faß und staunte. Sie sahen auf das Programm. Die Musik, die sie hier hörten, deckte sich nicht mit dem angegebenen Texte, programmäßig war das nicht.

Aber etwas war in dem Spiele, das sie alle bezwang, und jedem das Gefühl gab, als wäre er unerwartet in das Allerheiligste eines Tempels getreten; als hätte leise eine Hand ihm de» Vorhang beiseite geschoben und ihm einen Blick gegönnt in das tiefe Ringen, in das Ersterben und Werden im menschlichen Leben und in der einzelnen Seele. Ei» jeder fühlte in sich etwas Langvergessenes auftauchen. das sich scheu hervor-