Ausgabe 
14.5.1927
 
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borough ferner stehen, als es ihrer Bedeutung entsprechen sollte. Von dem letztgenannten wurde zwar in jüngster Zeit auch bei uns wieder einmal gesprochen, aber der Anlaß dazu war durchaus unkünstlerisch: eines der wenigen auch bei uns bekannten Bilder seiner Hand, derKnabe in Blau", war für einen Rekordpreis aus altenglischem in amerikanischen Besitz über­gegangen. Immerhin bleibt zu hoffen, daß diese Sensationsmeldung doch nicht nur wegen des Millonenpreises bei uns Widerhall fand: gerade der Blaue Knabe" ist vor rund 20 Jahren einmal, als Repräsentant englischer Malerei, in Berlin gezeigt worden.

Am 14. Mai jährt sich zum 200. Male der Tag, den wir als Thomas Gainsboroughs Geburtstag zu bezeichnen gewohnt sind (in Wirklichkeit wurde er an diesem Tage bereits getauft der tatsächliche Geburtstag ist uns nicht bekannt). So äußerlich auch dieser Anlaß ist, über den Künst­ler zu reden, muh er uns doch willkommen sein aus der Erwägung heraus, daß das Wissen um Gainsborough bei uns über Gebühr vernachlässigt wurde und wird. Verwunderlich ist das freilich nicht, denn der Künstler hat wie seine oben genannten Zeitgenossen sein Schaffen fast gänzlich in den Dienst Englands und seiner Robilität gestellt. Sie Folge davon ist, daß noch Herste viele seiner Hauptwerke im Familienbesitz der einstigen Auftraggeber sind. Und die gelegentlich frei gewordenen sind zumeist in die englische Nationalgalerie übergegangen. Dieser nicht ganz neidlose Kult einer Nation, der nur wenig nach dem Kontinent gelangen ließ, ist in­sofern zu verstehen, als es vor Gainsborough und feiner Zeit eigentlich keineenglische Malerei" gab. Muhte doch sogar Rang und Titel eines britischen Hofmalers durchweg an Ausländer (wie Holbein, van Dyck u. a.) gegeben werden.

Was über den Lebensgang Gainsboroughs (geft. 1788), über fein fast autodidaktisches Hineinfinden in die Bezirke feiner Kunst, über feine För­derer und Widerfacher, über die Fehler und Vorzüge feiner Menschlichkeit im einzelnen zu sagen wäre, das alles ist für uns von untergeordne­tem Jntereffe. Wichtig aber ist, daß auch Gainsborough, wie so viele andere große Künstler, sich und seine Kunst nur selten so geben durste, wie er im Innersten gewünscht haben mag. Es entspricht dem Wesen der Porträt­kunst,»daß der Käufer eines Bildes zumeist von vornherein der Besteller ist. Und die Bedenken, die sich daraus ergeben müssen, sind um so schwerer, je größer der Erfolg eines Künstlers und die Nachfrage nach ihm ist. Hat er naturgemäß schon aus die Wahl seiner Motive einen nur geringen Ein­fluß, so wird ihm neben demWas" auch das künstlerischeWie" ost ge­nug zu wesentlichen Teilen von kunstfremden, aber zahlungskräftigen Auf­traggebern vorgefchrieben. Obwohl Gainsborough das Ungesunde dieses Zustandes fühlte, scheint er doch nicht willensstark genug gewesen zu fein, auf die mancherlei Annehmlichkeiten im Dasein eines beliebten Mode- malers erlauchter Gesellschaftskreise zu verzichten. So wurde sein Können an der freien Entfaltung gehindert, und er selbst darum gebracht, das Höchste zu erreichen, was ihm zu erreichen möglich gewesen wäre. Immer­hin bleibt dennoch genug Gleichförmiges und Stereotypes um die große Zahl seiner auf den Effekt gestellten Ladies und Prinzessinnen, Earls und Viscounts. Sie wenig variierten Hintergründe mit der kulissenartigen Baumstaffage und die oft wiederkehrenden Verlegenheitssäulen, daran die Porträtierten lehnen, beweisen schon, daß in erster Linie die Selbstgefällig­keit der Dargestellten befriedigt werden mußte. Nichts durfte auf den Bil­dern sein, was das Augenmerk irgendwie von dem an sich recht vielfach unbedeutenden Mittelpunkt hätte ablenken können. Sas ist auch einer der Gründe dafür, warum Gainsborough sein in Einzelwerken bezeugtes Landschaftertalent nicht wenigstens zur Ausgestaltung [einer Bildnisse be­nutzte. Er hatte sich eben zu weit dem parvenühaften Ehrgeiz verschrieben, der die führenden Gesellschaftsschichten feines Landes und seiner Zeit die eine Zeit des wirtschaftlichen Aufstieges war kennzeichnete. Man wirb oft, wenn auch nicht so stark wie bei Velasguez, den Eindruck nicht los, daß es gar nicht so sehr auf die Person und ihren Wert, sondern mehr auf ihr prunkendes Bekleidetfein mit kostbaren (und aufdringlich die Kostbarkeit betonenden) Stoffen nnkommt. Aus dieser betrüblichen Er­kenntnis heraus muß dann um so ehrlicher bedauert werden, daß die er­lesene, selbstsicher im besten Sinne kultivierte Malweise nicht allgemein­gültigere, bleibendere Vorwürfe wählte. Sas machen besonders die Bilder deutlich, die noch am wenigsten alsPorträts" im strengsten Sinne anzu­sprechen sind, also etwa derBlaue Knabe",Sie drei Prinzessinnen", die Bilder des Mimen Garrick und einige Motive aus dem Landleben. So oft er die Muße dazu fand, hat Gainsborough Freunde, insbesondere Musiker und Schauspieler gemalt, denen er sich im Ringen um Gestaltungsprobleme verwandt wußte ohne Auftrag und ohne Aussicht, die Bilder anders als schenkungsweise bei den Gemalten anzubringen. Und es läßt tiefe Schlüsse zu, daß manches dieser Werke an malerischen Qualitäten die berühmter gewordenen beträchtlich überragt. Für das werdende Werk kann es ja auch nur von Vorteil fein, wenn es weniger auf die getreuliche Wiedergabe' einer repräsentativ gemeinten Aufmachung abzielt als auf die schöpferische Durchdringung einer wertvollen (mindestens dem Künstler wertvollen) Persönlichkeit. (Auch einige Bildnisse führender Intellektueller gehören wohl hierher.)

Wäre Gainsborough mehr den eigenen Eingebungen, den künstlerischen Trieben seines freien Ich gefolgt als den Lockungen der Tagesberühmtheit so könnte seine Stellung in der europäischen Malerei eine ganz wesentlich andere sein. In [einem starken Künstlertum waren durchaus die Voraus­setzungen dazu gegeben, daß schon er die Brücke austauschender Anglei­chung zum Kontrent hätte schlagen können, die so, hundert Jahre nach ihm, erst Turner und Whistler schlugen. Und würdigende Betrachtung sei­nes Lebenswerkes brauchte viel weniger Einschränkungen und Vorbehalte zu machen, als es nach Lage der Dinge hier leider der Fall sein mußte.

Ausflug nach Cumas.

Von Dr. Margarete Bieber, a. o. Professor an der Universität Gießen.

Während man überall von den künftigen Ausgrabungen von Hercu- lanum spricht, ist in aller Stille und mit großer Energie durch die Leitung des Museums von Neapel eine Ausgrabung begonnen und gefördert wor­

den, die in wenigen Jahren zu den größten Sehenswürdigkeiten in der Umgegend von Neapel zählen wird: die Ausgrabung der Griechenstadt Cumae.

Der Burgberg von Cumae (griechisch Kyme) hat in der wegen ihrer Schönheit berühmten Gegend westlich von Neapel wohl die schönste Lage, Er liegt dicht am Meer und am Rande der sogenannten Phlegräischen Ge- filbe, die durch vulkanische Tätigkeit zerrissen und reich gegliedert, den Griechen als Schauplatz des Kampfes der Götter und Giganten galt. Er gewährt daher einen bezaubernd herrlichen Blick auf das Durchein- ander von Bergen, ©een, Küsten, Meeresbuchten und Inseln, das das Charakteristikum dieser Gegend ausmacht. Schon wegen dieser Aussicht würde der Ausflug lohnen. Dazu kommt aber jetzt ein großes historisches und kulturgeschichtliches Interesse.

Ich erhalte in der Direktion des Neapler Nationalmuseums einen Bries an den Oberaufseher der Ausgrabungen mit der Anweisung, mir alles zu zeigen. Hiermit bewaffnet fetze ich mich auf die Ferro via Cumana, in Gesellschaft von etwa einem Dutzend echter Neapolitaner, d. h. von Männern und Frauen, die unter einer dicken Schmutzkruste Anmut des Körpers und der Seele zu bewahren wissen. Man möchte jedem eine Kleiderbürste, eine Kopsbürste und ein Stück Seife schenken. Da ich das nicht im großen Stil durchführen kann, habe ich wenigstens eine aus­rangierte 'Kopsbürste dem Zimmermädchen meines Hotels überlassen, die über diesen noch nie besessenen Luxusgegenstand hoch beglückt war.

Die meisten Reisenden steigen in Pozzuoli oder Baiab aus. Ich bin der einzige Mensch, der das keuchende Züglein erst auf der Station Cuma- Fusaro verläßt, d. h. bei dem jetzt durch seine Austern berühmten See, der im Altertum als Hasen von Cumä diente und von den Griechen Achemsia, Unterweltsee genannt wurde. Ich trinke zunächst in einer schmie­rigen Osteria einen Kaffee, der doppelt soviel kostet wie in Neapel, dafür aber auch doppelt soviel Wasser enthält wie der sonst in Italien vorzüg­liche caffe espresso. Meinem Genuß sehen, im Kreis um mich gelagert, ein kleiner Junge, ein Hund u. eine Katze zu, alle drei gleichmäßig schmutzig und schläsrig. Ein kleines Mädchen in Lumpen bewundert mich mehr aus der Ferne. Ich entziehe mich ihren Glotzaugen und wandere zwischen dem spiegelglatten See rechts und rebenbewachfenen Hügeln links in dreiviertel Stunden nach Kyme. Jenseits der Reste des antiken Amphi­theaters steigt ein Pfad zwischen Weinbergen empor. Sie hier arbeitenden hübschen Bauernburschen kommen angestürmt und bieten mir von ihnen gefundene Münzen an. Sie Weinberge liegen über den noch unausge­grabenen Resten der Stadt, und ihr Boden muß ganz durchsetzt sein von Resten antiken Lebens. Ser Pfad endet beim Wächterhäuschen unter­halb der Akropolis.

Ich steige zunächst herab und besuche, vom Oberausseher geleitet, dir berühmten Höhle der cumäischen Sibylle. Ser Eingang war bis vor kurzem vollständig durch Trümmer verschüttet, ist aber jetzt ausgeraumi worden. Sie hat zwar nicht, wie Vergil singt,hundert Zugänge und hundert Ausgänge, woher ebensoviele Stimmen tönen, Antworten der Weissagerin", aber doch eine größere Anzahl von in den Fels getriebenen Stollen, Grotten, Ausaängen und Nebeneingängen. In halber Hohe des Berges führt ein 27 Meter langer, 4 Meter hoher, m den Fels ge­bohrter Tunnel in einen großen Raum von etwa 15 Meter Hohe, eine erweiterte und reich ausgeschmückte Naturhöhle. An ihren Wanden sind mächtige, 43 Meter hohe, halbrunde Nischen, mitopus reticulatum , d Y. mit keilförmig geschnittenen und netzförmig angeordneten Steinen ver­kleidet. Sie Halle war ursprünglich mit einer gewölbten Serfe versehen, und das Licht fiel nur durch einige Spalten in den Raum So bereitete das Dämmerlicht auf das völlige Dunkel der zahlreichen, in dieses Vestibül mündenden Gänge vor, aus denen diehundert Stimmen Der Sibylle aus geheimnisvoller Nacht ertönten. Einige dieser Gange und die eigentliche Höhle der Sibylle sind noch verschüttet. Man hofft aber, daß 1930 zur bevorstehenden Feier von Vergils zweitausendstem Geburtstag (geb 15. Oktober 70 v. Chr.) die ganze, vonKaifer Augustus erbaute und von Vergil im 6. Buch der Aeneis besungene Anlage freigelegt fein wird.

Einer der Gänge führt zum Apollontempel auf dem einen Gipfel der Akropolis empor. Wir ersteigen diesen jedoch außen herum, und ich be­sichtige die Reste der griechischen Stadtmauer, einer großen Zisterne uns die Fundamente des griechischen Tempels, der in römischer Zeit umgebaut und in christlcher Zeit in eine Basilika verwandelt, daher schwer zu ver­stehen ist. Der zweite Tempel auf dem höheren Gipfel der Akropolis [oll letzt ausaegraben werden.

Die Aussicbt von dem Burgberg bei blendendem Sonnenschein ist un­beschreiblich chön und umfassend. Von her aus konnten die Kymcner leicht die Umgegend beherrschen. Sie Haden sie sich nicht nur politisch, sondern vor allem auch kulturell unterworfen. Von hier aus wurde Neapel ms " griechische Stadt gegründet. Von hier aus drang hellenische Kultur ouraj ganz Italien.

Nur schwer reiße ich mich los und trete den Rückweg durch den Arco Felice an, einen 20 Meter hohen, von den Römern aus Ziegeln er­bauten Viadukt. Der Weg führt weiter oberhalb des Averner Sees, des Aornos, d. h. vogellosen Sees der Griechen. Giftige Dünste, wie sienoch in der bekanntenHundsgrotte" auffteigen, töteten hier früher die Vogen Die Griechen verlegten daher hierher den Eingang zur Unterwelt, -uon meinem Weg aus ähnelt der See dem bekannteren, aber nicht schöneren Nemisee in den Albaner Bergen. Wie dieser, ist es ein alter Krater mn düsteren vulkanischen Rändern. Man blickt von hier geradeaus durq einen Einschnitt aus den Lucriner See, den Austernsee des Altertums, und über diesen hinweg auf das Meer. Links erscheinen die weißen, am Berg auffteigenben Häuser von Puteoli, rechts das dunkle Kastell von Vajae. Leider wollen die Italiener den Zauber dieser Gegend durch Ein­lage von Docks und Werften für ihre ständig wachsende Flotte zerstören. Allerdings hatte auch schon Agrippa, der Schwiegersohn des Augustus, hier Wersten angelegt. . . h -

Ser Weg steigt vorn Averner See langsam abwärts, umzieht o - erst im siebzehnten Jahrhundert durch vulkanische Tätigkeit entftanoene j Monte Nuovo (neuen Berg), der mit Pinien und Reben bepflanzt ich u

- endet an der Station Arco Felice. Pon hier aus fahre ich wieder m