Ausgabe 
14.5.1927
 
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GietzenerKmiilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang Mr Samstag, den Mai Rümmer 38

Frühling.

Von Arno Holz.

Die Ammer flötet tief im Grund, Der Frühling blüht mein Herz gesund.

lieber die Augen halt ich die Hand, Schimmernd liegt vor mir das Land.

Schimmernd rote ein goldener Rauch, lieber allen Dingen liegt ein Hauch.

So still, so sonnig hängt die Luit, lieber die ganze Welt weht Beilchenduft. lieber die ganze Welt rmgesehn Leise, leise Sonntogsglocfen gehn.

Oie Ammer flötet tief im Grund, Der Frühling blüht mein Herz gesund.

Durch das heimliche und unheimliche Deutschland.

Bon Manfred Hausmann.

HL

Berlin - Kreiensen Merter.

Ms der Zug sich bereits anschickte, den Potsdamer Bahnhof zu ver­lassen, erhob sich draußen plötzlich ein Geschrei, eine helle Stimme rief? ,Ach was, BlödsinnI" Die Tür unseres Abteils wurde aufgerissen und ekie junge Dame schwang sich fluchend und ladjenb herein. Schwang sich herein, warf sich, da alle Bänke besetzt waren, auf den nächsten besten Weidentofser, der an der Wand stand, lachte unbekümmert los, schnaufte^ tupfte sich mit einem aus dem Buten gezogenen Tüchlein den Schweiß von der Nase und lachte wieder los. Dann fuhr sie unter einem erschrockenen .Lemineh, was macht er denn!" ans Fenster und winkte strahlenden Auges zum Bahnhof zurück. Endlich ließ sie es sein und sank wieder auf den Weidenkoffer.Es ist doch hoffentlich erlaubt, hier zu sitzen?" fragte sie rundum die Bänke entlang. Sie Magd, deren Eigentum der Äoffer war, hatte nichts dagegen.

Eine junge Dame mit weißem Jumper und schwarzem Bubenkopf. Ein Fremdling in der vierten Klasse. Sie saß lässig da und fächelte, vor sich hinsinnend, ihr glühendes Gesicht. Mit einem Male fing sie Wieder an zu lachen, erst zaghaft durch die Nase, bann aber so herzlich und fassungs­los, daß wir unwillkürlich alle mitgrinsten. Da war es denn an mir, als einem Klinkenputzer, der doch nichts zu verlieren hatte, sie zu fragen, ob sie uns nicht, uns netten Menfcheu, die wir hier so gemütlich beisammen säßen, ein bißchen an ihrem Glück teilnehmen lassen wollte. Ja, das wollte sie wohl.

Sie müssen bitte entschuldigen," jagte sie,daß ich mich hier so auf- gre, aber die Geschichte ist auch zu lustig. Ich mußte nämlich unbedingt

en Zug erreichen, weil . . . weil . . . kurzum, ich mußte ihn eben kriegen. Natürlich verschlafe ich die Zeit, die Untergrund fährt mir vor der Rase weg, wie das so geht, in die nächste steigt zugleich mit mir ein netter, aber merkwürdig nervöser Herr ein. Ich frage ihn, als wir uns dem Potsdamer Platz nähern, wie spät es ist.Sechs Uhr dreiund­fünfzig," sagt er,fünfundfünfzig fährt mein Zug."Meiner auch!" sage ich.Haben Sie schon eine Karte?" sagte er.!" sage ich.Ich auch nicht," sagt er,wir müssen gleich so durchrennen, Herrgott, wir kriegen ihn ja doch nicht mehr! Die Untergrund hält, ich raus, er hinter­her. Treppauf, treppab. Jetzt passen Sie auf:, wie wir im Potsdamer Bahnhof an die Sperre kommen, ich voran, er drei Meter hinter mir, schreie ich, um keine Sekunde aufgehalten zu werden, dem Knipier ent­gegen: Mein Mann hat die Karten! und renne durch, renne den Stations- . Vorsteher über den Haufen und springe auf den fahrenden Zug. Ge- rettet! Haha! Der nette Herr mußte sich natürlich erst zwei Nachlösezettei- chen in die Hand drücken lassen und ist nicht mitgekommen. Ich habe ihm aber noch zugewinkt. Ra, er mag schön . . . hahaha ... ich hätte ihn hören mögen! Hahaha! Er hat vor Wut seinen Schirm hinter dem Zuge hergeschmissen. Der Hut war ihm schon auf der Bahnhofstreppe weqge- koltert. Der arme Mann! Hahaha!"

Wir platzten denn auch tüchtig los und hatten unser Behagen an der lustigen Geschichte, wenngleich einige nicht umhin konnten, gewisse mora- lische Bedenken vorzubringen. Und es erhob sich Gelächter und allerlei Für und Wider. Aber als wir sahen, mit welcher tapsigen Seligkeit das Fräulein in Potsdam einem braunen Segler namens Hannes, der sie da erwartete, um den Hals fiel, begriffen wir alle, daß einem jungen und maßen Menschenkind, um an ein solches Ziel zu gelangen, jedes Mittel recht fern durfte.

In Burg ließ sich eine Frau in unser Abteil schieben, die gut und gern ihre zweieinhalb Zentner wog. Sie polsterte ihren Platz es war inzwischen leer geworden mit einer gewaltigen, vielfach zusammenge. legten Reisedecke aus, lehnte ein Kissen für ihren Rücken an die Wand und hängte ein zweites, das sie erst mit Luft füllen mußte, wobei sie blau und violett wurde, für ihren Kopf an den Haken des Gepäckbrettes. Dann wuchtete sie sich Yin, zog ein Buch ans ihrer Handtasche und faß ganz ruhig da

Die Vorsehung wollte es, daß in Magdeburg eine alte Bauersfrau einstieg. Sie war ausgerüstet mit einem Henkelkorb, in dem sie unter einem Tuch, rote man aus dem Gegacker schließen konnte, ein Huhn trans­portierte, genauer gesagt eine Glucke, und mit einem durchlöcherten Schuhkarton, der aber keine Schuhe, sondern die piependen Kinder der Glucke, sieben an der Zahl wir erfuhren's bald genug enthielt. Auch diese gute, alte Bauersfrau fand noch einen Sitzplatz und machte, nachdem sie den Korb und den Karton vorsichtig unter ihrer Barch »er- staut hatte, ein kleines Nickerchen. Und der Zug setzte seine Reise gen Kreiensen fort, bald fuhr er, bald hielt er, es war eben ein Bummelzug, rote er im Fahrplan steht.

Als er vor Aschersleben ziemlich plötzlich bremste, schrak die Bauers- frau aus ihrem Schlaf hoch.Ist das Aschersleben?"Ja, ja!"Huch je nich nochemal!" sagte sie und nahm den Korb und nahm, während der Zug bereits stand, den Karton und schickte sich an, hinauszuklettern, da fiel der Boden des Schuhkartons, wahrscheinlich hatten ihn die Kücken mit allerlei Menschlichem oder vielmehr Küchlichem durchweicht, kurz und gut, er bröckelte weg und die sieben Kücken hüpften, von einer Panik ergriffen, unter, über, zwischen den Bänken und Menschen umher. Die Bauersfrau schimpfte, wir haschten nach den Flatternden, der Stations­vorsteher kam und erklärte, der Zug müßte abfahren. Aber sechs Kücken waren sihon wieder ergriffen und in den Sack gesteckt, den die Frau schimpfend und weinend aus ihrem Rock hergestellt hatte.Siebene. . es find'r ober siebene gewesen!" greinte sie. Wo steckte das siebente? Im Rrt durchstöberten wir alle Ecken, die dicke Frau erhob sich sogar und schüttelte ihre Decken und Kisten, vergebens, das siebente Kücken blieb verschwunden.Fertig!" sagte der Stationsvorsteher, schlug die Tür zu und erhob fein Brettchen. Es ging weiter. Wir sprachen immerzu über das verlorene Kücken. Die meisten meinten, es wäre wohl zur Tür hinausgesprungen. Aber die dicke Frau saß da und las in ihrem Buch.

Rach langer Zeil kam Gandersheim in Sicht. Da klappte die dick» Frau ihr Buch zu, sammelte ihre Kissen ein, schüttelte die Decke aus . . . Herr des Himmels, was lag da auf der Bank, gerade dort, wo die dicke Frau gefeffen hatte? Das Kücken, das arme Kücken, mausetot und platt rote em Pfannkuchen. Die Frau sah es, ganz mit ihren Siebensachen be- schaftigt, nicht eher, als bis ich es aufhob in meiner Roheit und es ihr mit dem Vorschlag überreichte, sie sollte sich's zum Andenken mitnehmen, man konnte es vielleicht als Lesezeichen gebrauchen. Aber sie kreischte so laut und fing so heftig an zu meinen, daß ich das zweidimensionale Wesen schleunigst zum Fenster hinausroarf.

Die dicke Frau verlieh langsam bas Abteil. An ihre Stelle trat ein elastischer Herr, gescheitelt, gewichst, mit Kragen unb Schlips unb spitzer Nase. Er schloß, nachdem wir uns wieder in Bewegung gesetzt hatten, alle Fenster der rechten Seite und belehrte uns, daß sonst Zug entstünde, dessen Gefahr für Hals und Nase und Ohren jedes Menschen gar nicht abzu­schätzen sei.Auch muß man auf die Ventilation an der Decke achten. .Diese Herr zum Beispiel ist unbedingt zu schließen. Erlauben Sie bitte! So, das hätten wir schon. Nun noch eins: Wo befinden sich in diesem Waggon die Notbremsen? Dort und dort! Sehr wohl, ich bin befriedigt." Er setzte sich und entdeckte, auf dem Boden umherschauend, eine Fahr- karte.Aha! Wer von den Herrschaften vermißt seine Fahrkarte?" Wir griffen in unsere unterschiedlichen Taschen und siehe, jedermann fand seine Karte.Auf die Toilette weilt niemand?" fragte er.Nein, nein."Nu« dann wollen wir das Dokument doch lieber vernichten, damit niemand ftl Versuchung kommt, es zu mißbräuchlichen Zwecken zu benutzen." Er get» die graue Pappe in winzige Stückchen und ließ sie zum Fenster hin- auswehen. e

Unmittelbar darauf schwang sich der Schaffner von draußen herein unb erbat die Fahrkarten, die er bereitwillgst von allen erhielt. Rur der elastische Herr konnte die seine nicht auftreiben. Er hatte sie wohl gerade in die weite Welt gestreut.

©oinsborougf).

Zum 200. Geburtstage des englischen Malers.

Von Walther Appell- Plauen,

Die englische Malerei ist in unseren deutschen Galerien mir spärlich vertreten. Darin, wenn auch nicht darin allein mag es begründet sein, daß uns selbst Künstler vom Range eines Reynolds, Romney und Gains»