haben, daß sie das Zustandekommen des Schlafes beeinflussen (das Auftreten äußerer Reize, die die Sinne treffen, das Vorhandensein von innerer Unruhe und quälenden Vorstellungen) spielen beim Wachen und bei seiner Ausdehnung über längere Zeiten eine wesentliche Rolle. Endlich ist auch das Klima nicht ohne Bedeutung für Wachen und Schlafen. Wir wissen von Zuständen gesteigerten Wachseins beim Wechsel des Klimas in den Tropen und am Pol, im Gebirge und an der See. Wie viele Menschen leiden unter dem herannahenden Föhn!
Mit einer Art Instinkt sucht der Mensch daher den Schlaf, der ihm ein treuer Freund ist und ihm neue Kräfte spendet, wenn die alten durch das Wachen verbraucht sind. Er löst die Erdenschwere und begräbt Sorgen und Pein.
„Süßer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glück, ungebeten, unerfleht am willigsten. Du lösest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzes, ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien, und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn, versinken wir und hören auf zu sein."
Vsm gsfundnsn Reinhold rmd „vsrlorn" GrstSein.
Von Heinrich St e i n h a u°s e n.
(Schluß.)
Unter diesem war Reinhold auf des Regimentsschultheißen Befehl von seiner Statt, da er sollte gerichtet werden, herangeführet, und großer Ged rang n>ar um ihn her, maßen sicher ihn wegen dieses seltsamen Abenteuers von nahem zu sehen begehrte. Die alte Lore aber, so viel man sie gesuchet, hatte durch den Hausen sich davon gemacht und ist nicht wieder gesehen morden.
Als Reinhold vor den, Obristen stund, ergriff der seine Hand, sah ihn lang an und sprach: „Meiner L>chwester Kind, Holmers Sahn! — Za, so trutzig aufgeworfen waren Adelheids Lippen; so frei wölbete sich des jungen Holmers Stirn, und so dicht lockte sich um sie sein krauses Haar! Rudolfus (denn jo wardst du getauft) oder Reinhold, gleichviel: wie ver- schlungne Dinge bringt Gott zurecht in einem Augenblick, und wir sollten jeglich Wirrsal zu lösen nicht ihm getrost überlassen, dem die Ewigkeit gehört?!"
Jeßund könnt' ich mich nicht länger enthalten und trat auch zu Reinhold heran. Da umschlang er mich mit seinem linken Arme, ohne seine rechte Hand aus der Feremonts zu ziehen, und sank an meine Bruit. „Mein Oheim!" rief er; „mein Vater!" weiter sagts er nichts. — Und wie ich sein junges, wallendes Herz so nxwm cm meinem schlagen fühlte und gedachte, wie wenig gefchlet hatte, daß es jetzo kalt und still war und todstarr: da sah ich im Geist seiner Kindheit Engel wieder desselben ^reudenangesichts vor dem Thron der Gnade, wie einst, als ich an des i Eefundnen Wiege stund.
Indessen nun kehrete sich Feremont zu dein Kriegshaufen umher, sagend: „Liebe Kameraden und Kampsesbrüder! In diesem Gefangenen hier haben uns die wunderlichen Kriegsläufe und benebens der in allem gegenwärtige Finger Gottes den Sohn unsres Schwähers, des Hauptmanns Holmer zugeführet. Nach gefälltem Spruch und unfern Artikelbriesen hat er zu sterben verdient —"
Aber der ganze Hanf ließ ihn nicht weiter reden: „Pardon, Pardon! Er sei frei! Er sei unsere Herrn Obristen!" Also riefen sie mit lautern Freudengeschrei. —
Was sich nun weiter begeben hat, wie wir sind mit Trommeln und Pfeifen, nach Warbergen zu marschierend, aufgebrochen, nachdem Feremont den Bauren auf'm Staufenberg hatte durch besonderen Boten Schonung und Schutz entbieten lassen; wie wir darnach vor dem Dori angelangt sind und die Aeltesten, so schon wiedergekehret waren, haben uns gar freundlich empfangen; wie sie besonderlich dem alten Josias alle Ehre wollten antun, den sie doch hiebevor öftermals als zu nichts mehr recht nutz angesehen hatten; wie sie über den Reinhold sich verwunderten und über das, was sie von ihm zu hören bekamen: davon will ich (vsr- hoffentlich dem geneigten Leser zu Dank) nicht ausftchrlich erzählen; gestalten er selbsten solches sich bestermahen wird fürbilden können.
Aber doch vom Grellem muß ich noch sagen, daß sie, als sie wie vor- beineldt von mir nach'm ,verlorn Host heimgegangen ist und daselbsten der alten Lore erzählet hat von der Flucht der Gemeinde und vom Feremont, sie nachgehends in groß Schrecken und Sorg' um die Alte geraten ist; maßen die eine Gelegenheit wahrgenommen und ist fortgewest. Darnach hat das Gretlein nach ihr gesuchet und ihrer geharret bis in die Nacht, endlich aber sich aufgemacht und sich zu mir begeben. Da denn eine neue und größere Unruhe über sie kommen ist, gestalten sie das Haus leer gefunden, dabei unverschlossen. Da ist kein Schlaf in ihre Augen gekommen; sie hat aber derowegen doch nicht unterlassen, am frühen Morgen meine Stick' und das Haus umher zu Himmelfahrt aufs örtlichste mit Blumen zu schmücken.
Wie sie nun das Getös der Trommeln und Pfeifen höret und siehet von Ferne die Soldaten zu Haufen hereinkommen dem Dorf zu: da denket ’ sie anders nicht, als daß es nun auf die Letzte gekommen und Plünderung I und Garaus vorhanden fei. Schließet derowegen trag Haus, setzet sich i hinten in die Stub', so zum Kirchhof siehet, und bet't eifrig.
So gehe ich denn mit dem Reinhold, weilen vorn die Tür nicht auf- | getan ward, hinten herum, und wir lugen durchs Fenster. Da sehen wir ! die Jungfer in der Ecken über der Posttll sitzen.
Aber wie ich an die Scheibe klopf' und sag': „Gretlein, mach' geschwind ! auf; der Reinhold ist da!" so ist sie wie ein Rehlein aufgesprungen und I fielet zwilchen den Blumensträußen, so sie aufs Fensterfims gestellei batte, ganz erschrocken nach uns hin. — |
Al-, sie darnach uns aufgeriegelt hatte und wir hineintraten, kam sie rtrfjL niC^ dein Reinhold entgegen, wie ich's vermeinet Hane
chohl, weil er m der Zeit so groß und stattlich geworden), sondern sie schmiegte sich an mich Alten an, Reinholden aber reichte sie die Hand
i kagte: „Ach, Reinhold, wie wir auf dich gewartet haben!"
Nachgehends erzählten wir ihr all unser Ding, darüber sie des Wnn. derns genug hatte, jo ihre hellen Tränen vergoß. Letztlich trat mich Fsre- •piont herem, und an seiner Miene könnt' ich wohl abnehmen was vor einen großen Gefallen er am ,uertorn< Grellem fand nicht «11^ v°n wegen ihrer Hübschheit, sondern weil sie immer klug und bescheidenllich Antwort gab, aber doch dabei gar nicht blöd oder plärrisch, ob er gleich ein hoher Kavalier und Ohrister war. 9
ausflihrllch^erzählet"—(n>k teid>t gedenken) ihm übers Gretlein
Nach einer Weile so gingen wir miteinander an der Kirche vorbei nach Holmers Grabe dicht neben dem Hügel, allwo Gretleins Mutter bestattet war und darauf ich einstens, wie vorbemeldet, den Reinhold gefunden ra.mL .• k nm uumlichen Tage vor vierundzwanzig Jahren. Allda stunden wir denn —- wie tn alten Zeiten immer zu dieser Frist — alle mit hochbewegten Herzensgednnken, ich aber ahn' Zweifel mit den be» wogtesten.
--."Ruh' in Frieden, Schwäher, mein Jugendfreund," sprach der Herr Feremont ganz feierlich, nachdem er eine Weils schweigend das Grad betrachtet, das Gretlein, wie auch das ihrer Mutter freundlich mit bunten Blumen geziert hatte, „ruh' in Frieden, mein Holmer, aus von den Stürmen deines schnell entflohenen Lebens, denen kein Sonnenschein mehr folgtet Und dieser dem Sohn, durch Gottes Gnad' zwiefach gerettet, soll als von deiner Hand mir zugeführet zwiefach nahe meinem Herzen sein! Euch, Schulmeister, winke immer freundlich von drüben der Dank seiner so bitter sic!> entrissenen, aber mm im Tode vereinigten Eltern, und all der Segen dessen, welcher spricht: Wer ein Kind aufnimmt--nun Ihr kennt la
jein Wort: der kehre bei Euch ein!"
Er reichte unter diesen Worten Reinholden und mir die Hand.
„0, Herr Obrist," sagte ich, „des Herrn Segen ist allbereits bei mir «lngezogen vom Augenblick an, da ich's Kind zum erstenmal im Arm hatte; er ist bei mir beharret auch in der Trübsal, wiewohl ein wenig verborgen, und jetzo ist meine Seele für ihn viel zu klein."
Derweilen hat das ,verlorn' Gretlein sich gebückt, das Rosmarin- stocklem auszupflanzen, wie die Lore ihr das geheißen. Als fie's aus'm Topf nimmt und den umkehret, Wunder! so rollt ein Beutlein nicht allzu klein zur Erden, reißet, weil es allbereits ziemlich zermürbest war, auseinander, und Dukaten, Ringe und Edelgesteine, weiß nicht wie viel, werden sichtbar.
„Dein Erbe, Reinhold!" sagte sie, und die Freud', daß sie dergestalt das von ihrem Vater Geraubte wiederum erstatten konnte, blickte ihr ans den Augen.
Feremont aber sah bei diesem den Jüngling an und die Jungfer, die ihm zur Seite am Grabe stunden; und wie könnt' er's tun ohne Freist»' an diesem Paar!
„Gretlein," sprach er darnach, währenddem er zween güldne Ringe aus dem wiedergefundenen Schatze wählete, „was wir anjetzo mit diesem Reinhold beginnen, das wollen wir hernach mit dem Herrn Josias und ihm bereden. Aber bis den erschöpften teutschen Landen der lang gewünschte Friede wiederkehret, treibt 5 ihn wohl zum Guten, wenn er weiß, daß dann du als sein Weib an seine Seit' treten willst. Gott hat euch füreinander erwählet. Was nach weltlichem Recht solchem Bande verhinderlich fein möcht', denk' ich wohl dann Hinwegzuräumen. Willst du ihm dazu Hoffnung machen, so tausche, Gretlein, mit'ihm diesen Ring!"
Da hielten ihm beide ihre Hände hin und schlugen sie dann über dem Grabe ineinander. Herr Feremont legte feine darüber und winkte mir, ein gleiches zu tun.
Gretlein neigete ihr Haupt und sah hernieder zur Erden.
„Pfleg' indessen das Rosmarinstöcklein gut", sagte der Obrist zu ihr. —
Indessen nun läuteten die Glocken zur Kirche, wie Feremont es zuvor befohlen, und viel Soldaten und von der Gemeinde alle, so bereits wiedergekehret waren, hatten sich schon da versammelt.
„Schulmeister," sprach der Obrist da, währenddem wir hineingingen, „so intoniert heut: „Herr Gott, dich loben wir!"
Wie ich nun die Orgel schlug (ich hatte aber alle Register durchaus gezogen), so war's gut, daß des alten Sä bald Sohn, Märten, neben mir stund, der mit seiner laut tönenden Stimme vorsang, gestalten ich heut mit meiner gar schlecht heraus konnte, unangesehn sie für all die Soldatenkehlen ohnedies nicht zukselangei hätte. Aber Gretleins Gesang hörte ich hell heraus und sah im Spiegel über meinem Bänklein, wie andächtig sie unterm Singen ihre Händ' gefaltet hielt. Nach dem Reinhold muß? ich mir öftermal umsehn, ob es denn wirklich wahr wäre, daß wir ihn wieder hätten. Ja, da stund er so ernst und fröhlich, und neben ihm saß sein Oheim, der Obrist Föremoni!
Täglich, Herr Gott, wir loben dich Und ehr'n 'deinen Namen stetiglich. Zeig' uns dein Barmherzigkeit, Wie unsre Hoffnung zu dir steht.
Darnach las ich vom Pult aus die Lektion von der Himmelfahrt, und als ich an die Stelle kam, wo es heißt, daß der fje^r Jesus, da er gen Himmel fuhr, seine Hände aushob zum Segnen: so stählst ich, daß in aller Sund, Not, Jammer und Angst dieser Welt sein Segen dennoch gehn eben ist auf Erden. —
Nach dem Amen aber unterm stillen Gebet ist mit einem Male (man hsü sie zuvor an diesem Tage noch nicht gehöret) vom Kirchhof her der Gelang der Nachtigall zu uns erschollen, und ich halte vor gewiße als sie so hell und so fröhlich gelungen, hat sie im Haselbusch ans Holmers Grad gesessen. —
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch. und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.


