Ausgabe 
13.9.1927
 
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Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang 1927

Dienstag, den 13. September

Nummer 75

Die kleine Passion.

Von Gottfried Keller.

Der sonnige Duft, Septemberluft, Sie wehten ein Mücklein mir aufs Buch, Das suchte sich die Ruhegruft Und fern vom Wald-sein Leichentuch. Bier Flügelein von ©eiben fein mug's auf dem Rücken zart, Drin man im Regenbogenschein Spielendes Licht gewahrt! hellgrün das schlanke Leibchen war, tellgrün der Füßchen dreifach Paar, int) auf dem Köpfchen wundersam

Satz ein Federbüschchen stramm;

Die Aeuglein wie ein gold'nes Erz Glänzten mir in das tiefste Herz. Dies zierliche und manierliche Wesen Hat sich zu Gruft und Leichentuch Das glänzende Papier erlesen, Sarin ich las, ein dicksterliches Buch; So ließ den Band ich aufgeschlagen Und sah erstaunt dein Sterben zu, Wie langsam, langsam ohne Klagen Das Tierlein kam zu seiner Ruh. Drei Tage ging es müb und matt Umher auf dem Papiere;

Die Flügelein von Seide fein. Sie glänzten alle viere. ';(m vierten Tage stand es still Gerade auf dem Wörtleinwill"! Gar tapfer stand's auf selbem Raum; hob je ein Füßchen wie im Traum; Um fünften Tage legt' es sich, Doch noch am sechsten regt' es sich;

in siebten endlich siegt' der Tod, Da war zu Ende seine Not.

tun ruht im Buch fein leicht Gebein. D'lög' uns sein Frieden eigen sein!

BnfeLm Feuerbach.

Von Wilhelm S o e cf.

Es ist gesagt worden, eine Gnad« des Schicksals sei darin zu erblicken, daß uns gerade zu dem Werke Anselm Feuerbachs imVermächt­nis" und dem reichen Briefmaterial eine biographische Stütze gegeben sei. Was er geschaffen habe, müsse ohne literarische Erläuterung unverständ­lich gewesen sein. Man spricht von einem Ueberwiegen des Verstandes gegenüber der rein künstlerischen Eingebung. Das mag allenfalls für die beziehungsreichen Historien des Wiener Titanensturzes und der Nürn­berger Kaiserempfänge zutreffen; hier wagte er sich auf ein Gebiet, das er besser nicht betreten hätte. Durchaus ungerechtfertigt ist es aber, die Frage aufzuwerfen, ob nicht vielleicht seine zweifellos sehr feinen Landschaftsstudien den allzu monumentalen Iphigenien und Medeen vor­zuziehen seien. Auch an der Ursprünglichkeit seines künstlerischen Gesichtes kann wohl nicht gezweifelt werden, wenn er von der Entstehung der Pieta berichtet:Üebrigens ist dieses Bild auch in meinem Kopf fertig bis auf den letzten Pinfelstrich. So ist es immer, wenn der Gedanke aus unmittelbarer Anschauung kommt. Ich habe die Maria gesehen, und die übrigen Figuren sind hinzugetreten.' Die Maria aber sah er an den Stufen einer Kirche kauern. Er trägt manche Gestalten jahrelang voll ent­wickel! im Kopse herum, bevor er sie inhaltlich verwendbar findet; so den hämischen Neptun des ersten Entwurfes zum Titanensturz. Wir können diesen Werdegang eines Bildes im Gegensatz zu der vorher genannten Meinung geradezu als typisch für die Entstehung eines Kunstwerkes an- fehen. Wenn Feuerbach in feinen Gemälden historische, literarische Per- fonllchkeiten den Bildgedanken tragen läßt, so war dafür seine vorgefaßte -Meinung non dem Begriff derhoben" Kunst überhaupt maßgebend, die er stolz ür sich in Anspruch nahm.

Indessen ist es unzutreffend, ihn als Historienmaler, wofür er sich selbst hielt, zu bezeichnen. Wo er sich als solcher zeigt, hat er seine Bestimmung verkannt, und bezeichnenderweise gibt er sich auch diesem Fache im enge« ren Sinne erst in den Jahren der Resignation stark hin. Dagegen geht es nicht an, die Iphigenien, Medeen, Orpheus, Parisurteil als Historien anzufprechen. Sie find vielmehr Allegorien, die gerade, weil sie als solche nicht gewollt sind, der unangenehmen Spitzfindigkeit, die sich sonst mit mefem Begriff in der Malerei verbindet, entbehren. Feuerbach ist es ge- ungen, in fernenhistorischen" Figuren die feinsten Gefühle sprechend zu verkörpern. Das scheint mir die unsterbliche künstlerische Tat des ein­

samen Kämpfers gewesen zu sein. Sie ist alles eher als eine Tat des Verstandes, denn der Geist schafft Allegorien von humanistischer Unerträg­lichkeit. Auch Anselm Feuerbach schuf diePoesie", stand also auch be­wußt der Allegorie nicht fern. Der große Unterschied besteht nur darin, daß die Gestalt in ihm lebte, bevor ihr der Name ward.

Eine dieser Gattung verwandte Reihe, die ich als Daseinsbilder be­zeichnen möchte, gehören die Hafisbilder, Dante mit Frauen, Paolo uni» Franceska, die Frühlingsbilder, Mandolinenspieler, Konzert, in gewissem Sinne auch das Gastmahl an. Schöne Menschen in untätiger Vereinigung, die Genüge finden, sich ihres Daseins in ernster Schönheit zu freuen. Stille Schönheit, die sich selbst nicht kennt, lächelt aus den liebreizenden Kinder- und Puttenbilder. Reine, beseelte Anschauung, nur im Zu­sammenhang der allegorischen Figuren zu verstehen, sind die Nanna- bildnisse. Die erstaunliche psychologische Kraft, mit der er seine Gemüts­zustände zu erkennen und in den Briesen auszudrücken weiß, läßt eine Reihe von Selbstporträts verstehen. Einsam steht die Pieta, nicht nur Maria an der Leiche des Heilandes, nein, die Mutier an der Leiche des von seiner Zeit in Unwissenheit verstoßenen Sohnes, den nur sie wahr­haft verstanden hat. Die Beziehungen des Bildes zu Anselms Leben sind augenfällig. Lassen sich seine Werke auch derart in wenige große Themen- reihen zusammenschließen, aus dieser Umgebung genommen, vereinzelt unter Erzeugnissen seiner Zeitgenossen, waren sie schon zur Zeit ihrer Ent­stehung und sind sie heute einsam. Ein handgreiflicher Beweis dafür ist, das Bilder des Meisters, wenn sie in Galerien vereinzelt auftreten, mit Vorliebe als Mittelpunkt einer Wandordnung gewählt werden.

Anselm Feuerbachs Werk ist in hohem Maß Spiegel seiner Seele. In den ersten, von schwankendem Eifer erfüllten Studienjahren, da er hinaus« stürmte, ist er sich selbst das Fesselndste. Als Jüngling von edler Schönheit und etwas manirierter Vornehmheit, die dunklen Augen vom Raffaelbarett beschattet, erscheint er in den Selbstbildnissen dieser Zeit. Er selbst ist hier der träumerische Held seines viel späteren Parisurteils. Aber bald beginnt sich der heitere Himmel der Münchener Zeit zu umdüstern. Der Tod des Vaters ist das erste Glied einer unendlichen Schmerzenskette. Vom Vater ist Anselm mit starker Gemütsempfindlichkeit erblich belastet. Trübe Ge­danken strömen dem in Paris Bangenden ahnungsvoll in den nebelhaften Rhythmus desItalienischen Begräbnisses", wahrend in Freiburg fein Vater den letzten Kamps kämpft. Das Selbstbildnis von 1852 erschreckt durch dämonische Schwermut im Antlitz des Dreiundzwanzigjährigen. In Paris wird Feuerbach der iheros schmerzlicher Entsagung, als den wir ihn, den Menschen, kennen. Gleichzeitig findet er aber auch das, was ihm Kraft zu weiterem Leben gibt, feine Kunst, und in Thomas Couture einen Lehrmeister nach feinem Wunsche. Feuerbachs Figurenstil tritt zum ersten Male mit voller Deutlichkeit imHafis vor der Schenke" auf. Man­nigfachen Einflüssen war seine Kunst ausgesetzt und gastfrei, doch von diesem Augenblicke läßt sie sich aus einer inneren, selbstkräftige Entwick­lung ableiten. In der Gestaltung des Verhältnisses von Farbe und Fläche scheint mir vor allem eine Wahlverwandtschaft mit Michelangelo er­wähnenswert. t

Die Pole seiner Kunst und seines Lebens lassen sich in zwei Städten versinnbildlichen,-die ihm Schicksalsheimat wurden: Venedig und Rom. Venedig ist die Stadt der Harmonie, der Musik, der Genesung. Dorthin flüchtet er, wenn das Herz ihm wund ist, wenn Ekel am Leben ihn faßt, wenn er körperlich krank und gebrechlich ist. Dort stirbt er. Rom ist die Stadt höchster Erfüllung seines Schaffens, aufgelichteter Klarheit und Entschiedenheit. Seine musikalische Seele (er fang einen bewunderten hohen Tenor) wurde in Venedig gestillt. Rom befriedigte den Hunger des Künstlers. Venedig steigerte fein Lebensgefühl, ließ ihn sich selbst in mil­dem Glanze sehen, und machte, daß er sich reich fühlte. Denn dort durfte er, der wirtschaftlich Unterdrückte, in Palästen wohnen. Feuerbachs Natur mar gar nicht für Leid und Entbehrung geschaffen. Das empfand er selbst besonders stark. Ein Leben in freudigem, edlem Genüsse ersehnte der Jüngling, der Mann hatte stets den Wunsch,reich" zu sein. Vielleicht freut sich die selbstsüchtige Nachwelt des Scheiterns dieser Hoffnungen. Denn in der Tat, erwägt man Anlage und Temperament des Künstlers, ist wohl anzunehmen, daß einGötterliebling" Feuerbach die Werke, die wir bewundern und lieben, nicht heroorgebracht hätte, da sie fast in der Regel als Ergebnis einer rastlosen Betäubungsarbeit entstanden. Feuer­bach hatte selbst bisweilen den Eindruck, daß seine unbändige Tätigkeit ihm eigentlich jedes Leben schenke, daß er ohne jenes Arbeitsfieber allen Qualen längst erlegen sei. Daß er überhaupt die Kraft fand, allen Miß­erfolgen zum Trotz, häufig ohbe Bestellung weiterzuarbeiten, ist im Grunde Ergebnis einer verblüffenden Voraussetzung. Keinen Augenblick verlor er die felsenfeste Gewißheit, daß er Werke von ewigem Werte, von unvergänglicher, überzeitlicher Schönheit schaffe, ein künstlerisches Selbstbewußtsein, das in dieser Bewußtheit und unter derartigen dau­ernden Enttäuschungen, ganz einzig dasteht.

Welches sind die Gründe für die Versagung öffentlicher Anerkenung? Wenn Kunst keine Sache für jedermann ist, wenn cs eines besonderen Organes bedarf, sie zu genießen, so gilt das in erhöhtem Maße von der