Ausgabe 
13.8.1927
 
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SietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Samstag, den August

Nummer 6$

Jahrgang M?

Schrlflisd

Nikolaus Lenau.

Teich, Lem regungsloien, Mondes holder Glanz, seine bleichen Rosen

In des Schilfes grünen Kranz.

Hirsche wandeln dort am Hügel, Micken in die Nacht empor, Manchmal regt sich das Geflügel Träumerisch im liefen Rohr.

Weinend muß mein Blick sich senkens Durch die tiefste Seele geht Mir ein süßes Deingedenken, Wie ein stilles Nachtgebet!

Bon

Auf dem Weilt des Flechtend

naturen möchte man sie heute nennen. Byron hatte als Dlensch und alr Künstler noch ausgeprägte Züge von Tatkraft. Er hatte auch ernste. Gründe, die Welt anzuklagen. Hat Lenau jemals etwas Schweres erlebst an dem die Welt schuld war? Ist es nicht immer, als suchte er emsig nach den Gründen der Anklage, die er gegen dis Welt erhebt. Seine Ge­dankendichtungen,Fau st", ,Savonarola",Die Albigenfer" besonders, wechseln den Standpunkt und gewinnen recht gegensätzliche Stellungen zum Leben, sind, mit Heine zu reden, bald sensualistisch, bald spiritualistisch, auch weil Lenau selbst nicht eindeutig sagen konnte, welche Seite der Welt ihm eigentlich schlecht erschien. Eins seiner bekanntesten, zugleich eins seiner in sich gefchlossensten Gedichte, gipsAt in der Er» kenntnis, man möge das Leben, wenn es uns nachtet, verrauchen, ver­schlafen und vergeigen. Daß das Leben dem Menschen Lenau genachtet hat, lag an ihm weit mehr als an dem Leben. Sein Weltschmerz ist subjektiv, ist viel unobjektiver als der Bchrons, ja selbst Heines.

Der Zeit gefiel Lenau und dessen Dichten gerade deshalb gut. Darum konnte Grillparzer urteilen:Dich hob, dich trug und dich verdarb die Zeit." Gleichwohl läßt auch Grillparzers GedichtAm Grabe Lenaus" erkennen, daß ihm Lenau für eine hohe Dichterbegabung gilt. Echt« Lyrik ist schon, ist vielleicht am sichersten in Lenaus frühen Schöpfungen zu finden. DieS ch i l f l i e d e r" von 1832, vor allen: die VerseAuf dem Teich, dem regungslosen, weilt des Mondes holder Glanz . . erreiche bereits die letzte Höhe, zu der auf dem Gebiet reiner Lyrik Lenau empor» gestiegen ist. Naturstimmung und Gehalt verschmelzen zu einem einheil», lichen Ganzen. Das Naturb'ild, in wenigen Seifen scharf Umrissen, verrät, was durch Worte nicht ausgedrückt wird. Der Gedanke hat, ganz wie Storm es forderst feinen Weg durch das Gemüt und durch die Phan­tasie des Dichters genommen und dort körperliche Gestalt gewönne Diese körperliche Gestalt dankt ihre beste Kraft einem Dichter, der sich nicht bloß in die Natur einzufühlen, der sie auch zu sehen verstand.

Lenau selbst schrieb anderen unter seinen Naturgedichten höheren Wert zu. Fast grundsätzlich hat in fast immer neuer Wandlung er der Natur und den Begriffen, in denen wir sie zu fasten suchen, dem Frühling oder dein Himmel oder dem Meer, das Erleben des Menschen geschenkt. Er -asft damit eine neue Mythologie. Gigantische Vorgänge, fast Groteskes, wagt er zu gestalten:Der Himmel ließ, nachsinnend seiner Trauer, die toonne lässig fallen aus der Hand." Düster bewölkte Gewitterstimmung am Abend nach Sonnenuntergang gewinnt hier Züge vom Erleben des schwermütigen Poeten. Aber ins Riesenhafte steigert sich das Bild.

Die Kraft, Landschaft zu sehen, bewährt sich in Lenaus Dichtungen aus ber Puszta. Weit weniger in den Gedichten, die ihm die Fahrt nach Amerika ge chenkt hat. Hier ist es mitunter, als übe er langgewohnte Kunst nicht aus starkem inneren Antrieb, sondern bloß um zu erweisen, daß er ein für allemal dergleichen könne.

Grillparzer aber verdachte dem jüngeren Landsnmnn die Gedanken­dichtungen. Er sah in ihnen die Ergebnisse untauglichen Rates von Freunden, zunächst der Schwaben, die mit Begeisterung Lenau in ihren Kreis ausgenommen hatten, ihn aber auch nach ihren Absichten lenken wollten. Er war ihre beste Stütze im Kampf gegen Heine. Sehr fein hat Grillparzer erkannt, wieviel alte österreichische Treue in Lenau war, die ihn zwang, die Ansprüche der schwäbischen Genossen zu erfüllen. In diesen Gedankendichtungen gibt es viel schale Verse, stolpert man gerade an gehobener Stelle über Trivialitäten des Ausdrucks. Was an kürzeren Dichtungen Lenaus stört: die Mühe, die ihm das Abrunden, die ihm vor allem das Abschließen macht, die Lässigkeit, mit der er das Ende fallen läßt, macht sich in den größeren Gebilden noch merklicher. Nicht einmal die bezwingende Musik seiner Verse sie übertönt sonst manches unglück­liche Wort und manchen bösen Reim bringt hier die gewohnte Hilfe. Welche Steigerungen, welche Kontraste, welchen überwältigenden Wechsel von Dur und Moll, von Pianissimo und Fortissimo, hat Lenau sonst zur Verfügung: Zigeunermusik in Worten, reizvoll, aufwühlend, über-! raschend, überwältigend, wie Lenau auf Gitarre und Geige zu phanta-. fieren wußte.

Monumentattheater im Freien.

Von Curt H o tz e l.

Unsere Zeit sucht mit allen Mitteln und in allen Bereichen der Kultur wieder den Ausdruck der Monume-ntalilät. Dabei gibt sie sich nicht ro# jenehysterische Renaissance" des ausgehenden 19. Jahrhunderts, von der Thomas Mann einmal spricht, mit Draperie und Operngeste als Makart zufrieden, sondern sie sucht das wesentlich Monumentale, das von innen her Grbße, das durch feinen übermenschlichen Ausdruck die Vereinzelung der Menschen überwindet und sie zu neuer Gemeinschaft zufammenführt.

Die Architektur findet in Deutschland neue Lösungen für den Raunz der Masse, des Vielen, des Nebeneinandergeordneten. Die Malerei wendet sich in der Umsetzung der expressionistischen Flächen und Raumgefühle nicht nur dem Dekorativen, sondern der geradezu raumgestalkenden Stuf»

Nikolaus Lenau.

Zu seinem 125. Geburtstag.

Von Geheimrat Prof. Dr. Walzel, Bonn.

(Nachdruck verboten).

Man nennt viele Künstler, die eigentlich Kmistwerke der Natur sind." Friedrich Schlegel hat diesen Gedanken geformt. Rechte Deutung findet er in Tiecks und WackenrodersHerzensergießungen eines iunstliebenden Klosterbruders", in dem Abschnitt, der das Wesen des Malers Piero di Cosima enträtseln möchte. Der Künstlergeist, heißt es hier, sollte nur ein brauchbares Werkzeug sein, die ganze Natur in sich zu empfangen und mit dem Geiste des Menschen beseelt, in schöner Ver­wandlung wieder zu gebären. Sei er aber aus innerem Instinkt und aus Mexflüssiger, wilder und üppiger Kraft ewig für sich in unruhiger Arbeit, so bilde er nicht immer ein geschicktes Werkzeug. Vielmehr möchte man dann selber eine Art von Kunstwerk der Schöpfung nennen.

Trifft das nicht Wort für Wort für Lenau zu? Man schlage auf, tpas über ihn geschrieben worden ist. Immer ist von dem Menschen Lenau mehr die Rede als von seiner Kunst. Oder eine neueste geistvolle Arbeit über die Geschichte des deutschen Liedes hat kaum mehr als anderthalb Seiten über den Gewinn zu sagen, den der Lyriker Lenau gebracht hat, muß überdies dabei viel Bersteinendes und Einschränkendes vorbringen. Um so lieber hat man Senat: zum Gegenstand mehr oder minder wahrheitsgetreuer Dichtung gemacht. Das Kunstwerk der Schöp- üng, genannt Lenau, dichterhaft zu gestalten, ist ja nicht schwer. Er hat a selbst, zunächst durch seine Briefe, vorgearbeitet. Noch mehr: Aus über» lässiger, wilder und üppiger Kraft ewig für sich in unruhiger 2(rbeit, hat er fein Leden gelebt, das nur abgeschrieben zu werden braucht, um wie Dichtung zu wirken. Ein unfäglick)es trauriges Ende, sechs Jahre Um­nachtung des Geistes, beginnend in dem Augenblick, der zur Höhe der Leistung emporzuführen pflegt, gibt diesem tragischen Kunstwerk eines Dicyterlebens den Abschluß,-der starke Wirkung sichert.

Ein schöner Mann mit interessanten Gesichtszügen, einer aus der Fremde und Ferne, die lockt und reizt, ein musikalisch Begabter, der auf Gitarre und Geige, auf seinem geliebten Guarnerius, bezaubernd und betörend zu phantasieren wußte, ein Herzensbezwinger, dessen dämonische Anziehungskraft auch Männer überwältigte, einer, der um der Liebe willen liebte und daher von einer zur anderen weitergetrieben wurde, dann in einer großen Leidenschaft aufzugehen meinte, tatsächlich in ihr sich auf rieb, weil er ihr nicht gewachsen war und zusammenbreche:: mußte, als diese Leidenschaft ihren letzten Weg fand und er sich einer anderen Frau zuwandte: kann, wer nach fesselnden Romanhelden pirscht, ein tauglicheres Modell finden?

Den Reiz von Lenaus Persönlichkeit noch zu steigern, machen selbst wissenschaftliche Arbeiten ihn immer noch zum Ungarn, obwohl er in Ungarn nur geboren ist und von reindeutschen Eltern stammte. Noch stärkeren Trumpf hatte Lenau selbst auszuspielen, zumal, wo Frauen- seelen zu geunnnen waren, die doch vom Mitleid rasch zu Liebe »eiter« r!/SLiten" Ratten in Lenau einen Unglücklichen zu trösten. Als Dulder stellte er sich bar. Er ist einer der bekanntesten Träger des Weltschmerzes, -pte Nachfolger Hamlets und Werthers waren, als Lenau sein Verhältnis gur Welt bestimmte, durch Byron neu geadelt worden. Als deutscher Byron wurde Lenau bald gefeiert, mit etwas mehr Recht als die vielen andern, die damals gleiche Ehrung erfuhren. Schon Goethe schrieb den Ze:t-und Gesinnungsgenossen Werthers einen gegenstandslosen Trüb- sinn zu. M:t rechtem Tiefblick, gestützt auf Stimmungen, die er in sich die er überwunden hatte, erkannte Goethe, daß der Weltschmerz dreser Ueberempfindfamen, die in ihrer leicht verletzbaren Femsuhligkeit das Anrecht suchten, auf Gesündere und Widerstandsfähigere yochnchtig herabzusehen, weit weniger durch das Schlechte der Welt be­dingt fei als durch eine mchr oder minder krankhafte Anlage. Verfall­