Der Historiker P. Stoljapin schildert in einem seiner Bücher eine amüsante Episode, die einst einem der bekanntesten russischen Schachspieler des 19. Jahrhunderts, Petr off, zugestohen war: „Prahlerisch hatte er an der Pforte seines Hauses ein Schachbrett angebracht, auf dem seine beste Partie — Schach in fünf Zügen — ausgezeichnet war. Er brüstete sich, daß „nur der Teufel" besser als er spielen könne. Und siehe da, eines Nachts, als alles im Hause bereits schlief und nur Petrofs einsam in seinem Zimmer saß, grübelnd über das Schachbrett gebeugt, über einer schweren Aufgabe nachsinnend, kam plötzlich---der Teufel in leib
haftiger Gestalt ins Zimmer. Er hatte zwei spitze Hörner ein mit Ruß bemaltes Gesicht und einen langen Schweif und forderte Petroff auf, mit ihm Schach zu spielen. — „Und wenn du diese Partie verlierst," fügte er noch hinzu, „dann darfst du drei Jahre lang keine Schachfigur mehr anrühren." Petroff war mit Vorschlag und Bedingungen des Teufels einverstanden und beide setzten sich und begannen zu spielen. Doch das Spiel währte nicht lange. Der Teufel erwies sich als der weitaus bessere Spieler. Nach nicht viel mehr als fünf Zügen besiegte er Petroff und verschwand. Am nächsten Tage sprach ganz Petersburg von nichts anderem, als vom Besuch des Teufels bei Petroff und der „dämonischen Schachpartie", die sich aber insofern bald als ziemlich mit natürlichen Dingen hergehend herausstellte, als der Teufel sein Inkognito lüftete und sich als der beste russische Schachspieler jener Zeit, Kologriboff, zu erkennen gab.
Petroff hielt sein Wort und rührte drei Jahre lang kein Schachbrett an. Um so fleißiger betätigte er sich aber im Schachspiel später, als die ihm gestellte Frist beendet war. Er gründete in Petersburg den ersten privaten Schachklub, zu dessen Mitgliedern die bekanntesten Schriftsteller jener Zeit gehörten: Lawroff, Nekrasoff, Tschernyschenski Panajew, Lermontoff und andere. Doch Schriftsteller galten damals als „anrüchig" und die Mitgliedsliste des Klubs erregte bald das Mißtrauen der zarifchen Gendarmerie, die eines schönen Tages beschloß, sich „mit diesem verdächtigen Klub näher bekannt zu machen". Diese „nähere Bekanntschaft" erfolgte bald darauf durch Vermittlung eines Lockspitzels, der als Mitglied dem Klub beitrat. Das „ehrenwerte Mitglied" lauschte fleißig all den eifrigen politischen Gesprächen und Debatten, die beim Schachspiel geführt wurden, und teilte schließlich in einem Bericht an die Obrigkeit mit, daß „dieser Klub dadurch verdächtig sei, daß dort gar keine Karten vorhanden wären, sondern nur allerhand merkwürdige Figuren, mysteriöse „Springer, Könige und Bauern". Wobei mit Hilfe dieses seltsamen Spieles die Klubmitglieder eine eigene, einem Unbeteiligten unverständliche Zeichensprache führten, die sicher nichts Gutes bedeuten könnte ..." Was Wunder, daß kurze Zeit darauf dieser Klub, auf persönlichen Befehl des Generalgouverneurs von Petersburg, geschloffen und viele seiner Mitglieder verhaftet wurden.
Aber allerhand Eiferer, Lockspitzel der Gendarmerie, Generalgouverneure von Petersburg usw. haben es dennoch nicht verhindern können, daß im ganzen 19. Jahrhundert in Rußland dem Schachspiel, besonders seitens der sog. „Intelligentia", eifrig obgelegen wurde und daß aus den Kreisen schließlich Spieler erstanden, die heute zu den besten und kunstfertigsten der Welt gehören.
40 000 Kilogramm Dramanten.
von Südafrika nach Amsterdam.
Von Felix Ressel.
Der gesamte Goldvorrat, über den die heutige Menschheit verfügt, wird auf 30 Millionen Kilogramm (im Wert von 90 Milliarden Mark!) geschätzt, während der gesamte Diamantenvorrat auf der Erde, nach Berechnungen der Geographischen Gesellschaft in Brüssel, rund 40 000 Kilogramm beträgt, von denen nicht weniger als 34 000 Kilogramm aus Südafrika stammen, wo in den letzten Jahren wiederholt neue Diamantenfelder entdeckt wurden. Als im vorigen Jahre in der Nähe von Lichtenburg (Transvaal) bedeutende Diamantenfunde gemacht wurden, war ein großes Polizeiaufgebot nötig, um die Ordnung unter den 5000 Menschen, die sich durch einen Wettlauf die Schürfgerechtsame (die „Claims") sichern wollten, aufrechtzuerhalten. Bei diesen Wettlaufen gibt es fast regelmäßig Toto und Verwundete, und bei den Funden in Lichtenburg kam es sogar, als aus der weiteren Umgebung der Zustrom der Schatzgräber einsetzt«, zu einem regelrechten Automobilrennen, das reich an aufregenden Zwischenfällen war.
In letzter Zeit sind auch im ehemaligen Deutsch-Ostafrika (im Mwanza- distrikt) größere Mengen Diamanten gefunden worden, die auf dem Londoner Markt gute Preise erzielten. Als weitere Produktionsländer von Rohdiamanten kommen in Betracht: die ehemalige deutsche Kolonie Südwestafrika, das Kongogebiet (belgischer Besitz), Angola, Brasilien, Indien, Britisch-Guinea und in kleinem Umfang auch Borneo und Australien. Hierbei müssen noch die Smaragd-Minen von Kolumbien genannt werden, die bisher 95 Prozent aller Smaragden lieferten, deren Produktion aber infolge Arbeitsmangels in den letzten Jahren fast vollkommen ruht. Jedenfalls gehört heute der Smaragd, wie Sachverständige des Londoner Edelsteinmarktes in Nation-Garden erklären, zu den kostbarsten und begehrtesten Pretiosen und sein Handelswert hat sich gegenüber der Vorkriegszeit vervierfacht, da gute Smaragden gegenwärtig viel seltener als Diamanten und andere Edelsteine sind.
Zur Wertbestimmung der Diamanten hat der Handel eine besondere Gewichtseinheit, das Karat, geschaffen (wobei ein Karat mit 205 Milligramm festgesetzt wurde). Jedoch spielen dabei noch Form, Reinheit, Farbe, Schliff und Glanz eine maßgebende Rolle, und nicht zuletzt hat die Mode bei der Preisbildung ein sehr gewichtiges Wort mitzusprechen.
Di« bedeutendsten Juwelenbörsen sind Amsterdam, Antwerpen, London und Neuyork. In den Jahren der Inflation, als zahllose ausländische Brillantenhändler nach Deutschland kamen, um Edelsteine auf»
zukaufen, wurde auch (im Jahre 1920) in Berlin (in einem Raum des einstmals berühmten Cafs National in der Friedrichstraße) eine Juwelen, börse geschaffen, zu der nur durchaus seriöse Juwelenhändler nach schärf, ster Prüfung ihrer Personalien zugelassen wurden. Der starke Zustrom begüterter Russen, vor allem vieler Adelsfamklien, die aus Furcht vor dem Bolschewismus geflohen waren, hatte Milliardenwerte an Juwelen nach Deutschland gebracht. Diese Edelsteine waren meist das einzige, was diese Flüchtlinge von all ihren Besitztümern retten konnten und Sie Not zwang sie bald, diese Schätze zu veräußern. Es bildeten sich damals in Berlin in vielen dunklen Lokalen heimliche Börsen, von denen zwar viele ausge- hoben wurden, aber der unlautere Handel konnte erst wirksam bekämpft werden, als der Verband Berliner Juwelenhändler, der damals 300 Mitglieder umfaßte, eine eigene Börse gründete und unter behördlichem Schutz den Handel organisierte, durch den damals große Devisenbeträge an die Reichsbank abgeführt werden konnten.
Der Juwelenhandel mit all seinen Sensationen ist ja über. Haupt ein Kapitel für sich. Große Diamantenfunde können zuweilen in gewissem Maß die Preise beeinflussen, Wirtschaftskrisen können den Han- del lähmen und Tausende von Diamantschleifern brotlos machen, gar nicht zu reden von den Hochstaplern, von denen der einzelne Juwelenhändler heimgesucht werden kann. Es ist ein risikoreiches Gewerbe und nicht alles ist Gold ober Edelstein, was glänzt.
Die Diamanten st adt Antwerpen hat vor Jahren eine schwere Krise durchgemacht. Im Jahr 1914 gab es dort 200 Diamantschleifereien, in denen 20 000 Arbeiter beschäftigt waren, es gab etwa 4000 Fabrikanten, Makler und Kaufleute, es gab eine Diamantenbörse, die 12 000 Mitglieder zählte und einen Saal von 100 Meter Länge auf. wies. In allen Sprachen Europas wurde hier gehandelt. Etwa 100 Millionen Goldfranken wurden alljährlich umgesetzt. Während hie Industrie selbst fast ausschließlich in den Händeen von Belgien: lag, waren die meisten Kaufleute und Makler Türken und Polen. Als die Deutschen in Antwerpen einrüctten, flüchteten die Polen, da sie russische Untertanen waren, als später die Belgier wiebertamen, flüchteten die Händler am Krakau und die Türken, d. h. sie wurden gewaltsam vertrieben. Der übereifrige Patriotismus rächte sich aber bald. Die Antwerpener Diamant- börse schlief ein und von 16 000 Mühlen, die einst Diamanten schliffen, waren 15 000 außer Betrieb. Zu spät sah man ein, daß ohne die Leute aus Polen und der Türkei die Mühlen keine Diamanten mahlen.
Kein Zweifel, daß die besten Diamantenschleifer tn Amsterdam sitzen, wobei noch erwähnt sei, daß es auch in Deutschland (Hanau, Erbach und Jdar-Oberstein), ferner in Genf und Biel (Schweiz), in Paris, London und in den Vereinigten Staaten bedeutende Diamantschleifereien gibt. So ist z.B. der berühmteste Diamant der Welt, der Cullinan, der in unbearbeitetem Zustand über 600 Gramm (3024 Karat) wog, in Amsterdam geschliffen und poliert worden, und zwar von dem hervorragendsten Diamantschleifer der Firma Ascher, Henri K o e, der sich tat vierzigjähriger Arbeit eine besondere Kunst erwarb. Dieser Stein mar am 26. Januar 105 in Transvaal von einem Werkmeister der Premier Diamond Mine bei einem Jespektionsgang durch Zufall an der Wand einer Grube entdeckt und nach stundenlanger Arbeit aus dem Gestein gelöst worden. Die südafrikanische Regierung kaufte den seltenen Stein und machte ihn dem König Eduard zu seinem Geburtstag (am 9. November 1907) zum Geschenk. Bei Ascher in Amsterdam wurde der Stein gespalten und es wurden aus ihm neun große Brillanten und etwa hundert kleinere geschnitten. Der größte Diamant (Cullinan 1, der 516 Karat wiegt) wurde der britischen Königskrone eingefügt, während Cullinan 2 (309 Karat) jetzt im britischen Königszepter glänzt. Während sonst ein Diamant.58 Facetten aufweift, hat Cullinan 1 nicht weniger als 74, Cullinan 2 66 Schleifflächen. Das Schleifen des Diamanten ist eine Kunst, bei der das geringste Versehen, der kleinste Mißgriff den Stein entwerten kann. Und diese Arbeit erfordert oft mehrere Monate. Nur jahrelange, emsigste Hebung macht auch hier den Meister.
In Amsterdam sind auch die anderen berühmten Diamanten geschliffen werden, z. B. der K o h. i - N o o r, der Stern Südafrikas, der Excel» s k o r und der Iudilee. Was diese Industrie für Amsterdam bedeutet, zeigt die Tatsache, daß tn dem Jahr der Hochkonjunktur (1919) allein nach den Vereinigten Staaten für 65 Millionen Dollar cm Diamanten ausgeführt wurden. Im Jahre 1921 sank die Ziffer auf 13 Millionen und 1922 stieg sie wieder auf 18 Millionen Dollar.
Es ist naheliegend, daß die Wiffenschaft versucht hat, in Laboratorien Adelst eine künstlichzuerzeugen, wobei es sich in erster Linie darum handelte, die in einem Diamanten enthaltenen chemischen Substanzen (nämlich Kohlenstoff, wie er im Graphit und tn der Steinkohle vor- kommt) unter Druck so zu verfestigen und nach Erhitzung bis zu 3000 Grad plötzlich abzukiihlen, daß sich Kristalle bilden. Zahlreiche Versuche (an denen sich besonders französische Chemiker, z. B. M o i s s a u , beteiHgt haben) haben dazu geführt, daß heute die Erzeugung echter Edelstein« bereits fabrikmäßig betrieben werden kann. Allerdings find diese Diamanten so klein, daß sie nur einen geringen Handelswert besitzen.
Nicht nur Bücher, auch Diamanten haben ihre Schicksale, wobei an den berühmten blauen Diamanten erinnert sei, der allen, die ihn besaßen — mehr als zehn Menschen — Unglück brachte, sei es, daß ihre Träger durch Selbstmord endeten oder durch Unfall ums Leben kamen. Zuletzt befand er sich in der Hand des amerikanischen Multimillionärs Edward F. Maclean, des Besitzers der „Washington Post". Sein Kind, das von einem Stab von Dienern und Gouvernanten behütet wurde und als „das bestgeschützte Kind der Welt" galt, wurde vor einigen Jahren von einem Auto totgefahren. Sein erster Besitzer war Ludwig XIV, der den Stein von dem Belgier Tavernier gekauft hatte, um ihn Marie Antoinette zu schenken. Beide starben unter dem Fallbeil. Seiner seiner Besitzer ist glücklich geworden.
Man sagt, daß Perlen Tränen bedeuten. Es scheint, daß zuweilen auch Diamanten, auch wenn Künstlerhand ihnen höchsten Glanz verleihh nicht alles Glück bedeuten.
Verantwortlich: Dr. Han« Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'fche Aniversitäts-Vuch- und etein>tw#eret, A. Lange, Siehen.


