„Aber, Frau, was sprechet Ihr so wunderlich?"' rief der Kleine. „Müde 6iu ich zwar, aber es waren ja Kahlköpfe, die ich getragen; Ihr habt sie meiner Mutter abgekauft."
„Ei, das weißt du falsch", lachte das Weib, deckte den Deckel des Korbes auf und brachte einen Menschenkopf hervor, den sie am Schopf gefaßt hatte. Der Kleine war vor Schrecken außer sich; er konnte nicht fassen, wie dies alles zuging; aber er dachte an feine Mutter; wenn jemand von diesen Menfchenköpfen etwas erfahren würde, dachte er bei sich, da würde man gewiß meine Mutter dafür anklagen.
„Muß dir nun auch etwas geben zum Lohn, daß du so artig bist," murmelte di« Alte, „gedulde dich nur ein Weilchen, will dir ein Süppchen einbrocken, an das du dein Leben lang denken wirft." So sprach sie und pfiff wieder. Da kamen zuerst viele Meerschweinchen in menschlichen Kleidern; sie hatten Küchenschürzen umgebunden und.im Gürtel Rührlöffel und Tranchiermeffer; nach diesen kam eine Menge Eichhörnchen hereingeschlüpft; sie hatten weite türkische Beinkleider an, gingen aufrecht, und auf dem Kopfe trugen sie grüne Mützchen von Samt. Diese schienen die Küchenjungen zu sein; denn sie kletterten mit großer Ge- schwindigkeit an den Wänden hinauf und brachten Pfannen und Schiisseln, Eier und Butter, Kräuter und Mehl herab und trugen es auf den Herd; dort aber fuhr die alte Frau auf ihren Pantoffeln von Kokosschalen beständig hin und her, und der Klein« sah, daß sie es sich recht angelegen sein lasse, ihm etwas Gutes zu kochen. Jetzt knisterte das Feuer höher empor, jetzt rauchte und sott es in der Pfanne, ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer; die Wie aber rannte auf und ab, die Eichhörnchen und Meerschweine ihr nach, und so oft sie am Herde vorbeikann guckte sie mit ihrer langen Nase in den Topf. Endlich fing es an zu Iprubdn und zu zische», Dampf stieg aus dem Topf hervor, und der schäum floß herab ins Feuer. Da nahm sie ihn weg, goß davon in eine silberne Schale und setzte sie dein kleinen Jakob vor.
„So Söhnchen," so, sprach sie, „iß nur dieses Süppchen, dann hast du alles, was dir an mir so gefallen! Sollst auch ein geschickter Koch werden, daß du doch etwas bist; aber Kräutlein, nein, das Kräutlein sollst du nimmer finden. Warum hat es deine Mutter nicht in ihrem Korb gehabt?" Der Kleine verstand nicht recht, was sie sprach; desto aufmerksamer behandelte er die Suppe, die ihm ganz trefflich schmeckte. Seine Mutter hatte chm manche schmackhafte Speise bereitet; aber so gut war ihm noch nichts geworden. Der Duft von feinen Kräutern und Gewürzen stieg aus der Suppe auf, dabei war sie süß und säuerlich zugleich und sehr stark. Während er noch die letzten Tropfen der köstlichen Suppe austrank, zündeten die Meerschweinchen arabischen Weihrauch an, der in bläulichen Wolken durch das Zimmer schwebte; dichter und immer dichter wurden die Wolken und sanken herab, der Geruch des Weihrauchs wirkte betäubend auf den Kleinen; er mochte sich zurufen, so oft er wollte, daß er zu seiner Mutter zurückkehren müsse; wenn er sich ermannte, sank er immer wieder von neuem in den Schlummer zurück und schlief endlich wirklich auf dem Sofa des alten Weibes ein.
Sonderbare Träume kamen über ihn. Es war ihm, als ziehe ihm die Alt« seine Kleider aus und umhülle ihn dafür mit einem Eichchörn- chensbalg. Jetzt konnte er Sprünge machen und klettern wie ein Eichhörnchen; er ging mit den übrigen Eichhörnchen und Meerschweinen, die sehr artige, gesittete Leute waren, um und hatte mit ihnen den Dienst bei der alten Frau. Zuerst wurde er nur zu den Diensten eines Schuhputzers gebraucht, d. h. er mußte die Kokosnüsse, welche die Frau statt der Pantoffeln trug, mit Del salben und durch Reiben glänzend machen. Da er nun in seines Vaters Hause zu ähnlichen Geschäften oft angehalten worden war, so ging es ihm flink von der Hand; etwa nach einem Jahre, träumte er weiter, wurde er zu einem feineren Geschäft gebraucht; er mußte nämlich mit noch einigen Eichhörnchen Sonnenstäubchen fangen und, wenn sie genug hatten, solch« durch das feinste Haarsieb sieben. Die Frau Pelt nämlich die Sonnenstäubchen für das Ällerfeinste, und weil sie nicht gut beißen konnte, denn sie hatte keinen Zahn mehr, so ließ sie ihr Brot aus Sonnenstäubchen zubereiten.
Wiederum nach einem Jahr wurde er zu den Dienern versetzt, die das Trinkwafser für die Alte sammelten. Man denke nicht, daß sie sich hierzu etwa eine Zisterne hätte graben lassen ober ein Faß in den Hof stellte, um das Regenwasser darin aufzufangen; da ging es viel seiner zu; die Eichhörnchen und Jakob mit ihnen mußten mit Haselnußschalen den Tau aus den Rosen schöpfen, und das war das Trinkwafser der Alten. Da sie nun bebeutenb viel trank, so hatten die Wasserträger schwere Arbeit. Nach einem Jahr wurde er zum inneren Dienst des Hauses bestellt; er hatte nämlich das Amt, die Böden rein zu machen; da nun diese von Glas waren, worin man jeden Hauch sah, war es keine geringe Arbeit. Sie mußten sie bürsten und altes Tuch an die Füße schnallen und auf diesem künstlich im Zimmer umherfahren. Im vierten Jahr ward er endlich zur Küche versetzt. Es war dies ein Ehrenamt, zu welchem man nur nach langer Prüfung gelangen konnte. Jakob biente bort vom Küchenjungen aufwärts bis zum ersten Pastetenmacher und erreichte eine so ungemeine Geschicklichkeit und Erfahrung in allem, was die Küche betrifft, daß er sich oft über sich selbst wundern mußte; die schwierigsten Sachen, Pasteten von zweihunderterlei Essenzen, Kräutersuppen, von allen Kräutlein der Erde zusammengesetzt, alles lernte er, alles verstand er schnell und kräftig zu machen.
So waren etwa sieben Jahre im Dienste des alten Weibs vergangen; da befahl sie ihm eines Tages, indem sie die Kokosschuhe auszog, Korb und Krückenstock zur Hand nahm, um auszugehen, er sollte ein Hühnlein rupfen, mit Kräutern füllen und solches schon bräunlich und gelb rösten, bis sie roiebertäme. Er tat dies nach den Regeln der Kunst. Er drehte dem Hühnlein den Kragen um, brühte es in heißem Wasser, zog ihm geschickt die Federn aus, schabte ihm nachher die Haut, daß sie glatt und fein wurde, und nahm ihm die Eingeweide heraus. Sodann fing er an, die Kräuter zu sammeln, womit er das Hühnlein füllen sollte. In der Kräu- terkammer gewahrte er aber diesmal ein Wandschränkchen, dessen Türe halb geöffnet war, und das er sonst nie bemerkt hatte. Er ging neugierig näher, um zu sehen, was es enthalte, und flehe da, es standen viele Körbchen darinnen, von welchen ein starker, angenehmer Geruch ausging.
Er öffnete eines dieser Körbchen und fand darin Kräutlein von ganz besonoerer Gestatt und Farbe. Die Stengel und Blätter waren blaugrün und trugen oben eine kleine Blume von brennendem Rot, mit Gelb verbrämt; er betrachtete sinnend diese Blume, beroch fie, und fie strömte denselben starken Geruch aus, von dem einst jene Suppe, die ihm die Alte gekocht, geduftet hatte. Aber so stark war der Geruch, baß er zu niesen anfing, imitier heftiger niesen mußte und — am Ende niesend erwachte.
Da lag er auf dem Sofa des alten Weibes und blickte verwundert umher. „Nein, wie man aber so lebhaft träumen kann!" sprach er zu sich. „Hätte ich jetzt doch schwören wollen, daß ich ein schnödes Eichhörnchen, ein Kamerad von Meerschweinen und anderem Ungeziefer, dabei aber ein großer Koch geworden sei. Wie wird die Mutter lachen, wenn ich ihr alles erzähle! Aber wird sie nicht auch schmälen, daß ich in einem fremden Hause einschlafe, statt ihr zu helfen auf dem Markte?" Mit diesen Gedanken raffte er sich auf, um hinwegzugehen; noch waren seine Glieder vom Schlafe ganz steif, besonders sein Nacken, denn er konnte den Kops nicht recht hin und her bewegen; er mußte auch selbst über sich lächeln, daß er so schlaftrunken war; denn alle Augenblicke, ehe er es sich versah, stieß er mit der Nase an einen Schrank ober an die Wand, ober schlug fie, wenn er sich schnell umwandte, an einen Türpfosten. Die Eichhörnchen und Meerschweinchen liefen winselnd um ihn her, als wollten sie ihn begleiten; er lud sie auch wirklich ein, als er auf der Schwelle war, denn es waren niedliche Tierchen; aber sie fuhren auf ihren Nußschalen schnell ins Haus zurück, und er hörte sie nur noch in der Ferne heulen.
(Fortsetzung folgt.)
Auf Goethes Lpursu am Zürichses.
Von Helene Schede.
Der Deutsche, der mit Goethes „Dichtung und Wahrheit" und nicht mit dem Baedeker nach Zürich kommt und vom Hauptbahnhof aus durch die neuen Stadtteil« wandelt, wird gewiß erstaunt und enttäufcht fein. Hochaufgeschossene, gänzlich unpersönlich« Häuser, stillose Fremdenhotels, Kauf- laben mit weiten, glitzernden Schaufenstern säumen breite, von lautem Verkehr und geschäftigem Treiben erfüllte Straßen. Vergeblich horcht bas Herz auf den fernen Klang versunkener Glocken. Das Klingeln der Elektrischen, das Hupen der Autos und Hasten der Menschen hat in diesen Vierteln die leis« flüftemben Stimmen aus früheren Zeiten erstickt.
Man muß in die Altstadt, in die grauen, stillen Winkel, zu den Türmen und Toren, Schanzen und Gräben der S ch i p s e flüchten, um bas wahre Zürich, wie Goethe, Lavater, Pestalozzi es gesehen haben, wiederzufinden. Steile, enge, winklige Gassen klettern mutwillig in kurzen, krummen Linien auf die Anhöhen über dem See. Dächer, Mauern, Giebel verstricken sich ineinander, wenden die Front bald nach dieser, bald jener Seite, ducken, strecken, drehen sich mit einer Planlosigkeit, die jedem Gesetz und jeder Ordnung trotzt und doch voll Reiz und Eigenart ist. Fein- geschmiedete Eisengitter schlingen sich um kleine Balkons, Brunnen plaudern; hinter geschlossenen Gardinen spinnt die Vergangenheit silber- graue Fäden.
Die untere Gasse der Schipfe führt zwischen verwitterten Bogengängen an der Limmat entlang, und ist so schmal, daß fein zärtliches Paar Seite an Seite wandeln kann. Goethe liebte das geheimnisvoll« Dunkel dieses Weges, den des Nachts nicht einmal eine Laterne erhellte. Die Ufer der Limmat lagen weit auseinander. Ungefjin&ert schweifte sein Blick hinüber auf den gleißenden, smaragdgrünen See. Mitten im Fluß erhob sich der Wellenberg, mit seinem festen Turm, zu dem die Geistlichen fuhren, um den Gefangenen Trost und Mahnung zu bringen. Ans den grünen Fluten fliegen die Patrizierhäuser, wie das stolze Zunfthaus „Zum Rüden" auf und warfen den fchwercn Schatten ihrer Giebel und Türme in den leise rauschenden Strom. Am Ufer ragte eine offene von einem mächtigen Dach überhangene Halle. Wenn die mit Flachs und Garn beladenen Schiffe vom Zürichsee kamen, wurde dort großer Markt abgehatten. Die Dorfbewohner setzten ihre Ware an die städtischen Kaufleute ab und erhielten an Zah- lungsftatt oft den Bedarf an roher Baumwolle.
Das Bild, das sich heute in diesen Uferoierteln dem Wanderer bietet, ist nicht viel anders als früher. Wohl sind manche Gebäude niebergeriffen worden. Längs der Limmat laufen Staden, so daß die Ufer näher an« einanbergerütft sind. Aber der Zauber versunkener Zeiten ist geblieben, und in dem Frieden eines goldenen Herbsttages verwischen sich alle scharfen Gegensätze, die das Einst vom Heute trennen. ,
Eine kleine, verschwiegene Gasse führt zum P e st a l o z z i a n u m hinauf, zu der Stube des großen Mannes, die sich hinter dunklem Efeu und purpurner Rebe versteckt. Wie freundlich blicken aus morschen Manern die niedrigen Fenster. Dort lag das Himmelreich, das sich die Liebe eines Lehrers geschaffen hatte. Durch allerhand malerische Winkel und fadendünne Gäßchen gelängt man zum Gasthaus „Zum Schwert", wohin Goethe die stürmischen Grafen Stolberg bei ihrer Ankunft in Zürich geleitet«. In Werther-Tracht, in blauem Rock, gelber Weste, kurzen Hosen, grauen Hüten, waren sie angekommen, um in der Schweiz, di« ihnen als ein Land paradiesischer Unschuld erschien, Rousseau« „Retournons ä la nature" in die Praxis umzusetzen. Goethe erzählt, daß das „rinnende, lausende, stürzende, nach und nach zum See sich aus» breitende Gewässer des Flusses aus ihn seine übermütigen Genossen einen unwiderstehlichen Einfluß ausgeübt hab«. Sie fanden ganz und gar nicht« Anstößiges daran, sich in dieser gottbegnadeten Natur als poetische Schäfer ober heidnische Gottheiten zu sehen und so, wie der Himmel sie geschasseiy in dem klaren See zu haben. Mit Jauchzern und Juchhe tummelten sich die Jünglinge in den Wellen. Am Ufer saß der sanfte Lavater und führte übers Master hinweg lehrreiche Gespräche, l ibeffen die Bauern, die das Baden nicht ertragen konnten, in Scharen herzueilten und entrüstet untereinander murmelten, die nackten Männer im Wasser feien Werkzeug« des Satans. Da wurde in den alten Häusern getuschelt und ge* munkelt, bis man den Naturschwärmern klar machte, daß ihr Treibe« in der wohlgesitteten Gegend ein Skandal sei
In der oberen Altstadt lag der „Waldries", Lavater s Haus, m dem Goethe, der eine tiefe Bewunderung für den großen Physiognomik«


