GiehenerKmillienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgangs Samstag, den \2. November Nummer 90
I!I I" :^iaaai.Maik.uu!EBSi n iwi।11iiiiwii i iiii
Tragische Geschichte.
Von Adalbert von Chamisso.
's war einer, dem's zu Herzen ging, Daß ihm der Zopf fo hinten hing, Er wollt' es anders haben.
So denkt er dann: Wie fang' ich's an?
Ich dreh' mich um, fo ift's getan — Der Zopf, der hängt ihm hinten.
Da hat er flink sich umgedreht, Und wie es stund, es annoch steht — Der Zopf, der hängt ihm hinten.
Er dreht sich links, er dreht sich rechts, Er tut nichts Eut's, er tut nichts Schlecht's — Der Zopf, der hängt ihm hinten.
Und seht, er dreht sich immer noch Und denkt: Es hilft am Ende doch — Der Zopf, der hängt ihm hinten.
und viele Leute
Der Zwerg Nase.
Von Wilhelm Hauff.
Am 18. November werden es gerade 100 Jahre jein, feit der Dichter Wilhelm Hauff, tiefbetrauert von feinen Freunden und kunst- finnigen Zeitgenossen, in Stuttgart für immer die Augen schloß. Es ist müßig, heute darüber nachzusinnen, was der begabte und hoffnungsvolle, in der Blüte feiner Kraft Dahingegangene uns noch hätte bescheren können; bewundernswert bleibt, daß das hinterlassene Werk des mit kaum 25 Jahren gestorbenen Schwaben vier stattliche Bände füllt. Uns ziemt es, in diesen Tagen seiner zu gedenken und an sein Schassen zu erinnern, und nichts scheint uns besser dazu angetan, als die wunderbare und anmutige Geschichte vom Zwerg Nase aus dem Märchen-Almanach aus das Jahr 1827.
Deinen und könne alle Augenblicke umstülpen und mit der spitzigen Nase Pflaster fallen.
. Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam. Cs waren W doch schon sechzehn Jahre, daß sie täglich auf dem Markte saß, und w« hatte sie diese sonderbare Gestalt bemerkt. Aber sie erschrak unwill- k«r8ck), als die Alte auf sie zuhinkte und an ihren Körben stille stand.
„Seid Ihr Hanne, die Gemüsehändlerin?" fragte das alte Weib mit iwanaenehmer, krächzender Stimme, indem sie beständig den Kopf hin yer schüttelte.
. »/Sa, die bin ich", antwortete die Schustersfrau; „ist Euch etwas ge- f«Ag?"
In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vaterlandes, Deutschland, lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau schlicht und recht Er saß bei Tag an der Ecke der Straße und flickte Schuhe und Pantoffel und machte wohl auch neue, wenn ihm einer welche anvertrauen mochte; doch muhte er dann das Leder erst einkaufen; denn er war arm und hatte keine Vorräte. Seine Frau verkaufte Gemüse und Früchte, die sie in einem kleinen Gärtchen vor dem Tore pflanzte, " ' ' ~ kauften gerne bei ihr, weil sie reinlich und sauber gekle
kauften gerne bei ihr, weil sie reinlich und sauber gekleidet war und ihr Gemüse auf gefällige Art auszubreiten und zu legen wußte.
Die beiden Leutchen hatten einen schönen Knaben, angenehm von Gesicht, wohlgestaltet und für das Alter von zwölf Jahren schon ziemlich groß. Er pflegte gewöhnlich bei der Mutter auf dem Gemüsemarkt zu sitzen, und den Weibern und Köchen, die viel bei der Schustersfrau ein- aekauft hatten, trug er wohl auch einen Teil der Früchte nach Hause, und selten kam er von einem solchen Gang zurück ohne eine schöne Blume oder ein Stückchen Geld oder Kuchen; denn die Herrschaften dieser Köche sahen es gerne, wenn man den schönen Knaben mit nach Hause brachte, und beschenkten ihn immer reichlich.
Eines Tages faß die Frau des Schusters wieder wie gewöhnlich auf dem Markte; sie hatte vor sich einige Körbe mit Kohl und anderem Gemüse, allerlei Kräuter und Sämereien, auch in einem kleineren Körbchen frühe Birnen, Aepfel und Aprikosen. Der kleine Jakob, so hieß der Knabe, faß neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus: „Hieher, ihr Herren, seht, welch schöner Kohl, wie wohlriechend diese Kräuter! Frühe Dirnen, ihr Frauen, frühe Aepfel und Aprikosen! Wer kauft? Meine Mutter gibt es wohlfeil." So rief der Knabe. Da kam ein altes Weib über den Markt her; sie sah etwas zerrissen und zerlumpt aus, hatte ein kleines, spitziges Gesicht, vom Alter ganz eingefurcht, rote Augen und eine spitzige, sewgene Nase, die gegen das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem fangen Stock, und doch konnte man nicht sagen, wie sie ging; denn sie Weckte und rutschte und wankte; es war, als habe sie Räder in den
„Wollen sehen, wollen sehen! Kräutlein schauen, Kräutlein schauen, ob du hast, was ich brauche?" antwortete die Alte, beugte sich nieder vor den Körben und fuhr mit ein Paar dunkelbraunen, häßlichen Händen in den Kräuterkorb hinein, packte die Kräutlein, die so schön und zierlich ausgebreitet waren, mit ihren langen Spinnenfingern, brachte sie dann eines um das andere hinauf an die lange Nase und beroch sich hin und her. Der Frau des Schusters wollte es fast das Herz abdrücken, wie sie das alte Weib also mit ihren seltenen Kräutern hantieren sah; aber sie wagte nichts zu sagen, denn es war das Rechts des Käufers, die Ware zu prüfen, und überdies empfand sie ein sonderbares Grauen vor dem Weibe. Als jene den ganzen Korb durchgemustert hatte, murmelte sie: „Schlechtes Zeug, schlechtes Kraut, nichts von allem, was ich will; war viel besser vor fünfzig Jahren; schlechtes Zeug, schlechtes Zeug!"
Solche Reden verdrossen nun den kleinen Jakob. „Höre, du bist ein unverschämtes, altes Weib," rief er unmutig, „erst fährst du mit deinen garstigen braunen Fingern in die schönen Kräuter hinein und drückst sie zusammen, dann hältst du sie an deine lange Nase, daß sie niemand mehr kaufen mag, wer zugesehen, und jetzt schimpfst du noch unsere Ware schlechtes Zeug, und doch kauft selbst der Koch des Herzogs alles bei uns!“
Das alte Weib schielte den mutigen Knaben an, lachte widerlich und sprach mit heiserer Stimme: „Söhnchen, Söhnchen! Also gefällt dir meine Nase, meine schöne lange Nase? Sollst auch eine haben mitten im Gesicht bis Übers Kinn herab." Während sie so sprach, rutschte sie an den andern Korb, in welchem Kohl ausgelegt war. Sie nahm die herrlichsten weißen Kohlhäupter in die Hand, drückte sie zusammen, daß sie ächzten, warf sie dann wieder unordentlich in den Korb und sprach auch hier: „Schlechte Ware, schlechter Kohl!"
„Wackle nur nicht fo garstig mit dem Kopf hin und her!" rief der Kleine ängstlich. „Dein Hals ist ja so dünne wie ein Kohlstengel, der könnte leicht abbrecheu, und dann fiele dein Kopf hinein in den Korb; wer wollte dann noch kaufen!"
„Gefallen sie dir nicht, die dünnen Hälse?" murmelte die Alte lachend. „Sollst gar keinen haben, Kopf muß in den Schultern stecken, daß er nicht herabfällt vom kleinen Körperlein!"
„Schwatzt doch nicht so unnützes Zeug mit dem Kleinen da," sagte endlich die Frau des Schusters im Unmut über das lange Prüfen, Mustern und Beriechen, „wenn Ihr etwas kaufen wollt, so sputet Euch, Ihr verscheucht mir ja die andern Kunden."
„Gut, es sei, wie du sagst," rief die Alte mit grimmigem Blick, „ich will dir diese sechs Kohlhäupter abkaufen; aber siehe, ich muß mich auf den Stab stützen und kann nichts tragen; erlaube deinem Söhnlein, daß es mir die Ware nach Hause bringt; ich will es dafür belohnen."
Der Kleine wollte nicht mitgehen und meinte, denn ihm graute vor der häßlichen Frau; aber die Mutter befahl es ihm ernstlich, weil sie e« doch für eine Sünde hielt, der alten, schwächlichen Frau diese Last allein aufzubürden; halb weinend tat er, wie sie befohlen, raffte die Kohlhäupter in ein Tuch zusammen und folgte dem alten Weibe über den Markt hin.
Es ging nicht sehr schnell bei ihr, und sie brauchte beinahe drei Biertel- ftunben, bis sie in einen ganz entlegenen Teil der Stadt kam und endlich vor einem kleinen baufälligen Hause stillhielt. Dort zog sie einen alten rostigen Haken aus der Tasche, fuhr damit geschickt in ein kleines Loch in der Türe, und plötzlich sprang diese krachend auf. Aber wir war der kleine Jakob überrascht, als er eintrat! Das Innere des Hauses war prachtvoll ausgeschmückt, von Marmor war die Decke und die Wände, die Gerätschaften vom schönsten Ebenholz, mit Gold und geschliffenen Steinen eingelegt, der Boden aber war von Glas und so glatt daß der Kleine einigemal ausgleitete und umfiel. Die Alte aber zog ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche und pfiff eine Weise darauf, die gellend durch das Haus tönte. Da kamen sogleich einige Meerschweinchen die Treppe herab; dem Jakob wollte es aber ganz sonderbar dünken, daß sie aufrecht auf zwei Beinen gingen, Nußschalen statt Schuhen an den Pfoten trugen, menschliche Kleider angelegt und sogar Hüte nach der neuesten Mode auf die Köpfe gesetzt hatten. „Wo habt ihr meine Pantoffeln, schlechtes Gesindel?" rief die Alte und schlug mit dem Stock nach hinten, daß sie jammernd in die Höhe sprangen; „wie lange soll ich noch so dastehen?"
Sie sprangen schnell die Treppe hinaus und kamen wieder mit ein paar Schalen von Kokosnuß, mit Leder gefüttert, welche sie der Alien geschickt an die Füße steckten.
Jetzt war alles Hinken und Rutschen vorbei. Sei warf den Stab von sich und gleitete mit großer Schnelligkeit über den Glasboden hin, indem sie den kleinen Jakob an der Hand mit fortzog. Endlich hielt sie in einem Zimmer stille, das, mit allerlei Gerätschaften ausgeputzt, beinahe einer Küche glich, obgleich die Tische von Mahagoniholz und die Sofas, mit reichen Teppichen behängt, mehr zu einem Prunkgemach paßten „Setze dich, Söhnchen", sagte die Alte recht freundlich, indem sie ihn in die Ecke eines Sofas drückte und einen Tisch also vor ihn hinstellte, daß er nicht mehr hervorkommen konnte. „Setze dich, du hast gar schwer zu tragen gehabt, die Menschenköpfe sind nicht so leicht, nicht so leicht."


