Ausgabe 
12.7.1927
 
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d Steindruckerei, D. Lange, Gießen.

Verantwortlich: vr. Hans Lhyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch-- un

langen Sitzen auf Bewegung, auf Spiele oder Gange begierig geworden, , ober auf ein Buch, und war völlig frei bis zum Mittag, wo es meistens j etwas Gutes gab. Zufrieden schlenderte ich nach Hache, ungefüllt mit , freundlichen Gedanken und Gesinnungen. Die Welt war tn Ordnung, e» ließ sich in ihr leben. Friedfertig trabte ich durch Flur und Treppe hinaus.

In meinem Stübchen schien Sonne. Ich sah nach meinen Naupen- kästen, die ich gestern vernachlässigt hatte, fand ein paar neue Puppen, gab den Pflanzen frisches Wasser.

Da ging die Tür.

JK achtete nicht gleich darauf. Nach einer Minute wurde die Stille mir sonderbar: ich drehte nrich um. Da stand mein Vater. Lr war blaß und sah gequält aus. Der Gruß blieb mir im Halse stecken. Ich sah- er mußte! Er war da. Das Gericht begann. Nichts war gut geworden, mch^ abgebüßt, nichts vergessen! Die Sonne wurde bleich, und der Sonntag- morgen sank welk dahin.

Aus allen Himmeln gerissen starrte ich dem Vater entgegen. Ich haßte ihn, warum war er nicht gestern gekommen? Jetzt war ich auf nichts vorbereitet, hatte nichts bereit, nicht einmal Reue und Schuldgefühl. sind wozu brauchte er oben in seiner Kommode Feigen zu haben.

Er ging zu meinem Bücherschrank, griff hinter die Bücher und zog einige Feigen hervor. Es waren wenige mehr da. Dazu sah er mich an, mit stummer, peinlicher Frage. Ich konnte nichts sagen. Leid und Tr tz würgten mich.

Was ist denn?" brachte ich dann heraus.

"Woher hast du diese Feigen?" fragte er, mit einer beherrschten, leisen Stimme, die mir bitter verhaßt war. '

Ich begann sofort zu reden. Zn lügen. Ich erzählte, daß ich die feigem bei einem Konditor gekauft hätte, es sei ein ganzer Kranz gewesen. Woher das Geld dazu kam? Das Geld kam aus einer Sparkasse, die ich gemem- snm mit einem Freunde hätte. Da hatten wir beide alles kleine Geld hineingetan, das wir je und je bekamen. Uebngens hier war die Kasse. Ich holte die Schachtel , mit dem Schlitz hervpr. Jetzt war bloß noch ein Zehner darin, eben weil wir gestern die Feigen gekauft hatten.

Mein Vater hörte zu, mit einem stillen, beherrschten Gesicht, dem ich nichts glaubte.

Wieviel haben denn die Feigen gekostet?" fragte er mu der zu leisen Stimme.

Eine Ntark und sechzig."

Und wo hast du si« gekauft?

Beim Konditor."

Bei welchem?"

Bei Haager." , .

gab eine Pause. Ich hielt die Geldschachtel noch in frierenden Fingern. Alles an mir war kalt und fror.

Und nun {ragte er, mit einer Drohung in der Stimme:Ist das wahr?" r . . .

Ich redete wieder rasch. Ja, natürlich war es wahr, und mein Freund Weber war im Laden gewesen, ich hatte ihn nur begleitet. Das Geld hatte hauptsächlich ihm, dem Weder, gehört, von mir war nur wenig dabei.

Nimm deine Mütze," sagte mein Vater,wir wollen miteinander zum Konditor Haager gehen. Er wird ja wissen, ov es wahr ist.

Ich versuchte zu lächeln. Nun ging mir die Kälte bis zu Herz und Maaen. Ich ging voran und nahm im Korridor meine blaue Mutze. Der Vater öffnete die Glastür, auch er hatte, feinen Hut genommen.

Noch einen Augenblick!" sagte ich,ich muß noch schnell hinaus- geben." . ,

Er nickte. Ich ging auf den Abtritt, schloß zu, war allem, war noch einen Augenblick gesichert. O, wenn ich jetzt gestorben wäre.

Ich blieb eine Minute, blieb zwei. Es half nichts. Man starb nicht. Es galt standzuhalten. Ich schloß auf und kam. Wir gingen die -treppe hinunter.

Ms wir eben durchs Haustor gingen, fiel mir etwas Gutes em, und ich sagte schnell:Aber heut ist ja Sonntag, da hat der Haager gar n* Nas^ war eine Hoffnung, zwei Sekunden lang. Mein Vater sagte ge­lassen:Dann gehen mir zu ihm in die Wohnung. Komm.

Wir gingen. Ich schob meine Mütze gerade, steckte eine Hand in die Tasche und versuchte neben ihm daher zu gehen, als sei nichts Besonderes los. Obwohl ich wußte, daß alle Leute mir ansahen, ich sei ein abgefuhrter Verbrecher, versuchte ich doch mit tausend Künsten, es zu verheimlichen. Ich bemühte mich, einfach und harmlos zu atmen; es brauchte niemand zu sehen, wie es mir die Brust zufammenzog. Ich war bestrebt, ein arg­loses Gesicht zu machen, Selbstverständlichkeit und Sicherheit zu heucheln. Ich zog einen Strumpf hoch, ohne -daß er es nötig hatte, uud kachelte, während ich wußte, daß dies Lächeln furchtbar dumm unb künstlich aus- sehe. In mir innen, in Kehle und Eingeweiden, saß der Teufel und würgte mich. -

Wir kamen am Gasthaus vorüber, beim Hufschmied, beim Lohn­kutscher, bei der Eisenbahnbrücke. Dort drüben hatte ich gestern abend mtt Weber gekämpst. Tat nicht der Riß beim Auge noch weh? Mein Gott! Mein Gott!

Willenlos ging ich weiter, unter Krämpfen um meine Haltung be­müht An der Adlerscheuer vorbei, die Bahnhofstraße hinaus. Wie war diese Straße gestern noch gut und harmlos gewesen! Nicht denken! Weiter I Weiter!

Wir waren ganz nahe bei Haagers Haus. Ich hatte in diesen paar Minuten einige hundertmal die Szene voraus erlebt, die mich dort er­wartete. Niin waren wir da. Nun tarn es.

Aber es war mir unmöglich, das auszuhalten. Ich blieb stehen.

Nun? Was ist?" fragte mein Vater.

Ich gehe nicht hinein", sagte ich leise.

Er sah zu mir herab. Er hatte es ja gewußt, von Anfang an. Warum hatte ich ihm das alles vorgespielt., und mir so viel Mühe gegeben? Cs hatte ja keinen Sinn.

Hast du die Feigen nicht bei Haager gekauft?" fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

Ach so", sagte er mit scheinbarer Ruhe.Dann können mir ja wieder nach Hause gehen."

Er benahm sich anständig, er schonte mich auf der Straße, vor den Leuten Es waren viele Leute unterwegs, jeden Augenblick wurde mein Vater gegrüßt. Welches Theater! Welche dumme, unsinnige Quai! Ich konnte ihm für diese Schonung nicht dankbar sein.

Er wußte ja alles! Und er ließ mich tanzen, ließ mich meine nutzlosen Kapriolen vollführen, wie man eine gefangene Mails in der Drahtfalle tanzen läßt, ehe man sie ersäuft.. Ach, hätte er mir gleich zu Anfang, ohne mich überhaupt zu fragen und zu verhören, mit dem Stock über den Stopf gehauen, das wäre mir im Grunde lieber gewesen als diese Ruhe und GerSchiigkeit, mit der er mich in meinem dummen Lügengespinst einkreiste und langsam erstickte. Ueberhaupt, vielleicht war es besser, einen graben Vater zu haben, als so einen seinen und gerechten. Wenn ein Vater, so wie es in Geschichten und Traktätchen vorkam, im Zorn oder in der Be­trunkenheit feine Kinder furchtbar prügelte, so war er eben im Unrecht, und wenn die Prügel auch weh taten, so kannte man doch innerlich die Achseln zucken und ihn verachten. Bei meinem Vater ging das nicht, er war zu fein, zu einwandfrei, er war nie im Unrecht! Ihm gegenüber wurde man immer klein und elend.

Mit zusammengebissenen Zähnen ging ich vor ihm her ins Haus und wieder in mein Zimmer. Er war noch immer ruhig und kühl, vielmehr er stellte sich so, denn in Wahrheit war er, wie ich deutlich spürte, sehr böse. Nun'begann er in seiner gewohnten Art zu sprechen.

Ich möchte nur wissen, wozu diese Komödie dienen soll? Kannst du mir das nicht sagen? Ich wußte ja gleich, daß deine ganze hübsche Ge­schichte erlogen war. Also wozu die Faxen? Du hältst mich doch nicht tm Ernst für so dumm, daß ich sie dir glauben würde?"

Ich biß weiter auf meine Zähne und schluckte. Wenn er doch aushören wollte! Als ob ich selber gewußt hätte, warum ich nicht mein Verbrechen gestehen und um Verzeihung bitten konnte! Als ob ich selber auch nur gewußt hätte, warum ich diese unseligen Feigen stahl! Hatte ich das denn gewollt, hatte ich es denn mit Ueberlegung und Wissen und aus Gründen getan?! Tat es mir denn nicht leid? Litt ich denn nicht mehr darunter als er?

Er wartete und machte ein nervöses Gesicht voll-famer Geduld. Einen Augenblick lang war mir selbst die Lage vollkommen Har, im - Unbewußten, doch hätte ich es nicht wie heut mit Worten sagen können. Es war so: Ich hatte gestohlen, weil ich trostbedürftig in Vaters Zimmer gekommen war und es zu meiner Enttäuschung teer gesunden hatte. Ich hatte nicht stehlen wollen. Ich hatte, als der Vater mcht da war, nur spionieren wollen, mich unter seinen Sachen umsehen, seine Geheimnisse belauschen, etwas über ihn erfahren. So war es. Dann lagen Feigen Da, und ich stahl. Und sofort bereute ich, und den ganzen Tag gestern hat « ich Qual und Verziveiflung gelitten, hatte zu sterben gewünscht, Witte mich verurteilt, hatte neue, gute Vorsätze gefaßt. Heut aber ja, hem war es nun anders. Ich hatte diese Reue und all das nun ausgekostet, ich war jetzt nüchterner, und ich spürte unerklärttche, aber riesenstarke Widerstände gegen den Vater und gegen alles, was er von mir erwartete und verlangte.

Hätte ich ihm das sagen können, so hätte er mich verstanden. ,Aber auch Kinder, so sehr sie den Großen an Klugheit überlegen sind, stehen einsam und ratlos vor dem Schicksal.

Steif vor Trotz und verbisseneni Weh schwieg ich weiter, ließ ihn klug- reden und sah mit Leid und seltsamer Schadenfreude zu, wie alles schief ging und schlimm und schlimmer wurde, wie er litt und enttäuscht war, wie er vergeblich an alles Bessere in mir appellierte.

Als erfragte:Also hast du die Feigen gestohlen?,", konnte ich nur nicken. Mehr als ein schwaches Nicken brachte ich auch nicht über mich, aD er wissen wollte, ob es mir leid tue. Wie konnte er, der große, kluge Mann, so unsinnig fragen! Als ob es mir etwa Ni ch t leid getan hatte. Ms ob er nicht hätte sehen können, w i e mir das Ganze weh tat und Herz umdrehte! Als ob es mir möglich gewesen märe, mich etwa gm noch meiner Tat und der elenden Felgen zu freuen!

Vielleicht zum erstenmal in meinem kindlichen Leben empfand >H fast bis zur Schwelle der Einsicht und des Bewußtwerdens wie namenlos zwei verwandte, gegeneinander wohlgesinnte Menschen sich mHverst-> un-d quälen und martern können, und wie dann alles Reden, alles S ß» seinwollen, alle Vernunft bloß noch Gift hmzugießt, bloß neue Qualen, neue Stiche, neue Irrtümer schafft. Wie mar das

möglich, es geschah. Es war unsinnig, es war toll, es war zum -acrAn und zum Verzweifeln aber es war so.

Genug nun von dieser Geschichte! Es ^dete damit, daß ich über den Sonntagnachmittag in der Dachkammer Welche freilich

ihrer Schrecken verlor die harte Strafe dura) Umstande, lr

mein Geheimnis waren. In der dunkeln, unbenutz en Bodenkammer j an nämlich tief verstaubt eine Kiste, halb voll mit alten Auchern von denm, einige keineswegs für Kinder bestimmt waren. Das Lucht zum ~e]en g wann ich durch das Beiseiteschieben eines Dachziegels. ,

Am Abend dieses traurigen Sonntags Sekang es meinem Baten W vor Schlafengehen mich noch zu einem kurzen Gespr ch z Mr

uns versöhnte. Ms ich im Bette lag, hatte ich die Gewihhe t daß er nn ganz und vollkommen verziehen habe vollkomm-. m i 1_