Ausgabe 
12.7.1927
 
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Gießener Kmilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

ZahrgangM? Dienstag, den;2.Zuli Kummer 55

Neuland.

Bon Leo Sternberg.

Hebers Gebirge stürzen die Rosenkaskaden anglühenden Morgens in die Welt herein.

Korallenriffe,

Palmen tragende,

von Feuergewölk umschäumt, spiegeln in meine Augen, in denen noch golöne Inseln schwimn.v vom vergangenen Tag.

Wohin fassen, weltstürmende Arme?

Was holt ihr in euren Hafen, versunken« Augen?

Vierzehn MiMonsn für einen Zahn.

Eine Novelle von Leo Matthias.

Die Geschichte, ine ich erzähle, hat sich vor einigen Jahren in Marokko zugetragen und ist in den Akten des englischen Generalkonsulates in Tetuan nachzulesen.

Es ist die Geschichte eines Mannes und eines Vermögens, und die erstaunlichste, die ich jenßals gehört habe: viel erstaunlicher, als die Ge­schichte der großen Lotteriegewinner oder Diamantensucher denn daß jemand das große Los gewinnt, wenn er Lotterie spielt, oder Diamanten dort findet, wo sie zehntausend andere suchen, ist nicht gegen Sinn und Verstand; daß aber jemand Millionen verdient, weil er einer Kabylin einmal einen Jahn ausgeschlagen hat, ist selbst in der Geschichte der abenteuerlichen Vermögen ein ungewöhnlicher Fall. Auch hat die Ge­schichte, abgesehen von diesem Faktum, noch das Absonderliche, daß John Hasehurst der Manu, der diesen Zahn ausschlug nicht wie die meisten Multimillionäre als Zeitungsjunge begann, sondern zur Zeit jenes Vorfalles bereits zwanzig Jahre lang in Manchester einen kleinen Laden hatte, dessen Spezialität ein reiches Sortiment von Hornknöpfen aller Größen und Farben waren . . .

Ich habe John Hasehurst nicht persönlich gekannt und weiß daher nicht, ob er zu den Menschen gehörte, die ein halbes Leben lang von jedem verkauften Hornknopf einen Viertelpfennig beiseite legen, um im fünfundvierzigsten Jahre als Kapitalist nachzuholen, wozu sie im achtzehnten als armer Schlucker zu feige waren. Genug: John Hasehurst landete eines Tages in Ceuta, um eine Vergnügungsreise durch Marokko zu unternehmen.

Ceuta die langweiligste Stadt der Welt entzückt« ihn. Dinge, die er bisher nur aus den illustrierten Blättern kannte, wurden für seine Hände zum erstenmal greifbar: er sah zwischen europäischen Häusern zmn ersten Male arabische, die wie viereckige Zuckerstücke aus ihrer flachen oder schmalen Kante lagen; er sah zum ersten Male tropische Patios und auf den Straßen Menschen, die keine Hofen trugen, sondern einen farbigen Umhang, der beim Gehen manchmal die nackten Beine sehen ließ.

John Hasehurst reiste selbstverständlich mit Cook, denn er war ein ängstlicher Mensch, und die Gefahr, irgendwelche Ueberraschungen zu er­leben, wenn er Ceuta verließ, um sich die weitere Umgebung anzusehen, war bo^er ziemlich gering. Automobile, in denen zehn bis zwanzig Per­sonen saßen, brachten ihn von Ceuta nach Tanger und nach Alcazar Kabir, und noch der letzte Ausflug, den er kurz vor feiner Abreise unter­nahm, wäre sicherlich in der gleichen ruhigen Weife verlaufen, wenn dieser Tag nicht gerade ein Regentag gewesen wäre und die meisten fremden es vorgezogen hätten, in der Stadt zu bleiben. Abgesehen von zwei Franzosen und dem Dolmetscher, der den Wagen ständig begleitete, war John Hasehurst daher der einzige, der nach Zoco el Had fuhr.

Marokkanische Straßen sind schlecht, sie waren an diesem Regentage fast unbefahrbar; kurz hinter einem Kabylendorfe, das von Aeckern ein- gsschlossen ist, blieb der Wagen stecken, rind Hasehurst sowie die beiden Franzosen waren gezwungen, auszusteigen; mit vereinten Straften ver­lachte man, den Wagen aus dem Schlamm zrr ziehen. Da die Versuche trog der aufmunternden Kommandos des Dolmetschers jedoch ver- waren, so blieb schließlich nichts anderes übrig, als sich nach kräftigeren Armen umzusehen; der Chauffeur wurde in das Dorf geschickt, und nach einer halben Stunde waren auch Kabylen, Männer und

Frauen, zur Stelle. Mit Geschrei und Arbeit gelang es, den Wagen wieder flott zu machen.

Ob es nun aber an der Ungeschicklichkeit des Chauffeurs gelegen hat oder, wie die Kabylen später behaupteten, an seiner Rüchsichtslosigkeit, der Stiel einer Sense, die einer der Kabylen abgelegt hatte, um besser arbeiten zu können, wurde von dem Wagen beim Anrucken überfahren und zerbrach. Der Dolmetscher erklärte zwar sofort, daß der Stiel ersetzt werden würde, aber die Kabylen konnten sich über .diesen Vorfall nicht beruhigen; sie drohten mit ihren Gewehren und wollten den Wagen nicht weiterfahren lassen, bevor der Stiel nicht beschafft war; und da der Versuch, den Schaden durch eine Geldsumme gutznmachen, an der Höhe ihrer Forderungen scheiterte, so kam es zu einer Auseinander- setzung, in deren Verlauf sogar John Hasehurst erregt wurde, die Fäuste ballte und sie einer Kabylensrau Dors Gesicht hielt.

Es hat sich später wiederum nicht feststellen lassen, ob das Gesicht dieser Frau mit den Fäusten von Hasehurst dadurch in Berührung kam, daß die Frau plötzlich ruckartig ihren Kopf umdrehte und auf diese Weise unversehens an seine Fäuste geriet, die einer ganz anderen hingehalten worden waren (wie Hasehurst behauptet), oder ob Hasehurst die Frau tatsächlich geschlagen hat (wie di« Frau behauptet), die Begegnung zwischen ihrem Gesicht und Hafehursts Fäusten muß jedenfalls ziemlich heftig gewesen sein, denn die Kabylin verlor bei diesem Vorfall einen Zahn.

In Europa kann man sich in einem solchen Fall zum Staatsanwalt begeben und verlangen, daß der Uebeltäter wegen Körperverletzung be­straft wird. In Marokko hat man das gleiche Recht, aber die Strafe besteht nicht in einer Verurteilung zu Geld oder Gefängnis, sondern der Kläger hat einen Anspruch auf Vergeltung. Der alte Satz: Äug' um Auge, Zahn um Zahn ist noch heute das Grundprinzip des islamitischen Strafrechts, und das Ansinnen der Alten, über das John Hasehurst zuerst mit Recht empört mar, bestand daher in nichts Geringerem, als daß John Hasehurst sich verpflichten solle, ihr bis zum nächsten Tage 12 Uhr den gleichen Zahn, einen Augenzahn der oberen Reihe, aus seinem eigenen Gebiß zu überbringen.

John Hasehurst lachte, die Franzosen lachten, und selbst der Dol­metscher meinte, daß die Angelegenheit durch das englische Konsulat in Ceuta leicht beigelegt werden würde. Man notierte sich den lllamen der Kabylin und forderte dann mit Nachdruck, den Weg jetzt endlich frei­zugeben. Aber wie auf Kommando stellte sich die gesamte Gesellschaft vor den Wagen und erklärte: das Auto habe sofort nach der nächsten Kreis­stadt, nach Tetuan, zu fahren, und zwar nicht mit drei, sondern mit vier Passagieren, denn einer von ihnen würde den Wagen begleiten, um zu verhindern, daß der Mann, der die Roheit besessen habe, einer Frau den Augenzahn auszuschlagen, sich der Gerechtigkeit Allahs entziehen könne.

Es blieb John Hasehurst und seinen Begleitern nichts anderes übrig, als nachzugeben; einer der Kabylen derselbe, der im Namen der ganzen Gesellschaft bisher die Unterhandlungen geführt hatte, stieg ein, hängte sein Gewehr von der Schulter, stellte es zwischen sein« Beine, und im 70-Kilometer-Tempo ging es nach Tetuan.

Hasehurst begab sich sofort zum englischen Konsulat. Er war davon fest überzeugt, daß er mit einer Geldstrafe aus dieser Angelegenheit herauskommen würde.

Seine Ueberraschung war jedoch außerordentlich groß, als er durch den englischen Konsul erfuhr, daß eine derartige Möglichkeit zwar be­stünde aber nur unter der Voraussetzung, daß die Kabylin, der Hase­hurst den Zahn ausgeschlagen habe, sowie ihre Verwandten mit dieser Lösung einverstanden seien. Sollten sie sich nicht bereit erklären, ein Siihnegeld anzunehmen, so bleibe nichts anderes übrig, als die Vermitt­lung des Sultans von Marokko zu erbitten: Man könne dann vielleicht erreichen, daß der Sultan durch einen feiner Beamten mit der geschädigten Familie verhandeln ließe. Auf die Frage, wie hoch der Zahn einer sechzigjährigen Kabylin zu bewerten sei, antwortete der Konsul, er würde raten, eine Entschädigungssumme von zehn Pfund anzubieten.

Als Hasehurst das Konsulat verließ, erroartete ihn der Kabyle bereits vor dem Eingang und erklärte sich im Laufe des Gesprächs bereit, den Vorschlag Hafehursts, zehn Pfrmd als Sühnegeld zu zahlen, in seinem Dorfe zu befürworten allerdings nur unter der Bedingung, daß Hase­hurst ihnr in Begleitung des Dolmetschers dorthin folge.

Man brach noch am gleichen Tage auf. Das Dorf wurde zusgmmen- ge rufen und der Vorschlag in Abwesenheit Hafehursts von Ser Ge­meinde beraten.

Nach etwa einer halben Stunde gab man ihm den Bescheid: daß die Kabylin nicht bereit sei, auf seinen Vorschlag einzugehen.

Hasehurst war verzweifelt. Er bat flehentlich,' die alte Frau sprechen zu büffen. Er bot zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig vergeblich, ffe beharrte darauf, Hasehurst sollte ihr den Eckzahn der oberen Reihe aus seinem eigenen Gebiß persönlich überbringen.