' Sn Begleitung des Kabylen fuhr man miß-mutig wieder nach Tetuan zurück, unterrichtete den englischen Konsul rind beratschlagte, was zu tun sei. Man einigte sich schließlich dahin, ein ausführliches Telegramm an den Sultan abzusenden.
Etwa vier oder fünf Tage blieb man ohne Antwort. Hasehurst hatte bereits den Plan gefaßt, Tetuan heimlich zu verlassen — als er eines Morgens feststellte, daß er nicht von einem, sondern von fünf Kabylen bewacht wurde, und daß man sogar seine Telephongespräche belauschte. Erst am sechsten Tage wurde er in eine marokkanische Kanzlei gebeten, wo ihm in Gegenwart des englischen Konsuls «in höherer Beamter des Sultans erklärte, dis Versuche, die Kabylin von ihrer Forderung abzubringen, seien leider gescheitert — und da der Sultan nach i-slamifchem Recht ebensowenig wie ein europäischer Monarch die Möglichkeit habe, sein« Untertanen zu verhindern, Rechtsansprüche geltend zu machen, der Grundsatz des islamischen Rechts aber nun einmal das Taltonsprin.zip sei — so bedauere seine Majestät außerordentlich, den Wünschen Hafe- hursts und der englischen Regierung nicht entsprechen zu können. Im Gegenteil: Seine Majestät bäte, sich einer Entfernung des Zahnes nicht zu ^widersetzen, da man es sonst ihnr, dem Sultan, zürn Vorrvurf machen könne, den Fremden nicht eingesperrt zu haben; auch bestünde die ernst- haste Gefahr, daß das Dorf sowie die weitere Umgebung im Falle einer Widersetzlichkeit durch diesen Vorfall in Aufruhr geriete.
Hasehurst verwünschte sein L-eben und den Einfall, seine Sommerferien in Marokko zu verbringen; er saß stundenlang bei dem Konsul und beriet, was zu tun sei — er kam schließlich auf den einfältigen Gedanken, der Alten einen Zahn zu schicken, der ihm nicht gehörte. Aber der Konsul erklärte, daß sein Gebiß von den Kabylen untersucht werden würde, und daß man im Falle eines Betruges auch noch -den Sultan gegen sich hätte, der sich bisher wenigstens neutral verhalten habe. Es gehe dagegen aus den Erklärungen des Sultans hervor, -daß ihm außerordentlich daran gelegen sei, irgendwelche Zwistigkeiten mit der Bevölkerung sowie mit der englischen Regierung zu vermeiden, und falls Hase- Hurst daher den Mut haben sollte, dem Sultan zu erklären, -daß er nicht bereit sei, sich -den Zahn auszuschlagen, oder aris-schlagen zu lassen, so halte er, der Konsul, es für wahrscheinlich, daß der Sultan, um einen außen- und innenpolitischen Konflikt zu verhindern, versuchen würde, Hasehurst durch ein größeres Geschenk umzustimmen.
Ntan wird bereits erraten, wie diese Geschichte ausgelaufen ist. Die Spekulation des tüchtigen Konsuls war richtig. Auf die Weigerung Hase- Hursts, sich einen Zahn auszuschlagen oder ausschlagen zu lassen, erklärte der Sultan, er fei bereit, John Hasehurst einen Wunsch zu erfüllen, der die Grenzen seiner Macht nicht überschreite.
Hasehurst wünschte sich daraufhin, auf Anraten des Konsuls, ein Stück Land im Rif-Gebirge — das ihm als Eigentum auch einige Tage später bestätigt wurde.
Noch am gleichen Tage ging er zum Zahnarzt, ließ sich den Augenzahn der oberen Reihe aus seinem Gebiß entfernen, überreichte ihn feierlicb mit der rechten Hand dem Kabylen, indem er zugleich mit der linken die Oberlippe hob, um die Lücke in seinem Gebiß zu zeigen, und ging am nächsten Tage, als der Kabyle ihm erklärt hatte, daß das Dorf zufrieden- gestellt fei, zum Zahnarzt, um sich einen Ersatzzahn anfertigen zu lassen.
Drei Monate später begann er auf seinem Terrain mit Bohrungen, die, wie man allgemein vermutet hatte, ein positives Ergebnis hatten. Bereits im ersten Jahre warf die Erzausbeute der John Hasehurst Compagnie, Manchester — Zoca et Arba, einen Gewinn ab, der 700 000 Pfund gleich vierzehn Millionen Marb überstieg.
Dis Hsldrn des §p?sens.
Von Franz Blei.
In der Galerie merkwürdiger Porträts, durch die uns Franz Met in feinem soeben bei Ernst Rowohlt in Berlin erscheinenden Buch „Glanz und Elend berühmter Frauen" mit gewohnter Meisterschaft führt, findet sich auch das Bild einer Engländerin, deren kühner Abenteurersinn und männliches Wesen wie eine Vorahnung mancher modernen Frau erscheinen. (223)
In -den herrschenden englischen Familien gilt ein biologisches Haus- gesstz: jeweils entartet ein Glied in spleenige Exzentrizität. Meist ist's ein männlicher Sproß, zuweilen auch ein weiblicher. Wie im Falle der Familie Pitt, wo es einer Tochter Chathams und Lieblingsschwester Pitts zufiel, aus ihrer Che mit dem Baron Stanhope eine Tochter auf die Welt zu bringen, berufen, diese Welt in Erstaunen, Verblüffung und Bewunderung zu setzen: Hefter Stanhope, Statur eines Grenadiers und die männlichen Züge des Gesichts — die mächtige Pitt-Nase in die Luft gestreckt, die dunk-elblauen eindringlichen Pitt-Augen — ließen Metzern ed Ali, als er Hefter sah, als Naturgeschichte etablieren, daß es Männer, Frauen und Engländerinnen gäbe. Aber sie war-durchaus kein Mannweib. Die Mutter starb, als Hefter vier Jahre alt war. Man schrieb das Jahr 1780. Es kam eine Stiefmutter ins Haus, eine kühle Modedame, die das Kind einer Erzieherin überließ. Der Pater dirigierte von feinem mechanischen Laboratorium aus als rechter Haustyrann. Er hat das erste Dampfboot gebaut und die erste Rechenmaschine, aber in fein Clement kam er erst beim Ausbruch der sranzösischen Revolution, die er als Jakobiner des Hauses -der Lords verteidigte. Von Wagen und Pferdegeschirr entfernte er „diesen verfluchten aristokratischen Blödsinn", das Famiften- wappen. In diesem Hause muh ein etwas turbulentes Leben geherrscht haben: Hefter lief mit vierundzwanzig zu ihrer Großmutter Stanhope und zog nach deren Tod, drei Jahre darauf, zu ihrem Onkel Pitt. Bis zu Seifen Tode blieb sie bei i-hm, -drei Jahre: es war -die gesellschaftlich« Glanzzeit ihres Lebens.
Ihre Unterhaltung war von her Nonchalance, wie sie die Mode verlangt«. Aber das Eigenwillige, Jmpetuose ihres Wesens brachte selbst einen Lord Byron aus der Konten-ance. Verliebt in den schönen Lord Granville, übergibt sie sich ganz ihrem unbekümmerten Temperament.
Granville läßt es an nichts fehlen, mir heiraten, das nie, erklärt er und geht nach Petersburg. Hefter erzählt jedem, der schöne Lord habe sie sietzenlassen. Man schreibt 1810, als sie ihren Bruder nach Gibraltar in die Garnison begleitet — nichts als das, solche k-leine Reise von drei Wochen, wollte sie. Und kam nie mehr nach Europa zurück. War neu« uNdzwanzig Jahre lang die merkwürdigste Touristin, -die -die Welt gesehen hat. Bis zu ihrem Tode.
Mit ihrer englischen Jungfer, ihrem Arzt und einer großen Dienerschaft verläßt sie Gibraltar, landet in Malta, in Athen, geht nach Konstantinopel. Da verlangt es sie „ums Sterben, Napoleon mit eigenen Augen zu sehen". Aber der Minister Canning verhindert es, daß man ihr einen Paß ausstelle. Im Jahre 1811 macht sie sich nach Aegypten auf. Schiffbruch, den sie bei Rhodos erleidet, wirft fie auf einen Felsen. Dreißig Stunden verbringt sie da, bis man sie rettet. Sie muß dazu türkische Männerkleider anziehen: sie hat sie ihr Leben lang nicht mehr ausgezogen. Sie blieb bei purpurroten, gel-bbestickten bauschigen Samthosen, Kaschmirturban, Brokatweste, brillantenbesetztem Krummsäbel. Sie hält in Kairo ihren Einzug wie eine triumphierende Königin. Mehmed Ali erwartet und empfängt sie. Es ist wie eine Feerie, aber nicht ein bißchen komisch. Es -hat das alles den Ernst, wie er in solchem Ausmaß immer dem Spleen eigentümlich. Denn da aller Sinn und jedes gesteckte Ziel diesem seltsamen Gehaben fehlen, ist es Spleen.
Weiter geht es nach Jaffa, Jerusalem, Damaskus. Mrs. Fay, die Jungfer, mußte sich auch zu Hosen -bequemen, aber im Herrensitz zu reiten, dazu war dieses brave englische Wesen nicht zu bewegen. Dazu fehlte ihr völlig -das nötige Pittische. Man warnt Hefter, nach Damaskus zu gehen: -der türkische Fanatismus würde nie eine unverschleierte Frau in Hosen dulden. „Ich mutz also den Stier bei den Hörnern packen", entscheidet -die nicht vom Wege zu bringende pathetische Reifende. Mittags um zwölf Uhr reitet sie in Damaskus ein. Erst ist das zusammengelaufen« Volk starr vor Entsetzen und Staunen. Dann hingerissen von dem siegessicheren, mächtig suggerierenden Wesen dieser hochgewachsenen Frau, der das blau« Feuer so aus den großen Augen strahlt. Das Außerordentliche dieser Erscheinung reißt die Phantasie -des Orientalen fort: sie nennen sie Königin. Ist sie es nicht?
Sie will die Ruinen von Palmyra besuchen. Eine militärische Eskorte, ihr vom Sultan von Damaskus angeboten, lehnt sie ab. Sie verläßt sich auf -die Gastfreunfchaft der Beduinen, die sie, entzückt von ihrem Reite», zu einem Mitglied ihres Tribus machen. Die Einwohner von Palmyra krönen sie unter den zerbrochenen Säulen von Zenobias Tempel mit Blumen. Diese Hefter, die überall in Syrien als königliches, ja übernatürliches Wesen empfangen wurde, befaß die Macht einer Königin, trotzdem sie nur eine feltsame Touristin war. 8lber sie hielt sich für mehr als eine schimärische Kaiserin und herrschte in der Tat. Wurde in der Wüste ein Gjaur ermordet, befahl sie Bestrafung der Verbrecher. Sie zwang die Regierung des Sultans zu einer Strafexpedition, welche zweiundfünfzig Dörfer zur Sühne niederbrannte und hundert Einwohner massakrierte. Die französische Kammer dankte ihr offiziell und seitlich. Sie sprach von den Arabern als „meinem Volk". Ihrem feindlichen Nachbar, dem ©mir Beschyr, bot sie die Stirn, daß er sich nicht muckste. Aber da wird wohl Canning nachgeholfen haben.
Sie hatte eine Residenz. Monatelang war sie an der Pest krank gelegen und hatte über die Nichtigkeit -der Welt meditiert. Sie sucht ein cm-- fames Felsenkloster im Libanon aus, nahe dem alten Sidon. Wieder, zum zweiten Male öffnet sich ihr das Tor, das ins Schattental des Vergessens führt Aber sie durchschreitet es nicht. Mit Erlaubnis des Sultans geht sie nach Askalon und gräbt in einem verfallenen Tempel nach einem Schatz von drei Millionen Goldstücken. Aber sie findet nur eine antike Statue, die sie von ihrem Arzt zu Staub zerschlagen laßt, um deutlich ihre Uninteressiertheit zu zeigen. 1816 macht sie sich auf den Weg, weiter hinein in den Libanon. In einem armseligen Dors macht sie halt für die zwanzig langen Jahre bis zu ihrem Tod«. Duhihun hieß ihr Residenzdorf. In ein paar Steinhäusern bringt sie sich und ihr Gefolge, es ist nicht mehr so groß, als da sie auszog, unter. Legt einen ©arten an, ©run und Blumen, ein Stückchen auf -dem steinigen Fels, mit dorn Blick aufs Mittelmeer. Zuweilen tarnen neugierige Europäer dahin, manche erhielten Zutritt, erzählten von ihrer Gröhe. Von -der Hellseherei, die sie, abergläubisch geworden wie ihre arabische Umgebung, trieb. Berichteten von den zwei -heiligen Pferden, die sie immer bereit hielt und die sie an der Seite des erweckten Mahdi, des Messias, nach Jerusalem tragen sollten.
Sie bestreitet das Budget ihres seltsamen Kaiserreiches ohne Grenzen aus ihren eigenen Misteln. Sie macht Schulden bei Wucherern. Ihr« englische Dienerschaft -bestiehlt sie und läuft davon. Niemand ist mehr bei ihr als ihr kindischer Arzt und ein paar eingeborene Weiber und Kinder. ^er Arzt hörte ihr zu und schrieb auf. Er ist der Historiograph dieses Hofes und Reiches. Tagsüber liegt die Kaiserin zu Bett, des Nachts sitzt sie auf, blickt durch das Dunkel in die Ferne, weint, träumt, raucht die Wasserpfeife, prüft -di« Schneide ihrer arabischen Streitaxt, denn zuweilen packt sie ihr altes Temperament, daß sie ihren Haushalt mit mächtigen Wor anhonnert, die Axt schwingend. Der Haushalt besteht den stehlenden Dienstboten, die alles verfaulen und verfallen lassen, und drei ->utzeno
Mm mhlischen Freunden längst zerfallen bis auf genjlteg Bruder, den Lord Havdwick, bekommt sie kurze Mitteilung, daß man ) Pension dazu verwenden werde, ihre Schulden zu bezahlen, . $
Skandal würden. Hefter schreibt einige heftig-J »rwe an Sfalmerfton, die Königin, Wellington. Ohne l^n ©rfol-g. brM snsamrmn.^ Cs resigniert dieses leere Herz. Sie schickt ihren letzten G
^S°e"ist über sechzig Jahre alt, als sie im Juni 1839 vom Tode aus ihrem schattenhaften Reich in das Reich der Schatten ^gerufen tm paar Dienstleute stehlen sofort alles, was tragbar ist. Das kleine steinerne ^aus aus -dem roten gAügel inmitten eines verwilderten verdorrten Gärtchens ist leer. Nur die Tote ist da, liegt langgestreckt auf einem ze lumpten Bett, die spitze Nase sticht noch spitzer als tm Leben in die Luft Katzen schreien die Totenklage in die Sternennacht.


