Ausgabe 
12.4.1927
 
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Sie durchsuchten die Zimmer, sich suchten treppauf, treppab, Melu- Sne entdeckte seine Mütze, die Köchin stöberte die Schlittschuhe auf, aber utje selbst, der sich vorhin so ausgelassen mit den, Kasper gebärdet hatte, blieb verschwunden.

Trinken wir nun Tee oder trinken wir keinen Tee?" fragte Herr von der Lydt mit hochgezogenen Augenwulsten. Man setzte sich verstört ohne Ontje an den Tisch.

Halt doch deine Hände ruhig, Kind!" sagte Frau von der Lydt zu Hinnerk,wenn du dir Zucker genommen hast, so reich ihn bitte weiter! Wo mag das Kerlchen nur stecken? Wie ist das denn überhaupt zugs­gangen, daß er euch abhanden gekommen ist? Habt ihr nicht miteinander­gespielt?"

Doch," sagte Hinnerk,nur zuletzt . . ." Er wurde rot.

Was zuletzt?"

Melusine hustete.

Was will Melusine?"

Sie? O nichts! Sie wollte nur sagen, Hinnerk verriete ja doch nichts, aber sie wollte nur sagen, daß Ontje ein unanständiges Kaspertheater ge­macht hätte, und Hinnerk hätte sich so geschämt, und . . . und . . . Kurz­um, sie sank nicht eher auf ihren Stuhl zurück, als bis sie alles auf Tüttelchen erzählt hatte.

Herr von der Lydt goß sich Arrak in den Tee.Der Lümmel betritt mein Haus nicht wieder."

Es war nicht jo schlimm, Vater, es war anders . .

Melusine hat also die Unwahrheit gesagt?"

Nein . . . aber. . ."

Die Sache ist erledigt. Wenn du es für nötig hältst, Melusine, die Sotüsen dieses Bengels zu Hause zu erzählen, so vergiß nicht hinzuzu- fügen, daß ich gesagt hätte: wenn er sich noch einmal in meinem Hause blicken liehe, jagte ihn der Knecht mit der Peitsche davon/'

Nein, Vater!"

Was wagst du da . . . Hinaus! Auf der Stelle hinaus!"

Aber, Karl, laß doch den Jungen erst einmal . . . ich verstehe dich nicht . . ."

Hinaus!"

Hinnerk stürzte aufweinend weg.

Frau von der Lydt rieb sich in kochender Unruhe dis gefallenen Hände vor ihrer Brust.Bist du sicher, daß du jetzt nicht zu hart warst, Karl?" Ich weiß, was ich tu. Du hast mich doch verstanden, Melusine?" Ja . . . sie wollte nur noch sagen, Hinnerk wäre vorhin ins Wasser gefallen. Ontje hätte gesagt, sie wollten einmal über die offene Rinne springen, und da . . .

Ins Wasfer gefallen? Hinnerk? Ich ... ich ... ich begreife das noch gar nicht! Richtig ins Wasser gefallen? Gerechter Himmel, wie weit denn? Doch nicht ganz und gar? Ich ahnte doch so etwas, ich ahnte doch so etwas! Er ift krank, Karl, er hat das Fieber! Dr mußt ihm verzeihen! Mein armes Kind, Väterchen verzeiht dir ja!" Sie watschelte geschwind zur Tür hinaus. ----

Nein, keine toorge", sagte der Arzt, als Herr von der Lydt ihn gegen Mitternacht an den Schlitten begleitete. Ein Strom von Licht floß die bereifte Freitreppe hinab, das Pferd vor dem Schlitten schüttelte sich und ließ die Schellen durcheinanderklirren. Wie gesagt, die Temperatur, eine Folge der Aufregung, würde morgen früh wieder gesunken fein. Wenn die Herrschaften jedoch, für alle Fälle, morgen in den Nachmiltagsstunden den Schlitten noch einmal übers Eis schicken wollten, er hielte sich be­reit, aber vorläufig, wie gesagt, keine Sorge.

Der Himmel stand hoch und klar über den Stallgebäuden, Milliarden Sterne flimmerten.

Schönen Dank, Herr Doktor!"

Nichts zu danken, ich berechne Ihnen Nachttape, hoho, die Welt ist voller Gerechtigkeit! Nichts zu danken!"

Der Schlitten klingelte in dis dämmerige Nacht hinaus.

Die Meinung des Doktors bewegte sich also in dieser Richtung. Nun trau einer der Wissenschaft! Frau von der Lydt wußte, was ihre Pflicht war, fie faß an Hinnerks Belt.

Wie dem auch fei, manche Mütter haben einen watfchligen Gang, aber ihr Herz ist voll von Güte. Ein Kind trägt so schwer an Geheimnissen. Vielleicht blinzelt das Nachtlicht so freunWch, vielleicht ächzt draußen die Luft vor Kälte, die Finsternis streicht ack den Fenstern hin, hier drinnen ist es fo still, ein bißchen Feuer bollert im Ofen, das Federbett macht warm und schlaff, es riecht nach Tee und Honig, der kleine Mensch sehnt sich nach einer Hand, die dann und wann kühl über feine Stirn fährt, nach einem Herzen, auf das er feinen Kummer abladen kann.

Da kam es denn heraus, als Frau von der Lydt mit ihrem Jungen flüsterte und ihm feinem Vater gegenüber recht gab und vor lauter Sorge und Zärtlichkeit mehr Torheiten sagte, als sie je würde verantworten können, da kam es denn heraus, was für Dinge sich zwischen Hinnerk und Ontje, der ihm als ein Held und brausender Kamerad erschienen war, was für verzückte Dinge sich zwischen ihnen begeben hatten, die Prügel, die auf Ontjes Haupt gefallen waren, die Blutsbriiderfchafi und alles das mit­einander. Es kam auch heraus, daß Ontje heute nachmittag als ein an­derer aus Spiel und Uebermut aufgetaucht war, und daß Hinnerk sich nun vor ihm fürchtete, ob er wollte oder nicht, und daß Melusine fo schön ausgefehen hätte.

Frau von der Lydt lächelte nicht über Hinnerks Beichte. Niemand konnte ensthafter als sie mit ihrem Bungen über allerlei Tand und Jrrsal reden. Im Grunde lag ja alles fo einfach: Ontje durfte sich nicht mehr sehen lassen, fort mit ihm! Aber sie lächelte nicht, sie legte ihren Kopf neben Hinnerk auf Kiffen und erdachte vielfache Pläne und ver­warf sie wieder. Hinnerk war eifrig dabei. Ach, wie gut es war, eine Mutter zu haben! Sie verstand alles, sie wußte für alles einen Rat. Wer in aller Welt hätte wohl verstanden, daß die Blutsbrüderschaft nicht so ohne weiteres aus sein konnte? Aber die Mutier sand das ganz

selbstverständlich.Kein Wort weiter darüber, Hinnerk, das ist ganz selbstverständlich! Dafür war dergleichen denn doch zu heilig." Nein, sie wollte einen Brief an Ontje schreiben, sie selbst. Die Blutsbrüder mußten einander das Bruderfchaftswort zurückgeben, anders war es wohl nicht D machen.Was meinst du dazu, Hinnerk?" Denn bei- fammen bleiben konnten fie ja nicht mehr, ach nein, Melusine ober Ontje, so stand die Sache jetzt! War Melusine nicht das schönste Mäd­chen weit und breit? Die Mutter wußte so viel, sie wußte auch vom Blut etwas, von der Kraft des Blutes und von den Ahnen und vom fremden Blut und von der Ebenbürtigkeit. Oh, Worte für erwachsene Männer eigentlich, Worte voller Beschwörung und Andacht, uralte Worte! Hinnerk hatte nie davon gehört, aber nun wußte er es. Am besten war es wohl, er überließe alles, alles der Mutter, nicht wahr?

Ja, liebe Mutter!"

Ontjes Leden verlief nicht still, ein Ereignis löste das anders ab. Einmal hob sich ein Traum aus einer kleiner Musik empor, ein liebes Antlitz, ein Menschenkind mit dunklem Haar und weißen Händen. Ontje stürzte sich mit der ganzen Wildheit seines Wesens darauf, es gab nun nichts andres um ihn her. Morgens, wenn er aufwachte, griff er in die ßuft: Hinnerk! In der Schule: Hinnerk! Wir werden zusammen eine Burg bauen, dachte er, mir werden Krieg führen, heute werden wir Schlitt­schuh laufen, wir werden einander nahe sein. Es kamen sogar Stunden, in denen all dies Verlangen Wirklichkeit wurde, holde, inbrünstige Wirk­lichkeit, daß er betrunken umherschwankte, Stunden, in denen er mit Hinnerk Hand in Hand mar. Es ereignete sich einmal, daß Hinnerk ihn küßte, ihr Blut floh zusammen, unerhörte Dinge ereigneten sich. Wenn Ontje abends vor dem Einschlafen daran dachte, muhte er vor Glück aus dem Bett springen und zum Fenster hinaussehen. Schneeflocken wirbelten auf das gegenüberliegende Dach, der Lichtschein der Straße stieg herauf, der Wind blies gegen die Scheiden, es war Nacht. Dann lag er noch lange wach und überzählte die läge, die ihn von Hinnerk trennten. Nächsten Sonntag sollte er mit Hinnerks Pferdeschlitten aus­fahren. Er dankte Gott, daß er ihm Hinnerk gegeben hatte.

Das mar nun alles vorbei. Kein Wort weiter davon, alles war vor­bei! Worauf sollte man sich noch freuen? Ein Tag sah aus wie der andere. Kleine Begednisfe fanden ja statt, ja, ja, aber was wollten sie viel besagen! Der Vater las die Zeitung, die Mutter schälte Kartoffeln, draußen schneite es. Ontje lebte nicht gern. Nirgends lauerte ein Glück, nie überfiel einen mehr ein Geheimnis, wenn man vielleicht zwischen den Borftobtgärten spazieren ging ober durch eine Efeuwand guckte. Das Leben regle sich noch in der Ferne, o gewiß, der Schneeslurm warf einen Baum auf das Straßenpflaster, ein Haus brannte ab; Ontje war zur Stelle. Aber lieh die zerschmetterte Linde etwa fein Herz erzittern? Brachte der Brand etwa fchlaflofes Umherwälzen und Oual und Herr­lichkeiten mit sich? Eine zerschmetterte Linde war eine zerschmetterte Linde. Lohnte es sich überhaupt, davon zu reden? Wo in Teufels und Satans Flamen gab es denn etwas, das wert geroefen märe, sich darum $u kümmern? Ontje wollte sich nicht geradezu aufhängen, nein, bas nicht. Zehn Tage . . . gut, sagen wir vierzehn Tage . . . vierzehn Tage wollte er noch umhergehen und nach etwas Gewaltigem Ausschau hallen. Fanb er nichts, bann taugte das Leben eben keinen Pfifferling, bann brauchte man morgens nicht aufzusiehen und sich zu waschen unb grohinächlige Anstalten zu machen, bann konnte man eben so gut im Bell liegen blei­ben unb sich bie Decke über ben Kopf ziehen, Tag unb Nacht. Man konnte auch auf ben Trockenboben Hellern unb sich aufhängen, wahrhaftig.

Das waren feine Gebauten.

Aber bie Tage unb Rächte gingen hin, unversehens war eine Woche herum, eine Woche, zwei Wochen ... ein Monat.

Einmal, als Ontje allein zu Haufe faß, brachte der Postbote einen Brief für Herrn Ontje Arps, Linbenstraße 27.

Lieber junger Fretinb . . ." Da hatte nun Hinnerks Mittler un­zählige Worte auf ein buflendes Papier geschrieben. Ontje verstand nicht alles, manches verstand er gut. Hinnerk war krank, niemand durfte ihn besuchen . . .Wer weih' wie lange der Zustand andauert, mein Mann und ich sind sehr in Sorge. Und so müßt ihr euch denn trennen, und bie Blulsbrüberfchafl muh ein Enbe haben." Es war ein langer Brief mit wundervollen Worten . . .Deine Mütze und die Schlittschuhe wird Jan gelegentlich bei dir abgeben, wenn er einmal in bie Stabt fährt. Es grüfjt freunblid) Johanna von der Lydt . ."

Die Blulsbrüberfchafl muh ein Ende haben. So, muß sie das? Danke chön, sie war schon zu Ende, ja lange. Er biß die Zähne zusammen und ah trotzig vor sich hin. Heute nachmittag sollte zwischen der Linden- kraße und der Königsallee eine Schneeballschlacht ftattfinben. Aber bie Linbenstraße halte den 17 Kämpfern vor der Königsallee nur 11 eigne Leute gegenüberzuflellen. Denk einer an! Wie sollte das gut ab­laufen! Ontje halte viele Sorgen in dieser Zeil.

Wem ist bie Seele des Menschen zu vergleichen? Sie ist ganz und gar wir ein (Sorten bie Jahreszeiten hindurch. Aber die Seele eines Knaben ist wie ein (Sorten im März. Da leuchten ein paar Blumen auf, die Erde wird von fchnielzendeni Schnee überriefelt, sie duftet und ruht voller Ahnung. Später werden Rosen aufbrechen unb Tollkirschen, eins wirb ins anbre treiben, verworren schäumenb, bis alles hinsinkl in einen süßen Herbst. Gott steh uns bei! Aber bie Seele eines Knaben ist wie ein keusches Erdreich im Frühling. Wer hat die Knospenhüllen, die vor Seligkeit von Tag zu Tag schwellender dastanden, wer hat bie blassen Knospenhüllen aufreißen lassen, baß die Blüten herauszilterten? Nichts geschieht von selbst. Aber diese erbarmungslofe Tat vollbrachte wohl der Schmerz. Nun blüht die Blume über bas Gartenland. Die Zeil geht hin. Einst werben die Blüten sich in Früchte wandeln, es wird überaus mertmürig [ein, die Tage der Mannheil werden heraufdämmern. Ge­segnet seien bie Schmerzen ber Jugend!

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck unb Verlag: Brühk'sche Universiläls-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.