Ont!« ratschte zurück, zog die Rtemen fest uni) flog in rurzen Schwüngen auf die Rinne zu. Dicht davor duckte er sich nieder und schnellte hoch. Knall, da mar er drüben. „Bitte schön!
"^3 ja, jagte Hinnerk, aber Melusine meinte, an den Schwänzen ihres Pelzes reißend: „Hmnerk kann das audjl* y
„3d)? Nein, nein."
wa<®*e ^egte sich auf Hinnerk zu und zischelte mit zusammengebissenen Mynen: „Wenn ich nur meinen guten Mantel nicht anhätte, probierte tch s mal!
»Rein, Melusine, wir beide sind dazu nicht imstande."
Da rief sie schrill zu Ontje hinüber: „Siehst du, wie Hinnerk ist, er kann « natürlich auch, aber er prahlt weiter nicht damit. So ist Hinnerk"
Rm, gmg es wohl nicht anders, als daß Hinnerk seine Pelzkappe aufs «s warf und einen Anlauf nahm. Wie er absprang, preßte er die Augen £7 ®3 ein Giuck daß er wenigstens mit den Händen den Rand er- reichte. Ontje fischte ihn heraus.
„Was machst du denn für Geschichten! Schnell nach Hause, häng dich hinter mich, ich will dich ziehen!" u ’
Melusine lief um die Rinne herum und tarn kleinlaut mit der Pelzkappe herbei. „Hier, Hinnerk ..." 0
(St stülpte sie zähneklappernd auf. „Wir müssen hinten durch . . . dann werkt es keiner . . . Daß du nur . . . hobobobob . . . brr . . . daß Mine!" m*r ’ ' ' ^ou^e ' • • habobob . . . nichts sagst . . . Me-
, ,?nt*eE iah sie an. „Wer klatscht, der wird vechauen, daß er acht Tage nicht auf dem Stuhl sitzen kann. Das mag nun von uns treffen, wen es will!
Es gelang ihnen, durch die Küche über die Hintertreppe unentdeckt in Ennerts Zimmer zu schleichen. Herunter mit dem nassen Zeug, ordentlich abgetrocknet, bis die Haut brannte, wollene Unterwäsche an, so>
„Frierst du noch?"
„3d) glühe, du!"
Ontje nahm ihn in die Arme. „Wenn du jetzt unter dem Eise lägest, «rh ,ch wüßte ja gar nicht, was aus mir werden sollte!"
Hinnerk knüpfte seine Jacke zu, er schauderte, sie gingen ins Spielzimmer.
Aus einer quer durchs Zimmer gespannten Portiere hob sich die Bühnen- ösfnung eines Puppentheaters heraus. Ontje mutzte sich auf einen Stuhl Wen und den Zuschauer machen. Er sperrte Mund und Nase auf über die Wunder dieser Welt. Melusine klingelte, Hinnerk ließ den Vorhang auf- ^illen, und dann leiteten sie, hinter der Portiere verborgen, die seltsamen Gesten und Gespräche der Marionetten. Zuerst saß Ontje voller Ehrfurcht da Was war ein Kasperletheater gegen dies schwebende Gehäuse, in dem richtige kleine Menschen hin und her spazierten, mit dem Kopf wackelten und sich die Hände gaben! Ritter mit weißen Federbüschen, seidene Edelfraulein, und sogar ein Hund, der beim Bellen den Mund aufmachte und die Augen rollte.
Aber als der erst« Akt der Psalzgräfin Genoveva mit Tücherwinken und Tranen zu Ende war, wollte Ontje unbedingt wissen, wie das alles zusammenhing. Er kroch, nicht ohne daß Melusine protestierte, hinter die Portiere. „Wie mock)t ihr das?"
Hinnerk zeigte ihm die Kulissen, zog den Vorhang hoch und wechselte den Prospekt.
Hm ... so funktioniert das also. Aber nun die kleinen Menschen! Dies war beispielsweise der Pfalzgraf Siegfried.
Oh, denk einer an, wie schlau! Die Beine, die Arme, Kopf und Rücken, alles hing an dünnen Fäden. 3a, natürlich, wenn man das erst einmal wußte, konnte man das geheimnisvolle Leben wohl begreifen.
„Laß mich auch mal!"
So einfach, wie Ontje sich's dachte, war das Marionettenspielen nun doch nicht zu betreiben. Der Pfalzgraf Siegfried trat sich unter seinen törichten Fingern immerzu mit dem linken Bein vor den Kopf, und das rechte schlug er sogar akrobatisch am Rücken hinauf.
Hinnerk tanzte glückselig umher.
„Gib ihm beit Kasper", sagte Melusine.
„Habt ihr auch einen Kasper?"
Mit dem Kasper verstand Ontje schon besser umzuspringen. Der klingelnde Bursche ging, wenn auch knickebeinig, über das Bühnenhaus, «r faßte sich an die Nase und guckte lächerlich um die Ecke.
„Haha, mit dem Kasper macht er es wunderbar. 3ch finde, jetzt soll Ontje Theater spielen, und wir sind Zuschauer."
„Aber ich weiß nur Kasperstücke und so."
„3a, jar
Gut, Ontje hatte sich im Sommer nicht umsonst die Nachmittage vor den Kasperbuden aufgehalten. Dergleichen Späße wollte er wohl fertig kriegen. Und am Ende konnte er dieser hochnäsigen Melusine bei dieser Gelegenheit eins auswischen. Er hatte schon so ein Plänchen im Kopf.
--Laß doch mal eine Straße auf der Bühne sein," sagte er zu Hinnerk, „ober hast bu keine."
Doch, eine Straße gab es auch. Sie mürbe ausgestellt. Nun mochte Ontje m Gottes Namen anfangen. Er zog geschwinb ben Vorhang hoch... ach so ... er hatte ja die Puppen nod) nicht zur Hand. Der Vorlmng senkte sich wieder.
„Bravo!" rief Melusine. Hinnerk verbot ihr's sonst. Wer nun mar Ontje bereit. Er begann.
Kasper wankte knickebeinig die Straße entlang und klopfte an ein Haus „Melusine, süße Braut, dein Kasper ist bar — Kein Melusinchen »eß sich blicken. Eine alte Frau schwebte aus der Kulisse heraus. „Was machen Sie denn für einen Lärm vor meinem Hause, Ich bin Melusines t — Aber Kasper bekümmerte sich nicht weiter um sie, sondern brachte Melusine ein Ständchen:
Wie schön ist doch
Die Träne einer Braut, Wenn der Gesiebte ihr 3ns Auge schaut.
Da rief die Mutter nach Polizei und Feuerwehr. Was blieb dem armen Kasper anders übrig, als sie auf ben Kopf zu bauen. Sie fiel tot um. Aber ber Kasper fang:
Großmubber is bod, Großmubder is dod. 3a, bi« is den Büroei bod. Die mag noch Köm un Speck un Brot.
O im meine Seele, jetzt stürzte Melusine heraus! Sie reckte den Stech in die Luft und tauchte mit dem Kopf heulend gegen die tote Mutter. 3hre Tränen machten indes auf Kasper gar keinen Eindruck. Er umarmte fein Melusinchen, küßte sie und verlangt«, auf der Mutterleiche sitzend, noch einer Tasse Kaffee. Melusine schluchzte und wollte nichts von ihm wissen. Er fang:
Wie schön ist doch Die Trän« einer Braut, Wenn der Geliebte ihr Aufs Auge haut.
Und bann tat er auch danach. Sie wimmerte und versprach, sofort Kaffee herbeizubringen, und trippelte ins Haus. Kasper schleppte die Leiche weg.
Die beiden Zuschauer saßen schweigend da. Melusine sah Hinnerk von der Seite an, er merkte es wohl, starrte aber bedrückt geradeaus. So etwas durfte Ontje doch nicht fingen! Und daß Kasper auf ber toten Mutter saß . . . nein . . . Wenn nur Melusine nicht Zeuge von allem dem gewesen wäre! Er wußte schon, was sie nun in ihrem triumphierenben Sinn dachte. Das ist nun dein Freund, dachte sie.
Ontje merkte von alle dem nichts, er klingelte und klapperte mit Eifer hinter den Kulissen und übersann den großen Schlag, den er gegen Melusine führen wollte.
Kingking. Kasper kam zurück und schrie nach seinem Kaffee. „Hier ist er schon, lieber Kasper." — Er kostete und spuckte. Pfui Teufel, wo sie denn die Bohnen zu diesem Gesöff gekufat hätte? ... Die Bohnen? 3n ber Büchse wären keine mehr gewesen, und da hätte sie überall gesucht, unb mit einem Male hätten im Ziegenstall so viele gelegen, und da ... So ein Hornvieh von Braut! Na, wenn man auch Melusine hieße, was wäre da weiter zu erwarten!
Dergleichen schreckliche Späße, ersonnen für Straßenjungen und ihresgleichen, für Zigeunerwesen und 3ahrmarktstrubel, dergleichen Spaße brachte Ontje in seinem Uebermut vor. Da wußte sich Hinnerk keinen anderen Rat, als daß er Melusine leise bei ber Hand nahm unb s'ch aus dem Zimmer tastete. Der Herr Theaterdirektor ward's in fernem Feuer nicht gewahr unb agierte vor bem leeren Parkett weiter.
Er lieft ben Pfalzgrafen Siegfried als Schutzmann auftreten. Der Mord an Melufinens Mutter war entdeckt, Kafper sollte sterben. „Ach, nur das nicht", sagte er unb weinte, „bas wäre mein Tod!" — „Du wirst gehängt werden!" — „Lieber Herr, das halte ich gar nicht aus, da habe ich and) gar keine Zeit zu . . ."
ißrao gesagt, ein Gespräch voller Schalk mit einigem Anstand vorgebracht. Aber niemand kugelte sich vor Lachen. Der Fußboden knisterte. 3n einem entfernten Zimmer erhob sich, gedämpst durch die Wände, ein dunkler Celloakkord. Ein Klavier umwogte ihn zaghaft mit Mondlicht.
Ontje horchte auf. „Kommt hier auch ein Orgelmann her?" fragte er aus seinem Versteck heraus. — Schweigen. — Das Cello ließ ben Akkord in eine lange Melodie ausklingen. Nein, das war kein Orgelmann. — »Du, Hinnerk, was ist das eigentlich?" — Keine Antwort. — „Hinnerk."
Er guckte unter der Portiere durch und fand das Zimmer leer. Sie haben sich versteckt, dachte er und suchte hinter dem Schrank, hinter dem Pult, hinter dem Ofen, aber als er nichts auftrieb, flackerte ein Schrecken roie ein Blitzschlag durch sein Blut. Nein, nein, sie lauerten gewiß hinter der Tür, um ihn zu überfallen, wenn er hinauswollte. Er klinkte auf. Seine Ohren brausten. Nichts geschah. Er trat auf ben Flur. Die Musik, bi« ihn vorhin aufgestört hatte, setzte roieber «in, sie kam aus einem Zim- mer amEnde des Flurs. Er schlich sich hin. Die Tür war angelehnt. Hineinspähenb, erblickte er gleich Melusin«, bie vor einem flachen Klavier hockte. Neben ihr saß Hinnerk unb hatte eine große Geige an sein Knie gelehnt, auf ber er, fein Ohr der Melodie entgegenneigend, bedachtsam spielte. Und dos war so golden und weh, wie die beiden da beteinanber- saßen unb ihre Musik so weich zusammenschweben ließen. Wenn Ontje doch nur wieder fortgekonnt hätte! Ader er mußte, so jammervoll ihm auch zu Mute war, mit angehaltenem Atem lauschen und starren, er mußte auch ben ganzen Schmers ertragen, daß es zwei fremde Menschen, kinder waren, denen er zusah, Melusine unb Hinnerk hießen sie . . . unb Hinnerk . . . wildfremd für Ontje, geboren in einer fernen Schönheit und Melodie, anderswo geboren. Leb wohl, Hinnerk! Lieber Gott, er konnte noch nicht fort!
Das Cello schwieg, has Klavier erklang noch eine Weile allein, bann schwieg es auch.
-,Ball> haben wir's heraus," sagte Hinnerk unb zupfte an einer Saite, „nur beim Stakkato muht du ein bißchen schneller mitkommen."
„Du hast gut reden, da gehen meine Hände über Kreuz k"
„Und ich habe Doppelgriffe, bitte sehr!"
Sie sah ihn lauernd von der Seite an. „Was ich sagen wollte, Hinnerk . . . du muht wohl wieder zu deinem Freunde gehen . . .?*
„Ja, wir müssen wohl wieder hineingehen, nur . . . Du, ich fürchte mich fast davor ... ich fürchte mich vor Ontje . . . Wir haben hier so schön Musik gemacht, nicht wahr? 3ch kann dein Haar gut leiden, bu!"
Ontje glitt auf ben Zehen die Treppe hinunter, er Netz Mütze unb Schlittschuhe im Stich. Niemand begegnete ihm. —
Nach einer halben Stunde dröhnte der Gong zum Tee durchs Haus. »Ontje!* Wo war Ontje: „Dnt—je!"


