Ausgabe 
12.4.1927
 
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WstterpropheLen ernst und jetzt.

Don Prof. Dr. L. Weick in a n n, Leipzig.

Es ist nicht verwunderlich, daß die Menschen sich von altersster ihre Gedanken über das Wetter gemacht haben, von bem ja fast Tag für Tag ihr Leben und ihre Arbeit wie ihre Erholung beein­flußt wird. Es ist auch ganz begreiflich, dah das Wetter das be­liebteste Änterhaltungsthema ist, es gibt nur noch zwei Dinge, Die gleich einflussreich sind, das Geld und die Liebe. Aus drei Quellen hauptsächlich fliehen die Anschauungeii des Volkes über das Wetter. Die ergiebigste und wohl zugleich älteste ist die Astrologie, ihr folgt die Religion, endlich die Beobachtung. Natürlich lassen sich nicht selten auch in ein und derselben Anschauung Spuren aus allen dreien Nachweisen. Wieviel wir aus den astrologischen Theorien, des Altertums und des Mittelalters in unsere Zeit hinein gerettet haben, wissen die wenigsten. Dah unsere ganze Zeiteinteilung der Woche mit sieben Sagen auf die früher nur bekannten sieben Planeten znrückgeht, sagen uiis heute noch unsere Wochentagsbezeichnungen.

Da man von jeher gewisse anscheinend periodisch wiederkehrende Dorgänge im Wetter beobachtet hatte, und einer der markantesten davon, die Jahresperiode, deutlich mit dem Stande der Sonne zu­sammenhing, auherdem die Ebbe und Flutbewegung der Meere mit dem Monde sich veränderte, so lag an sich der Schluß nahe, dah auch die anderen Wandelsterne ihren Cinfluh auf die Erde haben mühten. Je geheimnisvoller die selbständigen Dahnen dieser Planeten schienen, desto näher lag die Dermutung, dah auch geheim­nisvolle Zusammenhänge der Planeten mit dein menschlichen Leben vorhanden fein mühten, und vor allem glaubte man, und tut es z. T. auch heute noch an den Einfluß der Planeten aufs Wetter. Da man jedem Planeten eine bestimmte Natur andichtete, heiß, kalt, trocken, nah usw., so brauchte man nur jedem Jahr einen Planeten als Regenten beizugeben und hatte dann im Wechsel von sieben Jahren alles, was man brauchte. Für die einzelnen Monate untersuchte man dann die sog. Konjunktionen, d. h. das Zusammen- treffen der Planetenstellung mit einem Tierlreiszeichen und konnte daraus dann den Charakter des Monats feststellen, z. B. Jupiter im Zeichen des Wassermanns bedeutet natürlich viel Negen.

Auf diese einfache, auf unbegrenzte Zeiten anwendbare Weise ist z. B. der sog. 100jährige Kalender entstanden, der seinen Namen nicht, wie viele meinen, daher hat, dah er auf lOOjähriger Erfahrung beruht, sondern daher, dah er im Jahre 1700 von dem Kulmbacher Abt Knauer auf 100 Jahre voraus berechnet worden ist, eben auf Grund der sieben Planetenperiode. Durch solche Planetenkalender wurde im übrigen nicht nur das Wetter geregelt, sondern man erfuhr auch gleich, an welchem Tage man sich zur Ader lassen, oder sich baden solle usw. Wenn mehrere Planeten innerhalb eines Monats bei einem bestimmten Tierkreisbilde zur Konjunktion kamen, so wurde das Bild der Witterung entsprechend variabel.

Ein anderer Dolksglaube bezieht sich auf einen der Planeten ganz besonders, das ist der gute Mond. Während die meisten Mondgläubigen den Einfluß des Mondes nur für Vollmond und Neumond gelten lassen, haben die Propheten sich mehr oder weniger komplizierte Shsteme ausgedacht. Es hat im Laufe der Zeit über 100 Wetterpropheten gegeben, die alle in der Hauptsache auf den Mond ihre Hoffnungen gesetzt haben, sie alle fanden ihr Publikum, und manch einer hat viel Geld verdient, einige sind sozusagen mit einem Schlage berühmt geworden. Zu ihnen gehört der Engländer Murphy, der einen Wetterkalender für das Jahr 1838 herausgab, in dem er schrieb:Der 20. Januar 1838 wird voraussichtlich die tiefste Wintertemperatur bringen. Siehe da, das Thermomeier sank in London an diesem Sage aus 20 Grad Celsius, eine für London ganz unerhört tiefe Semperatur. Der Ruhm Murphys war ge­macht, sein Kalender erlebte in einem Jahre 45 Auflagen und er verdiente rund 60 000 Mark, für die damalige Zeit eine sehr an­ständige Einnahme. Srohdem seine übrigen Prognosen zu über 50 Prozent gänzlich falsch waren, lebte er noch zehn Jahre lang von seinem langsam verblassenden Ruhme; der letzte Kalender er­schien 1848, fand aber keinen Absatz mehr.

Auch in unseren Sagen gibt es solche Propheten.- Wenn man ihre Prognosen an Hand der genauen Aufschreibungen des Wetters prüft, so findet man meist etwas über 50 bis 60 Prozent Treffer, das ist in Wirklichkeit der Beweis für Dlindlingsprognosen, die man sich auch an den Knöpfen abzählen kann, denn es ist ja ebenso schwierig, lauter falsche Prognosen zu machen als lauter richtige. Nun soll man allerdings nicht denken, daß die zunftmähige Wissen­schaft die Mondfrage abgelehnt habe. Man könnte eine ganze Bibliothek füllen mit den wissenschafttichen Untersuchungen, die zum Nachweis eines ONondeinflufses angestellt sind und einzelne schwache Spuren eines solchen wurden auch entdeckt, die aber hinter den anderen mächtigeren Faktoren gänzlich zurücktreten.

Die zweite Gruppe, die hier in Betracht kommt, beschäftigt sich vor allen Dingen mit dem Einfluß der Heiligen des christlichen Kalenders auf das Wetter, und die dritte Gruppe endlich fußt auf Beobachtung. Es handelt sich bei den oft in Reimen gefaßten Wetter­regeln entweder um merklich mehr oder weniger auftretende Erschei­nungen, die dann einem um die fragliche Zeit treffenden Heiligest zugeschrieben werden, oder sie entbehven jeder Begründung und scheinen nur dem Reim zuliebe festgehalten zu werden. Auf Beobach­tung beruhen z. D. die sog. Eisheiligen, ein durch sorgfältige Alnter- suchungen wiederholt bestätigter, in der ersten Hälfte des Mai ein­tret enber Kälteeinbruch ober Regeln, wie .Matheis bricht's Eis, hat er kelns, so macht er eins", was die ebenfalls als häufig beobach­tete Erscheinung wiedergibt, daß im allgemeinen ber Winter mit Ausgang Februar (Matthäus ist am 24. Februar) auch fein Ende findet, daß aber in einem abnorm warmen Winter oft gerade Ende Februar eine Kältewelle einseht. Merkwürdig ist, daß für die

markante Erscheinung des großen, säst alljährlich austretenden Kälte­einbruchs Mitte Juni keine Kalenderregel gilt, die den Namen eines Heiligen trägt, sie ist nur bekannt unter dem Namen der Schafkälte, weil sie in die Zeit der Schafschur fällt, bei der sich die Schafe meist erkälten.

Es ist eine sehr amüsante Aufgabe, die mehr oder weniger große Gründlichkeit, Tiefe und Zuverlässigkeit solcher Bolksanschauungen an der Hand des Beobachtungsmaterials zu prüfen. In dieser Be­ziehung hat also die moderne Forschung sich durchweg auf den Stand­punkt gestellt, nicht unachtsam an diesen Schätzen einer lOOjährigest Erfahrung vorüberzugehen, sondern sorgfältig die Spreu vom Weizen zu trennen.

Zum Schluß sei noch kurz auf die Astrometeovologie eingegangen, an der ihre Anhänger mit besonderer Zähigkeit festhalten. Neuers Untersuchungen haben ergeben, daß es in der Tat beim Wetter Regelmäßigkeiten, Gesetzmäßigkeiten und Perioden gibt, die aber ihren Grund hauptsächlich im Dau ber Erdoberfläche, nicht aber in irgendeinem geheimnisvollen Einfluß der Planeten haben. Z. D. ber nordamerikanische Kontinent ist Sommer und Winter Urheber mehr oder weniger regelmäßiger Wellen, die in die allgemeine Zirkulation ber Atmosphäre eintreten.

Wenn man nun den Rhythmus verfolgt, der in gewissen Vor­gängen der Atmosphäre steckt, so findet man, daß es aus der Nord­hemisphäre die Zeiten 6, 8, 12 und 24 Tage, auf der Südhemisphäve 7, 12, 16 und 32 Tage sind. Es ist also ein Rhythmus vorhanden, der sehr nahe mit der Mondphasenlänge zusammenfällt, aber nicht der Mond ist es, der dieses atmosphärische Instrument zum Schwingen bringt, sondenr die Erde selbst gibt den Ton an.

So bietet sich uns durch sorgfältige wissenschaftliche Forschung häufig alter Glaube in neuem Gewände. Es ist zu hoffen, daß damit mancher Zwiespalt zwischen dem Laien und dem Gelehrten, der in der Wetterkunde auch in unseren Tagen noch vorhanden ist, schwinden wird. Oft steckt im Volksglauben ein Körnchen Wahrheit, aber es ist tief verborgen, und nur sorgfältige Gelehrtenarbeit vermag es an das Tageslicht zu befördern.

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Natürlich!" ,lrh

,/Öas sollst du wohl bleiben lassen", lachte Melusine und legte ) geschmeidig in einen Bogen.

mal aufpassen!

Sie waren in die Nähe von Weyerhorst gekommen. Herr von der bym hatte am Mittag Eis schlagen lassen, ein Streifen offenen Wassers zog M einiger Entfernung vom Ufer dunkel hin.

Wer kann hier rüberfpringen?" frug Ontje.

Mit Schlittschuhen?"

Ontje Arps.

Erzählung von Manfred Hausmann.

(Schluß.)

In Brathude kletterte Ontje aus dem Zug. Vormittags war eine feine Schneewolke über das Dorf hingestäubt, nun lagen die Dächer und Gärten verwundert unter dem silbernen Anhauch, der nicht wieder weichen wollte. Die Sonne schien frostig herab. Es schlug drei Uhr. Ontje lies, um warm zu werden, klappernd die Straße entlang, er schwang seine Schlittschuhe im Kreise und atmete Dampfwolken in die Lust. Im Vorbeilungern fing er sich eine Handvoll Schnee von einer Mauer, die er zu einer Zigarre zusammendrückte und behaglich verspeiste. Als er an der Northeschleuse stand, konnte er ganz dahinten, jenfeit der vereisten Wiesen, Weyerhorst im Dunst der winterlichen Ebene liegen sehen. Zuweilen sausten Schleier aus Schneestaub über die Eisfläche, drehten sich glitzernd in die Sonne empor, schlugen zurück und stoben weiter. Ontje band seine Schlittschuhe fest und schwenkte sich mit den Schleiern dahin Hei, wie verwegen ihm heute ums Herz war hier draußen in Sonne und Eis! Man konnte das Licht mit den Händen packen, man konnte den Frost mit der Zunge ein« schlürfen! Ein weißer Wirbel schimmerte hoch und warf sich mit scharfem Prickeln an ihm vorbei. Er kniff die Augen zu und stampfte auf. Weiter! Ratsch, ritsch, ratsch, ratsch.

Als er drei Viertel des Weges hinter sich hatte, glitten ihm zwei Punkte entgegen, wurden größer, wurden Menschen, er glaubte Hinnerk zu er­kennen. Ja, der eine war Hinnerk! Und der zweite? Es sah fast fo aus, als ob es Melusine . . . natürlich Melusine! Ontje ließ sich vom Winde treiben und ärgerte sich. , . ,

Nachher stellte sich heraus, dah Melusine sogar aus Stahlschlcktjchuhen lief. Ontje und Hinnerk besaßen nur hölzerne mit einer Cisenschiene, wie es sich für Menschen gehört, die nicht über himmelschreiende Reichtümer verfügen. Aber das muhte man Melusine lassen, sie brachte auf ihren angeschraubten Dingern die erstaunlichsten Kunststücke zustande, sie Wim Bogen, vorwärts und rückwärts, sie beschrieb eine Acht und wiegte sich im Walzertakt. Immerhin brauchte man deswegen nicht gleich so ge­waltige Lobesworte im Munde zu führen, wie Hinnerk es für nötig zu halten schien.

Ontje nahm ihn beiseite.Jedesmal, wenn ich dich besuche, ist öie|« Hexe mit ihren {tätigen Beinen da." .

Meine Eltern laden sie oft ein, weiht du, sie mögen sie gern leiden.

Ich könnte sie anspucken."

Sie ist eben ein Mädchen, weißt du, aber als Mädchen finde ich j>« ganz nett. Mein Vater fagts auch."

Er nahm feine Pelzkappe ab und zupfte daran herum. Machte es ihn verlegen, ein Mädchen zu verteidigen? Seine Stirn rötete sich, er sah zur Seite. Gott mochte wissen, was er in seinen Gedanken vor Ontje verbarg!

Sieh mal," sagte er,im Schlittschuhlaufen ist die besser als mir, das kannst du nicht abstreiten."

Ontje wollte zugeben, daß sie sich ein bißchen aufs Bogenschneideii ver­stünde. Aber könnte sie vielleicht mit Schlittschuhen springen? Jetzt sollte er