„Geht's ihm denn gut?"
Mutter Witters nickte schweigend. Was ihre Söhne schrieben, war ihr Geheimnis, davon brauchte kein Mensch viel zu wissen, nicht mal die eigene Tochter.
„Oft doch wohl gut, daß er Seemann geworden ist. Mutter."
„Ist 'n leichtes Volk, Deern, liegt zuviel in den Schenken."
Das Mädchen wiegte leise den Kopf. .Ich freue mich doch, daß Milli Seemann ist." IXnö nach einer Weile fuhr sie leiser fort; .Vielleicht hört er mal was vom Vater."
Mutter Willers sah sich jäh um, ihr war, als hätte die andere ihre Gedanken belauscht, und sie wollte auffahren. Aber dann, als sie das frohe Gesicht ihrer Tochter sah, überkam sie ein weiches Gefühl, wie sie es seit langer Zeit fast vergessen hatte. And leise antwortete sie: .Ja, Gesa, vielleicht hört er mal was von Vater."
„Daß wir wissen, wo er gestorben ist."
Doch einmal wollte Mutter Willers etwas Hartes sagen, aber dann fühlte sie, daß die Tränen kamen und daß sie hätte weinen «üssen, wenn sie nicht nachgab.
.Du hast so selten von Vater gesproc^n, Mutter!"
„3a, das hab' ich"
Mutter Willers schüttelte schweigend den Kopf, sie antwortete nicht. Das Mädchm horchte eine Weile, man hörte ihre tiefen Atemzüge.
„Hast nichts mehr gehört von ihm?"
Da kain es noch einmal mit harter Stimme: „Aach Jahre» drei hab' ich mal 'n Brief gekriegt, er wollt wieder besser werden. Aber ich hatt's schwer mit den Jungs damals, Gesa."
Das Mädchen zog den Stuhl an das Fenster und lehnte sich an die Mutter. „Wenn man doch vorher wüßte, Mutter, wie es werden wird, später mal."
Die sah langsam auf. „Wen meinst du?"
Gesa erschrak, stand hastig auf und machte sich am Lisch zu schaffen. Mutter Willers aber blieb am Fenster, starrte über den dunklen Strom, auf dem fern ein paar Lichter durch den Regen glänzten und sann vor sich hin.
And sie dachte an die Zeit, in der sie die Kinder groß geinacht hatte, dachte an die fünfzehn Jahre, die hinter ihr lagen, voll Sorge und Angst um die Jungs, die anders werden sollten als der Vater. Wie eine einzige Arbeit erschien ihr die Zeit. Aber es war zu Ende seht, es war Frieden im Haus. Die Jungs waren nüchtern geblieben, waren draußen im Leben, und man sprach in Ehren von den Willers/
Wenn jetzt noch einer um Gesa kommen wollte!
Fünf Tage hatte der Westwind angehalten und hatte sprühende Regenböen über das Land gejagt. Dann war er zum Sturm geworden: der fuhr den Strand hinaus, heulend und wütend, wirbelte die Wolken zusammen tote Wogen, die aus der Kimmung im Westen auf fliegen und wild über den Himmel fuhren.
Mutter Willers saß wieder am Fenster und grübelte. Sie fühlte sich tränt seit einigen Tagen. Ein unruhiges Gefühl erfüllte sie, als müßte etwas Schweres kommen mit dem Sturm.
Klas war gestern vom Bauern gekommen, hatte fein Handwerk an den Aagel hängen und Seemann werden wollen. Daß der Jung ihr doch das Leid antun konnte! And dabei war es nicht geblieben. Ec war in den Krug gegangen, hatte sich Geld geben lassen und hatte die halbe Rächt getrunken.
Grad so, wie's bei seinem Vater angefangen hatte, genau so! Aber der Jung war doch nicht fort. Den wollte sie halten, der sollte schon zurück zum Bauern, noch hatte sie zu sagen im Hause.
Die alte Frau nickte ängstlich. Und heute morgen war Dierk von Finkenwärder gekommen mit Lars Jochimso-n, so daß nun bald alle zusammen waren. Grad wie zum Begräbnis. Ob das etwas bedeuten sollte?
Mutter WillerZ schüttelte sich. Wenn das Wetter doch erst vorbei wäre, das Kranke, das Grauen, das mit der steigenden Dunkelheit über Tische und Wände kroch. Seit Mittag hatte sich auch die Deern nicht sehen lassen. Warum die wohl kein Licht anmachte? Die alte Frau wollte sich aufrichten in ihrem Stuhl, aber sie war zu schwach und sank zurück. Da rief sie nach unten: „Gesa, Gesa!"
Statt dessen kamen schwere Tritte die Treppe heraus. Horchend beugte sie sich vor. Das war der Jung. And dann war da noch ein anderer.
Die Angel knarrte, Dierk trat ein, hinter ihm Lars Jochimson. Der blieb in der Tür stehen, drehte die Mütze verlegen in der Hand und wartete. Aber Dierk lachte über das ganze Gesicht wie ein großer Schelm, ging zum Stuhl und griff nach den dürren Händen, die da lagen.
„Mutter, Mutter, denk doch mal, Gesa und Lars Jochimson haben sich lieb, Mutter, und Lars ist doch mein bester Freund, ist das nicht fein?“
Die alte Frau fuhr mit einem Ruck auf. All ihre Schwäche schien vergangen. Langsam kroch sie aus dem Stuhl und ging auf Lars zu.
„Du willst meine Deern." Sie prüfte ihn langsam von dem Scheitel bis zu den Füßen. „Dollst sie haben, Lars Jochimson." Heber ihr graues Gesicht fuhr es wie Freude. Leise wiegte sie den Kopf. „Du sollst sie haben, Lars, und das Unterhaus sollt ihr auch haben. Ich werde alt und bleib oben."
Sie sah erschöpft bei ihm vorbei, kroch langsam zum Stuhl zurück. »Das ist rein wie ein Wunder", sagte sie halblaut „und ich hatte! gedacht, es gäb ein Anglück im Haus. Ruf Gesa rauf 1“
Aber die stand schon unten an der Treppe, und als Lars rief, sprang sie flüchtig die Stufen hinauf. „Lars!“
Dierk stand schmunzelnd daneben, dann streichelte er ungelenk seiner Mutter Wangen. „Ist mein bester Freund, du, ist das nicht schön?" Er war ganz gesprächig. „So, nun ruh du erst mal aus, Mutter! Die beiden wollen doch nichts von uns wissen."
Die alte Frau nickte, halb glücklich, halb ängstlich, fuhr mit zitternden Fingern über seine Hände und sah vor sich hin.
„Lars ist auch ’n bißchen leicht, Dierk. And Klaus ist wieder i» Krug."
„Ist alles die Freude, Mutter." Dierk lachte hell auf. „Mutter, Mutter, nun denk da nicht dran, nun freu dich mit“ Er packte ihre beiden Hände und lief mit schweren Stiefeln von einer Seite deS Stuhls zur andern, als wollte er tanzen, bis die Frau sich halb ärgerlich losriß: „Jung, so hab ich dich doch noch gar nicht gesehen."
Gesas Stimme fiel dazwischen: „Das hab ich wahrhaftig vergessen, Mutter, da steht noch einer in der Haustür, der wollt was von dir." And hell rief sie die Treppe hinunter: „Komm man rauf, aber bloß ’n Augenblick."
Der Wind draußen fuhr auf, trieb eine klatschende Regenbö« gegen das Fenster und jaulte und heulte mit dem brandenden Strom um die Wette.
Ein alter Mann mit roten aufgedunsenen Zügen trat schwerfällig in die Stube. Er sah neugierig von einem zum andern und ging zum Stuhl von Mutter Willers. „Dag, Anna..."
Er grinste unsicher mit verquollenen Augen um sich „Ra, Gesa, hast ’n Bräutigam? Die ist aber groß geworden, Anna!"
Gesa schrie laut auf. „Wer ist das, Mutter?"
Die alte Frau war zurückgefunken, stierte gegen die Decke unö rang nach Worten. Da sprang Dierk hinzu, stieß den Mann hart zurück und richtete sich auf: „Wer ist bas?“
Mutter Willers beugte sich vor und sah den andern mit flackerndem Auge an. „Was willst du?"
„Kennst mich doch, Anna!" Der Fremde sah sich verlegen um, von einem zum andern. Dann trat er unbeholfen aus das Mädchen zu: „Gesa, dein Vater!"
„Du lügst!" Mutter Willers hatte sich losgenestelt und aufgerichtet von ihrem Lager. Wieder schrie sie gellend auf, als könnt« der Schrei sie erlösen. „Du lügst!"
„Wer ist das, Mutter?" Dierks tiefe Stimme klang zitternd durch das Dämmern.
Mutter Willers sah sich um, sah fragende verstörte Gesichter, und aus ihren Augen brach eine verzweifelte, irre Ängst. Da schrie sie noch einmal auf: „Der lügt! Das ist ’n Falscher, ein Betrüger, das ist ein Friedensstörer —" und mit zitternder haspelnder Stimme neigte sie sich zum Fremden: „Hast du Papiere?"
Der Fremde wollte etwas sagen, bann zuckte er die Schultern, wandte sich langsam, ging mit schwankenden stolpernden Schritten zur Treppe und wartete dort. Dierk trat unsicher an den Stuhl.
Da saß Mutter Willers gebückt, zusammengekrümmt, und es war, als spräche sie mit sich selbst: „Vater war ’n Großer, Guter — das war ’n Starker, so wie Lars und die Jungs sind. Glaubt dem doch nicht, der lügt —“ Ihre Stimme wurde flüsternd: „Weg mit dem da, Dierk, das ist ’n Falscher, aus dem Haus mit dem!"
Lars Jochimson wandte sich langsam zum Fremden und schob ihn zur Treppe. Mutter Willers aber neigte sich und faltete die Hände, als wollte sie beten und es war doch, als würde sie kleiner und kleiner, als schrumpfte ihre Gestalt langsam in sich zusammen. „Vater war ’n Großer, Starker," murmelte sie, „wie meine Jungs —",
Arkona, Rethra, Vineta.
Von Friedrich von Oppeln-B rvnikowski.
In die Kämpfe der Rordgermanen und der Sachsen mit dem wendischen Heidentum Osteibiens führt ein neues Buch Carl Schn ch- Hardts, des bekannten Prähistorikers und langjährigen Leiters der vorgeschichtlichen Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde (Berlin, Hans Schoeh u. Eo. ZI), das den obigen Titel tragt Die einzelnen Abschnitte sind zwar schon früher in den Berliner Akademieberichten erschienen; da diese sich aber fast nur an Fachgelehrte wandten und zudem vergriffen sind, ist ihre Zusammenfassung und teilweise Erweiterung in Buchform, durch reiches Anschauungsmaterial unterstützt, lebhaft zu begrüßen. Aus alten Sagen und Chroniken wird hier der geschichtliche Kern heraus- geschält, und die seit der Renaissance an den verschiedensten Stellen gesuchten Oertlichkeiten werden genau bestimmt oder durch Ausgrabungen nachgewiesem Statt dilettantischen Herumratens streng wissenschaftliche Ergebnisse. Dies Buch verdient also von ledern Freunde deutscher Vorgeschichte gelesen zu werden. 3m folgenden sei nur in großen Zügen auf seine Ergebnisse hingewiesen.
Beginnen wir mit Rethra in Mecklenburg, der hochbernhmten Dempelburg der Wendenvölker, die dort, nach dem Bericht des Bischofs Thietmar von Merseburg, ihr gemeinsames Rationalheiligtum hatten, wo der höchste Licht- und Donnergott Suarasic, der „Sohn" des aus der altrussischen Aeberlieserung bekannten Stoarog, also der wendische Zeus, angebetet wurde. Das ihm heilig« Pferd schaffte, über Speere schreitend, Orakel; Rethra war also ein Delphi der Wendenstämme. In seinem Tempel wurden ihre Fahnen verwahrt; in ihn kehrten sie ein, bevor sie zum Krieg« auszogen; ihm stifteten sie nach den Kriegszügen einen guten Teil ihrer Beute. Im Jahre 1068 brach ein großer Wendenaufstand gegen das vorbringende germanische Christentum aus. Der Gegenschlag war ein Kriegszug des streitbaren Bischofs Durchard von Halberstadt, der das Rationalheiligtum zerstörte und auf dem heiligen Roh des Suarasic ins Sachfenland Heimritt. Wie tief die Erinnerung an diese Schicksalswende im Dolksbewußlsetn fortlebt, zeigt ein noch heute in Niederdeutschland gelungener Kinderreim:
Buko von Halberstadt, Dring doch meinem Kinde wat! — Wat fall ik em denn bringen? — Goldne Schoh mit Ringen!


