Der Eroberer des Tempelschatzes von Reihra galt als ein reicher Mann, den inan Wohl um eine Goldgabe bitten durste!
Mari hat Rcthra an den verschiedensten Stellen gesucht, miß- leitet durch eine Angabe des Chronisten Adam von 'Bremen, der es, gewiß nur vom Hörensagen, als Wasserburg auf einer Insel schil» dert, die nur aut einer Holzbrücke zugänglich war. Eine bessere und ältere Quelle ist der Bischof Thietmar von Merseburg, der Rethra als „dreihörnige" Burg beschreibt. Aber auch dieser Ausdruck hat ;u mißverständlichen Deutungen uird vergeblichem Suchen geführt. Zchuchhardt hat ihn richtig als „dreitorig" gedeutet und nordöstlich von Feldberg, auf dem sog. Schloßberg am Großen Lucinsee, eine slawische Burgmauer mit drei Torfundamenten ausgegraben, an die sich nach der Landseite noch eine mehrtorige Borburg anschloh. Die ür slawische Berhältnisse vorzüglichen Tonscherben und die großartige Anlage des Mitteltores, die Schuchhardt mit derjenigen der Propyläen in Athen vergleicht, lassen es als sicher erscheinen, daß dies die Stätte von Rethra war. Bon dem Tempel freilich hat sich tut noch die Plattform gefunden: er ist von den Siegern gründlich Zerstört worden.
Dreißig Jahre später haben die Dänen Bineta zerstört. Bineta st bekannt aus der Sage, als versunkene Stadt, die ob ihres Ueber- nutes vom Meere verschlungen ward, und deren Glocken manchmal noch aus der Wassertiefe heraufklingen. Als Jomsburg oder 3m» neta spielt es auch eine Rolle in der dänischen Jomsvikingersage neuerdings deutsch bei E. Diederichs in Jena), nämlich als Seefeste an der pommerschen Küste, und der schon genannte Adam von Bremen (1075) beschreibt es als blühende slawische Handelsstadt, die den Umschlagsverkehr zwischen dein östlichen Landhandel und den nordischen Ländern besorgte. Bineta war also ein nordisches Venedig, wo sich nordische, russische und sächsische (deutsche) Kaufleute .cafen. Es hatte sogar einen Leuchtturin. Das älteste war natürlich die Wikingerfestung, die um 950 gegründet worden ist. Rur kampf- äh'ge Männer wurden in sie ausgenommen; das Leben war brüderlich, alle Beute wurde geteilt. Es war also bereits ein Orden mit festen Regeln, eine Borform des Deutschordens in Ostpreußen. Die slawische Handelsstadt, die im Schutze dieser Seefeste ausblühte, erregte jedoch bald die Eifersucht der Dänen, und die Seeräubereien der Jomsburger führten zu'mehreren Strafexpeditivnen; bei der letzten (1098) wurden Stadt und Festung völlig zerstört. Kurz darauf wurden sie von einer Sturmflut verschlungen, und fortan lebt Jum» neta nur noch in der Sage von Bineta fort.
Man hat es an verschiedenen Orten gesucht, so am Koserower Rifs auf Afedom, dessen unter Wasser liegende Eesteinsmassen aber Reste einer Moräne der Eiszeit sind, oder in der Stadt Wollin (bei Saxo Grammaticus Julinum) an der Dievenow, dem östlichsten Mündungsarm der Oder, der aber im Mittelalt - nicht schiffbar war. Schließlich auch an der Peenemündung, au? der äußersten Spitze der Insel Asedom, und diese Lage entspricht d.<> alten Rachrichten, wonach es in der Rahe von Rügen gelegen hat. Hier sind auch große Veränderungen der Landkarte erfolgt: noch 1309 hat eine Sturmflut die Insel Rüden, die der Peenemündung vorgelagert ist, von Rügen losgerissen. An dieser dritten Stelle nimmt auch Schuch- hardt Bineta an: die Bodengestaltung unter dem ganz seichten Wasser der Peenemündung läßt die Bedingungen seiner . Lage noch heute erkennen.
Im 30jährigen Kriege haben zwar nicht die Dänen, wohl aber die Schweden die Hand zum zweitenmal auf die Odermündungen gelegt und damit den Handelsverkehr an sich gerissen. Am sonst entriß ihnen der Große Kurfürst Stettin und Rügen; er mußte feine Eroberung wieder herausgeben. Erst dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm 1., der diese Eroberung im Nordischen Kriege wie »erholte, gelang es, Vorpommern wenigstens bis zur Peene zu erwerben und so den Zugang zur Ostsee freizumachen. Aber erst Friedrich der Große, der durch die Erwerbung von Schlesien auch in den Besitz des oberen Oberlaufes kam, machte diesen Zugang durch den Durchstich an der Swinemündung und die Anlage von Swinemünde ganz frei. Dies Beispiel zeigt, daß auch der Gründung und Zerstörung des sagenhaften Bineta handelspolitische Motive zugrunde lagen.
Zweihundert Jahre nach Rethra fiel auch die letzte Hochburg des heidnischen Slawentums, die Tempelburg Arkona auf den Kreidefelsen von Rügen. Aeber die Pracht und die Zerstörung dieses Tempels durch den Bischof Abfalom von Seeland hat der dänische Chronist Saxo Grammaticus als Zeitgenosse, vielleicht als Augenzeuge, berichtet. Der hier verehrte Gott Swantewit, der „Hochheilige", war identisch mit dem Suarasic von Rethra; auch er hatte ein heiliges Pferd, das durch Schreiten über Speere Orakel schuf. Das riesige Holzbild des vierköpfigen Götzen stand in einem Tempel, dessen Grundriß Schuchhardt ausgegraben hat, auf einem Steinfundament, das er gleichfalls gesunden hat. Das Götzenbild selbst aber wurde bei der Eroberung zerschlagen und verbrannt. Damit endete der letzte heidnische Kult im Wendenland. Am den Festplatz von diesem Tempel zog sich auf der Landseite ein Holz- und Erdwall, an den sich die Wohnungen der dreihundert berittenen Tempel- Wächter anlehnten; auch die in Flammen aufgegangenen Reste dieser Bauten hat Schuchhardt wieder ausgegraben. Der quadratische Grundriß des Tempels, dem altgermanischen Hausgrundrih wie dem aus ihm entstandenen griechischen Wohnhaus und Tempel gleich fremd, zeigt überraschende Aehnlichkeit mit den Grundrissen gallischer Tempel im Rheinland, von denen ja erst neuerdings in dem Götterbezirk bei Trier über zwanzig fr eigelegt worden sind. Auch die Vierköpfigkeit des Swantewit kehrt in dem gallischen Gotte Teutates wieder, dessen erstes Bildnis — an einem Salbgefäh — gleichfalls in Trier zutage gekommen ist. Wir haben es hier also offenbar mit uralten Zusammenhängen zu tun.
So mannigfach sind die Ergebnisse des Schuchhardtschen Werkes.
Kräfte und Bewegungen im Weltall.
Don Kopernikus bis Einstein.
Von Professor Dr. Adolf Marcuse, Berlin.
Schon im Altertum erkannte man, daß der scheinbare Planetenlauf, wie ihn die direkten Himmelsbeobachtungen ergaben, sehr verwickelt sei. Zu ihrer Erklärung wählte man eine Reihe künstlicher Hilfsmittel, entsprechend dem damaligen ungenauen Stande der Messungen. Aber alle diese Theorien beruhten auf der falschen geozentrischen Weltanschauung, die als Zentralkörper unseres Planetensystems die Erde annahm, um die alle übrigen Gestirne sich bewegen sollten. Diese Ptolemäische Weitanschauung blieb für vierzehn Jahrhunderte die herrschende. Erst Kopernikus bewies in der Mitte des 16. Jahrhunderts, daß die Bewegung der Gestirne sehr viel einfacher sich erklärt, wenn die Sonne im Mittelpunkte des Planetensystems steht und die Erde, ebenso wie alle übrigen Planeten, sich um den Zentralkörper Sonne bewegt. So wurde durch diese heliozentrische Weltanschauung mathematisch streng erwiesen, daß die tägliche Bewegung der Himmelskugel durch die Drehung der Erde um ihre Achse, und daß die scheinbare jährliche Bewegung der Sonne durch den Amlauf unseres Planeten um die Sonne zustande kommt. Ferner klärten sich die nur scheinbar verwickelten Bahnen der anderen Planeten mit einem Schlage dadurch auf, daß sich ihre eigene, verhältnismäßig einfache Bewegung um die Sonne kombiniert mit der Eigenbewegung der Erde, so daß wir gleichsam von einem bewegten Observatorium aus den Himmck beobachten.
Diese richtige, inzwischen durch zahlreiche exakte Messungen vollauf bestätigte Kopemikanische Weltanschauung fand, wie jedes neue Problem, bedeutende Gegnerschaften und stieß auf erhebliche Schwierigkeiten. Richt nur die Kirche kämpfte damals gegen das neu« System, sondern sogar die Wissenschaft, insbesondere der groß« dänische Astronom Thcho Brahe. Erst Kepler hat zu Beginn des 17. Jahrhunderts das unsterbliche Verdienst, dieser heliozentrischen Weltanschauung zum Siege verholfen zu haben. Dieser große deutsche Astronom fand aus den für die damalige Zeit ausgezeichneten Planetenbeobachtungen Tychv Brahes die Gesetze der elliptischen Vahnbewegung der Planeten um die Sonne. Sv wurde Kepler, der damals Assistent bei Thcho Brahe war, dessen Meister; und er leitete aus den Beobachtungen eines Anhängers der geozentrischen Lehre wichtige Naturgesetze her, die zum Siege der heliozentrischen Theorie führten. Diese Keplerschen Gesetze waren wirkliche Raturgesetze, die sich im gesamten Sonnensystem bewahrheiteten. Daher mußten sie auf einer tieferen Arsache, aus einer bestimmten Kräftewirkung im Aniversum beruhen, nämlich auf dem Gesetz der allgemeinen Massenanziehung, das erst fast hundert Jahre nach Kepler gefunden wurde.
Dem genialen R e w t o n war es Vorbehalten, gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Gesetze der irdischen Dynamik auf daS Sonnensystem anzuwenden und die Theorie der allgemeinen Massenanziehung zu finden. Der großen Rewtonschen Entdeckung liegen drei Vewegungsgesetze zugrunde, von denen das erste das interessanteste und für die damalige Zeit geheimnisvollste war. Dasselbe sagt aus, daß ein in Bewegung befindlicher Körper, auf den, abgesehen vom ersten Anstoß, keine weitere Kraft wirkt, sich unaufhörlich mit gleicher Geschwindigkeit gradlinig fortbewegt. Dieses Gesetz bildet das früher nicht erkannte Bindeglied zwischen den irdischen, experimentell von Galilei und Huygens gefundenen Bewegungen und den nur in ihren Folgeerscheinungen uns zum Bewußtsein kommenden Bewegungsvorgängen im Weltall, Aus der Erde gibt es eben keinen Körper, der sich andauernd gradlinig fortbewegen kann, da er durch die Schwerkraft zur Erde fällt und in seiner Fortbewegung durch Reibung gehemmt wird, Reuerdings gelang es allerdings, durch das Experiment mit der großen Kanone die reibungslose Fortbewegung eines Körpers nach der Art der Gestirne in etwas nachzuahmen. Das Geschoß die!« großen Kanone wurde bis zu einer Höhe von etwa 42 Kilometer emporgeschleudert, und, da dort oben der Luftwiderstand praktisch null ist, konnte es sich über eine Strecke von mehr als 100 Kilometer foribewegen.
Beto ton sand das einfache Gesetz, daß im Aniversum jeder Körper den anderen mit einer Kraft anzieht, proportional ihren Massen und umgekehrt proportional dem Quadrat ihres gegenseitigen Abstandes.
So verschwand alles Geheimnisvolle aus den Bewegungen iin Himmelsraume, die sich nach denselben Gesetzen, nur unter gan- verschiedenen Bedingungen Wie die auf der Erde vor sich gehenden Vewegungserscheinungen vollziehen. Das große Rewtonsche Ratur- gesetz kennt für die Wirkung der allgemeinen Massenanziehung kenne Grenzen im Aniversum; es gilt ebenso in unserem Sonnensystem wie in den fernsten Welten der Fixsterne. Rur in der Bahnbewegung des sonnennächsten Planeten Merkur findet sich eine kleine Unregelmäßigkeit, zu deren Erklärung das Rewtonsche Gesetz mchl ausreichte, und wo nunmehr die neuere Relativitätstheorie fjelfeiw eintrat.
Die viel besprochene, aber nicht so oft verstandene Relativitätstheorie brachte eine Amwälzung der Mechanik um) läßt den ganzen Makrokosmos einfacher und einheitlicher erscheinen. Amwälz-end wirkte ihr Rachweis, daß unsere Vorstellungen von Raum und Zeit völlig geändert werden müssen. Aufbauend tz> die E i n st e i n s ch e Theorie, weil sie auf neuen Grundlagen em kühnes Gebäude errichtet, das im Bereiche der Erde und de» Weltalls unser mechanisches Denken wesentlich erweitert.
Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


