SietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |927 Zamstag, den \2. März Hummer 20
Unser literarisches Preisausschreiben.
Wir bringen in der heutigen Nummer die Aufgaben VII und VIII unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleich» zeitig auf die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen.
Die Aufgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Alle zwölf Lösungen find zusammen in der Zeit vom 20. bis 26. März einzureichen.
VII.
Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen. — Einmal ist es doch nun so, daß eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem Hohem bekömmt, für eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wirb, dah alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafür verschaffen können, vergebens ist. Sie will nicht von einem Dritten bestraft, sie will von dem Beleidigten selbst gerächet und auf eine ebenso eigenmächtige Art gerächet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt, es ist nun einmal so.
Unb wenn es nun einmal in der Welt so ist, wamm soll es nicht auch auf dem Theater so fein? Wenn die Ohrfeigen dort int Gange sind, warum nicht auch hier?
Ha! daß wir nicht unmittelbar mit den Augen malen! Auf dem langen Wege aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, wieviel geht da verloren! — Aber, wie ich sage, dah ich es weiß, was hier verloren gegangen und wie es verloren gegangen und wamm es verloren gehen müssen: darauf bin ich ebenso stolz und stolzer, als
ich auf alles das bin, was ich nicht verloren gehen lassen. Denn aus jenem erkenne ich mehr als aus diesem, daß ich wirklich ein großer Maler bin, daß es aber meine Hand nur nicht immer ist. — Oder meinen Sie..... daß Raffael nicht das größte malerische Genie ge*
wesen wäre, wenn er unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden?
VIII.
Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten! Wir nennen's und empfinden's freilich anders, aber gerade dies spricht dafür, daß es dasselbe ist — demr auch das Kind empfindet das Spiel als seine Arbeit und das Märchen als seine Wahrheit. Die Kürze des Lebens sollte uns vor dem pedantischen Scheiden der Lebensalter bewahren — als ob jedes etwa- Neues brächte —, und ein Dichter einmal den Menschen von zweihundert Lkahren, den er wirklich ohne Märchen und Spiel lebt, vorführen.
*
Matt und erbärmlich werdendett Völkern mag der Krieg als Heilmittel anzurathen sein, falls sie nämlich durchaus noch fortleben wollen: demr es gibt für die Völker-Schwindsucht auch eine Bmta- litäts-Kur. Das ewige Leben-wollen und Nicht-sterben-können ist aber selber schon ein Zeichen von Greisenhaftigkeit der Empfindung: je voller und tüchtiger man lebt, um so schneller ist man bereit, das Leben für eine einzige gute Empfindung daran zu geben. <Än Voll, das so lebt und empfindet, hat die Kriege nicht nötig.
Die Toten.
Von Otto B rü es.
Was du sinnst, sie haben es gesonnen, was du träumst, sie haben es geträumt; keinen Tropfen aus des Leberts Dronnett schöpfst du, den ihr Atem nicht durchschäumt. Was du prägst, das wollten sie gestalten, klag' um ihre schnellvertropfte Frist, da durch sie von Trotz zu Händefalten all dein Leiden vorgelitten ist.
Nichts in dir, das sich zum Himmel wendet, was aus ihnen nicht zur Gottheit schrie; ahnst du groß, in sie dein Ahnen endet, und vollendet wirst du nur durch sie.
Das Land der Toten.
Zum Dvlkstrcmertage.
Don Maxim Ziese.
Tote Soldaten, Brüder ihr, Kameraden, die ihr neben uns gestanden habt in den Gräben vom Meer bis zum Gebirge und die Heimat geschirmt, euch grüßen wir. Ihr mit uns und wir mit euch, so haben wir zusammen in dunkle Nächte gesehen und über helles Land geschaut, auf dein friedlos die Sonne lag.
Vor uns das Niemandsland und hinter uns die Heimat.
Wir kehrten wieder, euch warf der Krieg auf das Kampffeld. Wer aber darf rechten mit dem Tod? Doch du Kamerad rechts von mir, du mein Kamerad zur Linken, die ihr im Lande der Toten ruht, wir neigen uns in Ehrfurcht.
Bruder du, toter Soldat, Deutschland denkt dein und vergißt dich nie.
Fünfhundert Meter links der Straße Berry au Bac—Ferme de Cholera liegt der Friedhof von Tarbes. In der Ferne ragen die Türme von Reims, nicht weit davon wächst die zerspaltene Höhe 108 fwrpor. Trümmer und auch Dörfer find ringsum, doch keines trägt lenen Namen, den man diesem Friedhof gab. Denn Tarbes liegt im Süden von Frankreich in der Gascogne, wo immer Sonne ist, Wein wächst, Palmen sich wiegen, und wo niemals Krieg war. Waren auch viele der Toten, die man hier oder sonstwo im Norden von Frankreich in der Erde barg, namenlos, war auch die Stätte, wo fte nun ruhen, mitten im weiten Feld gelegen, nun wurde sie zum Lande der Toten und erhielt einen eigenen Namen. Wo sich darum
in der Heide, im zerspellten Wald oder auf abgetragenen Hügeln, ganz fern allen Menschen und Häusern, schwarze und weiße Kreuze finden, da steht auf einer Tafel der Name der Stadt geschrieben, die irgendwo fernweit liegt und dieser Friedstätte der toten Soldaten ihren Namen lieh.
Mitten int Felde, wo vordem Brot wuchs, umgibt niederer Stachelzaun den Bereich der Gräber. Von dem Lande, das den Lebenden gehört, trennt die Toten stacheliger Draht. Vielleicht haben ihn manche von denen, die jetzt da ruhen, in Nächten unter dem erdspaltenden Gebrüll der Granaten in Bündeln nach vorne getragen. Wollten damit die Heimat zäunen gegen den Feind — sie, die selber mit ihren Leibern lebendiger, nie zerstörter Zaun waren, entlang an dem Lande des Niemand.
Aber der Tod nahm ihnen die spitzzackigr Drahtrolle von der Schulter und hieß sie sterben. Da lagen die Drahtrolle und der Mann, der sie getragen, nebeneinander. Den Toten nahm die Erde zu sich, und den Draht (bannten Männer rings um ihn.
Änd so spielt der Wind in schneeverwehten Winternächten an den stachelbewehrten Drähten, die sich die Toten einst, als sie noch lebten, selber herbeitrugen. Er beugt im Frühling und int Sommer die weißblühenden Winden, die an ihm emporranken, und treibt die abgefallenen Blätter des Mohns durch seine Lücken auf das Feld hinaus. Denn immer wächst viel wilder Mohn dort, wo Grüber find, rotglühende Felder weithin.
Am Eingang neben dem Schild, auf dem geschrieben steht: „Cimetiere de Tarbes“ ragt ein großes, grobgehauenes Kreuz aus Stämmen, wie der Wald sie gibt. Plnd dann reihen sich viel einzelne Gräber mit schwarzen Kreuzen darauf, darunter rachen unsere toten Brüder; und andere mit weißem Holzmal, das waren Franzosen.
Drüben ragen andere Grabzeichen. Eine Reche von Doppelkreuzen der russischen Kirche. Namen darauf, die man fern in Sibirien kennen mag: russische Gefangene, die hier starben. Daneben ein Kreuz ohne Namen und ohne Jahreszahl. Aber irgend jeinand nagelte auf das Querholz die messingne Achselspange des unbekannten Toten. Darauf steht im Rund als Wahlspruch geschrieben: „Quo lata vocant“ — wohin uns das Schicksal ruft; und darunter: „Canadian Division“.
Da zwei der schmalen, spitzzulaufenden Bretter mit der Halb- mondeinbuchtung auf den Seiten — das sind Mah ammedaner. Mohammed Ibrahim ben Bonzema steht darauf. Dort: Matthias Solsona, ein Fremdenlegionär. Er war wohl ein Spanier, man begrub ihn als Mohammedaner. Hier ein Kreuz: Peter Seiler, 1 Premier Regiment de marche de la Legion trangere. Vielleicht auch einer deutschen Mutter Sohn, den ein irres Schicksal in fremde Rechen warf. Aus dem Hügel liegt noch bet Stahlhelm, braunglän-


