Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Bruck und Derlag: Brühl'sche UniversitätS-Duch» und Steindruckerei, 2L Lange,
fremden Ländern umherzieht, wenn nicht eine innere Pflicht ihn alle Rücksichten aus sich selbst vergessen laßt. Erlauchter König. Gesetzten Falles, Ihr entschlösset Euch zu einem Zug nach Byzanz und gäbet meinem kaiserlichen Herrn den Thron zuruck: was.hatte ich dabei zu gewinnen? Reichtum? wozu? Ich bm unveryeiratet und habe keine Kinder. Auch Verwandte leben mir nicht und ich bin niemanden verpflichtet. Ehre? Welche größere konnte es noch für mich geben als die, des Dankes meines Prinzen sicher zu sein und so in seiner Aähe leben zu dürfen, wie es kaum einem Dieter hoher Majestäten vergönnt ist? Dies alles, dem einfachen menschlichen Erwägen so nahe, erwähne ich nicht. Sch sehe, wie in leglichenn so auch hier allein die Sache an. Gewiß: ich leugne nicht, daß am Hose Vmanuels der Knabe Phaidon gelebt hat. Ein sehr .zartes und vornehmes Kind, dem Prinzen Alexius zum Verwe-yssln ähnlich, so ähnlich, daß sich sogar die Kaiserin einmal täuschte. Sch leugne nicht, daß dieser Knabe die sorgfältigste Erziehung genoß und von allen. Die ihn kannten, „das andere Prinzchen" genannt wurde. Sa es mögen manche, die nicht genau den feinen Unterschied, der —rächten kannten, ibn zuweilen für den Prinzen gehalten und als solchen an- gesprochen haben. Dies alles leugne ich nicht, am wenigsten ater, baß die Kaiserin eines AbendS zu mir selbst von einer möglichen Änterschiebung sprach, als der Prinz Alexius an einer heftigen Drustkrankheit dcirniederlag. Wie aber im Leben des öfteren bas Unerwartete geschieht, so geschah es auch hier, daß kurz nach,ienm Unterredung mit der Kaiserin des Prinzen Zustand sich besserte, und ganz plötzlich der kleine Phaidon an dem Muckensteber verfcgied. Es versteht sich von selbst, daß dieser Tod auf das strengste geheim gehalten wurde, da gerade damals, wo Alexius kaum genesen war, das Gerücht, e r sei gestorben und an seiner Statt Phaidon unter» geschoben worden, den Feinden des Kaisers und beson ders dem stets aufrührerischen nach Paphlagonien verbannten Andrvmkus, eine all» zuleichte Handhabe gegeben hätte. Der Sarg des toten Phaidon aber ward von mir selbst und zwei germanischen Soldnern des Aachts nach dem Landgute Eucharisti gebracht, das dem Knaben gehört hatte, und dort in der Kapelle neben den frühverstorbenen EitMi beigesetz.. Doch kurz vor meiner Flucht besuchte ich die Stätte und fand al.es genau so, wie es immer zuvor gewesen war. Das Besitztum ist fetzt in den Händen einer Byzantinerin, der letzten überlebenven Schwester von Vstaidons Mutter, die es als Heiratsgut dem jungen Statthalter von Jkonion eingebracht hat. Was nun jener Maleinos. von einem bleiernen Sarg erzählt, der im Meer versenkt Worten sei, und was es damit für eine Bewandtnis hat, ist nicht meine Sache zu unter» suchen. Daß er überhaupt solche Dinge als Beweis für feine Behauptungen ansührt, laßt sich nicht anders erklären, als daß erteer am Hofe eine völlige Unkenntnis byzantinischer Zustande imraussetzt. So schmerzlich es mir auch ist: ich muß zugeben, baß weine Vaterstadt, in der ein Menschenleben nicht viel mehr als zehn Denare gilt, allabendlich solche traurigen, rätselhaften Fuhren auf dem schonen blauen Wasser ihres Golfes sieht. Warum nun soll der Sarg, den Maleinos gesehen haben will, gerade derjenige gewesen sein, in dem der ermordete Alexius lag? Wer hat es ihm gesagt? Vielleicht der Mörder selbst, wie er vorgibt? Gibt irgendein nachtenkenoer Mensch etwas darauf, was Mörder sagen? Vor allem aber. Erlauchter König, bitte ich Euch, dieses zu erwägen: der Mörder des Prinzen Alexius hätte keine Zeit gehabt, sich vor Maleinos feiner —a_t zu rühmen! Doch ehe er den Palast verlassen hätte,, wäre er schon dem anderen Mörder zum Opfer gefallen, der für ihn bereit stand. Andrvnikus wäre zu klug gewesen, Zeugen seiner Verbrechen leoen All Idff CTi 1
Dach allem, was ich Euch nun vertrug. Erlauchter König, kann es Euch" nicht mehr schwer fein, die En^'teidnng zu lallen. So tote ich m.ine Wort: s Bierzelt vor Eurem 7 Bern gier beschwor, beschwöre ich vor Euch und Goli und allen Heilige.> auep diese Aussage. Blieve Euch aber noch ein Zweifel, so könnte es nur einer fein. bericlbe. den Maleinos in Euch auszuwecken suchte: daß Phcrwon und der Prinz vertauscht worden seien von allem Anfang an, noch ehe ich selbst in die Dienste des Kaisers trat: also vor dem vierten Sahr der Kinder. Wie Shr diesen Zweifel lösen wollt, das könnte Euch allerdings keines treuen Dieners Erzählung und Eidschwur, noch mein Herr selbst, noch der Prinz Alexius Deutervs. noch Maleinos, durch Worte oder Zeugnisse Bartun: das könnten nur die toten kaiserlichen Majestäten oder Euere tiefe, wunderbare Einsicht, Der man ja in allen Ländern nachrühmt, daß sie, wie die b«8 Salomo, das Rechte stets unfehlbar von dem Falschen unterscheide. *
Damit schwieg Dikephoros und trat in das Halbdunkel zurück. Ein Murmeln des Beifalles erhob sich im Saale, die grauen auf dem Balkon lüfteten ein wenig den Vorhang und wedelten sich Kuyle mir dem Fächer zu. Alexius Deutervs aber, von maßlosem Zorn ergriffen, rannte an die Treppe und rief:
„Wie, König! Ihr glaubt diesem Wortverdreher, der seine Sätze tote Honig einzuflößen weiß? Wie, Ihr durchschaut diesen Heuchler nicht? Ihr seht nicht, wie er das, was ihm Gewißheit ist. nur als eine Möglichkeit zu geben weiß, die. in nicht mehr zu ergründenden Geschehnissen liegt?"
Aber der Kanzler schlug mit dem Stock auf den Tisch und sagte mit eiserner Auhe:
„Verzeiht, mein Prinz, wenn ich Eure hitzige Rede unterbreche, die nicht ein Wort von dem entkräften kann, was uns so klar und einfach Dikephoros vortrug. Dicht an Euch ist es jetzt, zu reden: Shr vergeht, daß noch nicht ein einziges Wort von den Lippen desjenigen gefallen ist, dessen Aussage hier am schwersten wiegt: Eures Vetters selbst!"
Doch einmal wollte der Zurückgewiesene erwidern, aber ein bedeutsamer Wink des Maleinos veranlaßte ihn, stille zu sein. Er
sehke sich — und es frat wieder tiefe Stille ein. als sich nun langsam die Gestalt des Prinzen Alexius vor dem violetten Gewand tes Dikephoros in die Höhe hob. Wie ein Flügelschlagen ging es über Die Menge, sogar der König hob den Kopf und umfing mit seinen Blicken die zarte, melancholische Erscheinung des Prinzen. Dicht einen Schritt war Alexius nach vorn getreten. Er stand an der Seite des Sessels, die Hand leicht auf die Rückenlehne stützend, und sagte mit klarer Stimme, die tote der Ton einer goldenen Glocke in den Saal fiel:
„Mein König: Sch spreche zu Euch allein. Sch habe keine Gemeinschaft und wünsche keine mit einer Versammlung, die nur richten soll: je kühler, desto besser. Sch will nicht lange Eure erschöpfte Geduld mißbrauchen. Sch sage, was Dikephoros sagt, und erinnere Euch an das erste Zwiegespräch, das Shr mir im Gasthof des Mellttos von ©irgenti gewährtet. Es ist nicht eines Königs oder eines Prinzen Sache, einmal ausgesprochene Dinge zu wiederholen. Sagt Ihr zu jeder Stunde: Sch bin der König? Shr tut darnach, und jeder fühlt: Shr seid es! So sage ich Euch: wenn Shr nicht fühlt, wer mit Euch sprichst so wäre es besser für mich, niemals auch nur eine einzige Stunde in Eurer Aähe geweilt zu haben."
Da sprang der König von seinem Sessel auf, eilte die Stufen empor auf den Prinzen zu und wollte ihn an sich ziehen. Aber Alexius stand unbewegt, die Linke abwehrend gegen den König erhebend, der nicht wußte, wie ihm geschah und die Hand auf das klopfende Herz hielt. Sedem vernehmbar, fielen abermals die Worte des Knaben in die purpurne Abendluft:
„Mein König: zürnt mir nicht um defsentwillen, was ich noch sagen muß, und sucht mich zu verstehen. Shr wißt, wie sehr ich Euch liebe und wie sehr ich Euch danke für alles, was Shr mir erwiesen habt: Aber Shr werdet begreifen, daß ich an Eurem Hofe nicht mehr bleiben kann ...“
„Alexius!" rief der König, „Alexius! Shr, den ich liebe wie mich selbst, Ihr, der mich vergessen lieh, daß ich keinen Sohn habe, Shr, der meine Tage leicht und süß gemacht hat, Shr könntet es über das Herz bringen, von mir zu gehen?"
„Gewiß nicht, um mich ganz von Euch zu scheiden. Shr wißt, wie herb mein Schicksal war: bedenkt, wie mich von neuem alles treffen mußte, was sich seit heute nachmittag hier zugetragen hat, und laßt mich fortgeben, wie man einen Verwundeten gehen läßt, der des Arztes bedarf. Laßt mich eine Zeitlang fern von dem Orte leben, der mich täglich und stündlich an diese Stunden erinnern müßte. Was aber meinen Vetter betrifft, den Prinzen Alexius Dem teros, den zweiten Sohn meines verstorbenen Oheims Ssaac: so nehmt Euch seiner und seiner Ansprüche an, wenn dies in Eurem Sinne ist. Denn soviel glaubt mir: Es gelüstet mich nicht, die Lasten meiner Herkunft noch weiter zu tragen. Dachdem ich die tiefe Schönheit des Lebens an Eurem Hofe genossen, wo die Künste blühen und ein heiteres Menschentum sich frei entfaltet, wo Duldung wohnt und das Leben des einzelnen gewertet und geachtet wird, nachdem ich erkennen lernte, welche größeren und reicheren Ziele ein Mensch sich setzen kann, als die Ziele eines in sich selbst erstarrten Herrfcher- tums, gelüstet es mich nicht mehr, in das unsichere Dunkel des Palastes von Byzanz zurück'ukehren und als Kaiser einen Thron zu besteigen, der von mir das Opfer alles dessen verlangen würde, das Euch m mir den Prinzen lieben ließ.
Du aber, Richard" — wandte er sich mit einem stillen Lächeln an den Grasen Ajellus, der unbemerkt hinter ihn getreten war -- Du, entsinne dich deines Versprechens, mich auf Die Hochschule von Salerno zu begleiten und meinem Leben Freund zu sein...
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, Ein» sehr seltsame und empfindsame Geschichte," sagte Blanche Bell g rd, als P rc; geendet hatte... „Eine Geschichte, beten Ende die Königin Sohanna sicher mit Freuden begrüßte... Aber war denn nun wirklich Alexius der echte Prinz?"
Percy lachte laut auf:
„Da haben wir die Frage! Sch hätte hundert gegen eins wellen können, daß sie von irgend jemanden gestellt werden wurde... Dw menschliche Deugier ist unerschöpflich, und es ist den meisten tatfaa-ach wichtiger, das Samenkorn in der Hand gehalten zu haben, aus .em eine Blüte entsprießt, als sich an der Fülle ihres Duftes zu erfreuen.
„Ach was!" erwiderte Blanche, „das find wieder solche ÜlngrünDlich» feiten, mit Denen ihr Dichter glaubt, uns ab speisen zu können, Ayo. echter oder unechter Prinz?"
Peter Ortenberg, der mit Angelina Lancisi dicht vor die Fragend« getreten war, meinte:
Aber hat es dann überhaupt einen Sinn, es zu wissen? Sst dieser Alexius nicht jedenfalls ein bezaubernder kleiner Komödiant?
Zur Sache, zur Sache... echt oder unecht?" fragte zum teufen Male die Pariserin. „Sie wissen doch lieber Freund von jenfeus te» Rheines. daß ich über alles die berühmte lateinische Klargelt lleoe.
Percy küßte Der außergewöhnlich schönen, vielbewunderten Fran die Hand:
„Was Sie aber nicht verhindert hat, selbst vor Ihren guten Freunden die Geschichte Shres eigmen Herzens in einm wahren me^ von Unklarheit zu hüllen und Damit eben jene Dumke Süße geheimms voller Hintergründe um sich zu verbreitern die dem Dillm's w kleinen Alexius soviel melancholischen Zauber verleiht. Wer ml sollte Ihnen besser Die Antwort auf Ihre Frage geben, als eigenes Wissen um Die rätselhaften Dinge Der Welt?


