russischen Staatsoberhauptes Ite*. vaS sich mit der einfachen An- erkennung bestehender Verhältnisse begnüge. Wenn aber der König Wilhelm es für gut erachte, dieser Frage nahezutreten (die vielleicht für ihn eine politische Bedeutung gewinnen könne), so habe er ia an den Aussagen der beiden Byzantiner eine Handhabe. Wre man allerdings diese Aussagen nachprüfen und ob man ihnen Glauben schenken könne: das sei abermals eine andere und, wre begreiflich. fast urr- K6b®er König sah lange den Kanzler an und der Kanzler lange den König. Dann lachte Wilhelm laut auf — der Kanzler aber saß nachdenklich an dem schweren Lisch, während er leicht mit dem zusammengerollten Pergament die geschnitzte Kante schlug. - ,
„Was habt Ihr, Ajellus?" fragte der König. „Ihr werdet doch diesem Unsinn keinen Glauben schenken?" r.,., . „
Maiestät: es ist mein Beruf, zunächst das Politische em« Sache zu sehen und dann das Persönliche. Da Ihr nun wißt, daß wir schon lange im geheimen den Plan eines Feldzugs gegen Byzanz hegen, so können uns die Enthüllungen dieses Alexius Deuteros nicht gleichgültig sein." „ ,
Was, Ajellus? Ihr nehmt diese Sache erlist? Ihr rechnet über- Haupt mit der Möglichkeit, es könne etwas Wahres an den Ausführungen dieses Alexius Deuteros sein?"
Bach allem, was wir von byzantinischen Zuständen wissen, Majestät, muß ich mit einer solchen Möglichkeit rechnen, und es bleibt meines Erachtens gar nichts anderes übrig, als zu untersuchen, wie sich diese seltsamen Dinge verhalten. Ich muß sogar sagen, daß es mir gar nicht ganz unerwünscht käme, wenn tatsächlich Euer Gast und Freund nicht der wirkliche Erbe des Komnenen wäre und chatt des Sohnes Emanuels nur sein Messe vor den Augen der Breit unseren! Zug nach Byzanz eine Begründung gäbe. Denn dem Sohne Emanuels wären wir immerhin — so wie die Dinge liegen innerlich verpflichtet, zumal da auch Eure persönliche Zuneigung Euch ein ganz bestimmtes Verhalten geböte, hingegen wir einem nur entfernten Verwandten des verstorbenen Kaisers unsere Bedingungen bis ins kleinste vorschreiben könnten, wenn wir uns «rtschlieheni, sozusagen für seine Sache einzutreten. Ein Zug nach u^zanz zur Wiedereinsetzung des vertriebenen, rechtmäßigen Thronerben tottrDe uns nicht mehr als ein vorteilhaftes Eingreifen in die östlichen Verhältnisse gestatten, ein Zug für einen Alexius Deuteros aber würde uns — und nur unter dieser Voraussetzung wäre er zu unternehmen ■— eine byzantinische Kolonie, wenn nicht den byzantinischen Thron selbst sichern..." .
„Bei Allah und seinen Propheten," versetzte schmerzlich der König, „ich kann mich Euren Ausführungen nicht verschließen. Wenn auch nicht der geringste Zweifel an Alexius, der mir tote ein kleiner Bruder ans Herz gewachsen ist, in mir aufkommen kann, so begreif« ich dennoch, daß ich Euren Ratschlag befolgen mutz, und sei es nur, um vor der Welt den falschen Schein zu vermeiden, ich bedwne mich mit Wissen eines unechten Prinzen, um mir selbst den Weg zum byzantinischen Thron zu bahnen. Latzt also noch auf heute abend die Großen zusammenrufen. Ich selbst will inzwischen nach der Favara fahren und mit Alexius reden. Entschuldigt mich bei ben Fremden, laßt ihnen Gemächer anweifen und entbietet sie auf dl« fünfte Abendstunde. Das Schreiben des Aussen aber tut ini das Geheimkabinett und seht, datz bei Gelegenheit eine ähnliche Botschaft voll Gottseligkeit nebst Geschenken an den Zaren gelange.
Damit verneigte er sich leicht und ging. Er speiste bei dem Erzbischof Walter Offamilio, dem er die Angelegenheit vortrug, und begab sich gegen zwei Ähr nach seinemLustschlotz.
Alexius wandelte gerade nach der Mahlzeit Arm in Arm mu Richard Ajellus auf dein weißen Wege um den Goldfischtei-y und ließ sich die Landkarte erklären, die der arabische Gelehrte Eb-risi für den König Doger entworfen hatte. Das Gespräch hatte auch einen Lieblingsgedanken des Prinzen öfters berührt: mit Richard auf die Dauer einiger Jahre nach der Hochschule von Salerno über» zusiedeln und sich dort noch allerhand Kenntnisse zu erwerben, die auch einem Fürsten nichts schaden können. Da kam der König auf sie zu, und bat Alexius, mit ihm nach einem entlegeneren Teile des Parkes zu gehen, da er Dringendes mit ihm zu bereden habe. Der Knabe staunte. Auch Aichard konnte seine Äeberraschung mcht verbergen. Er zog sich sogleich nach dem schattigen Kreuzgang zurück, während Wilhelm den Prinzen nach der entgegengesetzten Seite entführte. — Es war fast über eine Stunde vergangen, ehe bre beiden wieder auf einer Anhöhe in der Mitte des Gartens sichtbar wurden.
„Du weißt es. Alexius:, ich glaube an dich! Aicht um mich selbst zu überzeugen, muh ich das Für und Wider in dieser Sache Soren lassen. Ich will, daß von vornherein meiner Ämgebung und dem Volk der Zweifel genommen werde, den dein Vetter aus streuen würde, wenn wir ihn nicht sofort im Aate der Großen entwaffneten. Deshalb tue um der raschen und allgemeinen Klärung willen, worum ich dich bitte: Lasse ruhig — wie du es kannst — diese wenigen Stunden über dich ergehen, und sei mit den Waffen Sieger, die dem Sohn des Komnenen ziemen."
Alexius senkte zustimmend den Kopf, aber feine Zuge waren bleich wie die Seide seines elfenbeinsarbigen Kleides, und seine link« Hand spielte unruhig am goldenen Knauf des Dolches.
„Laßt mich eine Stunde allein, ehe wir nach der Stadt fahren, sagte er zu dem König, „und erlaubt mir, mich zu sammeln. Seit ich hier am Hofe bin, habe ich vergessen, daß es trübe Dinge auf der Welt gibt. Ihr verwöhntet mich zu sehr. Aber es scheint, das Schicksal will mich wieder daran gemahnen, daß ich ein Komnene bin.
Er sagte dies so ruhig und mit soviel innerer Traurigkeit, daß der König nahe daran war, die ganze Versammlung absagen zu lassen. Äur in einem äußersten Zusammenraffen aller Kräfte konnte er diesen Gedanken Niederkämpfen. Alexius fühlte sehr wohl bte Erregung des Königs, aber sein Stolz verbot ihm, darauf Ruckficht zu nehmen. Er verabschiedete sich kurz mit den Worten:
.Vergeht nicht, daß Ihr mir verspracht, den Aikephoru« rt einer kurzen Besprechung zu senden. Aber nicht vor einer Stunde.«-
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Der Thronsaal des Kasr fahre kaum die Menge der Grotzen. die zu der außerordentlichen Sitzung einberufen waren. Selbst die Damen des Hofes waren erschienen und sahen abseits, hinter den dichten Vorhängen ihres Balkons, der unmittelbar über der erhöhten Rednertribüne angebracht war. Der König lehnte bedrückt und gedankenvoll in seinem grotzen. purpurnen Sessel, unmittelbar vor der Tribüne, der Kanzler hatte feinen Sitz vor dem Amtsttsch eingenommen, Alexius Deuteros und Maleinos waren dicht am Treppenaufgang zu sehen und wurden von allen Anwesenden neugierig betrachtet, während Alexius säst im Halbdunkel des Sinter grunbei Platz genommen hatte. Er satz, die Beine übereinandergesckstagen. und spielte mit den Aingen seiner rechten Hand, die er abwechselnd an- und auszog. Sein Gesicht war noch bleich, aber es lag wieder über seinen Zügen jene unbeschreibliche Buhe, die jeder bewunderte, der nur einmal kurz in seiner Aähe geweilt hatte. Aikephoros stand aufrecht hinter seinem jungen Herrn, ein Bild von Wurde und Anstand. , . ..
Der Kanzler schlug mit dem Stab dreimal auf die Kante des Tisches und verkündete der Versammlung, worum es sich handle. Ein ungeheures Staunen ergriff die Menge. Alexius Deuteros und Maleinos lächelten und führten mit gedämpfter Stimme ein lebhaft^ Gespräch. Da schlug der Kanzler wieder mit dem Stab an den Tisch, und es trat tiefe Stille ein. . „
„Im Aamen des Königs ersuche ich Euch., Prinz Alexius Deuterss. uns vorzutragen, was Ihr zu sagen habt.'^ , ..
Der Gerufene erhob sich von seinem Sessel, trat dicht an die oberste Stufe der Treppe und sprach:
„Es ist sehr wenig, was ich zu melden habe. Ich sage, daß Bet junge Mensch, der es wagt, sich unter dem Aamen eines Prinzen Alexius aus dem Erlauchten Hause der Komnenen hier aufzuspielen und die Güte des Königs zu mihbrauchen, ein Lügner ist, der nie ein Prinz und nie der Sohn Emanuels war. Er ist kein anderer, als der in frühester Jugend verwaiste Sohn des ZeremonienmeisterS Kalchas, Phaidon mit Aamen!"
Totenstille herrschte im Saal. Wie ein Bleigewicht war die An- klage auf alle gesunken.
Da trat Maleinos vor: , „ r. ,, _
„Dieser Phaidon hatte schon als Kind eine solche Aehnlichkeit mit dem einzigen Sohn Emanuels des Komnenen, daß der Kaiser beschloß, den Knaben wie seinen eigenen Sohn im Palast erziehen zu lassen. Der Sinn eines solchen Beschlusses erscheint vielleicht hierzulande befremdend, doch um so llarer in meiner Heimat, wo Aufruhr und Verrat so häufig find, daß es einem Kaiser nur sieb sein kann, einen Doppelgänger seines einzigen Lohnes und Erben, der immerhin nicht ganz geringen Gefahr der großen Prozessionen und Feste aussetzen zu können. Ja, ich gebe sogar zu, datz vor allem die Kaiserin Maria den außergewöhnlichen Zufall mit befonocree Freude begrüßte, da ihr der Gedanke nicht fremd wan im »alle eines frühen Hinsterbens ihres Gemahles und eigenen Sohnes daS Kind des Zeremonienmeisters unterzuschieben, um im Aamen des vermeintlichen Thronerben die Regierung weiter führen zu können. Doch alles dies, sehr Erlauchter König, sehr Erlauchte yerrro, finb ja nur vor gestellte Dinge, auf die ich lediglich der Gründlichkeit wegen Hinweise, nicht der Sache wegen: denn sie werden vom gewichtigsten übertroffen, das jemals einen Gedanken übertreffen kann, von einer unwiderruflichen Wahrheit: Riemals istder Prinz Alexius gerettet worden: Derselbe Mensch, der auf Befehl des Andrvnikus die Kaiserin Maria erdrosselte, erstach den Prinzen und versenkte den Leichnam in einem bleiernen Sarg ins Meer, wofür er zehn Denare erhielt. Mit meinen eigenen Ohren hörte ich seine Erzählung. Mit meinen eigenen Augen sah ich vier Anderer den Sarg in ine See Hinausfahren, sah ich sie wiederkehren mit leerem Boot. Aue- phoros aber, der sehr wohl und richtig erwog, daß die Ermordung des kleinen Komnenen von Andronikus der Oeffentlichkeit gewiß nicht preisgegeben werden würde, bemächtigte sich des Phaidon, gab ihm die gestohlenen Gewänder und den Ring der Komnenen und hoffte so noch spät, ein betrügender Diener eines betrogenen Herren, fein Glück zu machen. Er hat sich verrechnet. Der einzige Komnene, der noch lebt, steht hier! Ihm allein gebührt das Recht auf Glauben — und das Recht auf Herrschaft!"
Wieder herrschte atemlose Stille im Saal. Minuten rannen, alte Augen suchten den Prinzen Alexius, der teilnahmslos in seinem Sessel saß und seine Hände im Schoß gefaltet &ielt Seltmann er- wartete, daß er aufspringen würde, vorstürzen, leidenschaftlich das Wort an sich reihen und die Ankläger Lügen strafen: Alchts von alledem geschah. Der Prinz blieb unbewegt und hob nicht einmal die Blicke auf. Statt seiner trat Aikephoros an die Rampe. Er rührte mit der Linken an das Ende seines langen weißen Bartes und sprach:
„Erlauchter König, weiser Kanzler, edle Herren: Ihr habt, wie ich, die schweren Anschuldigungen des Kammerers Maleinos gehört, die mich zu einem Verbrecher stempeln wollen, wie größer und verworfener kaum einer gedacht werden kann. Ich will hier, nm mich zu rechtfertigen, gewiß nicht auf mein Verhalten Hinweisen, so wie Ihr es sehen konntet, seitdem mir die Gnade zuteil wurde, an diesem Hofe zu leben. Denn so, wie es des öfteren vorgekommen ist, daß ans jungen Vetteln alte Betschwestern werden, so hat man es auch zur Genüge schon erfahren, daß aus Schurken und Dieben im Alter gottergebene Scheinheilige geworden sind. Ich will mich auch nicht im geringsten auf meine Liebe zu meinem Herrn berufen und nicht die Frage aufwerfen, ob es einen Sinn haben könne, daß ein alter Mann wie ich, der nah an die Siebzig kommt, sein Vaterland verläßt, wo es ihm jederzeit gut ging, wo er viele treue Freunde zurücklieh, und an der Seite eines jungen Menschen in


