Ausgabe 
11.10.1927
 
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I

Das Verhältnis

in seiner Fürsorge und empfand, ohne es zu wollen,

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts«Duch» und Kleindruckerei, D. Lange, Gießen.

an die Llrbcit, und nachgelassen, streifte sam gegen den als bisher.

Dis Erzählung ist mit anderen Novellen des Schweizer Dichters in dem BandeW a s bas Beben zerbricht" vereinigt, der von der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin (1922), herausgegeben wurde.

und Brosi blieb immer dasselbe, er mußte. Wennn er aber nur

Abend verließen,

III. zwischen Placida

Der Mond spielte um die Hütte des Kasimir Schuler. Es war die Zeit der langen Nächte, und der Mond hatte einen weiten Weg. Er warf ein wunderbares Licht in das verschneite Tal, das dem Himmel eine blaue Samtsarbe gab und den weißen, ragenden Bergen eine über- irdische Wucht und Schönheit und Schärfe. Im Schulechaus legte er seinen weihen Schein auf die Schneepolster an den kleinen Gesimsen zweier Kammerfenster, brach durch die schwarzglänzenden Scheiben und sand das Bett, wo die tote Placida lag. Gerade als ob er es gesucht hätte. Dasselbe ruhige, breite, bleiche Licht wie draußen aufs Gesimse legte er auf die Bettdecke, und zog es höher, leise Höher, bis es das Kissen er- reichte, auf dem Placida ruhte. Wie es lange gedauert hatte, bis es die­ses gesunden, so blieb es auch lange auf ihrem Gesicht hasten. Das sah wunderbar aus, jung, kindlich, froh und zart. Das Haar war darum geordnet, daß es die Wangen berührte und an die Schultern reichte, lauter glatte Strähnen von einem merkwürdigen, bernsteinartigen Glanz.

Jetzt stand drüben an der Tür, wo es dunkel war, Brosi, und starrte das Bett an. Er war eben hereingekommen, und sie hatten ihn allein gehen lassen; denn Frau Maria saß in der Wohnstube und wollte sich totweinen, und der Bruder leistete ihr Gesellschaft und sprach ihr Trost zu, so gut er das verstand und seine sparsame Art erlaubte. Brosi war spät nach Haus gekommen, hatte einer Kuh abwarten müssen, die am Kalben war. So war es möglich gewesen, daß er unterwegs niemand mehr antraf, und erst zu Hause das Geschehene erfuhr. Er stand da, wie er gekommen war, nur die Holzsandalen hatte er draußen gelassen. Heu- füden hingen ihm an. Die Tür hatte er ins Schloß gezogen und stand lauernd, vorgebeugt, gleichsam auf Zehen, als ob er eine Schlafende nicht stören dürfe. Er hatte auch gar nichts gesagt, als sie ihm bas Un­glück mitgeteilt, glaubte oder begriff es noch nicht. Er spähte nach dem Bett, in das Mondlicht hinein. Sein Gesicht war zu kupfern, als daß man Blässe darauf gesehen hätte, aber es war ein eigentümliches Zucken und Leben darin, jetzt am Munde, jetzt in den Augen, jetzt an der sich hochziehenden Stirn. Dabei sprach er mit sich selber:Nein. nein, beim Herrgott, nein!"

Dann lachte er ganz merkwürdig, wie wenn ihm das Lachen am Mund erfröre.

Jetzt tappte er ein wenig näher.

Und schaute wieder.

Und schaute wieder.

So lange stand er nun schon da, daß der silberne Glanz auf dem Bett inzwischen wieder weiter und weiter gerückt war. Jetzt lagen Placidas goldene Haare im Schatten. Jetzt war nur noch die weiße Stirn im Licht. Und jetzt hastete die Helligkeit des Mondes klein wie ein Silber- taler auf dem Bettpfosten.

In diesem Augenblick trat Brosi ans Lager und faßte Placidas Hand. Die Hand war kalt. Der Bursche stieß einen Laut heraus, der kein Wort war, sondern mehr ein Lallen.

Da da erlosch der letzte leise Mondstrahl.

Und da wendete sich Brosi vom Bett ab, mit tastenden Händen, als ob er etwas halten wollte. Die Placida? Nein, nein sie war fori die die Placida. Wie das Licht, das hinaus war!

Er wußte jetzt, das sie tot war.

Die in der Stube hörten nach einer Weile draußen im Flur einen Schrei wie das Brüllen eines Stiers und dann ein Poltern auf der Treppe. Sie kamen heraus, aber sie sahen nichts mehr. Ihre Blicke be­gegneten sich. In beider Augen stand der Schrecken, so ftirchtbar war der Schrei gewesen. Aber wenn sie wußten, daß es der Brosi gewesen war, so sagten sie es nicht.

Am nächsten Tag fand Kasimir Schuler den Burschen zur Bewußt­losigkeit betrunken im Stall. Neben ihm lag eine Schnapsflasche. Von da an war kein schlimmerer Säufer, kein gefährlicherer Raufbold weit umher als der verkommende Brosi.

Der Mond kam wieder. Aber der nicht mehr, der in das Leden des Burschen geleuchtet und in dessen Schein die kleine Placida gestanden.

Brosi wurde verlegener, je mehr sie au Lebendigkeit gewann. Er versuchte nicht, sie zu halten, als sie sich bald nachher ganz frei macyte und aufstand. Seine Arme sanken nur unendlich langsam von ihr und man sah ihm an, daß er noch stundenlang so gesessen haben würde, wort­los, zufrieden und wie in einem Traum. Als auch er sich erhob, seufzte er ein wenig und stockend, wie man so unbewußt ein bedauerndes, stummes: 0 je, schon vorüber!" in sich hinein seufzt. Er machte sich dann wieder

........nach einer Weile aßen sie zusammen. Da der Regen Placida nachher in den Wald. 2t Is sie diesen gemein« ' ' waren sie größere Freunde

Er wich nur aus ihrer Nähe, wenn <_ ------

wußte, daß er sie beim Essen sah oder daß sie an der Stelle vorüber- kam wo er arbeitete, war er zufrieden. Er selbst war vollständig ver­wandelt. Er ließ sich nie müßig im Dorfe sehen, noch weniger im Wirts­haus. Gegen die Menschen zeigte er ein mürrisches, verschlossenes Wesen, als ob er empfände, daß sie ihn wie vorher um seiner Laster, jetzt um feiner Enthaltsamkeit und Bravheit willen bestaunten. Kasimir, der Bauer, war nicht feinfühlig genug, als daß er von seiner Umwandlung, die auch ihm auffiel, geschwiegen hätte. Er neckte ihn ein paarmal mit Serben, täppischen Warten.Du bist ja auf einmal so zahm geworden,

du großer Lump." .... .

Bros! knurrte bissig auf und gab ihm ebensowenig wie uen andern irgendwelche Erklärung, woher ihm die Besserung kam. Er hatte keine zu geben; denn er hätte selbst nicht zu sagen vermocht, was mit ihm ge­schehen oder in ihm vorgegangen war

Viel hat das Kind wohl Schuld," sagte Placidas verständige Mutter, es "hat ihn zutraulich gemacht, und ich sage ja, Gutheit tut manchmal Wunder bei derlei Menschen." .

Demgemäß beobachtete sie selbst auch gegen Bros, eine ruhige, gleich- mäßige, zurückhaltend freundliche Art, die ein gutes Einvernehmen ^'Siu Matta hatte aber eine Sorge, Placida, das Mädchen, rvar nicht gesund. Sie litt an Atemnot, seit sie in den Bergen war, fror bei jebem fühlen Winde, und jede Gemütsbewegung brachte ihr sonderbare Zu­stände plötzlicher Erschöpfung. Im Laufe des Sommers ging ihre Mutter mit ihr zum Arzt, der sie untersuchte und agte, sie hatte nicht in die Höhe gehen sollen,'ihr Herz ertrage sie nicht. Die Frau stutzte. Sie war ohne Vermögen, auf das Haus des Bruders als Zuflucht angewiesen. Ganz verwirrt fragte sie, was sie denn tun sollte. Der Arzt kannte ihre Verhältnisse und wollte ihr vielleicht nichts zumuten, was ihr schwer ge­fallen märe; vielleicht nahm er selber auch die Sache kalt. So empfahl er ihr eben, der Placida, wenn sie nun einmal bleiben müsse, wo sie sei, Shonung angedeihen zu lassen. Und gewohnt, die Bauern nicht sanft anzufassen, fügte er mit grober Offenheit hinzu:Sonst konnte Euch das Kind einmal hinfallen und tot jein."

skrau Maria kam mit verweinten Augen von ihrem Gang zurück. Placida ahnte mehr als sie wußte. In ihren blassen Augen lag eine leise lächelnde Wehmut, wie die Jugend, bie noch zu reich und zu flügge ist' um am Kummer zu haften, sie im Voremplinden em es Leides E^chi^hörte, was ihre Mutter nach der Heimkehr dem Bruder er- wdtte. Er war in der Wohnstube. Der Bauer und die Schwester saßen am Tisch, und Brosi war im Begriff, aus der Tür zu gehen, als er bas erfte Wort auffing. Er hielt schon die Klinke m der Hand, aber er b ieb ff,>hen mit gebeugtem Nacken, im Schritt stockend, und lauschte mit allen Sinnen. Und als er wußte, daß die Placida gezeichnet war^ sprang etwas Raubtierhaftes in seinen Blick, und eine unbeschreibliche blinde Wut stürmte in dem seltsamen Menschen. Vielleicht hatte er den Arzt erdrosselt, wenn er ihn gehabt hätte, weil er das gesagt hatte. Er hatte eine Gier, einen Schuldigen zu haben, an dem er für die Gefahr, in welcher die Vwcida chwebte, Rache nehmen könnte.

Die Wut verrauchte, weil sie keinen Anlaß fand, auszubreä)en, oder verstockte vielmehr. Dafür wuchs die Sorge um das Mädchen. Diese Sorge bekam nach und nach fast etwas Herrisches, so mächtig war sie. Wenn er die Placida sich bücken sah, sprang er hinzu und gab ihr, wo­nach sie langte. Wenn sie bergan stieg, mahnt« er hastig: -Langsam! Geh doch langsam, bei Gott!" Als die Tage herbstlich wurden, trieb er tie ins Haus, sobald eine rauhe Luft wehte, oder stand plötzlich mit einem dicken Tuch hinter ihr und legte es ihr wortlos um. Und einmal, als sie sich mit einem leichten Paket, das sie für die Mutter auf der Post geholt, dem Haus« näherte, kam er mit glühendem Kopf aus dem «lall gerannt und riß es. ihr aus der Hand.Bist du denn ganz verdreht. fuhr er sie an.

Manchmal war ihr die Bewachung, die er über sie ausubte, unbequem, meistens 'aber weckte sie ihre Lustigkeit, und zuweilen ahnte sie etwas Tiefes, Gewaltiges in seiner Fürsorge und empfand, ohne es zu wollen, eine warm« Dankbarkeit.

Die Tage ginaen, und es kam ein früher Winter mit einem schweren, trockenen Schnee. Tal und Dorf konnten in ihm gleich für Monate eln- gegraben liegen. Placida hatte im Herbst müde Tage gehabt. Jetzt fühlte sie sich viel wohler, und sie freute sich über die weiße, flirrende Welt, derengleichen sie noch nie gesehen hatte. Nach einer Woche war der Schnee auf der Straße einqeftampft. Da fuhren die Schulkinder von der Höhe der Meyener Kapelle und am Hause Kasimir Schulers vorüber talwärts. Wenn es dämmerte, lösten die Burschen und Mädchen das Kleinvolk ab. Das war ein Leben. Placida sah durch die kleinen Scheiben auf das Lachen und Gleiten, und die heiße Jugend wallte in ihr auf. Sie verlangte, daß Brosi mit ihr ein paar Fahrten tue.

Das ist nicht» für dich," murrte er. Dann rief er sie. Die Katze hätte Ja.iae unten 1m Stall, sie solle die mit ihm anschauen kommen. So wußte er sie abzulenken. Ganz klug und ganz ruhig.

Im übrigen warnte auch die Mutter, wenn auch milder, Placida möge das Schlitteln andern überlassen. Aber eines Abends, als Brofj noch im Bergftall beim Vieh war, sah sie bas Mädäfen mit dem kleinen Schlitten, der im Hause stand, gegen die Kapelle hinanziehen. Placida erblickte die Mutter, lachte, daß sie alle überlistet hatte und winkte mit der Hand zurück. Die Freude und der Uebermut leuchteten aus ihrem Gesicht, und die Mutter war schwach, dachte, daß einmal keinmal sei und wollte ihr das Vergnügen nicht verderben. Sie sah sie auch bald nachher gegen das Haus heran fahren. Ihre Wangen waren rot, wie sie nie gewesen waren, und ihre Augen blitzten vor Eifer. Sie hatte Gesellschaft. Es waren noch andere junge Leute da. Und sie wollte hinter ihnen nicht zurückstehen. Nach kurzer Zeit befand sie sich abermals auf dem Weg bergan. Ihr Laufen war fast ein Stürmen; denn so machten es die an­deren auch. Sie war mit Leidenschaft in der neuen Freude.

Frau Maria hatte sie diesmal nicht beobachtet, aber als sie nach einer Weile zufällig wieder ans Fenster kam, gewahrte sie eine Ansammlung von Leuten oben an der Kapelle und wurde aufmerksam Und auf ein­mal befiel sie Angst. Seltsam! Da oben mußte ein Unglück geschehen fein! Inzwischen lief schon ein junger Bursche auf das Haus zu. Sie sah, wie er jemand anrief. Dann rannte unten vom Haufe weg Kasimir Schuler, der Bruder, wie gejagt gegen jene Menschengruppe hinauf. Jetzt eilte auch Frau Maria hinunter. Sie kam aber nicht bergan. Don oben trugen sie ihr schon die Tochter zu. Ein Herzschlag hatte sie getötet