Seite, so wird der uns vorher so lästige Traum verschwinden, dafür ober Verden jetzt wieder andere Traumerscheinungen aujtreten. Der Grund hierfür ist einfach. Denn nun fließt das Blut aus die jetzt untere, aber vorher obere Gehirnhälfte, und diese wird durch -den vermehrten Druck dieser Zellen gereizt, während die vordem erregten Teile sich allmählich beruhigen, so daß dadurch das von ihnen erzeugte Traumbild entflieht. Legen wir uns also auf die andere Seite, so üben wir dadurch unbewußt eine dcn Naturgesetzen entsprechende Einwirkung auf unser Hirn und damit auf unsere Tramnvorstellungen aus.
lieber die Schnelligkeit, mit der die Träume verlaufen, sind bisher einwandfrei« wissenschaftliche Versuche noch nicht angestellt worden. Dagegen ist eine Anzahl von Träumen bekannt, bei denen der Zufall die Versuchsperson spielte. Der Gras von S s g u r wurde während der fran- »Ssischen Schreckensherrschaft gefangen genommen. Eines Nachts hörte er fen Gefängnisse die Turmuhr zwölf schlagen. Aber schon nach den ersten Schlägen der Glocke schlief er ein und träumte von einer langen Reise, von schrecklichen Szenen, die in Wirklichkeit einen großen Zeitraum umfaßt haben würden. Plötzlich wird er durch einen Lärm aus dem Schlaf erweckt. Es war die Ablösung der Wache, die genau um Mitternacht auf- zsg. Der Traum konnte demnach nur wenige Bruchteile einer Minute gebauert haben, obgleich die Erlebnisse in ihm viele Stunden zu währen schienen. Es ergibt sich daraus, daß die Gehirntätigkeit im Schlafe nicht nur ebenso groß wie im Wachen ist, sondern, daß sie im ersten Zustande ungleich angespannter arbeitet und schafft.
Traumversuche an sich selbst vorzunehmen, ist nicht jedermanns Sache, wohl aber dürfte es keine undankbare Aufgabe fein, alle auftauchenden Träume am anderen Morgen zu zerlegen und die Ursache ausfindig zu machen, auf di« sie möglicherweise zurückzuführen sind. Bet einer ganzen Anzahl von Fällen möchte sich wohl dann der äußere Anstoß unschwer entdecken lassen, so daß, allerdings in einer völlig anderen Hinsicht, das alte Sprichwort Lügen gestraft werden würde, das da sagt: „Träume sind Schäume/
Das Kind am Brunnen.
Bon Friedrich Hebbel.
Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht! Doch die liegt ruhig im Schlafe.
Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, Am Hügel weiden die Schafe.
Frau Amme, Frau Amme,. das Kind steht auf, Es wagt sich weiter und weiter!
Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, Da stehen Blumen und Kräuter.
Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie drinnen !
Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, Die Blumen locken's von hinnen.
Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel, Nun pflückt es die Blumen sich munter: Doch bald ermüdet das reizende Spiel, Da fchaut's in die Tiefe hinunter.
Und unten erblickt es ein holdes Gesicht, Mit Augen so hell und so süße.
Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht, Viel stumme, freundliche Grüße!
Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind Winkt aus der Tiefe ihm wieder.
Herauf, herauf! so meint's das Kind, Der Schatten: Hernieder! Hernieder!
Schon beugt es sich über den Brunnenrand.
Frau Amme, du schläfst noch immer!
Da fallen die Blumen ihm aus der Hand Und trüben den lockenden Schimmer.
Verschwunden ist sie die süße Gestalt, Verschluckt von der hüpfenden Welle. Das Kind durchfchauert's fremd und kalt, Und schnell enteilt es der Stelle.
Der Mondftrah!.
Von Ernst Zahn.
(Schluß.)
Da ging sie hinauf und verständigte die Mutter.
Als sie wiederkam, trug er die Axt über der Schulter, hatte Rock und West« abgelegt und stand so nur in vom Gürtel gehaltener Hose mch farbigem Hemd, die nackten Füße in Holzsandalen. Vielleicht hatte sie ihn nie so aufrecht stehen sehen. Sie wunderte sich, wie stark und hoch er gewachsen war, und der Bart stand ihm gut trotz der Derwildertheit. Die Kupferfarbe des Gesichtes paßte zu der Stämmigkeit der Glieder.
Sie schritten über die Wiesen nach der Meyenreuß hinab. Der Tag war heiß. Ueber den Stiften aus dem Bernbiet herüber zogen mächtige weiße, durchleuchtete Wolken. Der Wind warf und wälzte sie hinter die Felsen des Sustenhorns hinunter, wie Buben riesige Schneekugeln wälzen.
Die beiden überquerten den Wildbach auf schmalem, hohem Steg. $rofi ging voran, und von seinen schweren Tritten zitterten die Bretter, fo daß Placida wie auf Federn ging.
Jenseits des Weges wurde der Weg steil.
„Geh voran," sagte Bros! in seiner dumpfen, sparsamen, verkniffenen Art. „Du kannst uns den Schritt angeben."
Sie gehorchte, und er stieg hinter ihr her und nahm die Blicke nicht mehr von ihrer schmächtigen Gestalt. Sie muhte aber bald stillstehen und Atem schöpfen; dabei rann ihr ein leiser Blutstrom sichtbar vom Halse in die Wangen.
„Macht es dir so Mühe?" fragte er, und sie konnte vor Anstrengung nicht sprechen und nickte nur, daß ihr gelbes Haar sich bauschte. Er tröstete sie, daß sie bald an Ort und Stelle wären, und, nachdem Placida noch einig« Male angehalten und sich ausgeruht, waren sie das wirklich. Der Wald schloß sich über ihnen, hohe, alte Tannen mit geraden grauen Stämmen, von denen wie von den Aesten graugrüner Bart hing. Zuweilen lag ein moosü-berjponnener Block im Gestämme, zuweilen tat sich eine Höhle auf. Der Wald wurzelte auf Trümmern eines eingestürzten Berges. Als sie die Lichtung, in welcher Brofi zu schlagen hatte, erreicht hatten, ließ Placida sich aus einen Stein nieder, und er legte die Wegzehrung neben sie, die sie mitgebracht. Dann sprach er nicht mehr, maß den Baum, der ihm verfallen war, und machte sich gleich an di« Arbeit. Wie stemmte er das Bein vor und schwang die Axt. Eine Wucht ohnegleichen lag in der Haltung seiner Gestalt und in seinem mächtig ausholenden Streiche. Die. Axt fuhr schmetternd in den Stamm, und dieser erzitterte hinauf bis in die Krone, wenn sie traf.
„Du bist schon stark, du," sagte Placida bewundernd, als er einmal innehielt
Da lacht« er vergnügt; er war noch nicht viel gelobt worden.
Sie schaute sich indessen um, und die Ruhe, die rings um sie war, tat ihr wohl. Wenn sie den Blick erhob, sah sie die Kronen der Tannen wogen wie Wellen; denn der Wind warf sie hin und her und ritz für Placida bald da, bald dort die Aussicht auf ein Stückchen Himmel frei. „Ich bin froh, daß ich gekommen bin," sagte sie.
Anfänglich sah sie den Himmel noch blau, aber während das Wiegen der Baumkronen immer heftiger wurde und der Sturm im Walde ein Rauschen und Brausen begann, das sie, da sie geschützt saß, mit staunender Freud« hörte, gewahrte sie, daß der Wolken immer mehr wurden und über die weißen schwarze und braune quollen, düster und wild wie Brandgewölk. Sie wollte Brofi darauf aufmerksam machen, getraute sich aber nicht recht, weil sie die Gewitterangst in sich spürte, and sich ihrer schämte. Endlich sagte sie doch zaghaft und atemlos: „Sollten wir nicht heimgehen? Es zieht ein Wetter auf?'
„Fürchtest du dich?" fragte er, ohne sie auszulachen; er staunte auch ihre Furcht als etwas Fremdes an, wie er sie selbst immer als eine Art Wunder ansah. „Du brauchst nicht Angst zu haben," beruhigte er sie bann. „Wenn wir dort unter den Felsen treten, sind wir sicher genug.
Unweit der Stelle, wo er arbeitete, erhob sich aus dem Walde ein Block, der so überhing, daß zwei Menschen sich wohl vor Regen und Sturm dort bergen konnten.
Sie gab sich zufrieden und schaut« ihm wieder eine Weite zu. Da fuhr ein blendendes Licht durch den schwül gewordenen Wald. Dann krachte der Donner.
Placida fuhr auf und war bleich vor Schrecken. „Es schlägt gern in die Bäum«, Brofi,' sagte sie ganz leise; denn die Angst no-hm ihr die Stimme.
Aber die Blitze folgten sich jetzt unablässig, und das Tal schien von einem einzigen, unaufhörlichen Rollen und Grollen erfüllt. Dann brach eine Flut von Regen herab. Man hörte sein brausendes Nahen und plötzlich stürzte er über die beiden. Doch schon stand Vrosi neben Placida unter dem Felsblock.
Es erwies sich jetzt, wie kindisch sie noch in manchem war. Sie zitterte und die Lippen zuckten ihr in einem nervösen Weinen. Dabei vermochte sie kaum, sich aufrecht zu halten. Brofi hatte sich ins Moos gesetzt und hieß sie, sich neben ihm niederzulassen. Das tat sie; aber ein furchtbarer Donnerschlag krachte eben wieder, und sie griff blindlings nach seiner Hand. Ihre Furcht hatte jetzt etwas Verzweifeltes. Jedes neue Leuchten und Rollen jagte sie in größere Erregung. Sie klammerte sich an Brost. Er sprach nicht; aber er legte den Arm um sie, und nun nestelte sie sich wie «in erschrecktes Kind in ihn hinein, daß er verwundert und unbeholfen sie näher an sich nahm. Zuletzt zog er sie auf seine Knie und hielt sie bärenhaft täppisch und doch- sorglich fest.
So ein wildes Wetter dauert nicht lang," sagte er einmal, und vielleicht beruhigte sie das Wort ober die Empfindung, wie sorglos er selber war. Sie hort« auf zu zittern.
Allmählich ließ auch die Wut bes Wetters nach, und im Gleichmaß zu diesem Nachlassen wurde Placida wieder aus Dinge aufmerksam, die außerhalb ihrer Angst lagen. Sie erkannte das Drollige, Verlorene, das sie selbst hatte, während st« so in Brosis unbeholfener Umschlingung lag. Eine stille Lustigkeit bemächtigte sich ihrer, die zuerst nur m ihren Heller werdenden Blicken leuchtete. Dabei betrachtete sie die stämmigen Arme, die sie hielten, und das dunkle Gesicht mit dem wilden Bart, das ihr ganze nahe war. Sie begegnete Brosis Augen und mufjte dabei denken, daß eigentlich ein Ausdruck von Güte und ©utmutigteit darin liege, gar nichs, was an des Burschen Verwahrlosung und übles Geben erinnerte. Ein Empfinden des Behagens ergriff sie, bas vielleicht ebenso sehr der Gewißheit entsprang, baß das böse Wetter fernem Ende nahte, wie daß der starke Brofi ihr nichts geschehen lieh. Dann brach bte Lustigkeit sich Bahn. „Ich habe keine Angst mehr, sagte sie und fetzte sich gerade auf. Dabei kam ihre schmale, magere Hand auf seine schwere, braune Tatze zu liegen, und sie spannte die Finger und maß sie an den seinen. Dazu wandte sie den Kopf gegen ihn und lachte. Sie hatte ihn in diesem Augenblick gern, so wie vielleicht ein verwöhntes jüngstes KlM> einen viel äll->ren Bruder liebt, der ihm alles zu Gefallen tut.


