Werke aus, aber er erfaßt sie alle, auch die schwierigsten werden hin- 1 Genommen, verstanden, bejubelt. Die Jahre von Haydns Aufgang bis zu den ersten Siegen eines Rossini sind recht eigentlich die Beethoven-Zeit, ikr wird Ehrenbürger von Wien, man ruft auch während des Rosftnl- Taumels seinen Rainen der Stadt immer wieder ins Gedächtnis; er selbst ist allerdings durch die Abkehr des Publikums zu allem Italienischen der­maßen verstimmt, daß er daran denkt, die beiden großen Abschiedswerke, die große Messe und die Neunte Symphonie, zuerst in Berlin aufführen zu lassen. Eine Adresse, von Künstlern und Kunstfreunden Wiens unter­zeichnet, gibt ihm die Gewißheit zurück, daß er noch immer in feiner Größe gewürdigt wird, und die Ausführung im Kärntnertortheater Fragmente der Messe, der lieben Zensur wegen im Programm als Hymnen" bezeichnet, und Neunte Symphonie) wird ein Triumph des Meisters; das erhoffte Erträgnis freilich bleibt aus, auch bei einer Wisder- wlung des Konzerts im Nedoutensaal, bei der die eine derHymnen" schon durch eine Arie von Rossini ersetzt worden ist. Beethoven tritt nicht mehr in die Oeffentlichkeit. In der Stille des Alters, der Krankheit, der Vereinsamung entstehen die letzten Quartette. Auch sie werden zum Teil roch zu Gehör gebracht. Unter Donner und Blitz geht Beethoven in die Unsterblichkeit ein; viele teilnehmende Freunde messen dem Märzgewitter 'm Todestag besondere Bedeutung bei. Am Begräbnis nimmt die ganze Stadt teil, iind das alte Weiblein hatte recht, das einem Unkundigen auf die Frage, was es denn mit dem (zur Wahrung der Drbnung auf- gebotenen) Militär auf sich habe, die Antwort gibt:Wissen's denn nicht der General von den Musikanten ist gestorben."

Schuberts ewiger Kummer aber war:Wer vermag nach Beethoven och etwas zu machen?"

Der Wiener Rossini-Taumel erfüllt Schuberts letztes Lebensjahrzehnt, droht ihm die Oper zu versperren, ergreift auch ihn . . . Cherubini, Mich spontini sind nie so sehr als Italiener, als Fremde betrachtet worden, in beiden und besonders in Cherubini wirkte Gluck nach, ergab sich eine Verwandtschaft mit deutscher Feierlichkeit, deutscher Zurückhaltung. Rossini aber brachte die Sonne Italiens, das Glück einer Melodie, dis nichts als Licht und Freude geben wollte und, nach schweren Zeiten, auch gab. Ihr erlag ganz Europa, selig, nach Jahren der Unsicherheit, der Erregungen ohne Bedenken zu genießen, schwelgen zu können, im Augen­blick aufzugehen. Daß sich Wien mit besonderer Leidenschaft hingab, sollte nicht gescholten werden. Die Stadt, das Land war besonders arg mit­genommen worden. Und -dann hatte dieses Wien selbst so viel Südliches, so viel Freude an der Melodie. Welscher Tand? Ein selbst einst italie­nisches Opernzentrum huldigte einem mehr als anderen italienischen Meistern.

Es ist wahr, Wien vergaß darüber, was es noch gestern angebetet hatte, vergaß selbst Beethoven. Aber in dieser Stadt hat der Lebende immer unrecht gehabt, auch wenn er noch so groß war. Es ist auch zu sagen, daß gerade die letzten Werke Beethovens zuzeiten von einer mehr persönlichen Teilnahme an der Erscheinung des großen Mannes ge­tragen werden konnten aber sie standen doch sehr fern von einer Zeit, die einem solchen Flug des Genius selbst bei größerer Sammlung nicht Jütte folgen können und sich um so lieber bei leichteren Musikgenüssen eschied.

Rossini sellist hatte sich nicht nehmen lassen, zu Beethoven vorzu­dringen, einem Beethoven, der Cherubini bei jeder Gelegenheit seiner Achtung und Schätzung versichert, ihn den ersten Komponisten seiner Zeit genannt hatte. Aberder Schmetterling flog dem Adler in den Weg, dieser wich . . . aus, um ihn nicht zu erdrücken mit dem Flügelschlag" (Schumann). Schließlich gelang der Besuch. Beethoven riet Rossini, nur Buffo-Opern zu komponieren; das sei dem italienischen Genie am meisten angemessen. Rossini nahm den Eindruck einer unbeschreiblichen Traurig­keit des großen Beethoven mit:Als wir die wackligen Treppen herab­stiegen, suhlte ich über den Besuch bes dem großen Mann, da ich an seine Verlassenheit, an seinen Mangel dachte, eine solche Wehmut, daß ich zu weinen anfing." Aber Rossinis Begleiter, ein italienischer Poet, der sich in Wien schon auskannte, meinte, Beethoven wolle es gar nicht anders haben . . .

Zeitgenosse eines Haydn, Beethoven, Rossini, geblendet, eingehüllt, ver­borgen von dem Glanz und Ruhm solcher Meister, blühte und verblühte in der Stille einiger Freundschaft, häufig in der Abgeschiedenheit der Vorstadt, aus Wanderungen irgendwo im Oesterreichischen, Schubert. Er hat drei Jahrzehnte lang der Stadt nicht seine Person, nicht die Persön­lichkeit gegeben, nur Zirkel wußten von ihm, die Kreise der Aufmerksam­keit weiteten sich gerade ein wenig, aber da waren die drei Jahrzehnte dieses Sehens auch schon um, er sank in die Nacht, und Vergessenheit umfing ihn.

Traumversuche.

Von Dr. Karl Erich Krack.

Zu den schwierigen Aufgaben, die von jeher den Forscher und den Laien in höchstem Grade angeregt haben, gehören die rätselhaften Träum­erscheinung en. Neuerdings sind durch Versuche einige wichttge Aufschlüsse über die Entstehung unserer Träume erlangt worden.

Jeder, der die ihm bewußt gewordenen Traumerlebnisse zu überblicken vermag, wird zugeben, daß m ihnen der Geruch eine höchst unbedeutende Rolle spielt. Wir träumen wohl von einer blumigen Wiese, wir erblicken auch eine vollbesetzte Tafel mit allen nur möglichen Leckerbissen, aber nie­mals nehmen wir den Duft der Blumen wahr. Und doch sind die Gerüchs- empfindungen sicher in sehr vielen Fällen die einzige Veranlassung zur Entstehung des Traumes. Der russische Forscher Sergejeff hat dar­über an sich selbst Versuche vornehmen lassen. ,Lch war im Begriffe", er­zählt er,mich zu einem meiner Freunde in der Sommerfrische zu be­geben, um dort vierzehn Tage zu bleiben. Vor meiner Abreise kaufte ich mir eine Flasche Parfüm, das einen eigenartigen Geruch hatte. Jedoch hütete ich mich, die betreffende Flasche vor meiner Ankunft in der Sommerfrische zu öffnen. Dagegen machte ich, dort angelangt, von dem

Parfüm einen sehr ausgedehnten Gebrauch und hatte stets eine Kleinig­keit in meinem Taschentuche. An dem Tage, wo ich abreiste, wurde das Fläschchen sorgfältig geschlossen und blieb dann über ein Jahr in einem Schrank unberührt verwahrt. Ich hatte einen Diener, der täglich schon sehr früh in mein Schlafzimmer kam. Ich gab ihm das Fläschchen und beauf­tragte ihn, mir eines Morgens, wenn er mich tief schlafend finden würde, einige Tropfen auf das Kopfkissen zu gießen. Er sollte mir nicht das geringste davon vorher sagen und einen ganz beliebigen Tag nach längerer Zeit wählen, so daß ich in keiner Weise im voraus empfänglich sein konnte. Meine Träume, die ich jeden Morgen mit größter Sorgfalt nieder« schrieb enthielten nie etwas, das an meinen vorjährigen Aufenthalt er­innerte. Da, eines Morgens träumte ich, wieder in der Sommerfrische zu sein Ich sah die mir bekannten Berge, Bäume und Felsen so lebhaft und deutlich, daß ich sie hätte zeichnen können. Beim Erwachen fiel mir sofort auf, daß mein Kopfkissen nach dem bewußten Parfüm roch. Der Diener hatte in der Tat an diesem Morgen seinen Auftrag ausgeführt."

In ganz ähnlicher Weise und mit dem gleichen Erfolge machte Her­vey verschiedentlich Versuche. Er ging aber noch einen Schritt weiter. Rach seinen Versuchen mit einem Parfüm benutzte er deren zwei, von denen er das eine bei einem Landaufenthalte gebrauchte, während er das andere in dem Atelier eines Malers, worin er arbeitete, und das in dieser Zeit häufig von einer jungen Dame besucht wurde, verwendete. Er traf nun Vorsorge, daß ihm sein Diener eines Morgens von beiden Essenzen einige Tropfen auf das Kissen träufelte. Die Wirkung war die erwartete, denn es tauchte vor dem Schlafenden zuerst ein Traumbild auf, in dem er in die Gegend des Landaufenthaltes versetzt wurde und wo er mit der Familie seines damaligen Wirtes speiste, als plötzlich der Maler in Begleitung der Dame in das Zimmer trat. Der Duft des betreffenden Varfüms war also jedesmal die Urfache für die Entstehung des Traumes gewesen. Mit seiner Wahrnehmung im Schlafzimmer waren die Gehirn- vorstellungen wieder geweckt worden, die damals, als die verschiedenen Parfüms gebraucht wurden, den Geist der Versuchspersonen erfüllt hatten.

Wie der Geruch, so gibt auch der Ta st sinn vielfach den Anstoß zur Traumbildung. Professor Ofron bedeckte in einer Nacht feine Kniee nicht. Die Abkühlung erregte in ihm die Vorstellung der Nacht, und damit verband sich die Erinnerung an eine Nachtfahrt, die er mit der Postkutsche unternommen hatte. Dr. Ofregory wiederum legte an das Fußende seines Bettes eine mit heißem Wasser gefüllte Flasche. , Die Wärme­empfindung an den Füßen erregte in ihm die Vorstellung einer früher tat­sächlich unternommenen Aetn-abesteigung, bei der er die Hitze des Bodens unerträglich gefunden hatte.

Interessant ist die Beobachtung eines französischen Gelehrten, der auf einer Forschungsreise in Aegypten von einem schweren Augenleiden be­fallen wurde. Nach Frankreich zurückgekehrt, vergingen zchn Jahre, ohne daß er je von Aegypten geträumt hätte. Da mit einem Male stellten sich fast in jeder Nacht Träume ein, die ihn wieder nach Aegyptm zurück­führten oder sich doch auf seine damalige Reife bezogen. Wenige Tage später erkrankte er an demselben Augenleiden, an dem er in Aegypten gelitten hatte. Die leisen Reizungen, die als Vorläufer des offenen Krank- heitsausbruches auftraten, wurden also im Wachen, wo -der Geist ander­weitig beschäftigt war, gar nicht empfunden. Wohl aber waren sie im Schlafe stark genug, im Gehirn wahrgenommen zu werden. Mit ihrer Emp­findung wurde aber auch die Erinnerung an die vormalige Erkrankung und die während ihrer Dauer unternommene Reise wieder erweckt. Viel­leicht beruhen auf gleich schwac^n Reizungen alle jene prophetischen Träume, in denen wir von bevorstehenden Krankheiten träumen, die dann auch wirklich eintreten.

Auch der Geschmackssinn wirkt auf unsere Traumvorstellungen. Um seine Mitwirkung zu prüfen, las Hervey am Tage zu wiederholten Malen eine anschauliche Stelle aus OvidsMetamorphosen und entwarf ein darauf bezügliches Bild auf der Leinewand. Während der ganzen Zeit dieser Beschäftigung hielt er ein Stück Jriswurzel um Munde. Die Jns- wurzel sollte -den Vermittlungsgegenstand abgeben, durch den sein Diener in die Traumbilder einzugreifen vermöchte. Als daher Hervey nach euuger Zeit im Schlafe eine derartige Wurzel zwischen die Lippen geschoben wurde, wurde die Geschmacksempfindung die Ursache, alle begleitenden Nebenumstände wieder hervorzuzaubern und die Erinnerung an das nach dem lateinischen Dichter entworfene Gemälde lebhaft im Traume wachzu- ^Dah Gehöreindrücke eine reiche Quelle für allerlei Traumerleb- nisse sind, wird ein jeder schon an sich selbst erfahren haben. Em vom Winde hin- und hergeschlagener Fensterflügel, ein umgefallenes Tischchen im Schlafzimmer erklärt uns beim Erwachen am Morgen, warum wir von einer Kanonade oder einer Explosion geträumt haben. Sehr sinnreich suchte der schon genannte französische Forscher den, Zusammenhang zwischen Gehörsinn und Trauminhalt auch erfahrungsgemäß nachzuweijen. Er wählte aus feinen Ballbekanntschaften ihm zwei sympathische Damen und aus der Tanzmusik zwei Walzer von besonderer Eigentümlichkeit aus. Mit Hilfe des ihm befreundeten Kapellmeisters richtete et es nun so em, daß er mit jeder der beiden Damen immer nur den bestimmten Walzer tanzte, so daß jede Tänzerin sozusagen zu ihrer Melodie gehörte, rcun kaufte er zwei Spieluhren, welche die betreffenden Walzer spielten. 00 oft jetzt, während er schlief, die Spieluhren jene Melodien spielten, er­schienen ihm stets seine beiden Tänzerinnen im Traume, jede bei dem be­treffenden Walzer.

Ein Versuch, den jeder von uns selbst unzählige Male an sich anstellt, besteht darin, daß wir uns, wenn wir von einem unangenehmen Traume gequält werden, auf die andere Seite legen. In den ersten Anfängen des Schlafes, wenn wir eben die Augen geschlossen haben, schweben unlerem Geiste eine Menge verwirrter Bilder vor; die Gehirnhälfte nun, die oer Seite entspricht, auf der mir liegen, wird vom Blute, das dem Gesetze 0« Schwere folgt, reichlicher bespült werden, als die der oberen Körpersei e. Infolgedessen werden die Gehirnzellen der unteren Hälfte stärker erreg, und die in ihnen fest-gehaltenen Vorftellungsbilder treten scharf in unter Wahrnehmung hervor. Erwachen wir nun und legen uns auf die anoer