SlehenerZamilieiibliititt
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Dienstag, den U- Oktober
Jahrgang (927
Nummer 81
Schubert.
Von Robert Hohlbaum.
Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein, die Lindenblätter soll dein Klang bewegen, dein Nam« tön' aus jedem Abendsegen, aus jeder Glocke, hell und morgen rein.
Du, sei mit uns in Nächten, süß vom Wein, wenn sich in deinem Lied die Becher regen, du sollst der Führer auf verschneiten Wegen unserer letzten Winterreise fein.
Du bist die Ruh', der Friede mild, demütig kränzen wir dein Bild mit Frühlingsglanz.
Sieh unser Herz, von Gott so weit, füll' es mit deiner Seligkeit, o füll' es ganz!
Das Forellenquintett.
Von Wilhelm Schäfer.
Der Schubertfranz und der Lachnerfranz wollten an einem Sonntag in der Frühe in den Wienerwald gehen. Vielleicht, daß wir den Specht ein Menuett klopfen hören, und das Eichhörnchen tanzt dazu! schwärmte der seuri-ge Lachner, und Schubert nickte bedächtig: Am Ende macht uns die Kathi in Cobenzl gar noch Forellen! Doch wie sie da gegen Sievering tarnen, schwenkte ein Herr seinen Hut, wie nur im Theater ein Hut geschwenkt werden kann; und wenn sie nach zweifelten, wer wohl der Hutschwenker wäre, wurde der Zweifel allsogleich blaß, als er die Stimme vernahm-. So konnte nur Siebert, der Sänger und große Bassist, einen Morgengruh tönen.
So zogen sie dann zu dreien das Erbsenbachtal hinauf gegen den Vogelfangberg und brauchten den Specht und das Eichhörnchen nicht, so klopfte der Sänger an seine gespreizte Brust, und so sprang seine Eitelkeit um mit halsbrecherischen Kapriolen.
Den steinernen Gast hat uns die Theaterhölle zugefchickt! klagten di« Augen des Lachnerfranz: Jetzt wird uns der Wald und der Sonntag oer- rebet, und wo wir gegangen sind, zieht sich ein Schleim wie von Schnecken! Der Schubertfranz aber blitzte ihm Antwort mit seiner Brille: Der Specht und das Eichhorn sind längst davon vor der Stimme, und der Wald will auch einmal Ruhe haben mit seinem Säuseln und Rauschen; aber Forellen bekommt er nicht, und erst recht keine von der Kathi! Die Gräten könnten im tiefen C stecken bleiben und die Kathi müßte die Ofenzange ansetzen, sie wieder zu holen. Wir hätten die Wiener um Sieberts Stimme gebracht; und wer soll ihnen bann das tiefe Kellerlied fingen?
So hielten die Augen der beiden Fränze und Musikanten heimliche Zwiesprache ab, und die Brille blitzte dazwischen; aber den Sänger störte die leise Zwischenmusik nicht, weil er auch im Theater nur den Bah seiner Arien hörte. Und während das Wasser des Baches zierlich dahinfloß, um Kiesel und Baumwurzeln kreisend, während die Sonne sich auf dem Waldboden in taufend Sprenkeln verlor, davon ein jeder seine eigene krause Gestalt und sein heimliches Liebesglück hatte mit Moosen und Bternmieren, während der Wind in den Bäumen sein Elfenspiel übte, an jedem Blatt läuten, so daß aus dem Schellengeklingel der tausendmal- tausend Blätter das wohllaute Säuseln entstand, nrährend das winzige Flügelgebrause der Käfer und der Flötenton ferner Kuckucksrufe sich m das emsige Lustgetön legten, das dennoch selige Stille war: — hing den zornigen Fränzen und Musikanten der Lärm des Sängers im Ohr, der feiner eitlen Wichtigkeit voll war bis über die Ohren und nichts außer sich selber vernahm. .
Als sie so von seinen Erfolgen in Prag und von der Huld des Salzburger Hofes, von feiner Beliebtheit in Linz und den Beifallsstürmen 'n Czer und Karlsbad, von der Fülle seiner Geschenke und der Hoheit seiner Orden, aber auch von dem heuchlerischen Reid der Kollegen und von der Bosheit schlechter Rezensenten eine Stund« und mehr brusttönende Worte gehört hatten, waren die drei endlich droben auf dem Vogelsangberg. Da lagen die Kronen der Bäume unter ihren Blicken wie Kiesgeröll, das sich sanft in di« blaue Tiefe verlor, wo die herrliche Stadt Wien lag mit dem Stephansdom und dem Silberstrich der blinkenden Donau.
Weil aber der Sänger und berühmte Bassist Siebert gerade bei seinem Freund Hugelthier angelangt war, der feinen Baß heimtückisch einen Eietzkannenton genannt hatte, so diente der Anblick der sanft hinleuchtenden ©titot dem durch sich selber Gereizten nur dazu, über das leichtlebige Wien und der Kunstungefälligkeit feiner Bürger einen gewaltigen Stad zu brechen, bis sich die Brille des Schubertfranz mit dem Zornblick °eä Lachnerfranz listig verständigt hatte.
Laßt doch die Wiener aus Süßholz Sauerkraut kochen! sagte di« blitzende Brille gemächlich, und der mit den witzigen Augen setzte hinzu: Hier auf dem Vogelsangberg, wo die Bäume über Beethoven stürmten und Mozart die Zauberflöte fand, wo außer uns beiden zu dieser Stund« kein menschliches Ohr ist, Euch etwa nicht jeden Ton vom Mund ab- zusaugen; hier ist Euer Platz! Hier laßt Euren großen Sarastro ertönen! Und seid gewiß, wir wollen mit unseren Galgengesichtern bescheiden beiseite gehen, wir wollen im Wald Euren Baß hören und staunen, dies wäre ein Dom und Euer Mund eine Orgel!
Und weil ein Sänger für feine Stimme wohl eine gesunde Brust braucht, einem Blasebalg gleich den Atem zu schwellen, aber von seinem Kopf nur der Mund nötig ist, dem schwellenden Atem das Pfeifenwerk der Töne zu setzen, so merkte der Sänger und große Bassist auf dem Vogelsang nicht, daß sich die lustigen Fränze und Musikanten nur listig furtschleichen wollten. Als stellte der Wald den Prospekt, trat er mit stolzem Schritt vor an die Lichtung, schwenkte den Hut ins Theater und sang vor der ganzen Stadt Wien, vor der silbernen Donau und vor dem Stephansdom, vor bem sanft geschotterten Wolkenhimmel und der licht- lebigen Ferne in die unermeßliche Tiefe seiner Eitelkeit hinein den 6a- rastro. Und merkte nicht, bah der leise Wohllaut der Luft seinen lauten Baß hinnahm wie sonst einen menschlichen Lärm, daß seiner rollenden Stimme rundum die tönende Stille gesetzt war wie eine ewige Mauer, so daß keine Stelle im Tal, die feine Augen auf sich bezogen, auch nur das leiseste Ohr auf ihn haben konnte, daß die Welt der Wolken und Winde und blaublauen Weite so unberührt von ihm ronr, wie er ihrer Stimme, der nach dem großen Sarastro auf dem Vogelsangberg in der zehnten Stunde des Morgens fein ganzes Repertoire fang.
Daß fo ein Malefizkerl glaubt, wir könnten der Gottesnatur nur einen einzigen Ton fingen, daß er nicht weiß, wie sie es fein muß, die in uns singt, wie unsere ganze Musik nur das letzte Echo von ihrer Herr- lichkeit ist, zischte der Lachnerfranz, als sie, schon im Gebüsch, noch einmal nach seiner Narrheit zurücklauschten. Aber der Schubertfranz putzte di« Brille von feinen Tränen und hatte so herzlich gelacht. Sogar im Nil gibt es Pferde! sagte der mahnend. Jetzt aber schnell nach Cobenzl hinunter zur Kathi und ihren Forellen! Denn weiht du, mich juckt ein Quintett.
Schubert und die Klassiker.
Von Paul Stefan.*)
Wir sagen Schubert-Zeit und vergessen vielleicht einen Augenblick, daß sie nur für diese Betrachtung fo genannt werden kann — es wär, wenn wir sie nach Meistern der Musik benennen wollen, die Zeit eines Haydn, dann Beethoven-Zeit, zuletzt Zeit für Rossini. So schien es den Zeitgenossen.
Sechs Jahre vor Schuberts Geburt war Mozart gestorben, seit dem Prager „Don Giovanni" auch in Wien berühmt, vom Hof etwas widerwillig, von der Gesellschaft freudig geehrt; nur ist freilich zu sagen, daß Salieri bei Hof und Gesellschaft nicht weniger galt, auch ruhte auf ihm ein Abglanz von dem großen Ruhm feines Lehrers Gluck. Mit dem neuen Jahrhundert kam Beethoven herauf. Aber die Glorie Wiens war noch Haydn, heimgekehrt in dem Lorbeerfchmuck der großen weiten Welt. In feiner kindlich-genialen Erhabenheit fand er den gläubigen Ausdruck für die Heimat- und Staatsliebe eines von äußeren Feinden bedrängten Volkes, fein Kaistrlied (1797), eine Melodie von ergreifender Feierlich- feit, wurde Oesterreichs musikalisches Symbol. An die Begeisterung, di« „Schöpfung" und „Jahreszeiten" weckten, läßt sich nur erinnern. Eine Aufführung der „Schöpfung" in dem letzten Kavalierkonzert (27. März 1808) war fein Abschied von allem öffentlichen Musizieren. Der greife Künstler wurde von einem Wagen des Fürsten Esterhazy aus feiner Mariahilfer Wohnung geholt und in den Saal getragen; die vornehmsten Persönlichkeiten der Gesellschaft, auch Beethoven, hatten ihn vor dem Tor empfangen. Das Werk wurde übrigens in einer besonders für diesen Anlaß besorgten italienischen Besetzung aufgeführt. Nach dem ersten Tell mußte er, von Rührung und Schwäche überwältigt, den Saal verlassen. Alles meinte.
Mehr als ein Jahr später rückten die Franzosen heran, Haydns Vorstadtwohnung war den französischen Stellungen besonders nahe. Am 31. Mai starb er. Sein Haus bekam eine französische Ehrenwache, die Besatzungsbehörden teilten das Ereignis im Amtsblatt mit, bei den Trauerfeierlichkeiten hatte Baron Denon, der Kunstkommissar, die Regierung Napoleons zu vertreten.
Nun wird Beechoven Musik-Regent der Stadt. Zu ihm pilgern, wie noch eben zu Haydn, die fremden Künstler. Er beherrscht die Hofgesellschaft Oesterreichs, wird als Dirigent, als Klavierspieler gefeiert; der Ruhm des Komponisten geht nicht von dem größten und bedeutendsten seiner
*) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem Augusthest der „Merteljahrs- blätter des Volksverbandes der Bücherfreunde", Berlin-Charlottenburg.


