EietzenerKmilieubMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Samstag, -en Y.Iuni

Nummer 46

Waldruhe.

Bon Otto R o q u e t t e.

Willkommen, mein Wald, Grünfchatttges Haus!

Durch die Wipfel schon hallt Mir dein grüßend Gebraus. Wie trink ich in Zügen Mich frisch und gesund. Hier atm' ich Genügen Aus Herzensgrund!

Zum grasigen Hang, Äuffteigend vom Tal, Dringt der Glockenklang Und des Abends Strahl. Und es rauscht in der Eich« Hochstrebendem Baum Im grünen Bereich« Gin Liebestraum.

Den Blumen gesellt Auf Rasen und Moos, Tief schau' ich die Welt Und den Himmel wie groß! Und ich träum' im Schweigen Walk^chattiger Ruh' Den Himmel mein eigen Die Erde dazu!

Durch das heimliche und unheimliche Deutschland.

VII. Panische Stunde.

Von Manfred Hausmann.

Es ist Mittag. Ich liege nackt in der Sonn« hier am Hange des Odenwaldes. Unter mir fallen die silbrigen und rosafarbenen Weinberge, über denen ein bronzener Schimmer von ersten RebenbiMern schwebt, in die rheinische Ebene ab. lieber mir hängt der Wald mit all seiner grüngolden ausglühenden Dämmerung. Und an der Grenze von M und Wein auf einer kleinen Grasnarbe ruht mein brauner Leib im unbarmherzigen Gebkitze der Sonne.

Zuweilen tönt aus der Tiefe ein Glockenklang herauf, von Zwingen­berg vielleicht herauf oder von Auerbach oder wie ttos winzige Städtchen da unten heißen mag. Wer ganz dahinten am Horizont, di« Türm« da j'enseits des Rheins, jenseits der blühenden Eben«, der Dunst da . . . das ist Worms, der Dom von Worms.

Die Sonne wirst ihren Glanz gegen den Fels, bi« Erde zittert vor Glanz, alles Laub und Gras und Kraut zittert im Mittag. Und aus der Eben« treibt langsam ein süßer Duft herauf. Die Birnen sind's und die Aepfel. Der bittersüße Duft der Birnenbiüten, der ein wenig mit Zimt untermischt ist, und die holde Weichheit der Apfelbäume. Das zieht so warm irber die Weinberge hin. Und aus den Wäldern senkt sich der kühle Geruch des Laubes uni) des feuchten Erdreichs entgegen. Und alle mit­einander, der Ztmthauch, die süßliche Wärme der Blüten, der feuchte Atem des 'Moldes, mischen sich und wehen über meinen Körper weg, ich zishe sie wie eine müde Betäubimg «in, meine Glieder werden so schlaff, mein Kopf beginnt zu träumen, ich denke nichts mehr, ich dehne mich nur und ruhe. Und die Sonne gleißt, es ist Mittag, die Stund« Pans.

Wer noch weiß ich alles. Ich denke nicht mehr, nein, aber ich weiß noch, wo ich bin. Neben meiner Hüfte steigen gelbe Taubnesseln empor. Und jede Blüte ist wie eine winzige, entzückend« Kanzel mit einem ge» schwungenen Baldachin darüber. Und tvas da so krabbelt, was jetzt hastig über mein Knie läuft, ist ein großer Käfer aus grünem und dunkel braunenr Gold, ich weiß nicht, wie er heißt. Run gut, er ist in den Weinberg hinuntsrgepurzAt. Ich kann auch noch die mannigfaltigen Laute ünkepscheiden . . . o ganz wohl . . . das da ist der Kuckuck, und da ant­wortet ein anderer, aber weit, weit weg. . . und das ba, das hin Mä­her zuckende zzitt . . . zzitt . . . zzitt Ui'tt . . . ach, die Weis«, die liebe kleine Meise! O Gott, wie wild heute di« Sonne vom Himmel herunter- Mnzt! Ich will meine Augen zu-machen . . . ah . . . aber rächt schlafen! Wer könnte denn in dieser Stunde schlafen, wv alles zsttert vor Span­nung, wo alles übe nasch ist, wo Pan in der Ferne feiste zauberische

e imgsn laßt

aber so langsam ... fo langsam . . . Da summt schon wieder so em« langflügelige, graue Fliege herbei, unsäglich leise ... ja, ich höre dich doch, du! Wo lässeft du dich denn nieder? Hast du's auf meinen ScheiEa abgesehen? Meinethalben, trink, saug, verzücke dich, spritz die Säure ta meiner Haut, vergifte mich, reg das Fieber noch mehr auf, meinechalben! Hier na st du mich! Ich liege hier und habe die Augen zu und wehre mich nicht mehr. Ich bin auch kein Mensch mehr, ich bin ... ich weiß nicht was ich bin. M

i _ Srsh, nun ichrmkeü der Berg ja, auf dem ich liege . . . nein, der Dust schaukelt auf und nieder . . . nein, ich liege gar nicht mehr, ich schwebe ja, ich schwebe über die Weinberge hin, über die Rheinebene nut shfem Duft, über die Pappelbäume ... ich... ach llnfinn, und war , t^ci>t,..enn &a i° kalt unter meinen Waden durch? Na, beste Blindschleiche beste, dünne, diinkle Blindschleiche, wo willst du denn hin? So ist s recht,' "'«ch' datz du wieder in den Wald kommt, du dreifaches Fragezeichen!

Ich fühle gar nicht mehr, wo meine Füße aufhören. Sie sind fo taub, cs kommt Mir vor, als wären sie schon zu Gras und Kraut verwittert.

7. , ; *tn narfter, brauner ist so ganz hineingebettet in die 6 n; s,n xXe ^kden Nelken, ist so ganz angeschmiegt an die bröckelige Erde, das Wachstum der Erde hebt auch in ihm empor, nicht anders als m den Wemstöcken und Buchen und Stauden rings umhet

Ai« Fliegen summen ununterbrochen, bald nahe, bald schnell weg. tauchend, jetzt sirrt eine Mücke gerade neben meinem Ohr einen feinen, glashellen ~on. Sie sirrt und sirrt. Das legt sich wie ein Rebel über mtqb Ich werde ganz eiwgekstillt in diesen dünnen Ton, der die Nerve« krank macht. Und fern in den Wäldern klingt, ich höre es moto, die Flöte des heimlichen Gottes.

Mit einem Male merke ich, daß der zarte und irre Kitzel, der aus , meinem Zwerchfell aujpertt, von einem Ameisenzug herrührt. Quer über meinen Bauch gcht eine Ameisenstraße. Ich bin schon fein Mensch mehr, M °m w,e em Baumstamm, über den Dolden hängen, ein alter Baum- ftamm, der im Grase liegt und langsam zu Erde zerfällt. Die Ameisen wandern druberweg, die Fliegen krabbeln auf ihm herum, der Falter und der Keine Schmetterling, der den Hang heraufgetaumelt kommt, ruht einen Wgenblick auf ihm aus. Ein Baumstamm, der sich nicht wehren kann. Wie empfindlich doch meine Haut geworden ist! Wenn nur ein Schmetterungsflugel dagegentupst, phauert's durch meine Brust, die win- zige Fliege, die darüberfährt. . . ah, ich möchte mich wegwäkzen, aber ich . . . bin . . . ja kein Mensch mehr. . . ich... hab ... ja keinen Willen mehr . . . ich. . . und die Ameisen, die sich mit ihren Kralle« an den Flaum der Hüsten klammern, sich Hochziehen und dann, eine nach

ich. . . und die Ameisen, die sich mit ihren Krallen _ Hüften klammern, sich Hochziehen und dann, eine nach der anderen, drei, vier nebeneinander, noch mehr über die vor Empfind- lichkeit bebende Bauchhaut, stolpern, sich umwenden, sich ein Stückchen zurucktasten, sich wieder umwenden und weiterwandern ... ich muß jetzt schreien, es muß etwas geschehen, daß ich erlöst werde von all dem Duft und Rausch und Fieber, all dem Schweben und Verwittern und von all den kribbelnden Nerven ... ich muß aufwachen . . . oder. . . older . . . ober . . .

Und wie ich die Augenlider mühsam hochzich«, sehe ich, daß Pan, der graubehaarte, schräg vor mir in der Sonne hockt. Er bläst auf seiner Flöte, die Finger bewegen sich, aber ich höre keinen Ton. Und feine schräggestellten Schlitzauge blinzeln mir zu. Er hat den Kopf gesenkt und blickt mich lächelnd von unten an. Er macht sich über mich luftig. Es ist Pan.

Und plötzlich höre ich auch sein Lied, dünn und schrill, die Mücke sirrt, die Goldnessel neigt sich allmächtig über mich, und ich rausche hinab in die Träume der Tief«.

Pan spielt überm Rhein.

Der Untergang des Abendlandes.

Don Johannes Schlaf.

(Nachdruck verboten.)

Mes weist darauf hin, daß unsere Zeiten in einer gewaltigen Wend« stehen. Wenn die Geschichtsschreiber der Wien von dergleichen berichteten, pflegten sie nie zu vergessen, ein Verzeichnis von beson­deren voraufgehenden, an kündend en oder gleichlaufenden Statur» katastrophen, sogen.Prodiguen", hinzuzufügen. Was wir heute, schon feit Jahren, an Erdbeben, Äeberschwemmungeu, schweren WirbeL- stürmen, Änalücksfiiklen, äußerlicher Dsranügungswut Ser breiten Massen, Verbrechen usw. erleben, scheint chnen recht zu geben. SS handeV sich sst^rlich nicht um bloßen Aberglauben. Del dem Zu­sammenhänge aller Singe kann es jja nicht anders fein, als Sah eine Periode bLvichers. schwerer, kritischer, kosmischer und irdischer Äa» turvovzLnge ihre Folge auch fßt Sie Lebewesen hat und mit rat» gewohnsichen Lnruhen im menschlichen Gemeinschastsloesem sich aus» Wirkt.

Mer noch uiemgls ist die Welt dabei untergegangen. Alles ist ,Uebergang. Es will auf etwas hinaus. And es ist gut, das ins Auge