Doch sollte die Mutter nicht dulden, daß das Kind lang am Gitter stand: denn es verbrachte seine Nächte nie ohne Fieber und Unruhe, schreckte untertags oftmals ohne jeden Anlaß zusammen und sah bleich und blutleer aus. „
Eines Nachts schüttelte der Himmel viel Schnee aus die Erde, und Rundgang und Brüstung lagen handhoch zugeschneit. Da kam der König Saul aus den Gedanken, einen Schneemann zu machen, und Paulus hals tüchtig mit. Sie rollten erst vier dicke Ballen des Schnees seitab, der König hob sie aufeinander, und nun wurde mit einer Schippe der Kopf zugeltutzt, der Leib, die Arme und der hohe Zylinderhut. Dann holte das Kind ein paar Kohlen, die wurden zu Augen, Nase und Mund, und in den Arm bekam der Schneemann den langen Besen, mit dem die Mutter aus ihrem Speichergebälk die Spinnweben kehrte.
Aber achl der Schneemann, so lustig er tagsüber an den Fenstern der Türmerei vorbei in die Ferne starrte, des Nachts guckt« er geradeaus dem Domkind ins Bett! Und aus dem Schneemann ward das Tintenmohrchen und aus dem Tintenmohrchen der Teufel und aus dem Teufel der Gloriaengel, der stand tot da und drohte dem Kind, und seine Nasenspitze wackelte hin und her. ,, , .
Die Mutter zog, als das Kmd wieder zu phantasieren begann, den weißen Vorhang 31t, aber dann trat der Mond aus den Wolken, und der wart den plumpen Schatten des Schneemannes wider den Vorhang samt dem langen Besen, und das Kind fürchtete sich von neuem. Bis dann der Vater sich erhob und den weißen Mann mit ein paar kräfttgen Stößen umwarf, so daß kein bißchen Leben mehr in ihm blieb.
Das Kind wollte am Morgen nicht aufstehen; der Arzt zuckt- die Achseln und verschrieb dies und jenes.
König Saul kam und brachte eine gute Arznei mit, jedoch nicht die beste: seine Geigel Er spielte dem Kinde die einfachen Lieder seiner Jugend und sang sie, und er sang sie so, wie kleine Kinder sie singen, und das Domkind sang oft stundenlang mit ihm. Doch immer, wenn der König seine Geige wieder einschloß, sagte das Domkind: „Wann gehen wir zu den Buben in dein Dorf?"
Sonne stak in diesen Liedern, Wald, Wiese, Wolke, Wind, Welle, und Paulus schloß die Augen und sah Kinder sich tummeln, die mitsangen, hörte Vögel zwitschern und roch den Frühling! Und des Nachts wieder träumte er ganz aufgeregt von diesen Schönheiten und lacht« laut. Aber das Lachen war ein jämmerliches Lachen, und die Eltern weinten heimlich darob, jedes für sich.
Drei Tage vor Weihnachten hatte das Kmd eine groß« Freude: m dem Blumentopf, wo das Pälmchen stand (es hatte nur noch ein einziges Stämmchen) war seit langem eine ganz zierliche Löwenzahnpflanze gewachsen, und dieses Pflänzchen hatte jetzt, drei Tage vor Weihnachten, ein Blütchen aufgetan, ganz winzig klein, kaum größer als ein Augentrost, doch voll ausgebildet und gar zart und innig. Das Blütchen saß in einem regelrechten zipfeligen Kelch, seine Blütenblätter strahlten lieblich wie vom Goldschmied gemacht, seine Staubfädchen standen, zu allem bereit, allerliebst in die Höhe. Gegen Abend schloß sich die Blüte, morgens stand sie offen! Das Domkind lächelte, di« Türmerin aber sagte heimlich zu ihrem Mann: „Nicht viel besser geraten als unser Kind auch!"
„Aber morgen, wenn ich wieder kommen kann, Paulus," so sagte der König Saul, „da werd« ich dir vom wirklichen König Saul erzählen! O, da kann ich mich hinter den Ofen verkriechen vor jenem König Saul! Soll ich dir von ihm erzählen?"
„Ach ja", sagte das Kind und klatschte in die dünnen Hände.
Einmal spät am Abend ging der Domkapellmeister draußen vor der Stadt mit einem anderen Musikmann spazieren, da sah er am Himmelszelt den Großen Bären stehen, und der äußerste Deichselstern saß gerade auf dem Blitzableiterdraht, der mitten durch den Leib des Domhahns führt, und schien nicht mehr davon loskommen zu wollen. Da ward der Körrig Saul traurig; ihm war, als habe der groß« Wektenlenker gleich einem irdischen Fuhrmann seinen Wagen hier einstweilen eingestellt, um einen Gast abzuholen!
Andern Tags war der Dom bereift vom untersten Dachkändel bis in die letzte Spitze des obersten Blitzableiters wie ein Fichtenschlag im Ge- birg, und die"Nebel gingen daran auf und nieder, und manchmal tupft« die Sonne grelle Flecken in das Gewoge. Da stieg der Kapellmeister inwendig empor, hielt die warme Hand feines Paten lang in d«r feinen und erzählt« vom wirklichen König Saul und führte das Kind auf di« Fluren des einfachen Hirtenvolkes, wo Saul aufgewachfen war, ein mächtiger Kerl geworden war, der ob feiner Kraft und Helläugigkeit vom Hohenpriester, vom Papst des Landes Israel, zum König erkoren wird! Erzählte, wie Saul das Land vorn Feind säuberte, vom innern und vom äußern — wie er aber nicht rein blieb und eines Tages vor einem wirklichen Riefen sich hinter den Ofen verkroch wie eine Maus! Wie bann von Bethlehem her ein Knabe kam, der auch unter Kühen und Geißen großgeworden, wie der den Goliath erlegt und dem tiefsinnigen Saul die Lieder des einfachen Volkes vorsingt, jene Lieder, die der üppige Saul ganz vergessen, und wie Saul auf Augenblicke heiter wird und nicht mehr ohne den kleinen David leben kann! Und siehe: auf einmal hieß es im ganzen Land: weg mit unserm alten Trübsinn, David soll unser König sein! Heil David! Und David mußt« mit seinen Hirtenliedern, die aber Gotteslieder waren, das ganze schon wieder entartete Volk gesund singen I
So erzählte der Domkapellmeister und sagte auch zu den Türmers- leuten: daß derjenige arm sei und bedauernswert, der in seinem beginnenden Atter nicht wieder an der Hand seiner Kinder seine Jugend durchleben dürfe!
„Aber setzt wissen wir immer noch nicht," sagte die neugierige Türmerin, nachdem sie aus langem Nachdenken erwacht mar, „warum unser Herr Kapellmeister der König Saul genannt wird!"
Und der Kapellmeister zuckt« die breiten Achseln und antwortete:
„Das weiß ich auch nicht; aber vielleicht deshalb, weil auch ich von der Schulter an über alle andern Menschen emporrage . , . ober vielleicht
deshalb, wett auch ich ost betrübt estchergehe und erst unter meinen Singbuben wieder fröhlich werde!"
„Aber von dem kleinen David sollst du noch viel mehr erzählen!" jagte das Domkind, und da erzählte der König Saut noch viel von dem kleinen David. Und bann fügte der König hinzu:
„Mich dünkt, daß der Mensch draußen bleiben sollte auf den Fluren Bethlehems, denn wer sortzieht aus der einfachen Heimat, der zieht auch aus der Schönheit fort und aus der Gesundheit . . . und für Euch scheint mir's wirklich an der Zeit, wieder zurückzukehren zu jenen Dingen, unter denen sich der Mensch und vorab das Kind so wohl fühleni Ja? Wie meint Ihr?"
Da seufzten die Türmersleute und sagten beide zugleich: sie hätte» auch schon darüber gesprochen, und wenn der Frühling wieder komme, wollten sie heruntersteigen vom Turm, wenn das möglich sei! Und bann wandten sie sich ab, denn ihre Auge» füllten sich mit Tränen.
„König Saui!" rief das Kind mit ganz zerbrechlicher Stimme, „wenn du wiederkommst, so sollst bu mir etwas mitbringen!"
„Was soll ich dir mitbringen?"
„Mücken!"
„Wie? Mücken soll ich dir heraufbringen?"
„Ja, Mücken, ein paar, ich liebe sie so sehr, und hier oben gibt ft» keine; aber bring* gleich einen ganzen Geigkasten voll mit herauf!"
„Da streichelte der König über des Kindes Scheitel und versprach ihm viele Mücken!
12.
Ach, das war immer so: Wenn die Weihnachtstage kamen, da kränkelt« das Kind irgendwie! Sei es, daß Jein Körperchen dem Winter nicht recht widerstehen konnte, sei es, daß fein freudiges, aber verarmtes Herz das nahende große Fest der Kinder zu freudig erwartete, und schier barst vor solcher Freude!
So wurde das Kind beiter schon, am Nachmittag der vierundzwan- g' iften Dezember unruhig und warf sich im Krankenbettchen umher und impfte auf die vornehmen Taufpaten, deren Weinkörbe gor nicht kommen wollten!
Der König Saul erschien, sodann senkte sich das Gehsimnis der beginnenden Dunkelheit über die Evde, die weißen „Christkindchen" klingelten in den Gassen, der Tunn begann zu wackeln, weil alle Glocken zu thwingen anhuden, und des Domkindes Herz schwang mit. Dann, als ie Glocken verstummten — die von St. Stephan läuteten noch eine ganz« Minute hintennach — rückten di« Bläser herauf und stellten sich in den Rurrdgang, die Trompeter in die Mitte, und der Türmer hielt fein Kind, in Decken eingewickelt, Hinterm geöffneten Fenster. Das dauerte eine ganze Stunde. Dann gingen die Männer mit ihren blinkenden Instrumenten wieder fort, und der König Saul verkündete, daß soeben das Christkind dagewesen sei, daß es aber bei seinem liebsten Kind nicht lang verweilen könne, wett es dieses Jahr soviel in der Armutei unten zu tun habe! Es hatte einen funkelnagelneuen Gaul gebracht, der war mit Filz bekleidet und trug Sattel und Steigbügel und einen Zaum aus Leder. Aus dem konnte das Kind, gleich dem hl. Martimis, in bunte Decken eingehüllt, reiten, wohin es wollte, bis ins kleine Bauerndorf: ei, Werden die da Augen machen, wenn Paulus anreitet!
Ganz heiter, ganz gesund ward das Kind auf dem (Saul; so gesund, daß die drei Erwachsenen ihm die Bitt« nicht abschlagen konnten: «S anzukleiden, auf daß es wie ein rechter Rester sich austoben könne!
Wie gewöhnlich blieb der Kapellmeister am Weihnachsadend bis zur Mette, um zwölf Uhr, bei den Türmersleuten, zeigte dem Kind und sich selber die vielen Christbäume, die unten aus den Fenstern der Häuser heraufleuchteten zum höchsten Christbaum der Stadt. Dann setzte er das Kind auf den Gaul, und dann aß man zur Rächt, dann trank man eine Flasche Bischofswein, dann eine Flasche Stadtwein, bas war alljährlich so geschehen! Dami spielte man mit Nußschalen, und Paulus spielte mit, denn der elektrische Ofen heizte gut. Der Türmer hatte die Wachskerzen des Baumes herunterbrennen lassen, und nun verlöschte eine nach der andern, und die Luft im Zimmer wurde dick und schwer. Man lüftete, das Dom- kind schlich müde in die Schlafstube, zog seine Schuhe aus und legte* sich in den Kleidern zu Bett, und die Mutter ließ es gewähren.
Als die Glocken um Mitternacht zur Mette riefen, gingen Mutier und Kapellmeister turniab, der Türmer legte sich aufs Bett, und das Domkind wachte aus einem Traum auf, der, ach, so schön gewesen: die Kinder des ältesten Glasfensters waren zu Besuch gekommen, hatten ihm di« Kleidchen ausgezogen, damit es nackt war wie sie selber, waren mit ihm im Dom umhergeschwirrt, zwischen Säulen, Altären und Kerzen hin und her, und hatten den neugeborenen König der Juden gesucht. Hatten ihn schließlich auch gefunden, waren in den Stall geschlüpft, singend und jubelnd: Gloria in excelsis Deo! Paulus Moguntins Nikolaus hatte sich einem Oechslein zwischen die Hörner gesetzt, um das Jesuskindlein gut sehen zu können, das da auf dem blauen Mantel der Maria strampelte.
Die Glocken weckten das Kind auf, der Baker schnarchte. La wartete es ein Weilchen und überlegte seinen Plan, und als der Vater gleichmäßig weiterschnarchte wie ein müdes Maschinchen, da erhob es sich leise, schlich in den Strümpfen aus der Stube, öffnete die Turmtür, und siehe: der Mond leuchtete ihm zur Treppe hinab — oder war's gar der Stern von Bethlehem? Auf den Sieintreppen wurden seine Füßchen falt, aber Eifer und Eile machten die Füßchen wieder warm.
Das Turmtürchen führt in den südlichen Querhausflügel, der viel tiefer liegt als der Hochaltar; die Wände sind da mit riesenhaften Denk- malern überladen, vor denen das Domkind immer Angst hat. Es kann auch nicht an sein Glasfenster zu den Kindern, denn dort stehen di« Gläubigen dicht gedrängt, Schulter an Schulter!
Das Domkind verweilt noch hinter dem Seife aufgestoßenen Spalt der Tür und kommt bann doch hervor, denn die Singbuben jubeln schon, und die silbernen Schellen laufen wie Engel umher, die den neugeborenen König der Juden suchen.
(Schstiß folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Vruhl'sche Universitäts.Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


