Ausgabe 
11.1.1927
 
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SiehenerZamilieubMer

__Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang koi Dienstag, dm n. Januar ' 5

Dsutfcher Dom.

Von Werner Bock.

Ich ging im dunkelsten Gedränge, Die Gassen schrieen mir ins Ohr.

Da trug mich die bewegte Menge, Kaum daß ich's wußte, vor dein Tor.

Mein Gott, bist du's? In Dämmerungen Wardst du mir längst ein fremder Ton!

Run hältst du plötzlich mich umschlungen: Tief neigt sich dein verlorner Sohn.

Du aber nimmst mich an den Händen Und führst mich leise in dein Haus.

Mild fließt der Glanz von allen Wänden Und schüttet goldne Webe aus.

Die Pfeiler fassen mein« Seele.

Run schwebe ich in wachem Traum.

Die Orgel wirft mit heller Kehle Heiligen Jubel in den Raum.

Durch die Fenster im schwarzen Grunde Bricht ein überirdischer Schein, Und in die vergängliche Stunde

Flutet Ewigkeit hinein.

Goethes MlLag.

Bon Dr. Fritz Wolf Hünich.

Bei der Entstehung der Begriffe, die wir mit dem Namen großer Dichter verbinden, ist gemeinhin der Hang zu einer gewissen Vergeistigung vorherrschen. Zwischen st« und uns tritt das Werk, über dem wir oft vergessen, daß sein Schöpfer ein Mensch war oder ist wie mir, zwar ein Men,ch mit gesteigerten Fähgkeiten, aber doch ein Mensch und als solcher wie jeder andere den Mächten des Lebens untertan. Selbst wenn er sich ubcr oas, was vielen unentbehrlich scheint, in seiner Sorglosigkeit hinweg- zusetzen vermag, so wird er doch an seine Erdgebnndenheit durch jedes und Schmerzgefühl erinnert, aus welcher Grundempfindung der menschlichen Natur es immer stammen mag. Es ist daher falsch, sich den uur in dem Ausland von Entrücktheit vorzustellen, wenn auch die bildenden Künstler in ihren Daritellungen dieser Auffassung den Vorzug gegeben habe». Der Alltag, was für tiTire Gestalt er auch annehmen möge gebieterisch fein Recht, wie ein Gläubiger, der unerbittlich alle Schulden «nzieht. An vielen von den Furchen, die die Zeit in unsere ®e[id)tcr zieht ist er mit seinen Ansprüchen und Sorgen um Wohnung, Nahrung, Kleidung, Weib und Kind in unablässiger Arbeit beteiligt. Der eine trägt ihn leichter als der andere, jenachdem Temperament, Gunst oder Ungunst des Schicksals und der wirtschaftlichen Verhältnisse seinen Verlaus bestimmen. In der Jugend von oft unberechenbarer Führung S^mnt er mit zunehmender Seßhaftigkeit durch Beruf und Alter an Festigkeit der Grundzuge, ist aber je nach unserer gesellschaftlichen Stellung und unseres Berbundenseins mit Menschen und Dingen von mehr oder minder wechselnden Erscheinungen erfüllt. Im eigenen ober fremden Alltag hnelenJtA viele der Ereignisse ab, in denen die Dichter die Anlässe zu chren Gestaltungen finden. Darum fühlen sie tiefer als andere die Be­deutung des täglichen Erlebens für ihr inneres Wachstum, meist freilich ohne die Notwendigkeit einer Rechenschaftsablage vor sich selbst in gönn von Tagebüchern, wie Goethe sie über einundoierzig Jahr« seines Lebens führte, zu verspüren. Auch seine Aufzeichnungen geben selbstver­ständlich von seinem Alltag nur Umrisse, aber, ergänzt durch die zur Ausfüllung zahlreich überlieferten Zeugnisse der mit ihm Lebenden, bieten je eine Fülle von Zügen, die den einzigen Mann neben seinen allseitigen ins Große strebenden Beschäftigungen in fürsorglicher Anteilnahme auch an den unbedeutend ericheinen'den Dingen des alltäglichen Lebens zeigen. Mit der wachsenden Ausprägung seiner zwischen dichterischer und prak- tstcher Tat geteilten Anlage empfand er die Notwendigkeit, das Lebenim Alltagsgang von unten auf" kennen zu fernen, weil man von oben herab nur nach vermeintlich klaren, allgemeinen Begriffen urteil«: das Be­dürfnis nach Ordnung in allen äußeren Verhältnissen erfdyien ihm als die Voraussetzung für die innere Harmonie. In dem Maße, wie sich nach stsv.er Uebersiedlung aus dem Häuschen im Sorten am Stern nach der s «L, ne Daushnltung ausbreitete, begannen sich die Pflichten, die ihm »er Alltag «ujerlegte, zu mehren und ihn steigend in Anspruch zu nehmen. yaus' Familie, Dienerschaft in ihren Beziehiingen untereinander und zu senen, die sonst bei Goethe ein- und ausgingen, verlangten, daß er sich in irgendeinem Betracht mit ihnen beschäftigte. Stünden sie nicht, erschwerend rZusammenhang mit seiner gesamten Lebensführung, ser Dichter wurde es gewiß nicht für nötig befunden haben, kleine An- cu legenbeüen und Ereignisse seins? Allktgr in sein TagMich aufzunehmen,

wie z. B. di« folgenden:Wurden die Fenster bei mir geputzt war der Tepchch «m Hinteren Zimmer gelegt der Ofen im Hintern Zimmer ae- "vd was darauf folgt Für mich in den vorder» Zimmern gear- beitet die Bibliothek wurde gelüftet und vom Winterstaube gereinigt übergab ich dem Kutscher die Schlüssel zum Holzstall und ließ für alle Heizungen Scheite tragen. Erhielt die Schlüssel zurück Küchenangelegen- betten tm sinzemen durchgegangen." Dazwischen befinden sich als echte Offenbarungen einer dichterischen Natur Eintragungen wie:Die ersten Crocus waren hervorgekommen erste Märzenglöckchen durch di« Kinder ^vkel) en.deckt tm Garten mit den Kindern, erstes Schneeglöckchen." D^ Leben m der Famtl.e, nach Christianes Tode um die Schwieger- Griüb' non ^lullt den Dichter mit einem tiefen

befühl von Glück und Warme, dem er sich von Zeit zu Zeit gern und «erhi8 Jlberto^L ® « 3ijriorge für die ihm durch Liebe und Gewohnheit ^rbundeiien begleitet ihn auch auf seinen Reisen, und so lesen wir, daß er von Karlsoad aus, rart sie dort wohlfeiler waren, ein Pfund Steck- u.y'3. vierhundert Nähnadeln an seine Frau, ober aus Jena Arti- schocken, Ganseleber und andere Kostbarkeiten an die Schwiegertochter sein Setden-Haschen, schickt. Reizende Szenen spielen sich im Hause am Frauen- inmitten ernster Arbeit, ruhig das Spiel bruIbet obn' wohl gar selbst daran teitnirnmt, wa/ er

b- 5"«b' Tagebuch« zu vermerken:Abends di« Kinder

spieleird, indessen ich das Gedicht zu Thaers (des berühmten Laudwirt- fchafislehrerch izest 'chrieo abends mit den Kindern mancherlei Sviele mit eingeslochtenen Unterricht abends Wölfchen zuliebe einiges Kin­dische abends kam Wölfchen, und ich ward verleitet, an feine»9Spielen teilzunehmen, wobei er sich sehr artig und neckisch benahm Wöstchen kam pater und nötigte mich nut ihm Würfel zu spielen - Wölfckien chelt äu mir. Neuer Scherz, durch den Strohhalm zu trinken __ Wölickisu

uh^te ferne türkische Armee vor - Mittag Walterchen, der mich v^ einen Da schenspielerkunsten unterhielt." - Don

; 65 e.n boichtes ist, mit verträglichen Eharakteren auszukommen

ren1*1 en-n?>lSiDt>n ,b^ zahlreichen Gestalten, die im Laufe der Jahre in Soetbes Diensten eine kur.^re ober längere Rolle spielten, nur zwei be­sonders unerfreuliche Beispiele erwähnen: die Köchin Charlotte Hoyer die er als eine der boshaftesten und inkorrigibelsten Personen, die Ihm je voraekommen, kennzeichnete, und den Diener Gensler, der sich auf einer

Sar!qiab 1° unboimaßig aufführte, daß ihn Goethe der Polizei- kommgsion m Jena mit einem langen Tatbericht zur Verwahrung vor seineman Raserei grenzenden" Betragen übergab. V 9

Cm rührendes Stück Alltag des zweiundachtzigjährigen Dichters liegt flLernem vor, das, einst einem Wirtfchastsbuche des GoethifckMi .-auses zugehörig, vor kurzem in die Sammlung Kippenberg gelangt und vv ßrnften Band von derenJahrbuch" faksimiliert miebergegeben ist (Es fXT 183? Wer einer Endsumme von 7 Reichs« SI Gw-

iin /. , ^EiU'.igsil unter andern Ausgaben aus:vor Brandewein Rum Wucyteln (em Gebäck), Kaffeemehren (Zichorie), Wachsteinewand 'Nägel' Zwirn, Zwiebaa, Mchkuchen, den Zettelträger, bie Waschfrau, 7 Hemden ausäubeffern, vor Arme", und unter dieser Aufzählung steht der eigen-

'W^v ÖeS 3Um gewordenen Dicksters

Kimd TsZrrme ZchäNme?

Von Waldemar Keller.

Cs ist für mich gänzlich aussichtslos, diesem Thema gegenüber einen üfrto^PUhnrt °'vmiA)mcn zu wollen, nach dem wir DsutsckAn, wenn mir uns an das Beklopfen von irgend etwas machen, zunächst einmal alle tvchen. Da hier keineswegs von Träumen die Rede fein wird, bie dem erotischen Komplex zuzahlen, darf man auch mit einigem Recht fragen tooVTm cinen SjanSpuntt hat und haben kann? Die Wißen- schäft, auf d-e sich bas hostend« Auge richtet, befindet sich zur Zeit noch in ltung, kultiviert hauptsächlich das Aufdecken von Fehler- guAlen, und es ist nicht gerade unmöglich, daß sie dabei bleiben wird ühnfi Vn ^ferntesttn denke ich daran, mich unehrerbiettg über bie Wissen- schäft zu äußern. Wir stehen enstach an den Grenzen unseres Erkennens- dem Pp ychologen fallt die Aufgabe zu, mit den Mitteln, die er hat, einer die Kopfe verwirrenden ßegenbenbilbung vorzubeugen. Das geschieht zu- wecken einleuchtend, zuweilen nicht eben glücklich, rann sich nämttch der Jßide, unter allen Umstanden das Uebersinnliche wegzubeweisen, in ihm feftgeiuftet hat. Ich schreibe das Wörtleinübersinnlich" nur mit Wider- flreben nieder, ich will keinen Standpunkt haben, nicht das schmalst« Plätzchen auf der Memungswarte beanspruche ich, doch sage mir einer.! wi- man sich miders ausdrücken soll. Die Singe, um die es gehh liegen jenseits unstres hsuttgen Begriffsvermögens. Ich rechne durchaus mit benen, die den Kopf schütteln, als wichtig« Faktoren, ttnb zähle mich salbst weder zu dm Positiven noch zu den Negativen. Man kann nur fühlen .und jagen: was ist. Enthüllt sich s einmal, daß alle diese Erlebirisss der Nacht in wunderbarer Weise atts unserem Dagesunterbewußlfein wachten daß