Ausgabe 
10.12.1927
 
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Sah im Dunkel einer schmalen Gasse verschwunden, die zur Friedrich- ftavt Xiou.) uie ;oei.|Oiger war er iua)l la-, yu.ntu sprühten von den Esten des lpseroea. Dich! hinrer ihni der Kornett und Husaren! An der Ecke eines tlemen, vecsteckten Platzes, wo der Schein aus der ostenen Türe einer Schenke di« H.garen einen Augendlick lang olendcte, rauchte der Rittmeister m einen Torbogen, jagte üver eine kurze schmale Brücke und war den Verfolgern enhommen. Als er sich um sah, war der Kornett verschwunden. Fern« nur horte er das Lärmen der sich entsernenden Jagd; zwei Schasse, dann Ruhe.

Mit schweißtriefendem Pferde kam der Offizier, nachdem er kreuz und quer durch die Gagen, über Brücken und offenes Wiesenlnnd, über Wälle geritten war, im Stabsquartier in der Köpenicker Vorstadt an. Der Hadik stand mit den Obersten vor der Türe der Schenke. Daß die Brigade Seyd- litz vom Spandauer Tore her in die Stadt eingedrungen sei, wußte er längst. Als der Kolowrat ihm fein Abenteuer meldete und zugleich sagte, daß der Kornett, dem er die Handschuhe gegeben, wohl tot ober gefangen sei, zuckte der General ärgerlich mit den Schultern und brummte:Schade! Es war eine Stunde zu spät."

Wenn mein Kornett nicht bei seinem Mädel ist!" lachte der Obrist von Savoyen.

Dann kassier ich den Kujon!" polterte der General.Bonsoir, Messieurs. Um vier Uhr wird marschiert! Nicht früher, weil in der Nacht auch der Seydlitz nicht chargieren kann." Sprach's, drehte sich um md ging.

Die Nacht war ruhig. Selten fiel verloren ein Schuß. Noch in der Dunkelheit zogen des Morgens um Bier die kaiserliche» Regimenter zur Stadt hinaus, um die gleiche Zeit, da auch schon die Truppen des Des­sauers durchs Spandauer Tor in die Stadt einruckten. Ein« Stunde später war das Schlesische Tor wieder von preußischen Grenadieren beseht. Doch blieb es offen, weil der Seydlitz gleich debouchieren wollte, um zu ver­suchen, dem Feinde die Kontribution, die Fahnen und Kanonen wieder abzujagen.

Es war in der ersten Morgendämmerung, daß die Posten in der Stadt den Hufschlag eines wilden Reitens hörten, und ehe sie sich recht besannen, im Dämmern und Rebel einen feindlichen Reiter erblickten. Ehe verspätet ein paar Schüsse knallten, war der Reiter vorüber.

Den Pallasch quer vor sich über dem Sattel, das Paket mit dem Souvenir für die Kaiserin in der Linken, tief auf den Hals feines Pferdes gebeugt, so fegte der Kornett durch die Gassen. Als er vor sich im Rebel das Schlesische Tor sah, hielt er fein Spiel für gewonnen. Die Wachen am Tore achteten erst des Jagens und Reitens nicht, weil sie von Minute zu Minute die Regimenter des Seydlitz erwarteten. Als sie den Reiter er­kannten, war es zu spät. Schon donnerten die Hufe über die Bohlen der Brücke. In den Bügeln sich aufrichtend, sah der Kornett sich um, hielt winkend bas Paket in ber hocherhobenen Linken unb war einen Augenblick später im Rebel verschwunden.

Als er eine Skunbe barauf in den Wälbern am Müggelsee vor bem General parierte, ihm bas Paket übergab unb mit lauter, heller Stimme meldete:Die H a n d s chu he der Kaiserin, Euer Exzellenz!" ba schlug ihm ber Hadik lachenb auf di« Schulter und polterte:Er Kujon!"

Am Abend aber im ersten Lager man war gegen die Ober ge­ritten erzählte ber Kornett ben Fähnrichen unb Kadetten sein Aben­teuer. Wie bis Seyblitzhnsaren ihn wie einen Hasen gejagt, als ber Kvlowrat plötzlich verschwunden war. Wie er mit zwei Schüssen sich die nächsten Verfolger vom Leibe gehalten, er dann kreuz und quer durch die Gassen geritten und schließlich die Husaren seine Spur verloren. Da hätte er, lachte der Kornett und zwinkerte spitzbübisch mit den Augen, gesehen, ob sie es glaubten ober nicht, baß er vor bem Hause stehe, in bem bie Bäckerstochter wohne. Da sie allein im Hause gewesen, ihr Vater sei als Marketender im Felbe, bie Mutter über Lanb, so habe sie ihm gutmütig Quartier gegeben. Unb mehr erzählte er nicht. Doch müßten sie es ihm schon glauben, daß es unmöglich gewesen märe, noch in der Nacht ins Stabsquartier zurückzukehren/denn es hätte nur so von Preußen gewim­melt, die fluchend nach ihm suchten. Am Morgen freilich, als er die Rase zum Tore hinausgesteckt, habe sich in der Gasse nicht eine Katze gerührt. Erst in den Straßen nahe am Kottbuser Tore habe er gemeint, in ein Wespennest geraten zu sein.

Wie er mit heiler Haut den Preußen entwischt, baß wisse er selber nicht recht. Zur Bekräftigung aber, daß er bie Wahrheit spreche, zog er noch ein letztes Zuckerbrot aus ber Tasche unb verzehrt« es seufzend. Denn, weiß der Teufel, nach Berlin käme man so bald nicht wieder.

VI.

Eine Woche später ritt ber Rittmeister von Kolowrat, wie es ber Brauch bei guter Botschaft aus dem Felde war, von acht blasenden Postil­lonen geleitet, hinter sich sechs Wachtmeister mit ben erbeuteten Fahnen, eines Vormittags durch die Straßen von Wien hinaus nach Schönbrunn. Er überbracht« die Meldung des Hadik von bem Zug« nach Berlin. In diesem Jahre war an ber Donau ber Herbst so schön und warm, daß der Hof noch draußen in Schönbrunn geblieben war.

In ihrem Arbeitszimmer von dessen hohen, geöffneten Fenstern man weit hinein in ben Park mit seinen Alleen, Statuen, Wasserspiegeln unb Ruinen sah. hinauf bis zu bem breiten luftinen Hügel, wo tramnhaft zwi­schen ben Kulissen herbstlicher Bäume die Gloriette in große, leuchtende Wolken schnitt, empfing hie Kaiserin den Kurier. In einem kleinen Spiegelsaal warteten bie Wachtmeister mit den Fahnen. War ihnen, weiß Gott, im Sattel w'ohler als o"f ben spiegelnden Parketten.

Aufmerksam härte Maria Theresia, vor ihrem Schreibtische sitzend, auf bie Worte d»s Offiziers, d»r unbeweglich, noch verstaubt vom Ritte, vor > stand. Während sie zuhörte und immer erfreuter ruckte sah sie nett» gierig und ein wenig erstaunt auf die rote lederne Kassette, die der Kolo: -at in her f in Fen Hand hielt. Denn es war nicht oewöhnlich, boß ein Offizier mit einem Paket unten» Arm zu ihr, der Kaiserin, kam. Als sie huldvoll unb gnädig ihre besondere Zufriedenheit mit dem bravourösen

- Ritt ausgesprochen, stand sie auf, öffnete dl« Tür und trat, gefolgt von bem Osizier, hinaus in ben Spwgestuat. Mit zärtlicher Bewegung strich ne über bie Seibe ber »ahnen, Mach einige Wort« mit ben Wachtmeistern, drückte jedem ein Goldstück in bie Hand unb entlieh sie.

i Dann kehrte sie in ihr Arbeitszimmer zurück, setzte sich, roiiute den Rittmeister heran und jagte:Er hat mir da eine rechte Freud« gemacht! Ich dank' Ihm schön auch noch für Kolm! Er ist Major!"

Während der Kolowrat sich tief verneigte, notierte die Kaiserin mit einem goldenen Crayon rasch die Ernennung auf ein Blatt Papier und zugleich die Notiz, bah sie wegen ber Verweubung ber Berliner Kontri» , bution mit bem Finanzminister sprechen müsse. Dann trat sie an ben Kolowrat heran, ber noch immer unbeweglich vor ihr stanb, zeigte auf bie Kassette unb fragte:Aber jetzt sag' Er endlich, was hat Er da?"

Ehrerbietig legte ber Major bie rotleberne Schatulle auf ben Schreib­tisch ber Kaiserin unb meldete, welche Bewandtnis es damit habe. Be­lustigt hörte ihm die Kaiserin zu. Längst schon hatte sie ben Deckel abge­hoben. Nun lachte sie unb rief:Ist der Hadik aber galant!" Sie reichte bem Offizier bie Hanb zum Kusse unb entlieh ihn gnäbig.

In bem Spiegelsaale, in bem nun flüfternb Minister unb Generale auf ben Beginn ber Aubienz warteten, würbe ber Kolowrat mit Fragen be­stürmt. In aller Eile muhte er noch einmal von bem Zuge nach Berlin j erzählen. Immer neue Fragen stürmten auf ihn ein. Enblich wollte er : gehen. Da schrillte die Glocke aus dem Arbeitszimmer ber Kaiserin. Einen I Augenblick später erschien zwischen ben beiben an ber Türe Wache stehen- , ben Garden ber Abjutant, sah sich suchenb um, trat auf ben Kolowrat zu unb melbete, er solle sogleich zu Ihrer Majestät. Erstaunt sah ber Major auf, bann folgte er dem Adjutanten, ber die Türe vor ihm öffnete.

Als der Kolowrat an diesem Vormittage zum zweiten Male das Ar­beitszimmer ber Monarchin betrat, an ber Türe still stanb, sah ihn bie Kaiserin an unb lachte, bah ihr bie Tränen über bie Wangen liefen. Am Kamin stand der Kaiser Franz, denn es fror ihn, weil Maria Theresia selbst im Winter bei offenem Fenster sah. Auch über sein Gesicht zuckte ; das Lachen. Freundlich winkte er dem Offizier zu und sagte:Das habt : Ihr süperb gemacht! Aber ich glaube, jetzt geht's Ihm schlecht!" j Vergebens bemühte sich die Kaiserin, sich des Lachens zu erwehren. ! Endlich konnte sie sprechen:Komm' Er nur näher, Kolowrat!" Vor ihr auf dem Tische lagen, zu einem Hausen geschichtet, die Handschuhe. Sie stand auf, hob in jeder Hand einen Handschuh hoch, hielt sie bem Offi­zier hin unb fragte:Sieht Er was?" Der Major verneinte erstaunt. Er wußte nicht, was bas bedeuten solle. Doch Schlimmes könne es un- i möglich sein, so dachte er, als er die Augen der Kaiserin sah.

jlieber die Ohren hat Er sich hauen lassen von bem berlinischen Bür- j germeifter!" rief Maria Theresia.Sieht er benn bas nicht? Lauter j linke Handschuhe die zwei Dutzend, wie sie da sind! Da sieht man, daß Er ein Mannsbild ist!"

i Der Major stammelte untertänigft eine Entschuldigung. Die Kaiserin . lachte begütigend. Da trat mit raschen Schritten der Kaiser auf ihn zu, | reichte ihm die Hand und meinte:Mach' Er sich nichts daraus! Das be- ' komme ich alle Tage zu hören."

Maria Theresia, bie biefe Art ihres Gemahls nicht liebte, runzelt« bie Stirne, legte bie Handschuhe auf ben Tisch, sah auf unb sagte bann gnädig:Ich bin Ihm nicht böse, Kolowrat! Man sieht Ihn doch heute J Abend beim Ball?" Der Offizier verneigte sich. Hinter ihm öffnete der Adjutant lautlos bie Tür.

Am Abenb war Ball bei Hof in ber großen Galerie zu Schönbrunn. Der Majpr kam spät, weil er bem Hofkriegsrat Bericht erstatten mußte. Merkwürdig lang hatte man ihn zurückgehalten, obwohl er doch zu Hof befohlen war. Als er dann endlich den von Hunderten von Kerzen schim- mernden unb strcchlenben Saal betrat, verstummte bi« Musik. Die Kaiserin ' ging auf ihn zu, reichte ihm bie Hanb zum Kusse, bie ohne Handschuh war, ! und lachte:Da hat Er's, Kolowrat, nun müssen wir ohne rechten Hand- i schuh tanzen!" Sie beutete hinter sich in ben Saal. Dort traten vierunb- zwanzig Paare zur Quadrille an. Ohne rechten Handschuh die Damen.

Plötzlich flog ein Flüstern und Tuscheln über bie gepuderten Köpfe: bie Kaiserin 'tanzt!

Komm Er, Kolowrat!" sagte sie unb reichte bem Offizier die Hand. Er tanzt doch ein Menuett mit mir? Freilich so gut wie Er kann ich's nicht!"

Die Musik setzte ein, und langsam tanzte die Kaiserin zwischen dem Spalier ber Paare mit ihrem Offizier Menuett. Dann begann bie Quadrille.

Lange Jahr« wurde auf den Hofbällen und in den Palästen des Adels bei ben Quadrillen eine Figur getanzt, bei der die Damen den rechten Handschuh ihrem Kavalier übergaben, wenn ber Vortänzer leise in die Hände klatschte und rief:Les gants de Berlin!"

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Es war kurz nach der Schlacht von Leuthen, baß Friebrich der Graß« durch einen gefangenen Obriffen, ber an bem Zuge nach Berlin teilge­nommen. erfuhr, wie ber Hadik damals im Lager von Elsterwerda icher bie Berlinische Zeitung getobt hatte. Zwei Tage später gab eine preu­ßische Patrouille bei ben österreichischen Vorposten in Schlesien einen Brief für ben General her Kavallerie van Hadik ab. Friedrich tWe das. Wie er auch etl'che Monate vorher das Generalsvaient für den Obriffen, bog mit dem Kurier aus Wien einer preußischen Streifpartei in die Hände gefallen war, mit einem Glückwunsch dem Laudon übermit­telt batte.

i Vor der Festtmg Schweidnitz erhielt Hadik das Schreiben, öffnete es und las erstaunt die Unterschrift Friedrich. Der Kania aber schrieb:

Mein lieber General von Hadik! Je le felirite, die Aktion war kaMensel Aber so zu Herze» hält' Er sich's nicht zu nehmen brauchen, daß ich seine Kerle charmant» Kanaillen nannte. Werd» mich hüten, es wieder zu tun. Seine Visite hoffe ich in Wien bei ber nächsten Kampagne zu er­widern.

Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. Druck unb Verlag: Vrühl'fchr Universität«.Buch» und Lteindruckerei, R. Lange, Dietzen.