Licht erlosch, der Traum des deutschen Dorpat war zu Ende. Aber in all dem Weh, das die Erinnerung wieder lebendig werden läßt, blieb doch der Trost, daß das Erbe der Vergangenheit wie ein Feuer unter der Asche auch in anderen Formen weiterglüht. Und wenn am 12. Dezember sich jn Rostock die alten Söhne der alma water Dorpatensis und die Freunde im Reich zu feierlichem Begehen des Gedenktages zusammenfinden werden, so werden sie das tun im Bewußtsein der Unvergänglichkeit des Wortes, das der preußisch« Kultusminister damals am 15. September m Dorpat gesprochen hat: „Die deutsche Kultur kann nicht untergehen!"
Die Handschuhe der Kaiserin.
Eine Novelle von Alfons v. C z i b u l k a.
(Schluß.)
So hielt der Kolowrat mit seinem Trompeter mitten in der belagerten Stadt, in der Gefahr, von einer eigenen Kugel, die schon da und dort in die Dächer schlugen, getroffen oder von den Preußen gefangen zu werden. Ein oder das andere wäre ihm wohl auch widerfahren — immer häufiger platzten die kleinen Bomben in der Straße, auch war fchon das Summen von Flintenkugeln zu hören —, wären nicht plötzlich hinter ihm, aus einer Gaffe einschwenkend im Attacketempo ungarische Husaren aufgetaucht. Im letzten Augenblicke, er wäre sonst überritten worden, konnte er sich noch in einen Garten retten. Es war ein Halbregiment Husaren, das der Hadik schon zwei Tage zuvor von feiner Kolonne abgetrennt hatte. Wie es ihre Aufgabe erheischte, waren sie Schlag neun Uhr überraschend am Potsdamer Tore aufgetaucht, das noch offen war, weil man dort vom Erscheinen der Oesterreicher nichts geahnt hatte. Sie hatten die wenigen Torwachen überritten und waren sogleich zum Schlesischen Tore abgeschwenkt, wo sie nun dem Grenadierbataillon, das man im Laufschritt zum bedrohten Tore geschickt, in den Rücken fielen.
Da fast zur gleichen Zeit das Tor, von Schüssen zerschmettert, in einer Wolke von Pulver und Staub nach innen fiel, Kroaten und deutsche Reiter zu Fuß eindrangen und auch schon über die Landwehrbrücke feindliche Abteilungen einbrachen, nachdrängende Reiterei die zum Suk- kurs heranrückenden schwachen Bataillone in den engen Gassen leicht überritt, so war die Köpenicker Vorstandt in wenigen Augenblicken in den Händen des Feindes.
Der Rittmeister von Kolowrat, der mit seinem Trompeter hinter den attackierenden Husaren hergejagt und gerade zum Tore gekommen war, als die ersten Kroaten eindrangen, versuchte vergeblich, sich einen Weg zum General zu bahnen. Einmal sah er ihn wohl für einen Augenblick auf seinem Schimmel über die Landwehrbrücke reiten; dann aber war er im Getümmel verschwunden. Immer wieder wurde der Rittmeister in den schmalen Gassen vom Kampfgewühle mitgerissen und sah sich schließlich in einem dichtgeballten, gegen die Stadt sich wälzenden Haufen mit dem Bajonett sich wehrender preußischer Grenadiere, einhauender Panduren und deutscher Reiter zu Fuß. Fluchend, stechend, hauend und schießend, schoben sich Reiter und Grenadiere, bald vor, bald rückwärts flutend, langsam, stockend zwischen den Häuserreihen dahin, aus deren Fenstern manchmal ein verlorener Schutz aufblitzte.
Es war etwa eine Stunde später, da er noch immer hartnäckige, ja verzweifelte Widerstand plötzlich erlosch, Blasen und Rufen, Fluchen und Jubeln zu hören war. Der Kampf schwieg fast völlig. Jetzt gelang es dem Adjutanten endlich, sich freie Bahn zu schaffen, um zum General zu gelangen. Im Vorüberreiten riefen ihm Offiziere, die er nach der Ur- ache der Kampfpause fragte, zu, datz das Einstellen des Kampfes be- vhlen fei, da Berlin kapituliert hätte, und die Garnison sich nach Span- )qu zurückzöge.
Rach einigem Umherirren fand der Rittmeister endlich den General. Der hielt zu Pferde inmitten einiger Offiziere und neugierigen, an die Mauern sich drückenden Volks auf einem kleinen Platze. Als er feinen Adjutanten bemerkte, winkte er ihn zu sich heran. Er lachte, Henn eben waren auch die Deputierten des Magistrats von ihm empfangen worden, die ihm das Versprechen pünktlicher Zahlung der Kontribution Überbracht hatten. Er nahm den Adjutanten beiseite und fragte, mit den Augen zwinkernd, leise: „Beicht' Er! Was hat Er den Messieurs vorn Magistrat gesagt? Er mutz das Blaue vorn Himmel herunter gelogen haben, daß mir der Rachow so sans fagon die Stadt ä discretion übergibt."
Als der Kolowrat ihm meldete, wie er sich des Auftrags erledigt, und was er wegen der Uebergabe noch auf eigene Faust hinzugefügt, da streckte ihm der Hadik auflachend die Hand hin: „Das hat Er gut gemacht! — Hör' Er, parfümier’ Er sich so vieler will. Parole d'honneur, Ich nehme keine Prise mehr deswegen!"
Der Hadik wußte, datz die Uebergabe von Berlin nichts als eine Episode sein konnte. Er wußte, datz er die Stadt gegen den Dessauer unmöglich halten konnte, auch konnten die Reiter des Seydlitz stündlich nn den Toren erscheinen. Er wunderte sich eigentlich, daß sie nicht schon gekommen waren. Ließ er die Truppen jetzt in das Innere der Stadt, bann würden sie sich plündernd zerstreuen. Dagegen hatte damals noch kein General ein Arkanum gesunden. Wie in einer Mausefalle müßten Ihn dann der Dessauer und der Seydlitz fangen.
Da befahl er. die Truppen hätten in der Köpenicker Vorstadt, am Kottbuser und Potsdamer Tore zu bleiben. Ein Mertel der Offiziere könne, soweit es her Dienst erlaube, in kleinen Gruppen sich Berlin besehen, bis zur Dämmerung, aber nicht länger. Er selbst ritt um die Mittagsstunde mit feinem Stabe in das Innere der Stadt.
V.
Cs war schon spät am Nachmittage, als der Hadik, der durch die ganze Stadt, auch über die Wälle geritten war, wieder in die Köpenicker Vorstadt zurückkehrte. In einer Schenke nah« dem Kottbuser Tore, die man zum Stabsquartiere ausersehen, erwarteten ihn zum zweiten Male die
Deputierten des Magistrats, die in barem Gelds und in Wechseln auf Ham- bürg die Kontribution überbrachten. Die begehrte Summe war nicht voll, doch der Hadik begnügte sich und unterschrieb.
Dann setzte er sich, nachdem die Räte gegangen waren, mit Offizieren zu einem kleinen Mahle, das man ihm bereitet hatte. Ein Marketender hatte ein Füßchen urigarischen Weines aufgespürt. So wurde die Einnahme von Berlin gefeiert, indes draußen die gesattelten Pferde standen. Niemand legte die Waffen ab. Wie man zu Pferde gesessen, so sah man nun um die Tische der Schenke herum. Man flüfterte einander zu, daß der Seydlitz schon von Potsdam heranreite und der Vortrab des Dessauers noch in der Nacht in der Stadt sein werde. Man erzählte, was man in Berlin gesehen, wie man mit den Mädels scharmutziert, und wie schade es sei, daß der Hadik das Betreten der Stadt nach Einbruch der Dämmerung noch einmal mit den gräßlichsten Flüchen verboten hätte.
Ein paar Fähnriche und Kadetten, die abseits an einem kleinen Tische hinter dem Hadik sahen, berieten flüsternd, ob es das Donnerwetter wohl lohne, in der Nacht auf eigene Faust einen Ueberfall auf das Innere der Stadt zu wagen, da ihnen Mädels begegnet wären, wie man in der Wienerstadt nicht schönere finde. Einer, ein Kornett von Savoyen-Dragonern, spitzte die Lippen vor Begeisterung, weil er an das süße Backwerk dachte, das ihm in einer Gasse der Friedrichstadt eine Bäckerstochter offeriert. Er prahlte, wie rot ihre Sippen gewesen, und wie sie wohl noch süßer wären als das Zuckerwerk, wenn er zum Teufel nur in der Nacht nach Berlin entwischen könnte.
Da sah sich der Hadik, der scharfe Ohren hatte, und schon eine Weile auf die Reden der Jungen gehört, lachend um, schlug auf den Tisch und polterte: „Teufelsbuben' Soll ich euch den Profotzen auf den Hals schicken? Daraus kann nichts werden aus dem Nach-Berlin-echappieren! — Aber recht habt Ihr — galant soll man sein! — Messieurs!" und er rief es schallend über die Tische und sprang auf, „daß wir der Majestät an die dreimalhunderttausend Taler für ihren Kriegsschatz, Fahnen und etliche Kanons aus den Mauern von Berlin bringen, wird sie freuen. Aber an ein Souvenir für die allergnädigste Frau hat keiner gedacht! — Kolowrat! Reit' Er noch einmal zum Bürgermeister, sag' Er, der Hadik erbitte sich für die Kaiserin-Königin zwei Dutzend schneeweißer Handschuhe. Sollen ja berühmt fein, die berlinischen! Bring' Er sie nur gleich mit, aber such' Er sich schöne aus! Er versteht sich ja auf derlei Chosen."
Lachender Zuruf der Offiziere, Klirren der Waffen und Sporen, Stampfen und Jubeln. Sie hoben die Gläser und jauchzten und schrien: „Vivat Theresia!" — Immer wenn damals Offiziere aus das Wohl der Kaiserin tranken, war es zugleich eine Huldigung an die Frau.
Der Kolowrat erhob sich, wollte gehen. „Halt!" rief der General und zeigte auf den Kornett vom Regiment Savoyen. „Nehm' Er sich den Grünschnabel da mit! Er kann sich noch einmal Zuckerwerk holen bei feiner Bäckerstochter. Daß er mir aber zurück ist, der Grasteufel, bis zum Zapfenstreich!"
Es war fast schon Nacht, als der Rittmeister und der Kornett aus der Schenke traten und zu Pferde fliegen. Vom Potsdamer Tore her fegte eine Patrouille zum Stabsquartier. UeberaU standen unter den Laternen, im Dunkeln und an den Toren Gruppen von Bürgern, flüsterten erregt und lachten hinter den beiden her. Dem Kolowrat roar’s, als höre er ein fernes, fremdes Signal. Rascher trabte er in die Stadt hinein und stand nach einer Viertelstunde wieder oben im Rathause vor dem Bürgermeister, der ihn diesmal in seiner Arbeitsstube empfing. Unten hielt der Kornett die Pferde.
Höflich richtete der Offizier feinen Auftrag aus. Der Bürgermeister tiberieate, lachte seltsam und antwortete: „Es wird uns ein plaisir fein, der Kaiserin eine Probe unseres Handwerks zu übersenden." Cr schellte. Ein Ratsbote trat ein, dem der Bürgermeister einige Worte zuflüsterte. Der Diener ging schmunzelnd.
Jn der kleinen, behaglich getäfelten Stube saßen einander nun eine Weile gegenüber der Bürgermeister von Berlin und der kaiserliche Offizier. Sprachen höflich, kühl miteinander. Nicht eben viel. Lange Pausen unterbrachen das Gespräch. Wieder war es dem Kolowrat, als höre er ein fernes Signal. Er horchte auf. Der Bürgermeister sah ihn an, lächelte, meinte, es wäre ein preußisches. Manchmal, bei gutem Winde, höre man das Blasen von Spandau her. Der Kolowrat spielte unruhig mit seinen Stulphandschuhen. — Spandau? — Der alte Fuchs gefiel ihm nicht. War am Morgen schier fahl vor Entsetzen gewesen und sah jetzt drein, freundlich und'seelenruhig, als geschähe es alle Tage, daß ein österreichischer Offizier Kontribution zu Berlin verlange.
Endlich kam der Ratsdiener wieder, trug ein längliches, verfchnurtes Paket, übergab es dem Bürgermeister. Dieser löste die papierenen Hullen, hob eine Kassette aus rotem Saffianleder heraus, nahm den Deckel ab, zoq einen Handschuh heraus, reichte ihn dem Kolowrat: „Belieben sich zu Überzeugen Offizier, — feinste Arbeit unserer Mcmufuktur! Der Rittmeister warf einen Blick auf den Handschuh, strich prüfend darüber, verneigte sich verbindlich. Draußen klang, nahe schon, zum drittenmal das Signal. Der Kolowrat runzelte die Stirne. Was war das? Langsam zählte der Bürgermeister die Paare vor — zwei Dutzend, schnürte bas Paket zusammen, bat um die Quittung. Der Offizier unterschrieb dankte und ging. Der Bürgermeister warf sich auflachend in seinen Armstuhl, als draußen' im Gang die eiligen Schritte des Oesterreichers verhallten.
Als der Kolowrat zu den Pferden trat, raunte der Kornett ihm zu: „Die Preußen find da! Eben sah ich welche drüben an der Gasse voruber- reiten, sie bemerkten mich hier im Dunkeln nicht." .
Der Kolowrat reichte dem Kornett das Bakel, sprang >n den Sattel und lachte: „Dann allons, Kornett! Sein Mädel, fürcht ich, wird heute ein Breutze küssen." .
Vorsichtig, die Pistolen in der Faust, bogen sie m ine Gasse ein durch die sie zum Rathause geritten waren. Sie war leer. Nur em Burger bufd)te noch rasch in ein Tor. Ferne hörte man Reiten und Rusen. Im Galopp ritten sie weiter. Mötzlich Tumult und Geschrei. Schälle bhMen auf unh fmforen des Seydlitz jagten den beiden entgegen. Der Rittmeister schoß, riß sein Pferd herum, datz es bäumte, und war mit einem


