Ausgabe 
10.12.1927
 
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mutz wohl oder Übel eine ganze Handvoll über die Tafel streun. Die Prinzessin pickt sie auf die (Sabel, zerschneidet sie in vier Teile und itzt so zierlich, wie eben nur eine Prinzessin essen kann.

Wie sie alle am Schmausen sind, kommt der Hampelmann angehmkt, aber wie sieht er aus die Nase hängt ihm trübselig herunter, die Glie­der schlottern in allen Gelenken und bei jedem Schritt knickt er ganz m

Jan," sagt er,gib nicht die Prinzessin weg!

Bist du auch wieder da?" ruft der König,warte, man soll dir Arine und Beine ausreitzen!" Und alle wollen über den armen Hanipcl- mann herfallen. Da wird Jan böse:Er hat ganz recht, die Prinzessin qehört mir. Und den roten Mantel da, den hast du nur auch gestohlen!

Her damit!" Das gibt einen gewaltigen Krach, die Alte kreischt auf, die Prinzessin fällt auf die Knie und weint in ihr goldenes Haar, und alle andern dringen auf Jan und den Hampelmann ein. Jan schlagt mächtig um sich, aber das kleine Zeug sitzt ihm im Nacken, tm Bart, überall. Unb nun stopfen sie ihm gar Schneckenbraten in den Hals er kann gar nicht dagegen schlucken und würgt und würgt und denkt schon, er muh ersticken da hört er ein wütendes Geheul, ganz nah und

ganz laut.

Der Wols!" schreit der König,rette sich, wer kann!" und im Nu ist das kleine Gesindel verschwunden. Der Wolf springt auf Jan zu, groß und schwarz, mit offenem Maul, und setzt ihm die Psoten auf die Brust. Aber er beißt nicht, er fährt ihm nur mit der Zunge übers Gesicht, und dann heult er wieder.

Ach" sagt Jan verwundert,Polli, bist du das?

Und nun ist auch Geesche da mit einer Laterne, sieht ihren Jan auf dem Boden sitzen und vor ihm, auf einem herrlichen roten Umschlagetuch, säuberlich aufgebaut, den Wagen mit Schecken, den Hampelmann und die Puppe. Und rund umher liegen Rosinen im Schnee verstreut.

Etwas steif und langsam kommt Jan in die Höhe.Geesche, sagt er und schüttelt den Kopf,das ist eine wunderliche Geschichte.

, Ja," sagt sie und hat das Tuch mit allen Herrlichkeiten darin schon aufg'erafft,das ist wirklich eine wunderliche Geschichte, aber jetzt komm nur schnell nach Haus', du bist ja ganz steif gefroren."

Am Abend liegen all die schönen Sachen unterm Weihnachtsbaum und die ganze Stube ist voll Jubel darüber. Jan ist sehr stolz und froh, aber eins ärgert ihn doch, denn niemand will seine Geschichte glauben, sie lachen ihn alle aus. Nur der Hampelmann nicht, der weiß Bescheid, lieber seine lange rote Nase hinweg, plinkt er Jan mit hochgeschlossenem Auge zu: Laß sie nur reden, Jan, wir beide, wir wissen es besser, was?

Ja, die Menschen wollen an nichts mehr glauben, aber Jan und der Hampelmann, die wissen Bescheid.

Vivat Academia Dorpatensis!

Ium 125. Jahrestag der Universität Dorpat am 12. Dezember 1927.

Von Dr. Ernst Seraphim.

Unser Auoe richtet sich heute in sern-e Zeiten zurück. Die Errichtung einer deutschen Universität ist Wunsch und Plan der baltischen Lande ge­wesen, soweit wir zurückdenken können. Gustav Adolf, der große Schwedenkönig, der auch in Livland, dos er vom Joch der katholisierenden Polen befreite, der Rektor des Protestantismus geworden ist, hat am SO. Illli 1632 im Kriegslager zu Nürnberg jene denkwürdige Urkunde unterzeichnet die die Academia Gustaviana nach dem Borbilde Upsalas ins'Leben rief. Er stellte ihr die Aufgabe,das martialische Livland zur Tugend und Sittsamkeit zu bringen". Aber der Tod des Königs auf dem Felde von Lützen hat diese Schöpfung nicht zur Blute gelangen lassen: die Universität verkümmerte infolge der unsicheren materiellen Grund­lagen, der schwedisierenden Tendenzen und vor allem der ewigen Knegs- wirren, die das Land immer wieder heimsuchten. Der Nordische Krieg Hot ihr die in Pernau fortvegetierte, schließlich ein Ende gemacht. Mit Gustav Adolfs Stiftung Hot also die nach fast einem Jahrhundert errichtete deutsche Universität Dorpot nicht das mindeste zu hm. m

Als sich dann die Livländische Ritterschaft Peter dem Großen am 4. Juli 1710 unterwarf, war in den Akkordpunkten die Errichtung einer Universitätmit tüchtigen Professoren der Evangelisch-Lutherischen Re­ligion zugetan",auch zur Commodite der adligen Jugend mit Sprachen- und Exerzitien-Meistern versehen", ausbedungen worden. Aber die Armut des Landes noch dem Nordischen Kriege und die von der Petersburger Reqieruna ausgehenden Hemmungen ließen den Plan nicht reifen. Erst Kaiser Paul befahl die Gründung einer baltischen «an des - Universität durch die Ritterschaften und versprach,mit der Ihm eigenen Monarchistischen Freigebigkeit bei der Begründung Mer Lehr­anstalt mitzuhelfen". Sie sollte zuerst in Mi tau durch Ausbau der vom Herzog Peter von Kurland begründeten Academia Petnna ins Leben gerufen werden, doch entschied sich der Zar 1798 für den Plan der protestantischen Universität in Dorpat". Sein lunger Sohn und Nachfolger Alexander I. trat dem bei, und am 21.April 1802 fand die Eröffnung derKaiserlichen Universität Dorpat" in fest­licher Weise statt. Der erste Rektor war der Theologe E w e r s. Ader schon nach acht Monaten erfolgte eine völlige und grundlegende Umge­staltung, die, auf Betreiben des ehrgeizigen Prorektors Friedrich Parrot, dahin zielte, die Universität den Ritterschaften zu entziehen und sie der Regierung direkt zu unterstellen. Parrot wußte den jungen Monarchen, der am 22. Mai Dorpat besuchte und begeistert empfangen wurde, zum Bruch der Verfassung zu bewegen: am 12. Dezember unter­zeichnete er die neue Gründungsakte, in der es u. a. hieß:Und well es uns so sehr am Herzen liegt, dieses Heiligtum der Wissenschaft in einen blühenden Zustand zu versetzen, nehmen Wir diese Universität m Unseren besonderen Schutz und Schirm." Als die Aufgabe der neuen Hochschule, die gestiftet wurdeZum allgemeinen Besten des Russischen Reiches, be­sonders aber für die Provinzen Liv-, Eft- und Kurland, bezeichnet er die Erweiterung der inenschlicheii Kenntnisse in Unserem Reich". Dieser

Aufgabe ist die deutsche Universität, solange sie bestanden Hai, in treuem nachgekommen. . ...... ....

Als 1889 die Russifizlerung der Universität emsetzte, man ihr das Recht der Wahl der Rektore und Professoren nahm, die russische Vortrags prache auszwang und für die Studenten die Uniform einführte, was das Verbot des Farbentragens in sich schon, als vollends 1893 die Universität in Jurjew unbekannt wurde, hat man im Balten­lande das Fazit aus der nun abgeschlossenen deutschen Zeit gezogen: A Hasfelblatt-Dorpat und Dr. G. Okto-Mitau schufen in muhe- völler Arbeit dasAlbum Academicum" der Kaiserlichen Universität Dorpat. Ein Verzeichnis aller seit 1802 Immatrikulierten, wie wohl keine einzige Hochschule im Reiche es aufweisen kann. Es umfaßt rund 1 4 000 Immatrikulierte und gibt ehrendes Zeugnis vom Dienst für die baltische Heimat und die deutsche Wissenschaftfür Erweiterung der mensch­lichen Kenntnisse im weiten Zarenreich", ja über dieses hinaus auch jur bas deutsche Volk. Hat die alma water Dorpatensis doch in kaum neun­zig Jahren 314 akademische Lehrer, darunter 210 Akademiker und Um- versitätsprofessoren dem Reich gegeben, d. h., jeder 50.,Immatrikulierte hat es zum Akademiker oder Universitätsprofessor gebracht. Daran schlle- ßen sich noch 30 Diener der Wissenschaft als Astronomen und Physiker und 50 Forschungsreisende, unter die allerdings zahlreiche Akademiker miteinbegriffen sind. Unter den sonstigen Berufsgruppen stehen 2250 Aerzte ihnen folgen etwa 2000 Staatsbeamte, darunter 6 Senatoren, 3 Gen'eralgouverneure, 4 Gouverneure, ferner 51 Diplomaten, im ganzen also 400 Exzellenzen. Wir zählen ferner 1140 Pharmazeuten, 1130 evan­gelische Geistliche, darunter drei Bischöfe und zahlreiche Generalfuper- intenbenten, etwa 1116 Lehrer, unter ihnen drei Universitatskuratoren und 58 (Smnnafialbirettoren, nahe 1050 Gutsbesitzer, unter ihnen 20 Land­marschälle, 65 Landräte, 54 Bürgermeister. Es folgen 313 Militärs nut 45 Generälen, etwa 120 Kaufleute, Bankbeamte, Fabrikbesitzer, 70 Redak­teure, Journalisten, Dichter unb Künstler. Sie alle einte etn Geist unb bie Liebe zum alten Dorpat, von bcm einer seiner ältesten Stubenten Hintze gesungen hat:

, Kennst bu bie Stabt? Der Born der Wissenschaft Quillt dort in ewig frischer Jugendkraft. Und lächelnd drückt die heilige Caenone Den Lorbeer auf die Stirne ihrer Sohn«.

es in

druck kam.

Die End« der 80er Jahre einsetzende Verrussung Dorpats, deren Folgen freilich nicht sofort erkennbar waren, durchschnitt diese naturgemäße Ent­wicklung. Trübe Schatten legten sich über das Land. Aber noch einmal stieg leuchtend wie ein Meteor aus der Dunkelheit das Licht deutscher Wissenschaft empor und warf seine hellen Strahlen auf Dorpats heiligen Boden: das war am 15. September 1918, als der Wille des Kaisers in Dorpat die alte deutsche Hochschule zu neuem Leben erweckte Was der Universitätsprediger, Professor Hahn, der kaum ein Jahr darauf em Opfer bolschewistischen Mordes geworben ist, m bewegten und alle be- roegenben Worte bamals als einAuferstehungswunder bezeichnet hat, ist bald wieder zu Grabe getragen worden. Aber wer wollte jene kurze Zeit tniffen, in der sich heiße Sehnsucht und kühnste Wunsche verwirklichen zu wollen schienen. . . , ...

Nur neun Jahre sind es her und es dünkt eine Ewigkeit! Denn bald nach jenem strahlenden 15. September kam die Novembernacht. Das yeue

Dieser Geist umschloß aber nicht nur die Wissenschaft. Gewiß, diese hat mitbewirkt, daß akademische Bürger Dorpats zu allen Zeiten überall Rußland ihren Mann gestanden haben. Er hat es auch bewirkt, daß die Universität, der die Mission zugesallen war, westeuropäische Bildungs­elemente dem Osten zu vermitteln, nicht nur eine unendlich große Zahl hervorragender Deutscher aus dem Reiche unter lhren Lehrern sah nur Adolf Wagner fei genannt, der Dorpat die deutscheste aller deut­schen Universitäten nannte, sondern auch dem Mutterlande den Tribitt der Dankbarkeit hat abtragen können: von Karl Ernst v. Baer zieht sich eine lange Reihe Dorpater Jünger auf deutschen Lehrstühlen, die Har- nack und Seeberg, die Dehio und Ernst v. Bergmann, Karl Schirren, den Verfasser der mannhaften und gutvollenLivländi­schen Antwort", nicht zu vergessen.

Wenn diese Männer alle im Leben ihren Mann gestanden haben, so war es aber im Grunde mehr als die Wissenschaft. Es war die Aus­gestaltung des studentischen Lebens, das sich, wenn auch in einen Wurzeln von den Hochschulen im Reich stammend, doch in einer ganz einzigartigen Weise in der Isolierung des baltischen Sonderlebens im besten Sinne aristokratisch auswirken konnte: Allgemeiner Studenten- konunent mit obligatorischen Ehrengerichten waren für alle Studenten bindend und schon um die Mitte des Jahrhunderts wurde in Dorpat der Duellzwang überwunden und in derselben Korporation dem Duellanten und Antiduellanten gleiches Recht gegeben. Das war es ja, was in den vier alten KorporationenCuroma",Livoma ,Estoma unb per Fraternitas Rigensis", die alle schon auf über em Jahrhundert zuruck- bliden, und den jüngeren Verbindungen das ungeschriebene Lebensgesetz war:Freiheit und Zwang, Rechte und Pflichten, Genuß und> Arbeit so gegeneinander auszugleichen, daß ein stabiler Zustand erreichte wurde. DasIdeal der Selbstentwicklung", das Dorpat seinen Söhnen mitgab, hat sie dann in die Lage versetzt, später dem Lande so zu dienen, wie sie es getan haben. Man kann wohl ohne Uebertreibung sagen, daß ohne den eminenten Einstich Dorpats, in Sonderheit der theologischen Fakultät seit dem Beginn der 60er Jahre, als Moritz v. E n g el h a r d i und Alexander v. Dettingen ihr Richtung und Inhalt gaben und reli- aiöfen Konfessionalismus mit Lebens- und Bildungsfreude veremigten, jene Epoche des Aufbauens und Werdens unmöglich gewesen wäre, die mit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts für die baltischen Pro­vinzen anbrach und auf allen Gebieten, geistigen wie materiellen, poli­tischen und sozialen, so der Bauernemanzipation, einen beispielslosen Auf­schwung herbeisührte, der einmal in den Reformtätigkeiten der Ritter­schaften, zum anderen in den geiftigen Strömungen in Riga, tue in der Begründung des Polytechnikums 1862 gipfelten, zu wunderbarem Aus-