Ausgabe 
10.5.1927
 
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GietzenerKimMeMAter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang M7 Dienstag, den W. Mai Rümmer 57

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FrühUngsmorgen.

Von Johannes Heinrich B r a a ch.

Die Straße führt durchs Niederholz im Bruch, den Nebel füllen.

Wie leere wesenlose Hüllen, Gespenstern ähnlich, weben Gebüsche Astgewirr und Blätter in das Gespinst von einem grauen Tuch. In dieser Welt von Dunst scheint alles tot zu sein.

Nur Tropfen, die vom Zweige fallen, durch meinen Schritt erschrocknes Wild, das flieht, Raubzuggeschrei der großen Reiher, im nassen Ried am Weiher, ein scheues noch verschlafnes Schnäpperlied und schimmernd durch den Schleier, wie Purpurstreifen oder Glanz von goldnem Wein der Tagaufsteigung ferne Feier verraten Atem, Drang zum Leben und ungebundne Lust am Sein.

Der Blütenast von einem wilden Apfelbaum packt mich am Arm.

Du sonst so buntes und so lautes Land, wie wenig warm, wie farbenleer und still du dich in dieser Frühe zeigst.

Klagst du in Leid?

Du wirfst die Schultern in ein düstres Kleid, bangst dich der Helle zu, hoffst, wartest ab und schweigst.

Drrrch dss heimliche und unheimliche DeulschlKnd.

Von Manfred Hausmann. .

II. Berli n.

Wilhelmstraße. Die langweilige Front der Ministerien wird durch einen bunten Vorgarten unterbrochen. Fünfzig Meter zurück das Palais des Reichspräsidenten. Gegen das Portal mit dem vorgehobenen Schutz­dach schwingt sich von rechts und links die sandige Auffahrt. Mitten im Garten ein Stiefmütterchenbeet. Verhängte Fenster, tiefe Stille . . .

Zu beiden Seiten des Portals am Fuß der Treppe zwei Soldaten. Breitbeinig. Derb gestemmt. Mantel, Stahlhelm, Gewehr. Das braune Gesicht starr geradeaus. Oben auf dem Palais die Adlerftandarte. Zer­fetzt vom Frühjahrssturm. Wolken hastig drüberweg. Ewige Wolken. Ein Flieger.

Es ist, als ob die ganze Wucht des deutschen Schicksals von gestern, heute und morgen, als ob die Jahrhunderte der Linden, des Branden­burger Tores, des alten Schlosses, als ob alle Sorge, Geheimnis und Hoffnung des Reiches hier in dies schweigende Haus zusammengsdrängt wäre. Ein Wille zum Sein. Ein todernstes Symbol über den Grimassen des Tages. Ein Mythos von Untergang und Trotz.

Der Fahrstuhl hebt einen 124 Meier hoch in die dämmerige Nacht empor. Ein Türchen öffnet sich. Man steht auf der Aussichtsplattform : des Berliner Funkturms, lieber einem kreist der grelle Jächerstrahl des Leuchtfeuers. Unter einem glitzert und vibriert bis an die Horizonte hin ein Meer von Licht.

Hier und dort schleudert sich in regelmäßigen Abständen eine glühende Brandung aus dem Meere auf und macht den Dunst, der über ihr schwebt, in weitem Umkreis hell. Das sind die Dachreklamen. Auch die Kinos und Cafes entzünden den Aelher zu purpurnem, zu violettem, zu silbrigem Gedampfe. Es sieht aus, als hätten sich allenthalben mächtige i Feuersbrünste erhoben. Und von Brandstelle zu Brandstelle gleiten, sich i überkreuzend, sich senkend und wieder langsam ansteigend, die Lichter- ! fetten der verschiedenartigen Züge. Als scharfe Schnitte drängen sich die \ Stratzenschächte, die vom Funkturm wegführen, durch das Gewirr, bogen- i lampenbetupft. In ihnen wogen ununterbrochen neue Lichtquellen gegen­einander. Und es wogt und gleißt und brennt das ganze Berlin van hier i

bis dahinten hin, bis in die dunkle Unendlichkeit, in der sich, kaum wahr­nehmbar, der matte Schimmer der Eisenbahnen verliert.

Blickt man aber nach der anderen Seite über den nächtlichen Grüne­wald und die Seen, so liegt die Welt ganz erloschen da. Ein paar arm­selige Punkte flimmern in der Finsternis, eine Laterne schwimmt über dem Wannsee, und wie ein Mter Schleier weht die Milchstraße aus den 'asten Wälder: herauf Hier, gibt es auch die Sterne noch.

Münzstraße, Gip-siraße, Ackerstraße... Türhöhlen, Höfe, abbröckeln­der Putz, Hinterhäuser, die Quartiere des fünften Standes. In Amsterdam ind sie schmutziger und trostloser, in London gemeiner, in Paris lässiger, n München bäurischer, in Hamburg verwegener. Aber in Berlin kündet 'ich überall eine gewisse Wachheit und Nüchternheit an. Man hat noch nicht resigniert, man nimmt die gegenwärtige Situation keineswegs als etwas Unabänderliches hin, man will vorwärts, man ist Berliner! Immer lemutlich, aber in Jeltsachen hört der Spaß uff! N nnt einer ein Keller­loch und eine kaputte Fahrradklingel [ein eigen, so nagelt er über die Tur einen Kistendeckel mit der Aufschrift:Fabrik von Fahrrädern und Zubehör. Ein erbarinlicher Bollerwagen rechtfertigt die Gründung eines Fuhrgeschaftes für Transporte jeder Art." Mit zwei Strohsäcken wird em Lager für Betten und Polstermöbel, erstes Haus, am Platz" eröffnet. Ein dachpappebenagelter Schlippen im vierten Hinterhof trägt die lieber l^rift:Festsaal. Heute großer Witwenball. Nur für die ältere Jugend'" Wer sich em wenig umsieht, wird dort auch einen Keller entdecken, in dem etliche Fetzen Altpapier aufgestapelt sind. Was liest man über der Tür» Verlagsbuchhandlung von Chaim Pen."

Da sich übrigens jedermann in Berlin, der Boxer, der Snob, die Dame die Dirne, der Abgeordnete, der Direktor leicht größenwahnsinnig gebärdet, warum foll's der kleine Mann im Norden, warum foll's Chaim Pen nicht nvf f-i- r

Sie Urnen |ia, iua. meuriegen, diese Metropolitaner. Und wenn die Stemmaffen auch alles Leben und alle Natur ersticken wollen, es gibt doch da und dort noch ein Fleckchen Erde, auf das man etwas Grünes Pflanzen kann. Nichts rührender, als mit der Unterorund- oder der Stadt­bahn durch die City zu reifen. Aus jedem geringsten Winkel blüht es her­aus. Zwischen nackten Brandmauern hebt ein Kirfchenbäumchen sein schneeiges Gezweig der wenigen Sonne entgegen, ein Hofwinkel schimmert golöen, eine winzige Linde, der kärgliche Hang des Bahndamms ist mit Gesträuch überwachsen und selbst von den Dächern hängt Gerank herab Freilich bedeutet es so gut wie nichts in all der Kasernenwüste. Aber es ist doch da. Ein Birnbäumchen mit schwarzen Aesten und silbrigen Blüten neuen der Autogarage. Es ist da und beweist, daß die Maschinen­menschen in ihren Wohnhöhlen noch nicht völlig vergessen haben von wannen sie einst gekommen sind.

Grüne Flecken in der City. Seelenrudimente.

*

Untergründbahnhof Hohenzollernplatz. Ein Herr, offensichtlich ein tfremöer, tritt an den Stationsvorsteher heran:Bitte, wie komme ich zum Alexanderplatz?"Der nächste Zug auf diesem Gleise. Wittenberg- Platz mustelgen. Der übernächste fährt durch, ist aber zwei Minuten später da.Danke.

Der erste Zug dröhnt heran. Aber der fremde Herr macht keine Miene, einzusteigen. Er liebt wohl die Bequemlichkeit und gedenkt den zweiten zu benutzen. Der Stationsvorsteher kann es nicht fassen.Aber bedenken Sie doch," wendet er sich noch einmal an den Herrn,bann lind Sie volle zwei Minuten später da!!!!"

Die überfüllte Untergrund summt durch den Tunnel. Es ist morgens gegen dreiviertel acht. Alle Fahrgäste, ob sie sitzen oder stehen, haben brummige Gesichter. Besonders die Männer. Denn sie fahren alle zur Arbeit. Die Bremsen schleifen. Hali. Bülowstraße. Ein Mädel mit einer Aktentasche, keine Schönheit, das Gesicht voller Sommersprossen queUcht sich herein und schiebt sich langsam gegen die Wagemnitte. Wie der Zug ansahrt, stolpert alles durcheinander.Autsch, Sie TOänncfen'" ruft die Sommersprossige ungeniert,da! war mein Krähenovge jewesen! Det wollte ick doch inne Aussteier mitbringen!" Haha, die Gesichter sind schon gar nicht mehr brummig. Run steht bas Mädel mitten zwischen fünf alteren Herren. Sie mögen wohl Prokuristen ober Kassierer oder sonst etroas Ehrwürdiges sein. Aber sie läßt sich, die Morgendliche, ohne eine Miene zu verziehen, von den Bewegungen des Wagens, bald gegen diesen, bald gegen jenen schaukeln. Ihre Füße bleiben 'stehen, ihr Ober­körper taumelt hin und !>?*. Und die Ehrwürdigen wenden sich ihr einer noch dem andern zu und hallen ihr, einen Kreis bildend, die gepolsterten Bäuche hin, damit sie es bei ihrer Schaukelei hübsch weich hat. Und der ganze Wagen freut sich ü >er das Möbel und über die fünf Bäuche. Ob­wohl es mittlerweile schon drei vor acht geworden ist.