Ausgabe 
9.8.1927
 
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'Stein Traum, 23eifer," antwortete er,und was ich da Is Erinnerung ton verlorenes Glück fang morgen wird's wahr, Vater!"

Er schwieg eine Weile, bevor er mit Erzählen fortfuhr: Allbereils oar es lichtmorgen worden, als ich den fchwedfchen Trupp noch immer nicht gefunden hatte. Sie waren schon weiter oder anderwärts hingezogen, als ich dachte. Dergestalt im Walde herumirrend, bin ich denselben Feinden, so wir zuvor zersprengt hatten, wieder in die Hände geraten. Ich hab' mich meiner Haut gegen sie gewehret, so lang ich konnte, aber vergebens; ach, haft' ich doch im Fechten von ihnen den Tod empfangen! Aber es sollte nicht sein. Sie haben mich alsbald vor den Hauptmann ge­bracht. Mein Urtel ist nach Rechten gefallet, morgen muh ich sterben.

SBater, so lebet wohl! Ich hätt' Euch anders lohnen sollen. Aber Gott wird Euer Vergelter fein; dort, dort!"

Gibt's denn keine Rettung mehr für dich, Reinhold?" fragt' ich da, o sag', wo kann ich für dich bitten damit ich eile und spreche: schenket mir meines Reinholds Leben!"

Nein, Vater," sprach er wieder,hoffet das nicht! Mit mir ist's aus. Nun ich Euch habe sagen können, was mir auf dem Herzen lag, und das Wort Eurer Vergebung habe, will ich unverzagt als ein Soldat sterben. Dies ist der letzte Kummer, den Ihr um mich habt; es sei auch der letzte Eures .Gebens P'

Ich wollt' noch mehr reden, als es aus der Ferne herüberschallte wtf von Trommelschlag.

Sie sind's", rief da einer der Dragoner, so mich hergesührt hatten. Nun, Alter, so müßt Ihr scheiden."

Damit machten sie sich fertig, aufzubrechen, den Kommenden entgegen. Ich konnte nur noch meinen Reinhold an die Brust drücken und eine kurze, kurze Weile da ruhen lassen: so rissen sie ihn von mir, nahmen ihn in ihre Mitte und liehen mich schier betäubet unterm Baum auf der­selben Stelle, da ich eben zuvor mit ihm gesessen, allein.

Ach, armer Reinhold, leb' wohl, leb' wohl!"

Leb' wot)I, Vater, leb' wohl und Grellem auch! Lebt beide wohl!!" *

Was war das vor ein Gedrang' auf dem Plan eine halbe Wegstunde weit vom Dorf, den sie das Streitfeld heißen! Was vor ein Rufen, Tummeln, Lachen und Fluchen! Hier abgezäumte Rosse, dort lagernde Soldaten, hier Zulauf zu Marketendern und Sudlern, dort Versammlung um den Waibel ober Offizier. Oh, ich sah und hörte jegliches und sah und hörte es auch wieder nicht. Augen und Sinne suchten nur nach einem, dem hier zu begegnen ich doch erbebete.

Früh morgens um zehn Uhr

Stellt man mich vor das Regiment;

und wie es weiter geht: immer hatte mir diese Weise vor den Ohren ge­klungen, und die Sterbeglocke tönte darein all den Weg lang, den mich einer vom Troß daher geleitet. Er hatte mich unterm Baum gefunden, da sie mich allein gelassen: ich war da so von Kräften worben, allermeisten von großer Traurigkeit, daß ich meint, es käme mein Ende. Aber der Troßknecht hatte mir gesagt, der Feremont wäre aufm Streitfeld ein- getrvffen, und diese Rede hatte all meine Unmacht vertrieben.Ich muh hin," hatte ich gerufen,ich muß hin!" Damit hatte ich mich aufgerafst.

Jetzo war ich ankommen. War's etman schon zu spät?!Ach, wenn ich frage, und sie geben mir solchen Bescheid!"

He, Alter, was eilst so, wie hirnbesessen, kannst ohnedas nicht mehr! Komm, ich will dich akkomodieren." Der mir so zurief, war etwan ein Kürassier; er mußte letzthin blessiert fein, denn er trug den Arm in einer Binde; ich sah auch: er war ein junges Blut.

Oh," rief ich ihm zu,wenn Ihrnen Vater habt, den Ihr wieder zu sehn hofft, so haltet mich nicht auf, sondern bringet mich zum Obristen I"

Ha!" antwortete er,denket Ihr denn, unser Herr Obrist hat Weile und Willen, jedem klagfälligen Bauern Red' zu stehn; ober auch, so ein schlechter Reutersmann, wie ich, vermag bas bei ihm zu erschaffen?"

Bringt mich zu ihm!" bat ich wieder.

Während diesem hatten sich bereits andere um mich versammelt, und ein Soldat, fo eine Pike noch in der Hand trug, warnete mich, daß ich mich vor dem Rumormeister wahren sollte.

Da wurde umgefchlagen, und dumpf dröhnten die Trommeln. Alle wandten sich dahin: die, fo sich gelagert hatten, [prangen in die Höh'; die, so zuvor stunden, (öfeten sich auseinander. Seitwärts von der Lagerstelle schritten sie hin: voran die Trommelschläger, zween Fähndriche mit zu­gefalteten Fähnlem folgten ihnen, darnach Musketiere, so ihre Feuer­rohre über den Schultern trugen. Sie marschierten gerad vor sich, die Sonne im Rücken. Allum das Kriegsvolk drängte ihnen nach, derent­wegen sie meinen Blicken bald entschwanden. Ader der Reuter, den ich vorhin angesprochen hatte, war bei mir stehn geblieben.

Sich, Alter," sprach er jetzo,dort kommt der Obrist Feremont; er redet just mit dem Regimentsschultheißen."

Ohnweit von uns schritt er daher, und männi glich gab ihm Raum. Er war von hoher Gestalt, sein Angesicht gebräunt und ernster Miene, sein Bart nm Lippen und Kinn gegraut. Der Koller, den er trug, war nicht prächtiger als des Schultheißen feiner neben ihm; aber um den Hals hing ihm eine güldne Kette, und sein Haupt bedeckte ein spitzer Bordenhut. Daß ich solches so genau vermerket, barüber verwundre ich mich billig; gestalten ich nur einen Augenblick dazu die Weile hatte: denn im nächsten war ich hinzugelaufen und ihm zu den Knien gesunken.

Was will der Mann?" rief er verwundert, auch verdrießlich, daß er sich solchermaßen von mir aufgehalten sah, und Leute, die ihm zu­nächst waren, suchten mich von ihm zu reißen.

Aber ich klammerte mich desto fester an ihn und rief laut:Gnade, Herr Obrist, Gnade für den Gefangenen dort!"

Ja," sagte er bitter,bitte Gott, daß er seiner Seele gnädig sei! Ihm ist der Stab gebrochen!"

Rein, Herr," bat ich wieder,schenket ihm das Leben! Erbarmet Euch; beraubet mich seiner nicht!"

Seid Ihr sein Vater?" fragte er.

Ja, sein Vater der Liebe und Sorge nach und dem Herzeleid, wenn er stirbt!"

Darnach fragte er mich, wo ich her wäre, und aus seiner Miene könnt ich abnehmen, daß ich ihn dauerte. Aber als ich ihm Bescheid gegeben hatte, daß ich von Warbergen märe, da stellete sich alsbald feine Gebärde hart und finster.Aus dem Diebsnest also," rief er,an dem ich heut noch Straf' und Vergeltung üben will! Fort, und kein Work mehr laß mich hören!"

Während ich mich aufrichtete, fo hatten die Waibel und Rumormeister den Raum vor uns gesäubert, daß der Blick nach drüben hin frei war. Ach, da stund Reinhold, das Angesicht gerade gegen die Sonn' gekehrt; ich sah die Steckenknechte ihm das Wams abstreifen, daß sie die Brust ihm entblößten; ich sah, wie tapferlich er blickte; ich sah die Musketiere ihre Feuerrohre fertig machen; ich hörte die Trommeln, fo eine Weile ver­stummt waren, wieder ihren dumpfen Wirbel geben; ich sah den Pro- fohen seinen Stab erhebenverschont, verschont mein junges Leben nicht!" jetzo legten sie an, und jetzo--

Haltet ein ho er ist's!" eine schrille Stimme kreischte diese Worte. Mein (Sott, ja horten, am Hellen Tag wie ein Gespenst, stund gerat) vor den Feuerrohren der Muskettere die alte Lore, die dürren Arme beide gen Himmel gereckt und ihr Haupt oorgebogen, daß ihr zeit­lich, grau Haar ihr um die Stirn vornüber fiel. Das Glutfieber faß ihr wohl noch in der Haut, und sie sah aus wie eine Unhvldin. Augenblicks, wie leicht zu gedenken, war sie gepackt und sollte aus'rn Ring geschleppt werden. Aber sie schrie überlaut nur immer:Feremont! Feremont!" Währenddem ringsum jeder nur wartete, was das werden sollte, winkte der, daß man sie zu ihm ließe. Sie humpelte zu ihm heran, so geschwind ich es immer von ihr gesehen hatte.

Deiner Schwester Sohn, Feremont," schrie sie,ja hörst wohl, deiner Schwester leiblicher Sohn! Ach, hat's die Lore nicht längst schon ge- träumet, sie würd' ihn finden? Hat sie's nicht beim Vollmond gelesen, als der Farnfamen sprang, hat sie's nicht in der Andreasnacht im Ofenloch geschaut, als sie die Hölzlein verbrannte? Ja, daß sie ihn finden würd', und ha reich mach' ich ihn auch, Feremont! Ja, Gold und Gestein, wie's blitzt und glänzt und funkelt!"

Und sie sah bei diesen Worten auf ihre Hand mit Wohlgefallen, als hielt sie darin solcherlei Schätze.

Schafft sie fort; sie ist wahnsinnig", sagte der Oberst und wollte sich wenden.

O" schrie sie wiederFexemont, denk' das nicht, daß ich un­sinnig bin! Die Lore besinnt sich, ah, sie besinnt sich noch auf alles, so lang es her ist. Der lange Fen, wie er fluchte, als die andern ausrn brennenden Hause das Kind anbrachten, weils uns bloß zur Last sein würd'; wie er ihm all sein fein Zeug auszog, aber das Kreuzlein ihm nicht abgenommen hat, weil's unterm Hemdlein saß ho, das Kreuzlein! hab' ich's nicht alsogleich wieder erbarmt an seinem Hals dort, als sie ihm das Hemd zurückschlugen! Das nämliche Kreuzlein!"

Das sind seltsame Grillen," sagte der Obrist gegen den Regiments- schützen gewendet,was mag sie meinen?"

Daß ich bös getan hab' dazumalen, bös, 's Kind fo auszusetzen weil's der lange Fen nicht mehr um sich leiden mochte aber erblich nach vielen Jahren, als sie ihn längst gehenkt hatten, hat die Lore doch keine Ruh' gehabt und hat sich durchgebettelt, daß sie vom Kind erführe zu spät, zu spät aber nein, ho, gerad zur rechten Stund'- all sein Kleinod und Gold ihm zu bewahren, ohne daß ein einziges Stücklein fehlet. Denn weißt, Feremont, ich sah's hinter der Eiche, als der Melzer alles verscharren tät im Wald, hat's hernach dort nicht wieder gefunden und anderer Orten nirgend hab' ihm fallen mit meinen Künsten dazu helfen, aber fie schlugen nicht an ha und er blieb beim Suchen und war gang hirnbesessen und suchte zuletzt im Haus Tag und Nacht bis er, hu, überm Suchen umfommen ist. Seitdem ist's Feuer auch der Lore ins Gebein gefahren und fie hat keine Ruh mehr gehabt mit all dem Gold und Edelgestein--"

Dabei stöhnte sie wie in Fieberschauern. Ader sogleich besann sie sich wieder.Oh, ihm in die Brust zu schießen, in die weiße, glatte Brust, deiner Schwester Sohn, Feremont, vielleicht gerade da, wo's Kreuzlein hangt! Ha, und das anbere ist ihm ganz gleich! Willst's sehen, Feremont, willst's haben? Als es der Melzer der Lore gsschenkt hat für ihre Tränklein, da hat er gesagt: Färemont steht auf dem Schilblein und ein A ist auch davor hier, sieh! und das andere nimm dazu; aber ihm mußt's auch geben, es kommt ihm zu von feiner Mutter ha, und er mags einmal [einer Braut schenken und ihr sagen, die Lore hat's ihr aufgehoben." Bei solchen Worten langte sie unter ihrem zerfetzten Rocke ein Päcklein hervor, das reichte sie dem Obrist hin. Der machf es auf und hielt ein Kreuzlein in der Hand, ebenso geformet wie das, so man bei Reinhold gefunden.

Da sahen alle, die dabei stunden, daß der Obrist tief bewegt war, dic- weilen er es betrachtete.Adelheid," rief er,arme Schwester! So groß war bein Glück und so kurz!" Darnach so wandte er sich an mich, der vor hoher Verwunderung über alles dieses nicht wußte, ob es wirklich geschah oder ein Spuk wäre, und befragte mich über den Reinhold, rote und wann ich zu ihm gekommen und was ich sonst hierüber in dieser Geschichte, von dem im ,uerlorn Host verübten Frevel und was sich daraus ereignete, vermeldet hab'; woneben ich erfuhr, daß der von Holmer der Adelheid von Föremont vermählet gewesen, ihrer aber nach schnell ent­flohenem Eheglück, auf der Flucht von einer verlornen Bataille wäre beraubet worden, samt ihres kurz zuvor geborenen Söhnleins. Sie wäre bei währender Plünderung im Haufe, darin sie Zuflucht gesucht, durch wilde Kroaten umgekommen, das Söhnlein aber verschwunden; niemand hätte erfahren, was aus ihm geworben. Von solcher Trübsal hätte sich bei! von Holmer, dem Gemüte nach, niemalen mehr erholet, auch kein Forttm mehr gehabt bis zuletzt.

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univers itäts-Vuch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießern