Ausgabe 
9.7.1927
 
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Ich lief und nxir rafitor-, ich lief bergan und hoch bis zum Walde, und vom Eichenberg nach der Hofmühle hinab, über den Steg und jenseits wieder bergauf und durch Walder hinan. Hier hatten mir unser letztes Indianerlager gehabt. Hier hatte letztes Jahr, als der Vater auf Reisen mar, unsre Mutter mit uns Kindern Ostern gefeiert und im Wald und Moos die Eier für uns versteckt. Hier hatte ich einst mit meinen Vettern in den Ferien eine Burg gebaut, sie stand noch halb. Ueberall Reste von einstmals, überall Spiegel, aus denen mir ein anderer entgogensah, als der ich heute war! War ich das alles gewesen, so lustig, so zufrieden, so dank­bar, so kameradschaftlich, so zärtlich mit der Mutter, so ohne Angst, so un­begreiflich glücklich? War das ich gewesen? Und wie hatte ich so werden können, wie ich jetzt war, so anders, so ganz anders, so böse, so voll Angst, so zerstört? 'Alles war noch wie immer, Wald und Fluß, Farnkräuter lind Blumen, Burg und Ameisenhaufen, und doch alles wie vergiftet und verwüstet. Gab es denn gar keinen Weg zurück, dorthin, wo das Glück iinb die Unschuld war? Konnte es nie mehr werden wie es gewesen war? Würde ich jemals wieder so lachen, so mit dem Schwestern spielen, so nach Ostereiern suchen?

Ich lief und lies, den Schweis; aus der Stirn, und hinter mir lief meine Schuld und lief groß und ungeheuer der Schatten meines Vaters als Verfolger mit.

An mir vorbei liefen Alleen, sanken Waldränder hinab. Auf einer Höhe machte ich Halt, abseits vom Weg, ins Gras geworfen, mit Herz­klopfen, das vom Bergaufwärtsrennen kommen konnte, das vielleicht bald besser wunde. Unten sah ich Stadt und Fluß, sah die Turnhalle, wo jetzt die Stunde zu Ende war und die Buben auseinanderliefen, sah das lange Dach meines Vaterhauses. Dort war meines Vaters Schlafzimmer und die Schublade, in der die Feigen fehlten. Dort war mein kleines Zimmer. Dort würde, wenn ich zurückkam, das Gericht mich treffen- Aber wenn ich nicht zurllckkam?

Ich wußten daß ich zurückkommen werde. Man kam immer zurück, jedesmal. Es endete immer so. Man konnte nicht fort, man konnte nicht nach Afrika fliehen oder noch Berlin. Man war klein, man hatte kein Geld, niemand half einem. Ja, wenn alle Kinder sich zusammentäten und einander hülfen! Sie waren viele, es gab mehr Kinder als Eltern. Aber nicht alle Kinder waren Diebe und Verbrecher. Wenige waren so wie ich. Vielleicht war ich der einzige. Wer nein, ich wußte, es kamen öfters solche Sachen vor wie meine ein Onkel von mir hatte als Kind auch gestohlen und viel Sachen angestellt, dos hatte ich irgendwann einmal erlauscht, heimlich aus einem Gespräch der Eltern, heimlich, wie man alles Wissens­werte erlauschen mußte. Doch das alles half mir nicht, und wenn jener Onkel selber da wäre, es würde mir auch nicht helfen! Er war jetzt längst groß und erwachsen, er war Pastor, er würde zu den Erwachsenen halten und mich im Stich lassen. So waren sie alle. Gegen uns Kinder waren sie alle irgendwie falsch und verlogen, spielten eine Rolle, gaben sich anders, als sie waren. Die Mutter vielleicht nicht, oder weniger.

Ja, wenn ich nun nicht mehr heimkehren würde? Es könnte ja etwas passieren, ich konnte den Hals brechen oder ertrinken oder unter die Eisen­bahn kommen. Dann sah alles anders aus. Dann brachte man mich nach Hause, und alles war still und erschrocken und weinte, und ich tat allen leid, und von den. Feigen und allem war nicht mehr die Rede.

Ich wußte sehr gut, daß man sich selber das Leben nehmen konnte. Ich dacht«, daß ich das wohl einmal tun würde, später, wenn es einmal ganz schlimm kam. Gut wäre es gewesen, krank zu werden, aber nicht bloß so mit Husten, sondern richtig todkrank, so wie damals, als ich Scharlach­fieber hatte.

Inzwischen war die Turnstunde längst vorüber, und auch die Zeit war vorüber, wo man mich zu House zum Kaffee erwartete. Vielleicht riefen und suchten sie jetzt noch mir, in meinem Zimmer, im Garten und Hof, auf dem Estrich. Wenn aber der Vater meinen Diebstahl schon entdeckt hotte, dann wurde nicht gesucht, dann wußte, er Bescheid.

Es war mir nicht möglich, länger liegenzubleiben. Das Schicksal vergaß mich nicht, es war hinter mir her. Ich nahm das Laufen wieder auf. Ich kam an einer Bant in den Anlagen vorüber, an der hing wieder eine Erinnerung, wieder eine, die einst schön und lieb gewesen war und jetzt wie Feuer brannte. Mein Vater hatte mir ein Taschenmesser geschenkt, wir waren zusammen spazierengegangen, froh und in gutem Frieden, und er hatte sich auf diese Bank gesetzt, während ich im Gebüsch mir eine lange Haselrute schneiden wollte. Und da brach ich im Eifer das neue Messer ab, die Klinge dicht am Heft, und kam entsetzt zurück, wollte es erst verheim­lichen, wurde aber gleich danach gefragt. Ich war sehr unglücklich, wegen dem Messer, und weil ich Scheltworte erwartete. Und da hotte mein Vater nur gelächelt, mir leicht die Schulter berührt und gesagt:Wie schade, du armer Kerl!" Wie hatte ich ihn da geliebt, wieviel ihm innerlich ab- gebeten! Und jetzt, wenn ich an das damalige Gesicht meines Vaters dachte, an seine Stimme, an sein Mitleid was war ich für ein Un­geheuer, daß ich diesen Vater so oft betrübt, belogen und heut be­stohlen hatte!

Als ich wieder in die Stadt kam, bei der oberen Brücke und weit von unserm Haus«, hatte die Dämmerung schon begonnen. Ans einem Kauf­laden, hinter dessen Glastür schon Licht brannte, kam ein Knabe gelaufen, der blieb plötzlich stehen und rief mich mit Namen an. Es war Oskar Weber. Niemand konnte mir ungelegener kommen. Immerhin erfuhr ich von ihm, daß der Lehrer mein Fehlen in der Turnstunde nicht bemerkt habe. Aber wo ich denn gewesen sei?

Ach, nirgends," sagte ich,ich war nicht recht wohl."

Ich war schweigsam und zurückweisend, und nach einer Weile, die ich empörend lang fand, merkte er, daß er mir lästig sei. Jetzt wurde er böse.

Latz mich in Ruh'," sagte ich kalt,ich kann allein heimgehen."

So?" rief er jetzt.Ich kann gradefo gut allein heimgehen wie du. dummer Fratz! Ich bin nicht dein Pudel, daß du's weißt. Aber vorher möchte ich doch wissen, wie das jetzt eigentlich mit unserer Sparkasse ist! Ich habe einen Zehner hineingetan und du nichts."

Deinen Zehner kannst du wieder haben, heut noch, wenn du Ane» um ihn hast. Wenn ich dich nur nimmer sehen mutz. Als ob ich arm K. etwas annehmen würde!"

Du hast ihn neulich gern genommen", meinte er höhnisch, aber nicke ohne einen Türspalt zur Versöhnung offen zu lassen.

Aber ich war heiß und böse geworden, alle in mir angehäufte Angst und Ratlosigkeit brach in Hellen Zorn aus. Weber hatte mir nichts ä sogen! Gegen ihn war ich im Recht, gegen ihn hatte ich ein gutes Ge­wissen. Und ich brauchte jemand, gegen den ich mich fühlen, gegen den ich stolz und im Recht sein konnte. Alles Ungeordnete und Finstere in mir strömte wild in diesen Ausweg. Ich tat, was ich sonst so sorgfältig ver­mied, ich kehrte den Herrensohn heraus, ich deutete an, daß es für mich keine Entbehrung sei, auf die Freundschaft mit einem Gassenbuben zu ver­zichten. Ich sagte ihm, daß für ihn jetzt das Beerenessen in unferm Gatten und das Spielen mit meinen Spielsachen ein Ende habe. Ich fühlte mich aufglühen und aufleben: ich hatte einen Feind, und. einen Gegner, einen, der schuld war, den man packen konnte. Alle Lebenstriebe sammelten sich in diese erlösende, willkommene, befreiende Wut, in die grimmige Freud« am Feind, der diesmal nicht in mir selbst wohnte, der mir gegenüberstand, mich mit erschreckten, dann mit bösen Augen anglotzte, dessen Stimme ich hörte, dessen Vorwürfe ich verachten, dessen Schimpfworte ich über­trumpfen konnte,

Im anschwellenden Wortwechsel, dicht nebeneinander, trieben wir die dunkle Gasse hinab: da und dort sah man uns aus einer Haustür nach.

Und alles, was ich gegen mich selber an Wut und Verachtung empfand, kehrte sich gegen den unseligen Weber. Als er damit zu drohen begann, er werde mich dem Turnlehrer anzeigen, war es Wollust für mich: er fetzte sich ins Unrecht, er wurde gemein, er stärkte mich.

Als wir in der Nähe der Metzgergasse handgemein wurden, blieben gleich ein paar Leute stehen und sahen unserm Handel zu. Wir hieben einander in den Bauch und ins Gesicht und traten mit den Schuhen gegeneinander. Run hatte ich für Augenblicke alles vergessen, ich war im Recht, war kein Verbrecher, Kampfrausch beglückte mich, und wenn Weber auch stärker war als ich, so war ich slinker, klüger, rascher, feuriger. Wir wurden heiß und schlugen uns wütend. Als er mir mit einem Griff dm Hemdtragen aufriß, fühlte ich mit Inbrunst den Strom kalter Luft über meine glühende Brust laufen.

Und im Hauen, Reihen,. Treten, Ringen und Würgen hörten wir nicht auf, uns weiter mit Worten anzufeinden, zu beleidigen und zu vernichten, mit Worten, die immer glühender, immer törichter und böser, immer dich­terischer und phantastischer wurden. Und auch darin war ich ihm über, war böser, dichterischer, erfinderischer. Sagte er Hund, so sagte ich Sau­hund. Ries er Schuft, so schrie ich Satan. Wir bluteten beide, ohne etwas zu fühlen, und dabei häristen unsre Wort« böse Zauber und Wünsche, mir empfahlen einander dem Galgen, wünschten uns Messer, um sie einander in die Rippen zu jagen und darin umzudrehen, wir beschimpften einer des andern Namen, Herkunft und Vater.

Cs war das erste und einzige Mal, daß ich einen solchen Kampf im vollen Kriegsrausch bis zu Ende ausfocht, mit allen Hieben, allen Grausam­keiten, allen Beschimpfungen. Zugesehen hatte ich oft und mit grausender Lust diese vulgären, urtümlichen Flüche und Schandworte angehört: nun schrie ich sie selber heraus, als sei ich sie von klein auf gewohnt und in ihrem Gebrauch geübt. Tränen liefen mir aus den Augen und Blut über den Mund. Die Welt aber war herrlich, sie hatte einen Sinn, es war gut zu leben, gut zu hauen, gut zu bluten und bluten zu machen.

Niemals vermocht« ich in der Erinnerung das Ende dieses Kampfes wieder zu finden. Jrgendeinmal war es aus, irgendeinmal stand ich allein in der stillen Dunkelheit, erkannte Straßenecken und Häuser, toar nahe bei unserm Haufe. Langsam floh der Rausch, langsam hört« das Flügelbrausen und Donnern auf, und Wirklichkeit drang stückweise vor meine Sinne, zuerst nur vor die Augen. Da der Brunnen. Die Brücke. Blut an meiner Hand, zerrissene Kleider, herabgerutschte Strümpfe, ein Schmerz im Knie, einer im Auge, keine Mütze mehr da alles kam nach und nach, wurde Wirklichkeit und sprach zu mir. Plötzlich war ich tief ermüdet, fühlte meine Knie und Arm« zittern, tastete nach einer Hauswand.

Und da war unser Haus. Gott sei Dank! Ich wußte nichts auf der Welt mehr, als daß dort Zuflucht war, Friede, Licht, Geborgenheit. Auf­atmend schob ich das hohe Tor zurück.

Da mit dem Duft von Stein und feuchter Kühle überströmte mich plötzlich Erinnerung, hundertfach. O Gott! O lieber Gott! Es roch nach Strenge, nach Gesetz, nach Verantwortung, nach Bater und Gott. Ich hatte gestohlen. Ich war kein verwundeter Held, der vom Kampfe heim- kehrte. Ich war kein armes Kind, das nach Hause findet und von der Mutter in Wärm« und Mitleid gebettet wird. Ich war Dieb, ich war Ver­brecher. Da droben war nicht Zuflucht, Bett und Schlaf für mich, nicht Esten und Pflege, nicht Trost und Vergesfen. Auf mich wartete Schuld und Gericht.

Damals in der finstern abendlichen Flur und im Treppenhaus, dessen viele Stufen ich unter Mühen erklomm, atmete ich, wie ich glaube, ?#em erstenmal in meinem Geben den kalten Aeiher, die Einsamkeit, das Schicksal. Ich sah keinen Ausweg, ich hatte keine Pläne, auch keine Angst, nichts als das kalte, rauhe Gefühl:Es muß fein." Am Geländer zog ich mich die Treppe hinauf. Vor der Glastür fühlte ich Lust, noch einen Augenblick mich auf die Treppe zu fetzen, aufzuatmen, Ruhe zu haben. Ich tat es nicht, es hatte keinen Zweck. Ich muffte hinein. Beim Oeffnen der Tür fiel mir ein, wie spät es wohl fei?

Ich trat ins Eßzimmer. Da faßen sie um den Tisch und hatten eßen gegessen, ein Teller mit Aepfeln stand noch da. Es war gegen acht Uhr. Nie war ich ohne Erlaubnis so spät heimgekommen, nie hatte ich beim Abendessen gesohlt.

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Bruhl'sche Universitäts.Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.