'rotes zeigen uns, daß mich dieser große griechische Denker die gleiche Kopfform, ein sicheres Zeichen für Rassemischlinge, besessen hat.
Die Totenmaske Goethes zeigt im Gesicht Züge, welche uns veranlassen zu glauben, wir hätten eine alte Frau vor uns, während die hohe Wölbung der Stirn ganz ähnlich der bekannten Stirn Gerhart Haupt- nianns uns auf die Bedeutung des Mannes hinweist, dem diese weiblich MN-utenden Gesichtszüge angehört hotten. Jnteressanterwelse ist bei dem jungen Goethe auf allen zeitgenössischen Darstellungen die Stirn fliehend dargestellt. Dies ist, so lehrt die Physiognomik, für empfindungsbetonte Wünschen charakteristisch. Besäßen wir eine Lebensmaske aus jener Zeit, (Kinn könnten wir mit Sicherheit feststellen, ob tatsächlich der junge emp- sinüung-betonte Goethe der Wertherepoche eine fliehende Stirn besessen hat, und dann im Laufe des Lebens erst mit der Fülle der Gedanken und Begriffe die hohe Wölbung von Goethes Stirn im späteren Alter sich ausgebildet hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit können wir sagen, daß -dies der Fall gewesen sein wird, aber leider können wir Abbildungen von I Malern und Bildhauern nicht als wissenschaftlich brauchbare Dokumente anerkennen.
Nach den Bildern von Napoleon sollte man meinen, daß der große Korse einen verhältnismäßig breiten runden Kopf besessen hätte mit 'kurzem Gesicht und fast gerader Nase. Die Totenmaske Napoleons zeigt uns aber ganz etwas anderes. Ein langes, schmales Gesicht mit sehr großer, kühn gebogener Adlernase und darüber aufsteigend einen schmalen, hoch gewölbten Schädel. Wie über dem Leben großer Männer, so waltet auch über dem Schicksal ihrer Abbildungen ein manchmal grausames, manchmal gütiges Geschick. Als Napoleon starb, war kein Gips auf der Insel St. Helena vorhanden, und der Leibarzt von Napoleon mußte sich aus Ton eine dürftige Vorform Herstellen und diele hüten, bis der an- ßesorderte Gips vom Festlande herübergebracht wurde. Trotz dieser außerordentlichen Schwierigkeit, welcher nur derjenige richtig ermessen kann, der selber Totenmasken anfertigt, ist nachher doch die Totenmaske von Napoleon so gut gelungen, daß sie dem Beschauer ein ergreifendes Bild zu bieten vermag.
Wie wenig die üblichen Nachbildungen großer Männer der wirklichen Lebensform gerecht werden, beweisen besonders die zahlreichen Masken von Beethoven, die man in musikliebenden Familien überall über dem Klavier hängend findet. Vergleichen wir mit diesen „Kunstwerken", Olt Lorbeerkranz um die Schläfen, die Totenmaske von Beethoven, so würde wohl kein Beschauer glauben, daß es sich um die Abbildung derselben Persönlichkeit handeln könne, und auch die zwölf Jahre vor dem Tode abgenommene Lebensmaske von Beethoven, die so gut gelungen ist, daß man die Reste der überstandenen Pockenkrankheit in den Blatternarben der Haut erkennen kann, zeigt Züge, welche kaum noch eine Aehn- lichkeit mit den üblichen Beethovenmasken erkennen lassen.
' Die Totenmaske von Moltke zeigt uns einen schmalen, hohen, nordischen Rasseschädel, mit der für diese Rasse charakteristischen schmalen krummen Nase. Die Haut des Gesichts ist wie zerknittert und mit vielen Fältchen besetzt^Lin sicheres Zeichen für die zahlreichen Erregungen, welche den Hautnerven infolge starker Gehirnerregung zugeflossen sind.
Ein Vergleich von Moltkes Totenmaske mit der von Kant lehrt uns so recht den Unterschied zwischen einem Rasseschädel und einem Misch- stngsschäüel erkennen. Rasseschädel finden wir überaus selten vertreten in 'der Sammlung der Totenmasken der großen Menschheitsmenschen, die in ihrer übergroßen Mehrzahl die deutlichen Zeichen der Rassenmischung ausweisen. Dies ist in Uebereinstimmung mit der Tatsache, daß auch bei Pflanzen- und Tierzüchtungen die Höchstleistung nicht bei den reinen ^Linien gefunden wird, sondern durch Mischung von reinen Linien hervor- "gerufe^ werden kann.
Wenn man auch ganz gewiß nicht sagen kann, daß die geistige Bedeutung eines Menschen aus seiner Kopfgröße abgelesen werden kann, ist es doch auffällig, wie groß -der Kopfdurchschnitt derjenigen Menschen ist, die Höchstleistungen hervorgebracht haben. Schon in der Schule Haben die besseren Schüler durchschnittlich größere Köpfe als die schlechteren, und später verschiebt sich das Verhältnis noch mehr zuungunsten der kleineren Köpfe. Es ist festg-estellt, daß auch die Lebensdauer der Menschen mit kleinerem Kopf durchschnittlich kürzer ist, als die der Menschen mit größerem Kopf. So finden mir auch bei den Totenmasken eine ganze Reihe von überaus großen Schädeln bei geistig großen Menschen, selbst wenn i die Körperstatur dieser Menschen ganz klein, ja winzig gewesen ist. Der in | Berlin so ehr populäre Maler Menzel war klein wie ein Knabe von etwa zwölf Jahren und suchte diese Kleinheit durch Tragen von recht hohen Zylinderhüten etwas auszugleichen. Sein Kopf hatte aber einen derartig großen Umfang, daß er hinter dem des um mehrere Fuß größeren Bismarck nur wenig z-urückstand. Menzel hatte in seiner Jugend .einen Wasserkopf besessen, d.h. eine übermäßige Ansammlung von ^Flüssigkeit in den Gehirn-Höhlen, welche den Schädel auftrieb. Diese Erkrankung war in späteren Jahren ausgeheilt, ohne schädliche Folgen zu hinterlassen.
Bei den Betrachtern der Totenmaskensammlung der Arbeitsstätte für ^Meuschheitsk-unde ruft stets die Betrachtung der Totenmaske von Martin Luther das größte Erstaunen hervor. Von vorn gesehen erscheint das Gesicht breit, gewöhnlich gestaltet und die Augenbrauenbögen nach oben und außen gezogen wie bei einein Kalmücken. Die Mehrzahl der Be- ■ schauer wollte mir nicht glauben, daß es sich um die Totenmaske von Martin Luther handeln könne. Betrachtet man aber diese Totenmaske im Profil, dann sieht man eine große, kühn geschwungene Nase, ein wohlgebildetes, kräftig vorspringendes Kinn -und eine mächtig gewölbte Stirn. So ungewöhnlich der Anblick der Vorderseite ist, das Profil gibt uns die Idee eines Lebenskämpfers. Deshalb sollte niemand versäumen, der sich den Kopf eines Menschen betrachtet, sein Urteil aufzubauen nur auf der > Betrachtung von Seiten- und Vorderansicht zusammen, niemals aber nur auk einer von beiden. Auch für Luther gilt das, was von den Abbildungen anderer großer Menschen gesagt wurde, daß Maler und Bildhauer in ihrem künstlerischen Streben so frei mit den wirklichen Zügen umgehen, daß ihre künstlerischen Darstellungen für die Zwecke der Menschen- beurteilun-g meist nicht zu verwerten find. Die üblichen Lutberoilder
zeigen uns einen ganz anderen Menschen, als ihn die Totenmaske er* kennen lehrt.
Aus dieser Tatsache geht wohl der einzigartige Wert wirklich guter Totenmasken hervor, und es muß uns mit großem Bedauern erfüllen, wenn von den bedeutenden Menschen unserer Zeit keine Totenmasken her-gestellt werden, die der Wissenschaft der Zukunft dienstbar sein können. Leider verhindern Vorurteile sehr häusig die Abformung. Wie könnten wir aber dem Andenken unserer großen Toten würdiger und besser gerecht werden, als indem wir durch Anfertigung einer Totenmaske ein unverfälschtes Abbild ihrer wahren Gestalt aus -den letzten Tagen unseren Nachkommen zum ehrenden Andenken übermitteln.
Krnderssele.
Von Hermann Hesse.
(Fortsetzung.)
Ich wollte mich nicht entschuldigen, mich nicht demütigen, meinen Vater nicht um Verzeihung bitten, nichts bereiten! Wenn er mich fragte: „Hast du das und das getan?", so würde ich rufen: „Jawohl habe ich's getan, und noch mehr, und es war recht, daß ich's getan habe, und wenn ich kann, werde ich es wieder und wieder tun. Ich habe toh- geschlagen, ich habe Häuser ange-zündet, weil es mir Spaß machte, und weil ich dich verhöhnen und ärgern wollte. Ja, -denn ich hasse dich, ich spucke dir vor die Füße, Gott. Du hast mich gequält und geschunden, du hast Gesetze gegeben, die niemand halten kann, du hast die Erwachsenen angestiftet, uns Jungen das Leben zu versauen."
Wenn es mir glückte, mir dies vollkommen deutlich oorzustellen und fest daran zu glauben, daß es mir gelingen würde, genau so zu tun und zu reden, -dann war mir für Augenblicke finster wohl. Sofort aber kehrten die Zweifel wieder. Würde ich nicht schwach werden, würde mich ein- schüchtern lassen, würde -doch nachgeben? Oder, wenn ich auch alles tat, wie es mein trotziger Wille war — würde nicht Gott einen Ausweg finden, eine Ueberlegenheit, einen Schwindel, so wie es den Erwachsenen und Mächtigen ja immer gelang, am Ende noch mit einem Trumpf zu kommen, einen schließlich doch noch zu beschämen, einen nicht für voll zu nehmen, einen unter der verfluchten Maske des Wohlwollens zu demütigen? Ach, natürlich würde es so enden.
Hin und her gingen meine Phantasien, ließen bald mich, bald Gott gewinnen, hoben mich zum unbeugsamen Verbrecher und zogen mich wieder zum Kind und Schwächling herab.
Ich stand am Fenster und schaute auf den kleinen Hinterhof des Nachbarhauses hinunter, wo Gerüststangen an der Mauer lehnten und in einem kleinen winzigen Garten ein paar Gemüsebeete grünten. Plötzlich hörte ich durch die Nachmittagsstille Glockenschläge hallen, fest und nüchtern in meine Visionen hinein, einen klaren, strengen Stundenschlag, und noch einen. Es war zwei Uhr, und ich schreckte aus den Traumängsten in die der Wirklichkeit zurück. Nun begann unsere Turnstunde, und wenn ich auch auf Zauberflügeln fort und in die Turnhalle gestürzt wäre, ich wäre doch schon zu spät gekommen. Wieder Pech! Das gab übermorgen Aufruf, Schimpfworte und Strafe. Lieber ging ich gar nicht mehr hin, es war doch nichts mehr gutzumachen. Vielleicht mit einer sehr guten, sehr feinen und glaubhaften Entschuldigung — aber es wäre mir in diesem Augenblick keine eingefallen, so glänzend mich auch unsere Lehrer zum Lügen erzogen hatten; ich war jetzt nicht imstande, zu lügen, zu erfinden, zu konstruieren. Besser war es, vollends ganz aus der Stunde wegzubleiben. Was lag daran, ob jetzt zu dem großen Unglück noch ein kleines kam! , r. r . .
Aber der Stundenschlag hatte mich geweckt und meine Phantasiespiele gelähmt. Ich war plötzlich sehr schwach, überwirklich sah mein Zimmer mich an, Pult, Bilder, Bett, Bücherschaft, alles gelaßen mit strenger Wirklichkeit, alles Zurufe aus der Welt, in der man , leben mußte, und die mir heut wieder einmal so feindlich und gefährlich geworben war. Wie benn? Hatte ich nicht die Turnstunde versäumt? Und hatte ich nicht gestohlen, jämmerlich gestohlen, und hatte die verdammten Feigen im Bücherbrett liegen, soweit sie nicht schon aufgegessen waren? Was ging mich jetzt der Verbrecher, der liebe Gott und das Jüngste Gericht an! Das würde alles dann schon kommen, zu seiner Zeit — aber jetzt, letzt im Augenblick war es weit weg und war dummes Zeug, nichts weiter. Ich hatte gestohlen, und jeden Augenblick konnte das Verbrechen entdeckt werden. Vielleicht war es schon so weit, vielleicht hatte mein Vater.droben schon jene Schieblade gezogen und stand vor meiner Schandtat, beleidigt und erzürnt, und überlegte sich, auf welche Art mir der Prozeß zu machen sei Ach er war möglicherweise schon unterwegs zu nur, und wenn ich nicht sofort entfloh, hatte ich in der nächsten Minute schon sein elmstes Gesicht mit der Brille vor mir. Denn er wußte natürlich sofort, daß ich der Sieb war. Es gab keine Verbrecher in unserem Hause anher mir, meine Schwestern taten nie so etwas, Gott weiß warum. Aber wozu brauchte mein Vater da in seiner Kommode solche Felgenkranze ver- bDr3dj hatt/mein Stübchen schon verlassen und mich durch die Hintere Haustür und den Garten davongemacht. Die Gärten und Wiesen lagen in Heller Sonne, Zitronenfalter flogen über den Weg. Alles sah letzt schlimm und drohend aus, viel schlimmer als heut morgen. O, ich kannte das schon, und doch meinte ich es nie so qualvoll gespurt zu haben: wie da alles in seiner Selbstverständlichkeit und mit seiner guten Gewissensruhe mich ansah, Stadt und Kirchturm, Wiesen und Weg, Grasbluten und Schmetterlinge, und wie alles Hübsche und Frohttche, was man, sonst mit Freuden sah, nun fremd und verzaubert war! Ich kannte das, ich wußte, wie es schmeckt, wenn man in Gewissensangst die gewohnte Gegend läuft! Jetzt konnte der seltenste Schmetterling über die Wiese fliegen und sich vor meinen Füßen hinsetzen — es war nichts, es freute Nicht, reizte nicht, tröstete nicht. Jetzt konnte der herrlichste Kirschbaum mir seinen vollsten Ast herbieten — es hatte feinen Wert, es war kein Gluck dabei. Jetzt gab es nichts als fliehen, vor dem Vater, vor der Strafe, vor mir selber, vor meinem Gewissen, fliehen und rastlos sein, bis dennoch unerbittlich und unentrinnbar alles kam. was kommen mußte.


