Ausgabe 
9.7.1927
 
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forriltes Glaubensbekenntnis, ein Zeugnis echt deutscher Frömmigkeit, Vas ebenbürtig neben den Predigten Meister Eckarts und Taulers, den Schriften Susos und Böhmes steht.

Atlantis.

Von Hermann Bahr.

Namen wirken zuweilen schon durch ihren bloßen Klang so bezau­bernd, daß, wer sie hört, sich in seinen liebsten Wünschen und Träumen bestätigt fühlt. Die Völker brauchen solche Namen, deren. Wohllaut ihnen verheißt, was sie sich im geheimen ersehnen, ohne doch es nennen zu können: Namen von einer magischen Gewalt, unser tiefstes Verlangen auf­regend und uns reiner beglückend, als Erfüllung jemals vermag. Keiner von allen klingt der abendländischen Menschheit inniger vertraut als Atlantis, ein Stichwort, auf das sich ihr sogleich die schönsten Erinne­rungen, aber auch die kühnsten Hoffnungen melden. Atlantis! Wir können uns nicht recht erinnern, woran uns dies Zauberwort erinnert, wir wissen nicht, was es uns eigentlich verheißt, aber in der Gewißheit einer untrüg­lichen Verheißung liegt sein Reiz, liegt seine Macht über uns.

Plato hat uns das aufregende Wort überliefert an zwei Stellen: im Timäos und im Kritias; die Philologen knabber» bis auf den heutige» Tag noch immer vergeblich daran. Bald hoch im Norden, in Schweden, ja Spitzbergen, bald im Kaukasus, ja gar in Palästina, in Ceylon, bald wieder in Sardinien, selbst auf ben Kanarischen und Azorischen Inseln ist Atlantis gesucht worden, und da sich alle diese Vermutungen doch nie­mals behaupten konnten, kehrte man schließlich wieder zu Alexander von Humboldts Erklärung zurück, Atlantis sei bloß eine Fabel. Es sieht aber Plato nicht ähnlich, so exakt gefabelt zu haben, ganz unnötig exakt. Auf Solon und die Jahrbücher ägyptischer Priester sich berusend, erzählt er von einem gewaltigen Krieg, der neuntausend Jahre vor seiner Zeit zwischen den jenseits der Säulen des Herakles hausenden Menschen und denen diesseits davon entbrannte: zwischen den Königen der Insel Atlantis und den Griechen. Atlantis ist dann durch ein Erdbeben zerstört worden, nichts blieb davon übrig als ein ungeheurer Schlamm, in den der Schritt einsinkt. Im Altertum erlosch Erinnerung an ein so schaudererregendes Ereignis niemals. Dionys von Milet schrieb eine Reise nach Atlantis, wie Diodor berichtet, ein Weltreisender zur Zeit Cäfarr, der erste, der sich an einer Universalgeschichte versuchte. Damals schon muß Atlantis etwas von dem geheimen Zauber in sich getragen haben, mit dem der Klang des Namens allein noch bis auf den heutigen Tag jeden betört, der ihn vernimmt. Niemals ganz erloschen, flammt die berückende Muckst der ver­sunkenen Atlantis gar von neuem auf, seit Afrika jetzt immer mehr ein Ziel merkantilen Sinnes der um das Mittelmeer wohnenden Völker wird: ein Geschäft. Es ist seltsam, wie da der wissenschaftliche Forscher zu­weilen, bevor er es selbst noch merkt, ein Agent geschäftlicher Interessen wird und umgekehrt wieder der Händler, der Kaufmann, den mir fein Vorteil lockt, unversehens der Verführung erliegt, die schon der bloße Schall des Namens Atlantis ausstrahlt, der Verführung zum Dichter.

Noch vor dem Weltkrieg, 1907, ging Leo Frobeniur als Leiter einer deutschen Forschungsreise nach Afrika. Von ihren Ergebnissen Bericht erstattend, hieß er diese SchriftAuf dem Wege nach Atlantis". Frobenius ist ein ernster Mann der Wissenschaft und ein harter Mann der Tat mit einem heimlichen, aber gut beherrschten Schwärmer in sich, und gerade nur so viel vom Phantasten, als für einen, der in den Urwald geht, unentbehrlich ist. Dennoch glaubt er an Atlantis, ja er glaubt sich schon auf dem Wege nach ihr. Daß der Leser dies zwischen den Zeilen immer wieder leise durchspürt, ist der große Reiz, der seinem Buch weit über den Fachbezirk hinaus dankbare Bewunderung warb. Cs hat Stellen, wo man fast vergißt, daß es doch eigentlich kein Roman ist. Acht Jahre später erschien Pierre BenoitsL'Atlantlde". Benoit, der in seiner ersten Jugend zehn Jahre in Tunis und fünf in Algier verbracht hat, debütierte 1918 mit einem RomanKönigsmark" nicht ohne Glück. Aber die Wirkung derAtlantilde" war unbeschreiblich, und sie mag ihn jetzt zuweilen heim­lich bedrücken, weil gegen diesen Welterfolg kein anderes seiner Werke mehr völlig aufkommt. Vom Hochmut deutschen Geschmacks wird Benoit unter die bloßenMacher" eingereiht, aber wenn man zugesteht, daß er an dem, was mir dasDichterische" nennen, nicht reich ist, so schwindelt er ims das aber auch gar nicht vor, und seine Kunst der Spannung, der geschickten Steigerung und einer sehr glücklichen Mischung von stich­haltiger Erudition mit einer reichen, unerschöpflichen, aber ihre Gaben doch immer in dem Leser bekömmlichen Dosen zumessenden Phantasie hat eine Höhe, die nur geborenen Erzählern erreichbar ist; sie sind an den Fingern einer Hand zu zählen, Amerika mit eingerechnet. Es geht keines­falls an, Benoit einfach als französischen Georg Ebers abzutun, schon seiner merkwürdigen, in Frankreich allerdings nicht so seltenen, aber in ihm noch ungewöhnlich gesteigerten Begabung wegen, einer eigentümlichen Mischung von berechnendem Verstände mit der Fähigkeit, auf Kommando dann gelegentlich, in ehrliche Schwärmerei zu geraten. Er vermag sich an einem zunächst sichtlich bloß vom Verstände gewählten, ruhig überlegten Entwurf, der nichts von Eingebung hat und dem er so kritisch gegenüber- steht wie dem Plan eines anderen, bei der Ausführung dann zu solcher Ergriffenheit und in ein Miterleben und Miterleiden zu steigern, daß es allmählich zuweilen der Erregung, ja der Trunkenheit, von der Dichter in den entscheidenden Augenblicken des künstlerischen Schaffens über­wältigt werden und dann wie besessen sind, zum Verwechseln ähnlich sieht; der Leser atmet erleichtert aus, wenn er dann auf einmal doch wieder die sichere Hand gewahrt, die die Karten mischt. Aber der unerhörte Welterfolg seinerAtlankide" ist doch nicht bloß der bewundernswerten Kunstfertigkeit des Erzählers zu danken, sondern vor allem der magischen Gewalt, die der bloße Name schon ausstrahlt.

Nach Benoit war nun die Reihe wieder an den Deutschen, und Atlantis fand auch hier einen für sie wie vom Schicksal vorbestimmten Mann. Paul Borchardt, seit Jahren in Asien und Afrika heimisch, hat jetzt durch einen Vortrag im Geographischen Institut der Münchener Universität Aufsehen erregt, selbst bei so sachverständig kritischen, poettscher Wallungen unverdächtigen Hörern wie Geheimrat v. Drygalski und Oswald Spengler. Borchardt ist nicht mehr bloßauf bem Meae noch Atlantis", er steht

schon an ihrem Grab, bereit, ihr Schliemann zu werden. Atlantis liegt für ihn in jenem salzigen Sumpf, der heut Schott Djerid heißt, einst Bahr Attala, Meer der Atalanten, und später Tritonsee benannt wurde, nach dem Sohne des Poseidon, dem Schutzgeist aller Seefahrer. Der Atlas aber, der den Himmel trägt, ist ihm das Aharggarmafsiv, von dem lydischen Stamms der Attala bewohnt, schon von Herodot gekannt und von Ptolomäus Monstalae genannt, wodurch wir, nebenher, auch erst verstehen lernen, warum Herakles nach den Aepfeln der Hesperiden durch die Lydische Wüste wandern mußte, während er, wenn der Atlas der Alten, wie man sonst annahm, in Algier lag, sich doch einfach einschiffen konnte. Nehmen mir >das Meer der Atlanten für identisch mit dem Triton­see und erinnern wir uns, daß der große Tempel des Poseidon in Atlantis lag, so meint Borchardt daraus schließen zu können, daß wir hier an jenem Sumpf sind, in den Atlantis versank. Wann? Diodor berichtet von einem großen Erdbeben in dieser Gegend, und von diesem denkt sich Borchardt Atlantis verschlungen. Daß sie nach der Ueber- (ieferung auf einer Insel lag, stört ihn nicht, weil das Wort Insel dort auch im Sinne vonOase", ja gelegentlich auch für Halbinsel gebraucht wird, das WortMeer" oft bloßgroßes Wasser" bedeutet; Araber nennen den Nil gern einfachel Bahr, das Meer. Die Atlanten waren dann ein reiches, verwegenes Küstsnvolk, das Kriege gegen Aegypten wagen konnte. Auch die Mäakensdadt Homers will Borchardt in der Nähe des heutigen Grabes sehen. Man kann die Leidenschaft verstehen, mit der er, was ihm sein geistiges Äuge so handgreiflich zeigt, nun auch augen­scheinlich aller Welt beweisen will. Er will graben. Atlantis ausgraben!

Die Sehnsucht Platos geht an uns in Erfüllung. Atlantis kehrt wieder, aus einer Versunkenheit von zehntausend Jahren auferstehend.

Aeber die TstenmssAen großer MKrmer rrnd Frauen-

Von Professor Dr. Hans Friedenthal, Berlin.

Wenn es wahr ist, daß der Ausdruck, den wir einer Abbildung bei­legen, in Wahrheit der Eindruck ist, den diese auf uns gemacht hat, dann gehören die Totenmasken großer Männer und Frauen zu den wirkungs­vollsten und ausdruckvollsten Abbildungen menschlicher Gestaltung, die wir überhaupt besitzen. Um die Würde und Hoheit zu erkennen, welche die naturgetreue Abbildung von Helden, Denkern und Kämpferinnen für Ber- nunft und Sitte umweht, gehört freilich ein Wissen um ihre Persönlichkeit und ihre Verdienste. In der Arbeitsstätte für Menschheitskunde an der Universität Berlin befindet sich eine möglichst vollständige Sammlung von Totenmasken großer Menschen, und es ist interessant, daß selbst einfache Menschen, denen die Gestaltung sowohl wie ihre Taten völlig unbekannt waren, mit feinem Taktgefühl die Größten der Menschen mit Sicherheit aus der Menge der anderen herausfinden konnten. Man könnte meinen, daß der Tod den Ausdruck der Gesichtszüge verwischen müßte, weil alle für den Menschen charakteristischen Nervenspannungen mit dem Tode fortsallen müssen. Der Anblick von Totenmasken lehrt uns aber das Gegenteil. Es wäre völlig verfehlt zu glauben, daß jeder Tote einen ruhigen, friedlichen, schlafenden Eindruck mache. An der Totenmaske der Schönen Unbekannten", einer Selbstmörderin, die aus der Seine gezogen in der Morgue in Paris abgeliefert worden war, erkennen wir ein liebliches Lächeln nach dem Tode, wie es wohl ein Mädchen im schönsten Liebestraume schlafend zeigen mag. In ergreifendem Gegensatz dazu sehen wir in den verbitterten Zügen' der Totenmaske des großen deutschen Dichters Wieland, wie tausendfältiger Kummer vor dem Tode seine unverlöfchlichen Spuren in die Gesichtszüge eingegraben hat, in das Gesicht des Mannes, her dem deutschen Volke und der Welt in seinemOberon" das poetischste epische Liebeslied geschenkt hat, welches wir kennen.

Wenn viele noch baran zweifeln, daß die Physiognomik von heute mit Recht eine Stelle unter den exakten Wissenschaften beansprucht, so kann ein eingehendes und ernstes Studium der Totenmasken viele Zweifler bekehren. Die Totenmaske desAlten Fritz" zeigt uns ein derart kleines, man möchte sagen von vielen Schlacken des Irdischen gereinigtes Gesicht, das alle Beschauer vor ihr empfinden, daß menschliche Größe sicher nicht in materieller Masse gelegen fein kann. Gerade die Gering­fügigkeit dieser irdischen Reste von Friedrich dem Großen zeigt uns den Triumph des Geistes über bie Materie. Wir müssen es als ein großes Glück ansehen, daß die Ehrfurcht der alten Aegypter vor ihren Toten uns die Gestalt ihrer großen Könige in der Form der Mumien durch die vielen Jahrtausende der Weltgeschichte aufbewahrt hat. Der Kopf der Mumie des großen Ramses zeigt eine .derartige Aehnlichkeit mit der Totenmaske von Friedrich dem Großen, daß wir sehen, wie trotz ver­schiedener Rasse und Volk, trotz verschiedener Erziehung und Bildung, die Eignung zu gleichem Beruf und der gleiche Geistesadel eine über­raschende Aehnlichkeit in der Kopsbildung zweier großer Menschen herbei- führen kann. Namentlich im Profil tritt diese Aehnlichkeit des Aegypters mit dem preußischen König besonders markant hervor.

Von der ganz auffälligen Häßlichkeit besonders genialer Menschen gibt die Totenmaske des größten deutschen Denkers und Phuo- sophen Kant beredte Kunde. Wir dürfen dem Geschick aufrichtig dankbar fein, daß wir von diesem Geistesheroen nicht nur die wohlerhaltene Totenmaske, sondern auch den gut präparierten Totenschädel besitzen. Em Blick aus beide Ueberreste zeigt uns, in welchem, Maße im höchsten Greisenalter der Kopf dem TÄenschädel ähnlich wird, durch Schwund der Muskulatur und der anderen nichtknöchernen Organe. Namentlich die zahntmgenden Kiefer, welche im Leben der Zerkleineimng der Nahrung dienen, werden nach Ausfallen der Zähne auf ein Drittel ihrer früheren Größe verkleinert. Bei Kant war nur noch ein Zahn stehen geblieben und schob die gesamten Lippen auf einer Seite verunstaltend nach vorne. Trotz der auffälligen Häßlichkeit von Kants Totenmaske fühlen empfind­same Beschauer die überragende geistige Gröhe dieses Denkers, obwohl der Schädel breit und niedrig ist. Ist es ein Zufall, 'daß Leibniz, der nächst Kant bedeutendste deutsche Philosoph fast den gleichen niedrigen und breiten Schädel besessen bot? Die naturgetreuen Statuen von So-