Ausgabe 
9.8.1927
 
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GiehenerZamilieiiblötter

Unterhaltungsbeilage zum Giehmer Anzeiger

Jahrgang J92Z Dienstag, den 9. August__________________________Nummer^Z

Der sterbende Genius.

Von Novalis.

Willkommen, Lieber, nun und nicht wieder ruft Dich meine Stimme; nah ist der Abschied mir. Gesunden hab' ich, was ich suchte, Und der Bezauberung Bande schmelzen.

Das schöne Wesen siehst du die Königin Hebt Dann und Zauber; lange vergebens flog Um jeden Thron ich, aber endlich

Winkte durch sie mir die alte Heimat.

Schon lodert mächtig jene geheime Glut Mein altes Wesen tief in dem irdischeit Gebilde: Du sollst Opserpriester

Sein, und das Lied der Zurückkehr singeri.

Nimm diese Zweige, decke mit ihnen mich, Nach Osten singe dann das erhab'ne Lied, Bis auf die Sonne geht und zündet, Und mir die Tore der Urwelt öffnet.

Der Duft des Schleiers, der mich vordem umgab, Sinkt dann vergoldet über die Ebenen, Und wer ihn atmet, schwört begeistert

Ewige Liebe der schönen Fürstin.

Karoline von Günderode.

Bon Leo Sternberg.

Ein edles, musenheiliges Leben sank da in schuldlosem Wahn, und der Strom hat den geweihten Ort ausgetilgt und an sich gerissen, daß er nicht entheiligt werde. Arme Sängerin, können die Deutschen unserer Zeit nichts als das Schönste verschweigen, das Ausgezeichnete vergessen und den Ernst entheiligen? Wo find deine Freunde? Keiner hat der Nachwelt die Spuren deines Lebens und deiner Begeisterung gesammelt . . . Run verstehe ich erst die Schrift auf deinem Grabe, die von den Tränen, des Himmels fast ganz ausgelöfcht ist; nun weiß ich, warum du die Deinen alle nennst, nur die Menschen nicht. _ . . u , f

So klagte Arnim, als er im Jahre 1812 aus dem Friedhof von Winkel stand und die indischen Quellen entstammende Grabschrift der Kar o- line von Günderode las:Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch, heiliges Feuer, mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom, und mein Bater, der Aether, ich sage euch allen mit Ehr­furcht freundlichen Dank, mit euch hab ich hienieden gelebt und ich gehe zur anderen Welt, euch gerne verlassend. Lebt wohl denn, Bruder und Freund,-Vater und Mutter, lobt wohl" ; .

Nur die Menschen nannte sie nicht . . . Obgleich sie mit bedeutenden Geistern, Savigny, Brentano, Arnim und Bettina in inniger Liebe und Freundschaft verbunden war eine Natur, die immer knien und anbeten mußte, und in Brentanos Dichtung so Hohes erblickte, daß sie die Verse an ihn richtete:

Wohin, wohin soll ich noch wallen, da ich das Heil'ge gesehn"

Allein, sie hatte mit dem Tropfen im Becher nicht genug. Sie sah sich in einer Zeit in der alles Große und Gewaltige an eine unendliche Masse, in der es beinahe verschwand, sich austeilte und, damit keiner prasse und keiner hungre, alle sich in nüchterner Dürftigkeit'bebelf en mußten. Ratio­nierung ! Oekonomie! Sie entfloh vor solcher Wirklichkeit, die sie nicht ein­mal im vertrautesten Gespräch berührte, in das Wolkenreich und suchte den Zustand,wo der Zweiheit Grenzen schwinden", um sich verschwenden zu können, bis zur völligen Versöhnung der Persönlichkeit mit der StUfyeit

Sie suchte ihn in der Liebe. Es war ein deutscher Professor, dem. die Leidenschaft ihres Lebens galt. Creuzer hieß er: Mit einer dreizehn Jahre älteren Witwe war er verheiratet. Und fo entstand zermürbender Kampf zwischen Mädchenehre und Leidenschaft und auf Creuzers Seite zwischen gewohntem Lebensbehagen und der Perpflichtung gegen die auf feine Scheidungsabsicht vertrauende Geliebte. Der Kampf machte Karo- iine zur Dichterin der Liebe und zur Dichterin der Entsagung.

Drum laß mich, wie mich der Moment geboren.

In ewigen Kreisen drehen sich die Horen, die Sterne wandeln ohne festen Stand; der Bach enteilt der Quelle, kehrt nicht wieder, der Strom des Lebens woget auf und nieder und reißet mich in seinen Wirbeln fort. Sieh alles Leben! Es ist kein Bestehen, es ist ein ewiges Wandern, Kommen, Gehen, lebendiger Wandel! Buntes, reges Streben!

O Strom, in dich ergießt sich all mein Leben! I Dir stürz' ich zu! Vergesse Land und Port..."

Sie stürzte dem Strome zu, als sie erkennen muhte, daß die panthei- stische Sehnsucht nach Ganzheit, die sie mit allen Romantikern seit N o - valis teilte, in ihrer Liebe sich nicht zu erfüllen vermochte. Einen Ersatz aber kannte sie nicht. Ihr Sommer trieb nur eine Blume; sie entwand ibem Tage nur einen Strahl. Sie hätte noch lernen müssen meinte Bettina daß die Natur Geist und Seele hat, mit dem Menschen ver­kehrt, sich seiner und seines Geschickes annimmt und daß Lebensverhei­ßungen in den Lüften uns umwehen. Novalis hatte es gelernt. Ihm trans» fubstanzierte sich die verlorene Geliebte in das Leben. Aber dem weiblichen Eros widerstrebt die polygame Vermischung mit dem Weltganzen. Und weiblich war diese Dichterin. Sie war so sanft und weich in allen Zügen wie eine Blondine... Wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war viel­mehr ein sanftes, gedämpftes Girren. Sie ging nicht, sie wandelte. Ihr Kleid umgab sie in schmeichelnden Falten, die von ihren weichen Bewe­gungen herkamen. Ihr Wuchs war hoch, ihre Gestalt zu fließend, als daß man es mit dem Worte schlank ausdrücken könnte. Sie war so schüchtern, daß sie sich fürchtete, das Tischgebet laut herzusagen, und viel zu willen­los, als daß sie in Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte. So beurteilt sie Bettina, während Savigny allerdings meinte, daß eine gewisse hin­gebende Weickheit, die viele an ihr bemerken wollten, gar nicht zu ihrem eigentlichen Wesen gehöre.

Die Widersprüche erklären sich so, daß sie beides war: Hilflos gegen­über der Außenwelt, aber stark im Innenleben. Wie es bei dem Dichter immer der Fall ist, der stündig hingegeben der einftrömenben Fülle der Erscheinungen und schlafwandlerisch von ihnen fortgezogen, zum Kampf nach außen mir fo viel Kraft aufmenbet, um fremde Macht nicht bis in seine innere Welt vorbringen zu lassen, in der er sich mit sanfter Be­stimmtheit selbständig und kühn behauptet. Es ist nötig, Poesie aufzu­nehmen, um Poesie chervorzubringen.

So war es auch bei Karoline, ihre Weltabgewanbtheit noch verstärkt durch zwei Umstünde. Sie lebte als Stiftsfäulein in dem Damenstift für die adligen Familien aus dem Hause Alt-Limpurg, nonnenhaft behütet, sorglos und unbeschränkte Herrin ihrer Zeit. Was schwerer wiegt: Sie war:e-in Kind der Romantik, die es zu ihrem Glaubensbekenntnis erhob, nicht das Leben zur Poesie, sondern bie Poesie zum Leben zu machen. Zauberer unb Verzauberter zugleich zu sein. Sehnsucht nach unerfüllbarer Verklärung bes Daseins, bie eine Verankerung im Leben nicht zuließ! Denn Poesie leben heißt: Für bas Leben sterben. Wie Sterben in der Sprache der Romantiker hieß: In bie Magie bes Lebens einzutreten. Zwischen Leben unb Tob verwischten sich ihnen bie Grenzen.

Karolinens Schicksal ergab sich daraus; wie bei Novalis, bei Wackenroder. Ein Werther-Schicksal. Vielleicht fiel es schon in die Wagschale, daß es auf dem Altan des Heidelberger Schlosses war, wo sie Creuzer zuerst begegnete. Sie vermochte einen pedantischen Gelehrten in bas Uebermaß ihres eigenen leidenschaftlichen Empfindens zu reißen, baß er schrieb:Jacta est alea. Einen Mittelweg gibt es nicht. Himmel oder Tod." Es paßt zum Ganzen, daß sie einen ausgesprochen häßlichen Mann liebte, der sie mit Recht seine Poesie nannte. Denn wer selbst sein Leben zum Kunstwerk zu gestalten sucht, liebt auch im andern nur die eigene Empfindung, das Erzeugnis der eigenen Seele, Jein eigenes Kunst, werk wie Narzissus fein Spiegelbild im Wasser ein Stoff, dessen sich ihre Dichtung denn auch bemächtigt hat. Aber obwohl eine solche Liebe gefährdeter ist als die Liebe zum realen Gegenstände, weil sie das eigne Selbst mitzertrümmert, wenn sie zusammenbricht, so zerbrach sie eigent­lich nicht daran. Es ist rührend, wie sie einmal in freudiger Erregung zu Bettina kommt:Gestern hab' ich einen Chirurg gesprochen, der hat mir gesagt, daß es sehr leicht ist, sich umzubringen', und wie sie hastig das Kleid öffnet unb unter ber schönen Brust den Fleck zeigt, mit so selig funkelnben Augen, daß es der Freundin unheimlich wird.

Nein, sie wollte ben Tob nur, weil sie sich mimbig fühlte zur Unsterb­lichkeit Sie wollte ihr Leben nicht abbrechen, fonibern vollenben.Recht viel lernen, recht viel fassen mit dem Geist!" In ihrem philosophischen BriefwechselAn Eusebio", in ihren Dramen, bie ben Stoffkreisen ber Mongolen und Inder und heldischen Persönlichkeiten wie Mohamed sich zuwenden, empfindet sich männliche Denkerifchkeij zu hohen Zielen hm. ,Immer neu und lebendig ist bie Sehnsucht in mir, mein Leben in einer bleibenden Form auszusprechen, in einer Gestalt, die würdig sei, au den vortrefflichsten hinzutreten. Ja, nach dieser Gemeinschaft hat nur stets gelüstet, dies ist die Kirche, nach ber mein Geist stets wallfahrtet auf ®ri&ie ist in die ersehnte geistige Kirche eingegangen. Nicht wegen ihrer Dramen, bie mehr Unterredungen als Handlungen sind, sondern west st» eine jener Alles ober Nichts-Naturen war, bie mehr bedeuten durch ihre Existenz als durch ihr Werk. Ja, mag könnte sagen: mehr durch ihren Tod als durch ihr Leben. Die man utrt deswillen hebt, weil sie Unmog- lickes begehren. Wie rang sie um eine Lebensform, bei ber sie ihre Liebe nicht zu verleugnen brauchte, aber auch ben verantwortungsbewußten