Ausgabe 
9.4.1927
 
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brauste auf, die Geschosse zischten dahin. So mußte es sein, wenn eine Schlacht geschlagen wurde. Ontje loderte vor Kamps und Kommando.

Leg deinen Stock zurecht!" kommandierte er. Dann schleuderte er drei Klumpen schnell gegen die Burg, die Kreyenhops krochen hinter den Wall, trotzdem warf Ontje, erfahren in List und Belagerung, einen vierten und fünften. Bauz, der fünfte zerplatzte auf Ludolfs Schädel, der gerade wieder vorsichtig auftauchte. Das war der Krieg.

Hurra!" schrie Ontje und stürmte los, Hinnerk hinterher. Aber die Burgbesatzung mar noch lange nicht mürbe. Hui, hui, pfiffen die Stöcke, Wunder von Tapferkeit wurden gezeigt und ausgezeichnete Flüche vor­gebracht. Einmal gelang es Hinnerk, gegen den Wall zu treten, witsch, da bekam er einen Hieb übers Bein, daß ihm das Wasser in die Augen trat. Ontje fing vor Wut an zu singen. Aber auch ihm erging es übel. Er trachtete ununterbrochen danach, Ludolf eins über den Kopf zu geben, womöglich auf die frische Beule, damit es durchdringender wirkte. Be­sessen von seiner Grausamkeit, hatte er für nichts andres mehr Augen, bis ihn Richard plötzlich mit aller Wucht über den Handrücken traf. Das Blut sprang heraus. Wie Hinnerk es sah, hörte er vor Entsetzen auf zu kämpfen. Nein, es half nichts, sie mußten hinter dis Schanze zurück.

Die Burgmannen jauchzten ihren Sieg in alle Winde, und Me­lusine ließ ihr Spazierstöckchen fallen und klatschte in die Hände.

Die soll nur ihre Schnauze halten!" kochte Ontje und leckte sich das Blut ab.

Hinnerk stand das Herz still.Was soll sie?"

Die Schnauze halten."

Um Gottes willen, so etwas darfst du nicht sagen, Ontje! Um Gottes willen!"

Was schwatzte Hinnerk denn? Meinte er etwa, es wäre weiter nichts dabei, eine Schlacht verloren zu haben? Jawohl, sie hatten die Schlacht regelrecht verloren. Die Feinde lachten sich eins, und er, Ontje, blutete. Sollte man da nicht in die Luft springen vor Schande! Er rupft« einen Büschel Gras aus und es auf.Ich muß einen längeren Stock haben!"

Nun konnte man sehen, daß Ontje nicht mehr bei Berstand war. Wie hätte er denn sonst die Dummheit begehen mögen, auf eine Pappel zu klettern, um sich' da oben einen neuen Stock abzubrechen? Er brauchte unbedingt einen längeren, schön und gut, aber durfte er in diesem Augenblick das Schlachtfeld verlassen? Kaum hing er im Geäst, sechs Meter über der Erde, windurnsaust, da galoppierten die Kreyenhops lautlos gegen die Schanze, Hinnerk schrie, zur Seite trudelnd, um Hilfe, Zu spät. Sie schleiften ihn schon in die Burg. Wenn Ontje sich auch vor Schreck blindlings vorn Baurn herabfallen ließ, er konnte, halb be­täubt vorn Sturz, nichts mehr retten Ein Hagel von Erdklumpen trieb ihn hinter die Schanze zprllck. War nun alles aus? Hoho, jetzt fing es erst richtig an! Es ging um die Ehre, es ging um den Sieg . . . ach was, es ging ja um Hinnerk, er lag gefangen in der Burg, einzig um Hinnerk ging es!

Ontje nahm die Beschießung wieder auf, die Belagerten durften nicht zur Besinnung kommen. Unter Werfen und Sichducken übersah er das Gelände und ließ sein kleines, aufgeregtes Gehirn funktionieren. In drei Minuten hatte er einen Plan fertig. Er feuerte eine Salve ab und verbarg sich hinter der Schanze, um neue Munition zu sammeln. Wieder eine Salve . . hinab hinter die Schanze. Salve . . . hinab. Salve . . . hinab. Als er seine Gegner so weit hatte, daß sie nichts mehr dabei fanden, wenn er für kurze Zeit unsichtbar blieb, setzte er alles auf eine Karte. Eben überschüttete er die Burg noch'mit Geschossen, die den Feind hinter den Wall zwangen, im nächsten Augenblick glitt er wie der Blitz seitwärts in den brausenden Schilfwald und watete niedergebückt, so schnell er konnte, um die Halbinsel herum. Er versank, keuchte, riß sich auf, weiter, weiter, nun war er schon im Rücken des Feindes, der noch immer die leere Schanze beschoß. Born Rande des Schilfs bis zur Burg mochten's noch zwanzig Schritte sein. Ontje rannte los, aber da fing Melusine, diese Satanshexe von einem Weibsstück, an zu kreischen und zu winken. Gott sei Dank begriffen die Kreyenhops nicht eher, was sie wollte, bis Ontje schon wie eine Kanonenkugel in die Burg hineinwetterte, Richard mit einem einzigen Nackenschlag. kopfüber in den Graben keilte und seinen Bruder und'den halben Wall mit einem Fußtritt hinterherschickte. Ehe die beiden sich da unten recht besinnen konnten, fiel Ontje mit einem Stock über sie her. Ludolf kniff sofort aus, Richard suchte sich zu wehren, aber der rasende Sieger ließ ihn nicht auf die Beine kommen. Keine Gnade jetzt! Erst als Hinnerk, der, am Boden liegend, überhaupt nicht begriff, wo denn dieser Wirbel herdonnerte und hinauswollte, dazwischensprang, konnte sich auch Richard in Sicherheit bringen und den verschluckten Sand aus seinem Munde ausspucken.

Gewonnen! Sieg! Viktoria! Halt, nicht völlig gewonnen! Jetzt kam Melusine angezetert:Das sag' ich deinem Vater, Hinnerk, so, das wird gesagt!"

Ontje zwickte ihr eins über die Beine, pfiff! Sie knickte zusammen und hinkte heulend davon. Ein leichter Sieg.

Ich danke dir", sagte Hinnerk.

Ach was!"

Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen, das mit Melusine. Sie läuft jetzt geradewegs zu meinem Vater."

Ontje wickelte sein Taschentuch um die verwundete Hand.Das hätte sie sowieso getan," brummte er,bind' mir mal hier einen Knoten drauf. Die Burg ist übrigens nicht viel wert, du."

Nein. Aber können wir uns nicht eine aus Weidengeflecht machen, wie du mirs neulich gesagt hast?"

Doch. Und in den Graben pflanzen wir spitze Pfähle und . . ."

Ich will wetten, Ontje, daß mein Vater mich schon sucht. . . Du, wenn wir uns nun für heute ein kleines Versteck im Schilf anlegten?"

Meinst du?"

Sie tauchten in den wogenden Wald. Hinnerk platschte voran. Er wußte eine Art Insel in all dieser Feuchte, einen Weidenbusch und ein wenig Gras, das man bewohnen konnte. Da waren sie schon. Ontje sah sich um.Hast du ein Messer bei dir?"

Nur ein ganz winziges."

Es erwies sich aber als groß genug, um die überflüssigen Zweige weg- zuschneiden und vertrocknetes Schilfgras für ein Lager zu mähen.

Sei mal still," flüsterte Hinnerk,mein Vater!"

Wahrhaftig, eine dröhnende Stimme verlangte nach Hinnerk.

Duck dich weg! Da sind sie ja! Da, im Obstgarten!"

Wer?"

Dein Vater und der andere und Melusine."

Meine Mutter nicht?"

Nein."

Hinnerk! Wo steckt der Bengel denn?"

O Gott!" sagte Hinnerk zitternd. Das Schilf schlug aneinander, es roch nach Fäulnis.

Komm, duck dich nur weg, sonst . . ."

Himmel, es war schon zu spät.Ich sehe da doch was!" dröhnte Herr von der Lydt.Hinnerk, Bengel, soll ich dich holen?"

Nein . . . nein ... bas halte ich nicht aus! Diese Schande . . . diese Schande ... Ich halte es nicht aus!" Er tag schluchzend im Gras.

Du, was ist denn? . . . Was . . . was . . . du!"

Hinnerk schleuderte das Kinn zurück und faßte sich an den Hals, als würde er dort bedrängt.Jetzt schlägt er mich wieder vor den andern. Ich will das nicht! So eine Schande! Die andern gucken zu! Hilf mir doch, Ontje, mach mich tot, mach mich tot . . . mach mich tot . . .!"

Ontje fürchtete sich ordentlich vor der Gewalt dieser Verzweiflung.Ich glaube, er kommt hierher", flüsterte er.

Aber Hinnerk hörte nicht, er schluchzte und zuckte.Mach mich tot."

Da stand Ontje leise aus und ging Herrn von der Lydt entgegen.

Sieh einer an, du- bist es also! Wo ist Hinnerk?"

Wir wollten aus den Heuboden und da . . ."

_Was du nicht sagst, auf den Heuboden! Komm einmal her, mein Sohn!" Er steckte feine Zigarre in den Mund und zog Ontje am Ohr zur Burg hin.

Was haben wir denn zum Beispiel mit dieser jungen Dame gemacht?"

Melusine fing vor lauter Erinnerung wieder an zu heulen.

Habt euch ja benommen wie die Stallknechte!" grunzte Herr von Kreyenhop und guckte Ontje mit bösen Augen durch den flatternden Rauch feiner Zigarre an.Adrette Kinder dürfen sich wohl überhaupt nicht mehr auf Weyerhorst blicken lassen, he?"

Ontje schwebte aus den äußersten Zehenspitzen. Die Finger, die sein Ohr hielten, zerrten immer unbarmherziger. Plötzlich ließen sie los, und ein Handrücken schlug ihm ins Gesicht, daß er hintenüber kollerte.In­famer Lümmel!" Dann stampfte Herr von der Lydt mit den andern gegen den Wind gelehnt davon.

Ontje blieb ruhig liegen, bis sie um die Hausecke bogen. Das war ja nicht schlimm gewesen. Von der Backe sickerten ein paar Blutstropfen ! herab, die wohl Herrn von der Lydts großer Ring herausgerissen hatte. I Wie er sie abwischen wollte, neigte sich von hinten ein heißes Gesicht über ; ihn, zwei fiebrige Arme griffen über feine Brust, er spürte einen Kuß auf j feinem Mund und hörte immerzu:Ontje! Ontje!" Einen Augenblick ver­sank er in eine wundersame Goldnacht . . . blaue Seide ... ein weh­mütig gebogener Mund . . . Frieden und Glück. Aber Hinnerk weckte ihn wieder auf: .Komm, Ontje! Komm!"

Er zerrte ihn zurück ins Schilf, an der Weideninsel vorbei, platsch, platsch. Komm, Ontje! Komm! Immer tiefer hinein, bis dorthin, wo der Grund wieder sachte anftieg und sich in Heide, Sand und Gagelgesträuch verwandelte. Hinnerk warf sich hin.Komm, Ontje!"

Hinter ihnen riefelte und brauste das Schilf, vor ihnen dehnten sich weite Wiesen. In der Ferne stand das Moor. Ein Regenschauer wehte heran.Ontje, das kann ich nie vergessen, das tatjn ich nie, nie, nie ver­gessen! Ontje, wollen wir Blutsbrüder werden?" Hinnerks nackte Brust wurde von den Stößen seines wilden Herzens erschüttert, seine Lippen bebten unablässig.

Was ist das denn?" fragte Ontje.

Erst mußt du mir sagen, ob du willst."

Ja."

Das ist so."

Er holte sein Messerchen hervor, streifte den linken Aermel auf und schnitt sich, zusammenfahrend, in das weiße Fleisch des Unterarms. Das Blut quoll dunkel heraus.

Nun du!"

Ontje machte es ihm nach. Da schmiegte Hinnerk seinen Arm an den des Freundes, daß die beiden purpurnen Bahnen ineinanderfloffen.

Ontje, ich will dir immer treu fein!" Er beugte sich herab und schlürfte ein wenig von dem Blut.

Ja, Hinnerk, ich dir auch."

Ihre Augen, bang und groß von dem Geheimnis der Stunde, ihre un- wiffenden Jungenaugen ertranken ineinander.

Nun müssen wir uns küssen", sagte Hinnerk.

Sie tatens scheu. Dann saßen sie lange, da und schämten sich vor­einander. Der Regen hüllte sie ein. (Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.