allen Einzelheiten fertig sind. Steht die Uebertragung in die Materie, also die Ausführung des Baues selbst, nicht jenseits des Schöpfungsaktes? Kann sie nicht, wenn alle Maße und Formen genau vorgezeichnet sind, von einem andern geleitet werden? Läßt sich nicht sogar der Bau mehrmals genau gleich ausführen, wenn nur die Anwei- sungen der Risse befolgt werden? (Siedlungshäuser.) Und dennoch; nicht selten hat eine jahrhundertelange Reihe von Baumeistern am gleichen Werk geschaffen, nach immer verändertem Plan. — Auch beim Bauwerk gilt das Gesetz: wer es genießen will, muß zu ihm wandern.
Wie anders ist doch die Lage des Dichters! Sein Werk bedarf, um wirken zu können, lediglich der mechanischen Vervielfältigung, aber einerlei, ob sie geschmackvoll und gepflegt oder rauh und billig ausfällt — das Werk bleibt unantastbar dasselbe. Und jedem, der es kennen zu lernen wünscht, steht die Bestellung beim Buchhändler assen, ob sich der Käufer nun am Wohnort des Dichters aushält oder als Antipode Fußsohle gegen Fußsohle zu ihm steht. Gewiß: Dichtungen können vocgetragen werden, können durch guten Vortrag gewinnen und durch schlechten verlieren, aber was spielt das für eine 'Rolle gegenüber der großartigen Tatsache des dem Leser offenstehenden Buches?
Einen Spezialfall bildet der Dramatiker. (So etikettierend und ein» schachtelnd können Wortwechsel mit einem — o nein! Ansprachen an einen nicht mehr sichtbaren Gegner sich gestalten!) Er wirkt durch das Buch; aber er will mehr: di« lebendige Darstellung auf der Bühne. Und dazu braucht er (und brauchen Sie, Dichter, wenn Sie einmal ein Drama schreiben) die reproduzierenden Künstler: die Schauspieler und den Spielleiter, der ihre Kunst zu einer Einheit zusammenfaßt — in gewissem Sinne wie der Dirigent das Orchester.
Damit, mein lieber Dichter, sind wir bei der Musik angelangt, von der Ihre Aeußerungen ausgingen. Und was noch über den Schauspieler und Regisseur zu bemerken wäre, will ich lieber mit anderen Worten über den Musiker sagen, um zu Ende zu kommen.
Auch der Komponist bedarf der mechanischen Vervielfältigung seines Werkes. Aber — wer versteht eine Orchesterpartitur oder auch nur eine Sonate, ein Lied stumm zu lesen? Doch nur der geschulte Berufsmusiker. Für die unendlich vielen, die das Bedürfnis haben, Musik zu gemeßen, ift das bloße Rotenbitd tot. Der reproduzierende Künstler erst gibt dem Werk die Gestalt, in der es sich auszuwirken vermag. Mehr noch: Für die Wiedergabe der meisten Kompositionen bedarf es des verabredeten und höchst abgewogenen Zusammenwirkens mehrerer — im Kammermusik- spiel, im Lied und seiner Begleitung. Die Orchesterwerke gar werden nur durch die gemeinschaftlich ausgeübte Kunst vieler lebendig — vieler, von denen der einzelne nicht mehr die Gestaltung des Gesamtwerkes in fanden hat oder übersehen kann, sondern nur Mosaiksteme in das Bild fügt, zwar so wie die Roten es ihm vorschreiben, aber in her Tonstärke, dem Grad der Bewegung, der rhythmischen Betonung, die der Dirigent im Dienste des Werkes befiehlt.
Sm Dienste des Werkes — das ist das entjcheidende. ©ubjettioe Willkür steht außer Debatte (hier wäre in punkto Theaterregie manches zu sagen). Aber ohne subjektive Deutung ist'keine Wiedergabe inöglich: Ein Musikwerk, tausendmal zum Erklingen gebracht, erklingt nicht zweimal genau gleich. Die flüchtige Gestalt seines Lebens ist an die Person des Musikers, an seine Menschlichkeit, sein Können, sein Wollen, an den Zustand seines Körpers, seiner Nerven im Augenblick der Wiedergabe gebunden, an seine letzte Anspannung im Angesichte Hunderter oder
Nun^— was sagen Sie, Dichter? An den Werken des Schriftstellers ändert sich kein Hauch und wenn sie in 100 000 Exemplaren verbreitet sind, und kein Dilettant kann sie verzerren. W,r brauchen nichts als einen Verleger. Aber muß der Komponist nicht den konzertierenden Künstler verwöhnen, weil der seinem Werke das Leben gibt, muß ihn nicht das Publikum verwöhnen, weil es ohne ihn, ohne den Einsatz seiner menschlichen und künstlerischen Persönlichkeit in all ihren edlen und — o welche Gefahren! — unedlen Schwankungen eine musikalische Kunst überhaupt nicht gibt? , , ,,,. „ ..
Als ich an dieser Stelle des Nachdenkens angelangt war, entstieg ich der Wanne und beschloß nur noch, Ihnen, o Dichter, vorzuhalten: ob jener berühmte Dirigent nach seiner Wiedergabe der 9. Beethovensymphonie nicht doch das Recht gehabt habe, Sie strahlend zu fragen: „nun, wie war's?"
Kunstwerk und Wiedergabe.
Von Dr. Manfred Schneider, München.
In einem abendlichen Kreis, der unlängst um Flaschen spanischen Weines versammelt war, streifte das Gespräch die Arbeit des konzertierenden Musikers. Ein epischer Dichter erzählte ein kleines Erlebnis, das er vor Jahren mit einem berühmten Dirigenten gehabt habe: Nach einer vom Publikum mit tosendem Beifall entgegengenommenen Aufführung von Beethovens 9. Symphonie fei der Dirigent strahlend auf ihn zugekommen mit der Frage „nun, wie war'?" und er, der Dichter, habe erwidert: „schließlich ist das Werk ja von Beethoven!"
Obwohl eine Geigenkünstlerin zugegen war, die, durch eine beiläufige Bemerkung die Anekdote des Dichters hervorgerusen hatte und die zu verteidigen ritterlich gewesen wäre, schwieg ich. Vielleicht auH Mangel an Schlagfertigkeit, vielleicht aus Scheu vor einem zugespitzten Wortstreit — was weiß ich.
Arn andern Tag aber — ich gestehe: es war in der Badewanne, wo mir dann und wann Gedanken aussteigen, wenn das Wasser heiß genug ist — durchdachte ich den ganzen Komplex „schaffende und reproduktive Kunst" und bekam Mut zu streiten, denn jetzt besaß ich Waffen. Doch ich hatte keinen Gegner mehr.
Nun bleibt mir nichts, als die Gedanken durch den Bleistift zu erlösen und dem Dichter, der so wenig von der wiedergebenden Kunst hält („das Werk ist doch da", sagte er), ein Exemplar gedruckt ins Haus zu schicken.
Kunst will wirken, will gekannt sein — davon gehe ich aus.
Da scheint es nun der bildende KünstlG, der Maler wie der Bildhauer, am leichtesten zu haben. Wenn er sein Werk vollendet hat, ist damit auch die Wirkungsmöglichkeit ohne weiteres gegeben: das Bild oder die Statue müssen nur angeschaut werden, können nicht anders wirken als dadurch, daß man sie anschaut. (Auf die verborgen bleibenden Worte kommt es in diesem Spiel der Vergleiche nicht an.) Nun aber geschieht die schlimme Einschränkung: das Werk der bildenden Kunst ist — mit Ausnahme der Graphik — nur einmal vorhanden; wer es sehen will, muß sich an den Ort begeben, an dem es aufgestellt ist. Man hilft sich durch Wiedergaben, die aber (wieder von der Graphik abgesehen) niemals das Original vervielfältigen, vielmehr die Technik und das Format verändern, die Farben reduzieren oder beseitigen und bei Plastiken gar die entscheidende dritte Dimension verschwinden lassen.
Auch der Tänzer — wenn wir ihn den schaffenden Künstlern gleichstellen wollen (er vermag kein bleibendes, körperlich feststehendes Werk hervorzubringen!) — ist in ganz ähnlicher Lage wie der Maler und der Bildhauer.
Schwieriger gestaltet sich das Problem beim Architekten. Sein Werk muß als in der Idee vollendet angesehen werden, wenn die Risse in
Das Problem der künstlichen Beleuchtung.
Von Professor Dr. Paul Schultze-Naumburg.
Man kann die Aufgaben der künstlichen Beleuchtung (unter der hier im allgemeinen die elektrische gemeint ist) nach zwei Gesichtspunkten be- tiachten, die unter sich starke Wesensverschiedenheiten ausweisen. Nach dem einen wird die Forderung gestellt, den Raum möglichst unter die Bedingungen des Tageslichtes zu bringen,, gleichsam künstlich das Licht der Sonne zu wiederholen, nach dem anderen, die Besonderheiten der Abend- oder Nachtstimmung zu erhalten, ja zu betonen, und trotzdem so viel Licht zu erzeugen, als zu gewissen Betätigungen gerade notmenbiv ist. Einige Beispiele werden das verdeutlichen. Man nehme den Falt an', daß eine Arbeitsstätte in den Abend- und Nachtzeiten benutzbar gemacht werden soll, und der 'Arbeitsvorgang die die gleiche Beleuchtung wie am Tage verlangt. Dies könnte etwa bei einem Maleratelier der Fall sein oder auch bei technischen Betrieben. Bei beiden wären geschlossene Räume vorausgesetzt. Oder aber es kann sich um Borgänge im Freien handeln, also etwa das Beleuchten eines Bauplatzes. Bei allen diesen Fällen ist das Tageslicht selbst die günstigste Beleuchtung, uno sein Ersatz wird also dessen Besonderheiten, so gut es eben geht, wiederholen. Dadurch, daß bei Vorgängen in geschlossenen Räumen das ~a9C3' licht durch die Fensteröfsnungen fällt, richtet man das Licht gewisiermage und bringt damit besondere und meist günstigere Bedingungen für o Arbeitsvorgang hervor, als unter freiem Himmel der Fall fein wuro, wo das diffuse Licht die Schattenwirkung beeinträchtigen oder ausheven,
ja sie blieben sogar stehen; sie waren einander gar nicht feind — wieso auch? Ritterliche Gegner, zumal es um die Gelder von anderen ging.
„Auch hier zu tun?" fragte Zipf höflich.
„Freilich", lächelte Kohler.
„Wir sehen uns morgen", verhieß Zipf.'
„Das will ich meinen", schloß Kohler. .
Und indes der eine in die Nacht hinausging, trat der andere in den Lichtkreis der Portierloge und wollte sich bei Herrn Brameshuber melden lassen. „
„Herr Kohler", wiederholte der Portier den ihm genannten Namen. „Gewiß, Herr Brameshuber hat einen Brief für Sie hinterlassen. Er ist verreist, aber morgen abend wieder hier."
Kohler nahm das Schreiben in Empfang und begann, wahrend er aus dem Hotel fortging, zu lesen: „Sie kommen natürlich zu mir und sind etwas ratlos. Aber dazu liegt kein Grund vor. Ich habe den Gang —"
In Berlin. Herr Brameshuber, der hier Schaumann hieß, hatte auf vier Stühlen seines Hotelzimmers vier Bilder stehen. Und vor den Bildern verweilten einige Männer in angestrengtem Sinnen.
,Sie haben mein letztes Wort gehört", sagte Herr Schaumann ganz bestimmt. „Sie haben in den Zeitungen das Münchener Telegramm gelesen. Sie können sich stündlich über den verbissenen Kampf, der in München wegen des Waldmüller geführt wird, informieren. Sie haben hier die von der staatlichen Sammlung ausgestellten, notariell beglaubigten Atteste, daß die vorliegenden vier Waldmiiller echt sind — also, was zögern Sie noch? Ich habe Ihnen meine Preise genannt, sie sind angesichts der Münchener Ereignisse weiß Gott nicht hoch gegriffen."
„Ich möchte noch das Münchener Endergebnis abwarten," meinte einer der Männer.
„Verstehe ich nicht", mißbilligte Schaumann mild und kopfschüttelnd. „Das Münchener Ende kann doch höchstens mich veranlassen, mit meinen Forderungen hinaufzugehen — aber niemals Sie, dann erst zu kaufen."
Es nickten zwei dazu — wider Willen undeutlich.
Schaumann sah es dennoch, und er sagte: „Meine Herren, Sie haben Recht, warten wir München ab, in meinem Interesse. Oder besser noch: ich packe meinen Kram zusammen und fahre nach Wien. Was brauche ich in Berlin zu verkaufen? Wien, wo er gelebt hat, ist der Boden für einen Waldmüller — für meine vier Prachtstücke."
Und Schaumann, ganz von seinem Einfall eingenommen, halte es so eilig, daß er schon den Deckel des Koffers aufschlug.
Da tauften drei Männer vier fraglos echte Waldmüller, augenblicklich fraglos preiswert.
Sie zahlten in bar, und Herrn Brameshuber-Schaumcmn hinderte eine Stunde später nichts, abzureisen. Ob nach Wien, ist nicht sicher. Wan kann sagen: wohin, ist unbekannt; jedenfalls nicht nach München, wo immer noch der „Ländliche Sonntag" versteigert wurde.


