SiehenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |92Z Samstag, den 9. April Nummer 28
Ein Bildchen.
Von Carl Spitteler.
Den Rain hinauf mit trotzigem Alarm Fuchtelt ein Kinderschwarm.
„VorwärtsI Hurra!"
Hut ab! Du schaust kein Spiel.
Den Himmel zu erstürmen gilt das ernste Ziel.
Er ist so nah.
Siehst, wie er aus dem Grase guckt dort oben?
Zwei Glockentöne, leicht vom Morgenwind gehoben. Kommen vergnügt und ungezwungen Dahergesungen.
„Wo geht denn hier der Weg?"
„Wir wollen durch den Kindersternenhaufen lieber den Hügel weg
Die lange Kirschenblütenstraße laufen."
Gesagt. Ein Sang, ein Flug:
Verschwunden in den Kirschen überm Hügelzug.
Der Kindersturm aber dort unten.
Hat einen Igel gefunden.
In Anbetracht dessen
Ist der Himmel vergessen.
Versteigerung.
Von A. M. Frey.
„Sie wissen Bescheid", sagte Herr Brameshuber zu seinem Beauftragten, dem Herrn Zipf. „Ich muh den Waldmüller unter allen Umständen in meine Hand bekommen. Wenn ich sage: unter allen Umständen, so ist das nicht so hingesprochen, sondern wörtlich gemeint. Es ist möglich, daß Sie auf hartnäckige Widerstände stoßen. Ich glaube orientiert zu sein. Tut nichts. Sie gehen durch dick und dünn!"
Zipf mit der vierschrötigen Gestalt des ehemaligen Bilderkistenmachers verbeugte sich so gut es ging. „Und wohin soll ich am Tage der Auktion die Entscheidung melden?"
„Hierher natürlich ins Hotel. Ich bleibe schon in der Stadt. Ich will , nur selbst nicht hervortreten. Ich habe meine Gründe. Sie wissen es ja. Wenn ich in Person erscheine und biete, wird mich das Bild das Doppelte kosten, 'was es so schon^kostet. Meine Gegner, die Lunte gerochen haben, wüßten sofort: ein Stück, an dem der Brameshuber klebt, ist unbezahlbar — und sie würden nicht locker lassen."
„Die Auktionssumme —?"
„— kann auf Scheck von mir, den ich ausstelle, sobald Sie mit dem Ergebnis zu mir kommen, bei der Bank in Empfang genommen werden. Hier haben Sie selbst einstweilen tausend Mark für Ihre Bemühungen."
Zipf neigte sich erschüttert auf seine großen Stiefel.
„Hals- und Beinbruch!" lachte Brameshuber und klopfte dem anderen väterlich auf die Schulter. „Es soll uns glücken. Von der Summe, zu der ich den Waldmüller dem versessenen Amerikaner in Chikago weiter verkaufe und die beinahe in mein Belieben gestellt ist, sollen Sie 2 Prozent erhalten. Ich kann Ihnen versichern: es wird für Sie ein nettes Sümmchen herauskommen. Denn sehen Sie: auch ich bin nichts anderes als ein Beauftragter, der hübsch verdienen will."
Der Auklionsraum der Firma Silverling bot an dem Tage, an dem der Waldmüller an die Reihe kam, das gewöhnliche Aussehen. Niemand hätte geahnt, daß sich bald außerordentliche Vorgänge in ihm abspielen sollten.
Die Kauflust war mäßig, die Angebote zurückhaltend. Ein gedämpfter, fast verschlafener Streit um die einzelnen Stücke plätscherte so hin, und weder die Stimme des Auktionsleiters noch die der Anwärter hoben sich, als der „Ländliche Sonntag" auf der Staffelei stand und nun daran war.
Ein halbes Dutzend Männer aus den zweihundert Anwesenden begann zu bieten. Es war gegen zwölf Uhr — etwa eine Stunde bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Mittagspause gewöhnlich eingeschaltet wurde.
Zipf brauchte vorerst nicht mitzumachen. Er saß in der dritten Reihe und lächelte vor sich hin. Die da rauften sich trüge um ein paar hundert Mark — der amtliche Auktionator, neben dem geschäftlichen Leiter schaute gleichgültig ins Publikum durch einen schiefen Zwicker und räusperte sich — aber nun schienen die kurz und lahm hingeworfenen Zahlen versiegen zu wollen — es kam nichts mehr.
„Achtzehnhundert zum ersten, achtzehnhundert zum zweiten —" leierte der Beamte.
„Achtzehnhundertfünfzig", sagte Zipf.
Beinahe gleichzeitig rief es ein anderer, der bisher nicht weniger stumm geblieben war.
„Doppeltes Angebot, bitte?" stellte der Leiter fest.
sechzig" sagte Zipf.
„— siebzig" der andere.
„— achtzig — neunzig — eintausendneunhundert sind da", rief der Leiter etwas belebt.
„Zum ersten — zum zweiten — und —" fiel der Beamte ein.
„Neunzehnhundertdreißig", bot Zipf, und sein Widersacher zwanzig mehr.
So ging es weiter in einem zähen, einem verdeckten Ansturm. Die Gemeinde begann zu wispern und mit den Katalogen zu rascheln. Was war das? Ferdinand Georg Waldmüller, geboren 1793 zu Wien und gestorben 1865, der Vorläufer der Freilichtmalerei, stieß mit diesem doch als mäßig gewerteten Exemplar „Ländlicher Sonntag" auf ein besonders schwer erklärliches. Interesse.
Der Aktionsleiter besah sich die beiden langsamen und nur zu kleinen Etappen entschlossenen Herren. Zu den üblichen Händlern gehörten sie nicht. „Dars ich bitten, etwas flotter voran zu machen", sagte er nervös. „Wir verlieren viel Zeit. Heute nachmittag müssen wir mit allem fertig werden."
Aber Zipf ließ sich nicht aus der großen Ruhe bringen. Der andere übrigens ebensowenig.
Als man bei zweitausendachthundert Mark angelangt war, mußte wohl oder Übel die bereits angebrochene Mittagsstunde als Pause eingeschaltet werden. Herr Kommerzienrat Silverling persönlich verkündete sie, teils gespannt und aufgekratzt und neugierig, wie hoch dieser Wald- müller noch gehen werde — teils verdrossen, weil das ganze schleppte, und weil es unerhört und noch nie da gewesen war, mitten in einem ausgebotenen Stück abbrechen zu müssen.
Der Nachmittag brachte erstaunlicherweise die Fortsetzung. Der gleiche Gang wie in der letzten Stunde des Vormittags. Die Zahl für den Waldmüller kletterte unerschütterlich höher, bedächtig in kleinen Rucken auswärts geschoben, einmal von Zipf und das anderemal von seinem Konkurrenten.
Als zur schrecklich schönen Verzweiflung des Auktionsleiters nach einer Stunde der Preis auf zehntausend emporgekrochen war, gab die Kommerzienratshand ein Stoppzeichen.
„Moment, bitte", sagte Silverling. „Darf ich mir die Namen der beiden Herren notieren?"
„Zips", sagte Zipf.
„Kohler", sagte der andere.
„Herr Zipf und Herr Kohler, hören Sie, — so können wir doch eigentlich nicht weitermachen, wir —"
„Warum nicht?" unterbrach Zips. „Ist alles in Ordnung."
„Mein' ich auch!" sagte Kohler.
„Aber wann endlich sollen wir denn fertig werden?" jammerte Silverling. „Entschließen Sie sich doch wenigstens in jeweils größeren Beträgen höher zu gehen."
„Kein Grund", sagte Zipf. „Ich will so billig kaufen, wie möglich." „Selbstverständlich", sagte Kohler.
„Kaufen die Herren im eigenen Namen?" wollte Silverling vor- spüren.
„Auftrag", sagte Zipf,
„Auftrag", sagte Kohler.
„Meine Herren, dürfte ich wissen, in wessen Auftrag? Vielleicht können wir telephonieren —"
„Geheim", rief Zips.
„Auswärts", behauptete Kohler. „Wenn wir weiter gemacht hätten, statt uns zu unterhalten, wären wir dein Ende jedenfalls näher."
Gut, es wurde also roei!e$gemad;t. Aber eine Entscheidung brachte die nächste Stunde nicht, und der ganze Nachmittag nicht. Als der Wettstreit für heule abgebrochen werden mußt?, stand der Waldmüller auf ein- unddreißigtausendfünfhundertundvierzig.
Ein wenig taumelig im Kopfe durch stundenlanges Nennen von Zahlen, ein wenig unsicher, wie es enden sollte, aber im ganzen durchaus getrost, begah sich Zipf abends in das Hotel zu Herrn Brameshuber, um Bericht zu erstatten.
Der Portier war orientiert; er übergab einen Brief an Zipf. Darin stand zu lesen: „Natürlich kommen Sie zu mir und sind etwas ratlos. ; Aber dazu liegt kein Grund vor. Ich habe den Gang voraus gewußt, ' mich überrascht er nicht. Ich verlange: weitermachen und in kleinen s Säßen unentwegt höher gehen! — Sie sind erstaunt, mich nicht anzu- , treffen? Pech muß der Mensch haben: ein Telegramm ruft mich an das Krankenlager meiner Frau, die einen Autounfall gehabt hat. In vier- undzwanzig Stunden bin ich zurück. Ich benutze das Flugzeug München—Zürich. Eiligst Brameshuber."
Als Zipf den Brief zusammenfaltete und durch die Drehtür auf die Straße wollte, kam Kohler hereingedreht. Die beiden grüßten einander.


