Ausgabe 
8.10.1927
 
Einzelbild herunterladen

beim Sckstag abspritzte, zu schützen. Ich glaubte einen Augenblick lang, baß der Neger durch derartige Vorbereitungen zurückgeschreckt werde« würde, aber die Vorsichtsmaßregeln schienen seinen Mut nur zu oer. gröfrern, b-enn er fyob sich einxis in den ijüften, lieh den Ha-mmer mit der rechten Hand ein- oder zweimal pendeln, warf ihn ixnui hoch über seinen Kopf hinaus nach hinten, wobei er zugleich die linke Hand an den Stiel schlug, hob sich dann noch einmal, so daß man einen Augenblick lang glaubte, er würde nach hinten fallen, und während sein nach vorn gebogener Körper zuerst langsam und dann mit ungeheurer Wucht in die umgekehrte Richtung schnellte, sauste der Hammer auf den Fels.

Ich war überzeugt, daß jeder Versuch, diese Steinmasse zu zertrüm­mern, ganz vergeblich sein würde. Auch der zweite Versuch mißglückte, und selbst beim dritten lösten sich nur Splitter, von denen einige dem, der die Augen des anderen schützte, mit solcher Kraft gegen die Hand spritzten, daß er sie schütteln mußte, um den Schmerz zu verbeißen.

Man mußte eine kleine Pause machen. Auch der Italiener schien etwas erschöpft. Aber ich glaube, daß niemand im Zelt in diesem Augen­blick an ihn dachte, denn jeder war nur darauf gespannt, ob es dem Neger gelingen würde, den Fels durch den vierten Schlag zu zertrümmern. Jedoch blieb auch der vierte Schlag erfolglos, und erst beim fünften, der etwas hohler klang, fiel der Mock in drei großen Stücken auf die Erde.

Der Italiener verneigte sich. . . ,

Als ich am nächsten Morgen aufstand, um den Mann noch einmal zu sehen, der sich nicht fürchtete, durch irgendeinen Streckenarbeiter Mexikos zum Krüppel geschlagen zu werden, spielten auf dem Matz einige Kinder mit einem kaputten Seil, das der Wanderzirkus zunick- gelafsen hatte.

Der Bsrgkaukasus - ein Böikermnseum.

Von Dr. Artasches A b e g h i a n.

Nicht umsonst hat man den Bergkaukasus als das Museum der Völker und Sprachen" bezeichnet. In der Tat rühmt sich das kaukasisch« Berqland schon seit uralten Zeiten, eine Heimat verschiedenartigster Rassen und Völker, Sprachen iind Idiome zu sein. Der Kaukasus heißt schon bei den arabischen GeographenDschebel-Al-Suni , d. h. Berg der Sprachen. Aber noch früher, bei den Griechen und Römern sowie bei den alten Armeniern und anderen Nachbarvölkern, war der Kaukasus als die Wiege buntester Völkergemische bekannt. Einige ihrer Geographen und Historiker stellen die Zahl der kaukasischen Volker bis zu 3M fest. Strabo erzählt, daß in Dioskurias, einer der zahlreichen griechischen Handelskolonien am Pontus Euxenius, Geschäftsleute, di« nicht weniger als 70 Nationalitäten angehörten, zusammenkamen. P l lnlu s kenm deren eine noch größere Zahl. Viele von den im Altertum erwähnten Kaukasusvölkern sind gegenwärtig jedoch nicht mehr da,, sei es, weil sie von den erst später eingewanderten mächtigeren Volksstammen apimt- fiert wyrden sind, wodurch sich neuere Völkermischungen ausgebiföet haben, sei es, weil einig« von ihnen einfach in den fortdauernden Ver- nichtungskämpsen der Rassen zugrunde gegangen sind oder endlich, wert nicht wenige von ihnen aus historischen und Rassegrunden gezwungen gewesen sind, von den jahrhunderte-, ja, jahrtausendealten Wohnsitzen ihrer Väter und Ahnen Abschied zu nehmen und neuere Niederlassungs- ^löas seit ^hrhunderten stetig wechselnde Antlitz der kaukasischen Völkergeschichte zeigt auch jetzt immer neue Züge. Die allmächtige und alles ab chleifende Zeit hat zwar die Zahl der Kaukasusvolker bis auf etwa 48 herabgedrückt, sie ist aber immer noch hoch genug^ um dem Kau­kasus den NamenV ö l k e r m u s e u m zu eryalten Noch heute sind auf den Abhängen und Füßen, in den Schluchten und Engpässen des kaukasischen Hochgebirges viele Volkstypen zu finden, die immer noch tn ihrer vorhistorischen Lebensweise, ihren primitiven Sozlalverhaltmssen, altertümlichen Sitten und Gebräuchen, verharren. Fast all« diese Volks- svliiter sind ohne jegliches Schrifttum und ohne Lesekunst und beschaf- tiaen sich ausschließlich mit Viehzucht. Ehemals Christen, such sie int ßaufe des 17 und 18. Jahrhunderts unter dem türkischen Einfluß meist zum Islam übergetreten. Für die Gegenwart ist die Bezeichnung des Kaukasus als des Völkermuseums um so zutreffender, als eine Menge dieser Museumsvölker nirgends mehr auf unserem Erdbälle vorkommen und auch in ihren Heimstätten oft nur in wenigen Tausenden zu finden sind. Das gilt namentlich von den eigentlichen Bergvölkern,des Kaukasus. In der Tat kann man kaum noch einen anderen Himmelsstrich entdecken, wo auf einem Landstrich von der gleichen Größe ebensomele Volker und Rassen leben, ebensooiele Sprachen und Idiome herrschen, wie es tn dem kaukasischen Alpenlande der Fall ist. Allen Kaukafusvolkern ist ein und dieselbe weiße Rasse gemeinsam, deren typische Vertreter eben die Kaukasusvölker sind. Nicht umsonst wird also di« weiße Rasse auch die

än.er^Länge"von 1200 Kilometer erstreckt sich die kaukasische Ge­birgskette zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere und, wie eine Nandbrücke Asien und Europa miteinander verbindend, trennt sie das iiördlickie Gebiet der kaukasischen Landenge, d. h. Ciskaukafien, von dem südlichen Landesteile oder Transkaukasien. Der eigentlich« Kaukasus am» faßt das Hochgebirge selbst, die kaukasischen Alpen tn« ^ntralgaler,e des kaukasischen Völkermuseums. Von den dort vertretenen Bergvölkern seien hier nur die vier Hauptgruppen genannt: die westliche, die zentral- kaukasische, die östliche und die südliche Jede dieser Gruppen 'hrer- seits viele Stämme und Sippen, Sprachen und Idiome, die sich oft von- ima^nder sthr unterscheiden.,^ Hauptvertreter ..westkaukasischen Bergvölker. In ihrer Heimat Kabarda erhebt sich die bodtite .^rilspitze des Kaukasus: das Silberhauvt des Elbrus. Die Tscherkesfenheimat stellt sich von Natur aus als ein Labyrinth dar nut unzuganalichen Schlupf­winkeln, unpassierbaren Hoblweaen, verderbendrohenden Abarunden un­wirtlichem, rauhem Klima. In dieser einsamen Gegend besteht bas simer- kessische Volkstum seit undenklichen Zeiten. E- wird schon im 6. Iayr-

bann ereignete sich ein kleiner Zwischenfall, der die Vorstellung sür zehn Minuten unterbrach. ,

Di« Jäger-Akrobaten hatten nämlich noch nicht die Arena verlassen, als ein riesiges Schwein in den Zirkus stürzte, auf dem ein Zwergclown verkehrt ah. Er benutzte den Schwanz des Tieres wie einen Zugel und tat als ob er einen Hengst zureiten mühte, aber er war noch nicht bis M,r Mitte der Arena gekommen, als er plötzlich herunterfiel und auf dem Koden liegen blieb. Man lachte selbstverständlich, weil , man, glaubte, daß -s zmn Programm gehöre, aber der Clown erhob sich nicht, und das Schwein rannte guer durch den Zirkus bis zur Zektwand, duckte sich und schlüpfte durch den Spalt zwischen Zelt und Boden ins Freie,

Ich glaube, wir wären in diesem Augenblick alle bereit gewesen, den Zirkus zu verlassen, ohne unser Eintrittsgeld zurückzufordern; jeder hatte das Gefühl, daß dem Clown etwas zugestoßen sei. Aber ob es nun die Maneoenschranke war, die niemand zu übersteigen wagte, oder ob man Fürcht' vor diesem verkrüppelten geschminkten Wesen hatte, das bewe- aungslos im Sande lag, niemand war imstande, sich zu rühren, und man war daher erlöst, als nach der Ruhe der ersten Sekunden einer ber beiden Musiker, die oberhalb der Manegentür saßen, sein Instrument vlötzlich hinwarf und die kleine Treppe, die zu dem Balkon führte, herunterstürzte. Ich hatte selbstverständlich gehofft, daß er sich um den Clown kümmern würde, aber er lief an ihm vorbei, zum Zelt hinaus, und man hörte nur von draußen seine Rufe.

Es war sehr still im Zelt, als sich schließlich ein Indianer, der aus der dritten Bank saß, erhob, über die Manegenschranke trat und den Elomn anredete. Aber er antwortete nicht, und als der Indianer seinen Arm anfaßt«, fiel er wie ein Paket wieder auf den Boden. Der Indianer wandte sich daraufhin an den zweiten der beiden Musiker, der während der ganzen Zeit teilnahmslos auf dem Balkon gesessen hatte und schlug ihm vor, doch etwas Wasser zu holen. Aber der Musiker rief von oben herab, man solle sich, um den Clown nicht kümmern, der sei nur ohn­mächtig, das käme bei Zwergen häufiger vor, und er würde in zwei bts drei Minuten schon wieder von selbst ausstehen. Es war wohl niemand im Zirkus mit diesen Worten einverstanden, aber es sagte auch niemand etwas dagegen, und der Indianer ging daraufhin langsam auf seinen Platz zurück, nicht aber ohne sich ständig mnzusehen, denn er hatte wohl wie wir alle das Gefühl, man dürfe den Augenblick, wo sich der Clown erhebt, nicht versäumen. , ,

Wir saßen unter der tausendkerzigen Birne zusammengelauert aus den Holzbänken und warteten nun alle auf bas gleiche. Man horte den Regen und di« kurzatmigen Bewegungen der Lichtmaschine, ein, zwei, drei Minuten lang aber -der Clown rührte sich nicht, und erst, als der andere Musiker 66er, wie sich ergab, der Direktor des Zirkus war) mtt einem Manegendiener das Schwein an den Ohren heremfchleppte, glaubte ich, zu bemerken, daß der Clown feinen Kopf bewegte. Aber vielleicht habe ich mich auch getäuscht; er wurde gleich darauf hinausgetragen, und dann kam die Hauptnummer des Abends, der Italiener Galazzo Villa. . ., , ,,

Dieser Mann, den ich bisher für einen Manegediener gehalten hatte, weil er nur die Vorhänge öffnete, ober die Lampe von der Mitte aus nach der Seite oder von der Seit« aus nach der Mitte zog, streifte fein Hemd über den Kopf, zeigte einen Oberkörper, der sich von dem eines breitschultrigen dreißigjährigen Mannes durch keine ungewöhnliche Mus­kulatur unterschied und erklärte, man würde ihm jetzt jenen, Felsblock von eineinviertel Zentnern, der links vom Eingang sichtbar fei, und den man dort hingefchaft habe, damit sich jeder überzeugen könne, es fei ein wirklicher Felsblock, auf den bloßen Rücken legen und dort durch Hammerschläge zertrümmern. Selbstverständlich dachten alle, daß dies irgendeiner der Zirkusleute besorgen würde, und man war daher all­gemein sehr überrascht, als er sich gleich darauf, nachdem er seinen Gurt feit ungezogen hatte, noch einmal an bei5 Publikum wandte und uns fragte, ob nicht vielleicht ein Streckenarbeiter im Zuschauerraum wär«. Es meldeten sich daraufhin ein Neger und ein Mestize. Der Mestize aber trat aus Höflichkeit sofort zurück, und während der Neger den Hammer prüfte, nahm der Statiner einen Stuhl aus einer, der beiden Reihen, hinter denen das rote Band entlanglief, stellte ihn verkehrt herum, stützt« feine beiden Arme auf die Lehne, ließ sich den Fels auf den nackten Rücken legen und forderte den Streckenarbeiter auf, mit äußerster Kraft auf den Stein zu schlagen.

Von allen Zirkusnummern, di« ich bewundert habe, war keine auf- regenber als diese. Ich habe zwar einmal in Bombay einen Mann gesehen, der mit der Brust eine Holzschiene von zwanzig Metern her- unterrutfchte, bann in die Luft flog und mit der Brust auf eine zweite Schiene aufschlug, die zehn Meter tiefer lag, aber ich wußte, daß er es tausendmal gemacht hatte und konnte daher trotz aller Erregung den Dorbereitungen mit einer gewissen Gefaßtheit folgen. Hier aber hatte ich jenes Gefühl, mit dem man etwa der Vorstellung durch einen Laien folgt, der zum erstenmal in seinem Leben hypnotisiert man weiß man, wie dieses Experiment enden wird, und ob der andere jemals wieder aufwacht. Es gab nicht die geringste Gewähr, dafür, daß der Neger geschickt genug fein würde, um einen Stein in dieser ungewöhnlich hohen Lag« zu treffen, er war nur gewohnt, mit seinem Hammer auf bte Erde zu schlagen; es war wahrscheinlich, daß er in diesem Falle daneben treffen würde. ... ,

Als der erste Schlag kam, kniff ich die Augen zu,, weil ich überzeugt war, er würde nicht auf den Stein, sondern ins Fleisch gehen. Cs war vielleicht auch nahe daran, denn der Block verschob sich, und sicherlich war auch der Italiener etwas ängstlich geworden, denn er rief laut einige Wort«, di« ich nicht verstand. Es erschienen daraufhin sofort zwei Manner, di«, wie ich glaubte, den Stein jetzt wieder herunternehmen wurden. Aber obgleich sie sich zu beiden Seiten des Italieners postierten,, dachten sie nicht daran, sondern balancierten den Felsblock auf feinem Rücken nur wieder aus, und während der eine sich dann auf den Stuhl kniete, auf dessen Lehne sich der Italiener gestützt hatte, und den Stein mit beiden, Händen Elhielt, stellte sich der andere hinter den ersten, und hielt ihm mit iben Händen die Augen zu, um fein Gesicht gegen bas Gestein, bas