Ausgabe 
8.10.1927
 
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Er sicht so geschlagen aus," erwiderte Placida mitleidig.

Vielleicht", meinte ihre Mutter,es kommt so vor nämlich hat man ihm von Anfang an den verkommenen Vater vorgehalten und daß von Unkmut Unkraut kommt. Da wird einer leicht so schlecht, wie die Leute es ihm voraussagen."

Cs war Sonntag. Die von Meyen gingen aus ihrer frei ins Tal sci)auend«n Kirche heim. Hatten sie dort den Segen ihrers Pfarres be­kommen, so segnete sie jetzt der Herrgott mit der heiligsten Heiterkeit seines Tages. Der Himmel war blau wie der tieffte Bergsee. Das Gebirge aber trug Neuschnee, den der scheidende Winter verstäubt hatte. Die Wälder standen schwarz und ernst und dufteten, daß es einem wie junge Kraft durch die Glieder rann, wenn man ihren Atem einsog.

Aus der dichten Schar der übrigen Kirchgänger lösten sich zwei Paare, die wegabwärts schritten, voraus Brost Schuler und Placida, hinter ihnen Kasimir, der Bauer, und seine Schwester. Brosi ging schwerfällig wie ein wandelnder Block, aber er war gewaschen und gekämmt und trug seinen grauen Sonntagsanzug, den er lange nicht mehr angelegt. Sein Gesicht mit dem struppigen Haar hatte noch immer etwas Räuberhaftes, aber das weiße Hemd und der gleiche Kragen gaben ihm eine gewisse Zahm­heit und Ordentlichkeit. Manchmal im Gehen hob er die großen grauen Augen vom Boden, wie ein Hund tut, der neben seinem Herrn geht und auf ein freundliches Wort wartet, sah Placida an und senkte den Blick wieder.

Kasimir Schuler stieß seine Schwester an, daß sie nach den beiden jungen Menschen sehe.

Er ist doch nicht so schlimm, wie du ihn haben willst," sagte diese. Nun sind wir schon zwei Wochen da, und ich habe ihn nie anders als fleißig und nüchtern gesehen."

Meinst, ich sei nicht selber erstaunt?" gab der andere zurück.Seit die Placida im Hause ist, hat er für nichts mehr Augen und Sinn als für sie, vergißt das Dorf und das Wirtshaus und"

Sie ist ja noch ein Kind," unterbrach ihn die Schwester halb ängst­lich, halb ungehalten.

Hab keine Angst, er tut ihr schon nichts, sieht sie nur so an wie eine Heilige."

Das war nun freilich seltsam, wie Brost sich seit Placidos Ankunft verwandelt hatte. Es war, als habe der Mondstrahl, in dessen Schein getaucht sie ihm zum erstenmal erschienen war, seine Augen geblendet, daß er nun gleichsam immer noch ganz benommen in das Licht staunte. Er war immer ein guter Arbeiter gewesen. Das war wohl auch der Hauptgrund, warum der Verwandte den zuzeiten liederlichen Burschen bei sich behielt. Seit zwei Wochen mm arbeitete er erst recht wie ein Roß. Er war stark und trug in diesen Tagen unglaubliche Lasten von Winterheu und Holz ins Haus.

Placida wunderte sich, wie schwer er tragen konnte.

Die Placida hätte sich gern auch nützlich gemacht, allein sie litt seit ihrer Ankunft an einer eigentümlichen Atemnot. Wenn sie Treppen stieg oder bergan lief, hämmerte ihr das Herz, die Augen verdunkelten sich und die Beine versagten ihr den Dienst. Sie war überhaupt ein über- zartes Ding.

Bros! begann ihr allerlei Mühen abzunehmen. Wenn sie Wasser holen wollte, nahm er ihr die Kessel aus den Händen. Als sie Wäsche hing, wehrte er es ihr und hatte im Nu die ganze Leinwand am Seil. Jetzt auf dem Kirchweg trug er ihr selbst das Gesangbuch, obwohl er nie Höf­lichkeit gelernt hatte. Das kam ihm so von selber. Von innen heraus.

Am Nachmittag saßen sie hinter dem Hause im Schatten auf dem ent­rindeten Stamm einer großen Tanne. Der schwere Brosi in Hemd- ärmeln, Placida in einem weißen Waschkleid, das sie dem schönen, warmen Sonntag zulieb angelegt hatte. Das dünne Haar fiel ihr offen auf die Schultern und war so gelb und glänzend wie Bernstein. Das Gefickt aber hatte einen leisen, verborgenen Hauch von Rot.

Also weiße Alpenrosen weiht du?" fragte Placida im Gespräch, in welchem sie eben begriffen waren.

Ja. Ende nächsten Monats blühen sie. Ich will dich schon einmal hinführen." Als er das gesagt hatte, verbesserte er sich gleich:Aber nein, es ist ein steiler, schlechter Weg, und du hast nicht den Atem dazu."

Bielleicht könnte ich doch," meinte sie: aber er widersprach ihr'heftig: Nein, nein, du bist schon sonst zum Umblasen."

Seine Augen hasteten- aus ihr. Sie toten das immer, heimlich, so daß fie es nicht merken sollte, aber »den ganzen Tag, sobald Brosi ihr irgend­wie nahe kam. Sie aber achtete es wohl, und manchmal ärgerte es sie ein wenig ober belästigte sie, und wiederum manchmal wunderte sie sich darüber und schaute ihn dann ebenfalls nachdenklich an. Aus der Tat­sache, daß sie nicht recht klug aus ihm wurde, entsprang auch die Frage, welche sie jetzt stellte.

Warum'gehst du eigentlich nicht mehr ins Wirtshaus?"

Er gab keine Antwort, bog mir den Rücken, bis fein Bart die Knie streifte und spielte mit ein paar Rindenstücken, die am Boden lagen.

Eine Weile blieb es füll. Dann fragte Placida nnbe-acht, neugierig und schonungslos wie ein Kind tut, weiter:Du bist sonst ost be­trunken gewesen?"

Er knurrte.

Sie fürchten dich auch im Dorf, gelt? Weil du schlägst, schwer schlägst, wenn sie dich reizen?"

Er schaute noch immer nicht aus und ließ 'bas Spiel nicht, aber er gab ihr eine Antwort, die gleichsam der Bescheid auf alle, nicht nur auf eine ihrer Fragen war. Sie kam dumpf aus ihm heraus, wie wenn jedes Wort in ihm festgewachsen wäre und er es erst losreißen müßte:Wenn fie dich dein Leben fang nur foppen würden, dir kein gescheidtes Wort gönnten, wärest du auch anders, als du bist."

Pfacida, so jung sie war, konnte im Augenblick nicht weiterreden. Sie ahnte etwas von einem Schicksal, so---so jung fie war.

Nachher wallte ihr Blut, daß sie es wann überströmte. Sie legte eine Hand auf Brosis Rücken.

Eigentlich bist du ganz recht", sagte sie,ganz anders, als sie dich geschildert haben."

Er hörte nicht auf fie. Ihre sanfte Berührung jagte ein Rieseln durch seinen Körper, und das verwirrte chn jo, daß er ihre Worte überhörte. Aber er saß ganz still, als dürste er sich nicht rühren, damit nur ja ihre Hand, die sich auf seinen Rücken stützte, die Stelle nicht verlasse. Als fie sie dann doch hinwegnahm, war sein Gesicht heiß, und er konnte fie nicht mehr ansehen.

Bald daraus rief ihre Mutter nach ihr, und sie ging ins Haus.

Er faß fange noch auf dem Baumstamm. Melleicht dachte er nichts, faß nur lässig und schlaff; aber er fühlte noch immer, wo ihre Hand seine Schulter berührt hatte.

Von diesem Tage an war nicht nur er selber noch immer in einer Art Bann, den das Kind Placida auf ihn gelegt, sondern auch diese ihrerseits wurde von ihm, der ihr bei aller Gelegenheit mit einer fklaven- haften Bereitwilligkeit biente, angezogen. Nicht, daß sie sich dabei irgend etwas dachte. Sie hatte eben keine andere Gesellschaft, und dann weckte manches an ihm die Neugier. Zuweilen lief sie bloß hinter ihm her, um zu sehen, wie er sich jetzt wieder benehmen würde.

Einmal lud er fie ein, mit in ben Wald zu kommen, wo er Holz zu schlagen hatte.

Sie wollte wissen, ob es weit hin sei.Mir ist manchmal so eng und so angst," sagte fie und preßte die Hand aufs Herz, wie er sie oftmals tun sah. ,Zch meine, daß es hier oben zu hoch für mich ist, daß ich die Luft nicht ertrage."

Sie erzählte dann, daß die Mutter in der nächsten Zeit einmal mit ihr zum Arzt wolle.

Er machte große, eifersüchtige und mißtrauische Augen, konnte, ohne es zu wissen, ben Gedanken nicht leiden, daß sie einen Tag mit der Mutter f orig ehe. Und allerlei Verdacht und Qual stieg in ihm auf: Was? War fie krank, die Placida? Und konnte am Ende gar nicht hierbleiben? Aus einem dunklen Trieb heraus beschwichtigte er fie, fie solle sich nicht ängstigen des bißchens Schwindel und Beengung halber, das gebe sich schon nach und nach. Und zum Arzt solle sie lieber nicht gehen, die machten aus einer Mücke gleich einen Elefanten und wüßten im Grunde doch nichts. Nach dem Meyenwalde fei es übrigens nicht weit, und die Kühle und der Tannenduft würden ihr nur gut tun. Schluß folgt.)

Dsr Wanderzirkus vsn Iuike.

Von Leo Matthias.

Juile ist ein kleines mexikanisches Nest, nur bewohnt von Indianern, Mestizen, Negern und einigen Weißen. Ich hatte dort zwanzig Stunden Aufenthalt; der Zug, der nur zweimal in der Woche nach San Inan Cvan- gelista fuhr, ging erst am nächsten Tage. Es blieb mir nichts anderes übrig, als in dem einzigen Bungalow des Orts zu übernachten.

Die Bungalow-Hotels dieser Gegenden sind einstöckige Holzhäuser, die auf Steinsockeln ruhen und an eine Reihe von Badezellen erinnern. Man springt vom Gras auf einen kleinen Steg hinauf, der vor den sechs bis zehn Türen entlangläuft und befindet sich dann gleich in seinem Zimmer", das sich von einer Badezelle eigentlich nur dadurch unter­scheidet, daß sogar die Fensterluken fehlen. Man ist tagsüber gezwungen, die Tür offenzufasien und kann sich vor den neugierigen Blicken der anderen Bewohner nur durch eine Gardine schützen, die der Wind aber meistens so tief in das Zimmer hineintreibt, daß sämtliche Gegenstände hinausgefegt werden. .

Ich mar froh, zu erfahren, daß ein Wanderzirkus gerade am Tage zuvor sein Zelt in Juile aufgeschfagen hatte. Ich brauchte nicht den Abend in diesem Bungalow zu verbringen und ließ mir, noch während ich mich vom Reisestaub reinigte, eine Karte besorgen, aus Furcht, vielleicht am Abend keinen Platz mehr zu erhalten.

Es regnete in Fäden, als ich gegen neun Uhr aufbrach. Der ganze Weg war" ungepflastert. Das Wasser in den tiefen Wagenspuren, denen ich'folgte, trat über die Ufer und suchte mit ,allen Lachen Verbindung. Wie ein Kranich springend, erreichte ich schließlich das Zett, und entledigte mich meines Hutes mit der gleichen Vorsicht, mit der man eine gefüllte Waschkumme von -einem erhöhten Ort herunterhebt.

Vielleicht war es das Wetter, das die Menschen zurückgehalten hatte, sich von den Attraktionen des Zirkus locken zu lassen auf sechs Reihen von Holzbänken und zwei Reihen von grünen Gartenstühlen (hinter denen ein meterhohes rotes Band entlanglief) hockten etwa zwanzig Menschen; fast alle saßen auf der rechten Seite, weil man die faufend- kerzige Lampe, die ohne Schirm an einer Schnur von der Decke tropfte für die erste Nummer der Luftakrobaten nach dieser Seite gezogen hatte.

Als ich eintrat, waren gerade ein Mann und eine Frau dabei, sich am Trapez zu produzieren. Es waren geringe Künste, die sie zeigten. Die Kräfte der Frau waren so schwach, daß der Mann, sie hin und wider vom Rücken aus stützen mußte, und hing sie an feinen Händen, so legte er seinen Daumen nicht auf ihre Finger, sondern etwas tiefer, in die Nähe der Handwurzel, wahrscheinlich, um ihr ein größeres Gefühl der Sicherheit zu geben. Sie war, wie ich später erfuhr, die Frau bes Artisten; er besaß sogar von ihr zwei Kinder, die in diesem Augenblick in einem der weißen und roten Wagen schliefen, die im Kreise um bas Zelt herumstanden.

Cs hatte niemand Lust, am Schluß ihrer Vorstellung zu klatschen. Erst als fie sich zum zweiten Male verbeugten, schlug ein vierzehn­jähriger Junge in die Hände, und als die anderen nachkamen, verbeugten sich die beiden mit einem Lächeln, aus dem der Dank für die Nachsicht sprach, die man ihren Leistungen entgegenbrachte.

Ich hatte gehofft, daß die dritte oder vierte Nummer des Pro­gramms, die Hauptattraktion des Abends bringen mürbe einen Italiener, von dem man mir bereits im Bungalow Wunderdinge erzählt hatte. Aber nach verschiedenen langweiligen Nummern und einer Pferbe- breffur, die nur deshalb beachtet wurdes weil eine dicke Indianerin (die bemerkt hatte, daß die Vferde gerade dort, wo sie faß, immer wendeten) bei jeder Runde ihre Hand ausstreckte, um dem Publikum zu zeigen daß die Tiere nicht dem Stallmeister gehorchten, sondern ihr, kamen erst die beiden Luftakrobaten noch einmal, diesmal als Jäger verkleidet, und