Ausgabe 
8.10.1927
 
Einzelbild herunterladen

Unterhaltungsbeilage znm Lietzener Anzeiger

I Organg <927 Samstag, den 8. Oktober" Kummer 80

Im HerbftrmnÄ.

Von Wilhelm von Scholz.

Hoch über mir in Wipfel greift der Wind. Herbstblattgestöber weht auf stillem Wege, Durch dunkle Stämme, die rings um mich sind Und starrend stehn, nur in den Kronen rege.

Schwebender, dichter fällt das Herbstlaub zu, Das weit -den Weg mit totem Sommer deckt Und rasch aufwirbelt über meinem Schuh, Wenn es mein Schritt aus rotem Schlummer weckt. Der Sturm der Wipfel wächst. Stimmen im Wind. Sie wehn verloren über mir im Rauschen, Wie totes Laub nur fällt es in mein Lauschen Ihr Laut fliegt durch die Wipfel fort im Wind.

Der Mondftrahl.

Von Ernst Zahn.

Ein Mondstrahl fiel in die Hütte.

Zwischen' den Tannen des jenseitigen Berges hindurchbrechend, traf er auf die nachtjchwarze Halde und zeichnete einen seidenhaften breiten Streifen in sie hinein, der über das Haus des Kasimir Schuler hinlief. Gerade über das schwarze Schindeldach. Ehe er aber die feuchten Schin­deln erreichte, splitterte, ein Glonzspietz von ihm ab und stach durch die kleinen Scheiben in die Schulerfch« Wohnstube hinein, so daß wie oben auf dein Dach hiev auch auf dem Fußboden ein Lichtstreisen lag.

Die Stube schien leer; denn sie war totenstill. Wenn einer lange drinnen stand, so konnten seine uns Dunkel sich gewöhnenden Augen die Geheimnisse der Ecken erwachen sehen, in welche das Mondlicht nicht hineinreichte. Auf den grüngrauen Ofen zündete dieses noch, und er stand protzig in die Stube hinaus, als ob er sich etwas auf die ihm geworden« Beleuchtung zugute tue. Wer der schwere, niedere Schrank duckte sich im Dunkel, und das Wandbüfett vermochte mit seinen Zinntellern und -bechern nicht großzutun, well sie in seiner Nischen Finsternis unsichtbar blieben. Dafür hatte der klein«, beinerne, gekreuzigte Heiland an der einen Wand eine eigene sanfte Helligkeit. Wo es in der Stube am dunkelsten war, stand vor der Wandbank und zwischen schweren Stabellen der spreiz­beinige Eichentisch mit dem Fußbrett, das an den vier Beinen befestigt war. Und wenn man lange genug in das Dunkel hineinsah, entdeckte man mich die Umrisse eines am Tisch schlafenden Menschen, Umrisse zuerst, dann eine schwere Gestalt, finster wie die Finsternis Über ihr. Die Arme lagen auf der Tischplatte und trugen den struppigen Kopf. Die eine Hand war versteckt, die andere lag aus der Tischplatte hingekrallt wie eine Raubtierklaue, graubraune Finger mit hornharten, schmutzigen Nägeln. Der Rücken war anzusehen wie ein Büsfelhöcker, einmal der Stärke der Schultern wegen, dann, weil er in einem braunzottigen Schas- wollrock steckte. Irgendwo unter den Armen hervor sah ein Stück groben rotbraunen Bartes.

Der Mensch schlief. Sein Atem war laut, und manchmal stöhnte er im Schlaf wie ein Tier.

Unhörbar spann das Mondlicht, scheinbar leblos und doch leise ruckend, so daß es nach einer Weile den protzigen Ofen verließ und sich an die braune Holztür schlich. Bon der Schwelle bis zum Bogen hob es sie aus dem Dunkel des Zimmers heraus. Die abgerissene Eisenklinke glänzte matt.

Jetzt kamen Stimmen draußen durch die Nacht, eine tiefe, rauhe und eine Helle, kräftige. Sie schienen noch nicht nafje, aber näher zu kommen und drangen in dm Schlaf dessen am Tisch. Er rührte sich schwerfällig, wie wenn ein großer, zottiger Hund vom Boden ausstehen will, und richtete sich, Re Anne noch immer auf den Tisch gefegt, empor. Noch war kein Licht über der Stelle, aber wessen Auge sich an die Finsternis gewöhnt, der hätte jetzt das Gesicht des Ambros Schuler, des Schläfers, sehen können. Er schien sich schwer aus der Dumpfheit seines Schlafes zu reihen. Seine Augen, taten sich mühsam auf und blickien glasig. Es waren eines Trinkers Augen, in treuen noch die halbe Betäubung eines Rausches vielleicht mehr als eines Schlafes lag. Das Gesicht hatte ein« saft rotbraune Farbe, als ob es feit Jahren und Jahren über die Ftannne einer Este gebeugt gewesen oder den Brand der Sonne auf Gletscher­schnee hätte erdulden müssen. Schwarzbraun war das rauhe, rollige Haupthaar, der Bart aber rötlich und verwahrlost. Ein furchtbarer und fürchtmachender Anblick war Ambros Schulers Gesicht in der Dunkelheit.

Der Ausdruck der glasigen Augen wechselte allmählich zu einem helleren, Verständnis verratenden. Dadurch bekamen die Augen Farbe, waren grau und groß.

Unten waren die beiden Stimmen bis ans Haus gelangt.

Ambros lauschte. Einmal machte er Miene, aufzustehen, dann lehnte «r sich nur mit dem Rücken an die Wand, die Arme aus der Mitt« des

Tisches mehr an den Rand gezogen, und starrte wie Wache haltend na» der Tür.

--Geh nur hi nein", sagt« draußen im Flur die Männersttmme, die vorher vor dem Hause geklungen hatte. Der Bauer Kastmir Schuler tagte es. Und er fügte hinzu:Vielleicht ist der Brosi drinnen. Fürchte dich dann nicht vor ihm."

Schuler sprach ruhig und gutmütig.

Der drinnen am Tisch stieß ein Schimpfwort durch die Zähne, als er feinen Namen hörte.

Jetzt ging die Tür auf.

Obwohl Brosi den Blick auf der Klinke hatte, sah er nicht, daß diese sich bewegt«, so still wurde sie niedergedrückt. Und di« Tür knarrte nicht, wahrend ft« von einer hageren Hand angelweit aufgeschoben wurde. Aber das Mondlicht füllte die Türöffnung. Es war fast, als ob es in diesem Augenblick an Leuchtkraft gewonnen hätte. Aus -der Schwelle stand ein Mädchen in einem hellen Kleide, während ein großes weißes Wolltuch chr um Kopf und Schultern geschlungen war. Das Licht mochte sie blenden Sie sah mit blassen Augen in die Stube und sagte mit leiser, etwas heiserer Stimme in den Flur zurück:Es ist niemand hier."

Dabei trat sie nicht ein, schien sich ein wenig zu fürchten und wartete augenscheinlich, daß man ihr folge. Sie knüpfte mit den farblosen Händen ?5' 1° kL65 von ihrem Kopf« auf die schmalen Schultern glitt. Nun tag dem Monde ein weißes, feines Gesicht srei und dünnes Haar, das in glatten, glänzenden Strähnen nicht lang in den Nacken fe :w??. °twas- was das Mädchen und das Mondlicht gemeinsam

hatten. Vielleicht -die Leisheit, vielleicht die müde Blässt. Endlich tat sie aus ihren festen, bäuerischen Schuhen einen Schritt ins Zimmer hinein und blickte in die Ecke, wo Brosi saß. Sie stutzte und blickte sich noch emmm um, um sich zu überzeugen, ob die anderen nicht kämen, dann schritt sie abermals vorwärts, die eckige Gestalt vorgeneigt, um besser sehen zu können.. Jetzt sprach sie, halb zaghaft, halb mit kindlichem Ver- trauen:Ich furchte mich nicht vor t>ir, wenn fie es auch gemeint fyaben.*

Bros- glotzte sie an wie eine Erscheinung. Es mußte Seltsames in ihm vorgchen. Vielleicht hielt er sie für ein Märchen, für einen Trug, den der Mond ihm vorgaukelte.

Guten Abend, Vetter Brosi", tönte ihre teste Stimme.

Nun stand er schwerfällig auf.

So will ich doch Licht machen", sagte er. Er sprach dumpf, schwer verständlich in seinen Bart hinein.

Bis di« Lampe, die an der Diele hing, brannte, kamen Kasimir Schuler und seine Schwester Maria, die als Witwe mit der Tochter aus Amerika heim in das Haus des Bruders kehrte, auch in die Stube nach. Brost stand im roten Lampenlicht, und fein brandrotes Gesicht verriet Verlegenheit.

Hast du geschlafen, daß du allein so im Dunkeln hockst?" fragte Kasimir, fein Vatersbruder.

Er murrte etwas, was wienein" klang, und reichte der Fvau Maria Schiffmann die Hand. Dann gab er sie auch Placido, dem Mädchen. Di« ihre war weder schmal noch fein, sondern eckig wie die ganzen Glieder, aber weiß wie Linnen, und in der großen braunen Tatze des Burschen lag sie als ein kunstreiches Spielzeug. Er hielt -sie auch, als ob sie brechen könnte. Mit scheuen Blicken, di« immer wieder sich verbargen und wieder» kamen, sah er Placido an, das Gesicht, die Gestalt.

Eine Magd kam herein, wurde begrüßt und deckte den Tisch. Um Brosi kümmerte sich augenblicklich niemand. So stand er noch eine Weile da und dort, und sein« Blicke suchten Placido. Er murmelte etwas vonIn den Stall gehen" und näherte sich der Tür. Aber noch einmal, ehe er ging, wendete er sich nach Placido um, als begriffe er etwas nicht.

Er ist wirklich fast zum Fürchten", fugte" Fron Mario, als er hin­aus war.

Ich hab« ihn nicht gefürchtet", erwiderte mit ihrer testen, heiseren Stimme ihre Tochter.

Sie sahen jetzt alle am Tisch.

Er ist, wie der Bruder Christoph gewesen ist", sagte Kasimir Schuler vevdrofstn.Wie hätte er anders werden können?"

So schlimm?", fragte die Schwester!

Wenn er so fortfährt, kann er es noch weiter bringen", fuhr Schnier fort und strich den schönen schwarzen Bart.Vom Vater hat er das ver­dammte Trinken gelernt. Kein Sonntag vergeht, daß er nicht mehr tut, als er vertragen kann, und er trinkt einen bösen Wein. Sie fürchten ihn im Dorf, wenn er abkommt. Dor mir freilich duckt er sich, roeü er es nicht leicht hätte, anderswo sein Brot zu finden."

Er ist wie ein Bär," sagte die stille, kleine tßtacitm.Ich habe einmal gelesen, daß ein Mädchen einem Bären begegnete, und daß sie sich sehr fürchtete, daß er aber vor ihr zahm war wie rin Hund, ihr ine Hand leckte und von ihr sich streicheln lieft."

Und so meinst du es mit dem Brosi zu machen?" tachte Schuler laut. . ..