- „Heute ist es Heraöe ein Jahr her/' sagte Wilhelm, „Satz ich dich zum erstenmal gesehen §abe.“
„Ja, Wilhelm," erwiderte das Mädchen, „ich stand hier und schnitt Blumen zu einem Strauße,"
„Lieber ein Jahr wirst du nicht mehr hier stehen, da bist du bei mir in Wöllstein."
Johanna legte ihre Hand in die des Verlobten.
„Ich gehe hin. wo du hingehst, Wilhelm, aber es tut mir doch leid, daß ick vom WieSberge fortgehen soll. Diese Aussicht habe ich nirgendwo mehr aus der ganzen Welt. Sieh nur, die Berge bis nach Kreuznach und bis zum Donnersberg liegen uns hier vor den Augen, und was ist es da so schön, wenn am Feierabend und am Sonntagmorgen dort drunten die Glocken lauten., Richt wahr, wir gehen doch, wenn wir verheiratet find, ost miteinander hierher?
„Johanna, ich werde in Kreuznach Lei dem Wagenbauer Konrad in der Kreuzstraße eine neue Chaise lausen, unser alter Rumpelkasten gefällt mir schon lange nicht mehr, da lachen ja die Buben, tocnn wir mit ihm durch eine Ortschaft fahren. Du sollst einmal sehen, wie schnell das geht, wenn ich unseren Braunen vor die Chaise spanne. Aber man meint beinahe, du gingest nicht gern mit mir in mein Elternhaus." , . v
„Bis an das Ende der Welt gehe ich mit dir, und ich freue mich so darauf, daß wir einmal ganz beisammen sind. Als ich dich vor einem Jahre zum ersten Wale sah, wußte ich gleich, daß wir für einander bestimmt seien." __ , . _ r
Die beiden traten in das Wohnzimmer, wo die Mutter un Sessel saß der Datei war mit den Söhnen auf dem Felde. Johanna holte eine Bäharbeit hervor und war fleißig, während sie mit der Mutter und dem Bräutigam sprach. Als man von Gaubickelheim die »eier= abendglocke hörte, kamen alle, die vom Gutshofe auf dem Heide gewesen waren, nach Hause. Die Mägde gingen mit dem Melkeimer in den Stall, die Pferde wurden losgeschirrt. Eberhard Dietz trat in das Wohnzimmer und sagte, daß man in einigen Tagen mit dem Heumachen beginnen könne.
Lieber den Höhen, die sich bei Kreuznach erheben, und den dahinter liegenden Hunsrückbergen, lag die Sonne als em roter Ball, im Begriffe, unterzugehen. Wilhelm nahm von seiner Braut Abschied, beide verabredeten, daß Johanna am nächsten Sonntage mit einem ihrer Brüder nach Wöllstein kommen solle, dann eilte der junge Mann den Berg hinunter. Johanna blieb stehen, bis er ihren Augen entschwand, das letzte, was sie von ihm sah, toar, daß er seinen Hut schwenkte, dann war er hinter Bäumen verschwunden. Bun war die Dämmerung gekommen, die Sonne war untergesunleu, aber heller Schein zeigte am westlichen Himmel noch die Stelle, wo sie hinter den Bergen zurückgegangen war. Froh und zufrieden trat das Mädchen in bas Elternhaus.
Am Samstag darauf war Johanna im Wohnzimmer mit Bügeln beschäftigt, sie dachte an den nächsten Tag, an dem sie wit ihrem Bräutigam zusammentreffen wollte, und sang leise vor sich hin. Da sah sie durch das geöffnete Fenster, daß zwei Männer auf, das Haus zuschritten. Als diese näher kamen, gewahrte sie, daß es der Peter Wolf und der Valentin Stumps, die Freunde ihres Bräutigams, waren. Beide waren sonntäglich ungezogen. Johanna nahm an, dah sie wieder in einer Angelegenheit ihres Gesangvereins unterwegs seien, nur wunderte sie sich, daß das an einem Wochentage, in einer Zeit, da die Feldarbeit drängte, geschah. Seltsam war es, daß die beiden nicht in das Wohnzimmer tarnen. Eine Weile wartete Johanna, dann wurde sie von einer unerklärlichen Unruhe befallen und trat in den Hof. Sie fah, wie die beiden Wöllsteiner bei ihrem Vater und ihren beiden Brüdern standen und zwar neben einem mit Klee beladenen Wagen und daß die fünf Männer ungemein ernst aussahen. Der Vater war blaß, er hielt seine kurze Pfeife in der Hand, rauchte aber nicht.
Johanna trat an die Gruppe heran und sagte: „Was ist denn mit euch, ihr macht ja so ängstliche Gesichter, es hat doch nicht bet Fvrbachs gebrannt."
Die Männer standen still, keiner gab eine Antwort.
„Hm Gvtteswillen, was ist denn passiert?" rief Johanna, „daß keiner von euch Antwort gibt!"
„Komm, Johanna, mit hinein in das Zimmer!" sagte der Vater und faßte Ne Tochter an der Hand.
Im Hausflur blieb Eberhard Dietz stehen und sagte tonlos: „Der Wilhelm ist krank."
„Der Wilhelm ist krank, er war doch vor ein paar Tagen noch frisch und munter?"
„Er ist heute vom Heuwagen gefallen."
„Hat et sich dabei Weh getan?“ fragte Johanna und zitterte an allen Gliedern.
„Jvhamia, faß dich, ich muß dir alles sagen. Der Wilhelm hat auf dem Heuwagen gesessen, als der Knecht von der Gasse her durch den Torbogen in den Hof fahren wollte. Zu spät sah er, daß der Wagen zu hoch beladen war, daß er kaum unter dem Tore, durchkonnte, da ließ er sich hinterrücks umfallen und lag platt auf dem Heu. Unter dem Tore lag eine mächtige Holzschwelle, da gab es, als die Pferde mächtig anzogen, einen Ruck nach oben, und dem Wilhelm ist die Brust eingedrückt worden."
„Ist er tot?" schrie Johanna in höchster Angst.
Der Vater konnte nichts sagen, er nickte nur mit dem Kopfe.
Da ging das Mädchen, ohne ein Wort zu sagen, in das Zimmer, nahm das Bügeleisen wieder in die Hand und fuhr mit der. Arbeit fort. Die Männer traten vom Hofe herein, unter
Tränen kn Sät Augen wollten Sie Freunde des Bräutigams der Braut zureden, die Eltern schluchzten, die Brüder rangen die Hände, Johanna sagte kein Wort, kümmerte sich um keinen Menschen. Sie nahm ein Wäschestück nach dem anderen aus dem Korb und bügelte eifrig weitet. Das ging eine halbe Stunde lang, auf einmal brach das Mädchen ohnmächtig zusammen.
Im Iahte 1924 sah das Land am Wiesberge noch genau so aus wie sechzig Jahre zuvor. Roch grünten die Felder, noch trugen die Reben Trauben und die Obstbäume Früchte, noch ging der Blick von dem Berge weit hinaus in das fruchtbare Land. Im Leben und Arbeiten des theinhefsischen Landmanns hatte fich freilich viel geändert. Er arbeitete jetzt mit Maschinen, besuchte, um seinen Blick zu erweitern, landwirtschaftliche Versammlungen, schickte seine Söhne auf landwirtschaftliche Schulen. Auf dem Hofgute, das auf dem Wiesberge liegt, war äußerlich kaum eine Veränderung vor- gekommen, umso größer waren die Veränderungen, die sich auf die Menschen bezogen. Aachdem Eberhard Dietz und seine Frau gestorben waren, war das Gut an den ältesten Sohn Konrad gekommen, der jüngere Sohn Ludwig hatte eine Frau aus Mölsheim bei Worms geheiratet und bewirtschaftete lange Jahrzehnte das Gut feines Schwiegervaters. Johanna Dietz war bei ihrem Drüber Konrad auf dem Hose geblieben. Sie hat den Schmerz um Een jähen Tod des Dräutigams nicht verwunden, man sah sie kaum lachen, still und in fich gekehrt ging sie ihren Weg. Es fehlte nicht an Bewerbern um ihre Hand, aber sie schlug alle ohne weiteres ab. Dem Bruder und seiner Familie war sie eine große Stütze. Da die Schwägerin kränklich war, so wurden die Reffen und Dichten eigentlich von der Tante Johanna erzogen. 3n jedem Jahre ging sie am Totensonntage nach dem Wöllsteiner Friedhöfe, auf dem ein Denkmal zur Erinnerung an die Veteranen aus den Dapvlevni- fchen Kriegen steht, und legte einen Kranz auf das Grab ihres Bräutigams. Das tat sie auch, als sie längst alt und ihr Haar schneeweiß war. Die Wöllsteiner Kinder kannten sie, sahen sie ehrerbietig an und sagten: „Das ist das alte Fräulein Dietz vom Wiesberger Hof."
Im Jahre 1912 übergab Konrad Dietz seinem ältesten vöyne das Gut und zog mit seiner Frau und seiner Schwester Johanna nach Darmstadt. Dort starben die beiden Ehegatten, bevor der Weltkrieg seinen Anfang nahm, und Johanna war nun allein in der Stadt. Dahrungsfvrgen hatte sie nicht, denn das Vermögen, das sie von den Eltern geerbt hatte, war recht erheblich und war in Staatspapieren angelegt, die pünktlich ihre Zinsen abwarfen. Als der Krieg begann, war Johanna dreiundsiebzig Jahre alt, sie verkehrte nur mit wenigen Familien, meist solchen, die sie von Rheinhessen her kannte, und beteiligte sich an der Tätigkeit der kirchlichen Vereine. Ihr Herz war durch das Leid, das sie in der Jugend betroffen hatte, nicht hart geworden, im Gegenteil, aus dem eigenen schmerzlichen Erleben heraus verstand sie den Schmerz derer, die in Deutschlands harter Zeit um den Ehegatten, Sohn oder Bruder klagten. Ab und zu kam jemand von den Reffen und Richten, um die alte Tante zu besuchen.
Als der Krieg zu Ende war und die große Vollsiwt über Deutschland kam, ging es Johanna Dietz wie Hunderttauseabm braver tüchtiger Familien, sie verlor alles, was Ne Eltern durch Jahrzehnte hindurch in zähem Fleiß und unter Entbehrungen erspart hatten. Sie wäre auf die Hilfe der Allgemeinheit angewiesen gewesen, wenn ihre Reffen und Dichten sie nicht treu unterstützt hätten. In jeder Woche kamen große Pakete mit Lebensmitteln aus Rheinhessen und Heberwcisungen durch die Darmstadter Bank.
Im Sommer des Jahres 1924 kam die Dreiundachtzigjährige zum Sterben. Da sie in ihrer Wohnung keine rechte Pflege hatte, so brachte man sie in ein Krankenhaus. Eine besondere Krankheit konnten die Aerzte nicht feststellen, sie sagten, es sei Altersschwache. Ruhig und gefaßt lag Johanna jetzt in ihrem Krankenzimmer. Eine große Freude war es ihr, daß eine der Krankenschwestern nun Wallerche im stammte und daß deren Großvater mit ihr m der Jugend bekannt gewesen war. Wenn die Schwester Zeit hatte, mußte sie an dem Bette der Altersschwachen fitzen und mit u)t von der Heimat reden. „ ,
An einem Morgen im Juni kam die Schwester zu der Patientin aus ihrer Heimat und fand sie merkwürdig lebhaft «m
,.Denken Sie nur einmal, Schwester," sagte die Alte, indem sich aufrichtete, „ich bin vorhin auf dem Wiesbevg gewesen, v-? habe im Garten vor dem Hause Blumen geschnitten, ach, so icho Rosen blühen dort, morgen kommt mein Bräutigam, der WNyeim Fvrbach, und da soll doch ein schöner Strauß auf dem Tisch steyen. In Wöllstein ist heute Sängerfest, ich habe die Musik gehört und U< Sänger haben so schön gesungen: Jetzt weih ich net, lebt m Schatz oder ist er tot. Hnd so schönes Wetter ist heute, die Som« scheint, und die Trauben auf dem Wiesberge blühen. Ich hme zweiundzwanzig Ortschaften gesehen, und die Glocken Haven schön geläutet. Jetzt wird gleich mein Vater kommen, die Dluriri sitzt in ihrem Lehnstuhl am Fenster, der wlll ich meinen Mumenitt:av bringen. Ich sehe nur noch einmal nach, ob unsere zwei Mägde uw die Stallarbeit richtig machen, dann gffje ich den Berg hinunter v Wilhelm entgegen." .. ,
Erschöpft sank Johanna Dietz in ihre Kissen Zurück sie ««n noch mancherlei, mehr und mehr aber verwirrteil sich ihre und verstummten schließlich. Ruhig atmend lag sie in ihrem -vei> als das Glockenspiel vom Schlosse her abends um acht Choral „Christus, der ist mein Leben" spielle, hatte das treue aufgehört zu schlagen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Bi ühl'sche Hniverf itäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen,


