zu der Ansicht, datz diese Störungen nur durch «inen noch unbekannten Planeten hervorgerufen werden könnten. Er berechnete daher nach den bekannten Gesetzmäßigkeiten aus diesen Llranus-Bahn- Abweichungen die mutmaßliche Stellung des unbekannten Planeten und sandte die Berechnung an Galle nach Berlin, der noch an demselben Abend ein kleines Sternchen an der berechneten Stelle fand, das bisher der Beobachtung entgangen war. Am nächsten Abend wurde eine Ortsveränderung dieses Sternes festgestellt. Es war also ein neuer Planet entdeckt worden, der Neptun, den der Mathenmtiker mit Hisse der bekannten Gesetzmäßigkeiten richtig voraus berechnet hatte.
Diese berühmte Planetenberechnung ist ein Beispiel dafür, daß es möglich ist, aus scheinbar geringfügigen Beobachtungen weit- Sehende Schlüsse zu ziehen, wenn die Gesetzmäßigkeiten genau bekannt sind. Aber nicht nur in der Astronomie, Physik und Chemie kann man auf diesem Wege neue Entdeckungen machen, auch die Zoologie, vor allem die P a l a i o z o o l o g i e, also die Lehre von den ausgestorbenen Tieren, benutzt diese Methode in ausgiebigem Maße. In dieser Hinsicht sind allgemein bekannt die Rekonstruktionen ausgestorbener Lebewesen, von denen wir ost nur wenige Knochenreste besitzen. Mancher wird sich Wohl schon gefragt haben, wie es überhaupt möglich ist, aus so unbedeutenden Lleber- resten, die oft nur aus einigen Zähnen bestehen, das ganze Tier zu rekonstruieren, ja seine Lebensweise abzulesen. Beruhen solche Rekonstruktionen nicht mehr auf Phantasie? Haben sie überhaupt noch etwas mit ernster Wissenschaft zu tun?
Ein verblüffendes Beispiel eines solchen „errechneten Tieres" ietgt indessen, daß dieser Zweig der Palaiozoologie durchaus ernst zu nehmen ist. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß alle Teile eines Tierkörpers untereinander gesetzmäßige Beziehungen aufweisen. daß die Gestalt und Größe jedes Knochens, ja eines jeden Zahnes ein Ausdruck seiner Leistung und seiner Stellung innerhalb des ganzen Organismus ist. Daher ist tatsächlich der Tierkörper auf Grund einiger charakteristischer Teile berechenbar, man kann sich von ihm ein Bild entwerfen, sofern man die gesetzmäßigen, Beziehungen, die ganz allgemein im Tierreich gelten, genau kennt, vo hatte der berühmt« Cuvier aus einigen kümmerlichen Zahnfunden den ganzen Körper eines Palaiotheriums berechnet und von ihm auch ein Bild gezeichnet, welches seine Vorstellungen von dem ausgestorbenen Tier wiedergab. Diese Abbildung hing lange unbeachtet in einem Pariser Museum, bis durch einen glücklichen Zufall das erste Skelett dieses Tieres gefunden wurde. Da erinnerte man sich an Cuviers Untersuchungen und das Bild und stellte mit großer lieberraschung fest, daß es in den wesentlichsten Zügen mit dem Skelettsimd übereinstimmte. Cuviers Berechnungen erwiesen sich also nachträglich als richtig. Dies ist natürlich ein glänzender Beweis für die Zuverlässigkeit der Methode.
Sn neuester Zeit ist nun wiederum eine Tiergruppe auf Grund kümmerlicher Fossilfunde berechnet und in allen Einzelheiten beschrieben worden. Und zwar sind es die sogen. Chirotherien aus der Zeit des Buntsandsteins, von welchen nur Fährten, also Abdrücke der Füße erhalten sind. Aus diesen Spuren hat Professor 6 o e rg e I in Tübingen nicht nur das Aussehen, die Größe, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tiergruppe Schritt für Schritt erschlossen, sondern er hat sogar ziemlich genaue Angaben über die Lebensweise der Tiere und ihre Stammesentwicklung machen kön- nen. Und das alles nur aus den Fußspuren, die die Tiere im tonigen Boden hinterlassen haben.
Ausfallenderweise haben die Hinterfüße viel größere und tiefere Spuren erzeugt, als die Borderfühe, die oft nur ganz flüchtig den Boden berührten. Di« Tiere gingen also zum Teil fast nur auf zwei Deinen. Aus den teilweise recht gut erhaltenen Spuren kann man die ungleiche Belastung, die auf Armen und Beinen ruhte, deutlich erkennen. Der Schwerpunkt des Körpers muß, dieser Lastenverteilung zufolge, hinter der Körper-Mitte gelegen haben: die Tiere besaßen daher zweifellos einen langen Schwanz. Die Arme waren kurz und schwach, die Deine dagegen kräftig und stark nach vorn eingeknickt, was sich in allen Einzelheiten aus den Spuren in Verbindung mit Beobachtungen von Fährten lebender Tiere errechnen läßt. Weiterhin deutet die Schmalheit der Spurbahn auf relativ hochbeinige Tiere hin, die z. T. bedeutende Körperlängen erreichten. Diese Länge läßt sich mit ziemlich großer Genauigkeit aus dem Abstand der Spuren und vielen anderen feinen Einzelheiten berechnen. Die größten Arten waren darnach 4 bis 8 Meter lang, einschließlich des Schwanzes. Die geringe Belastung der Arme: die sich aus dem schwachen Eindruck in den Weichen Tonboden erschließen läßt, deutet auf einen kleinen Kopf und leichten Hals, andere Merkmale der Fährten beweisen, daß die Tiere einen schlanken, gestreckten Rumpf besahen. Die starke De- krallung, die gut nachweisbar ist, läßt aus die Lebensweise schließen. Die Chirotherien waren sicher Raubtiere, die von zahllosen kleinen Reptilien lebten, deren Fährten ebenfalls erhalten sind. Ferner zeigen die Krallen und gelegentlich auch deutliche Haut- abdrücke, daß die Chirotherien selber Reptilien waren. Sie haben offenbar auch nach Reptilienart ihre Eier im Boden verscharrt, wie
eine gut erhaltene Scharrspur zeigt. Durch Dergleichen des zahlreich vorliegenden Materials konnten die genaue Zahl und Lage der Knochen in den Füßen bestimmt und daraus wieder andere Merkmale des Skeletts berechnet werden, so datz uns heute diese Tiere recht genau bekannt sind, obwohl von ihnen mxh nicht ein einziges Knochenstück aufgefunden worden ist. Weitere Einzelheiten lassen erkennen, datz sich die Chirotherien, von denen bisher zehn verschiedene Arten unterschieden werden, wahrscheinlich aus Vorfahren entwickelt haben, die in den Bäumen umherkletterten. Professor Soergel ist es also gelungen, uns ein gutes Bild von den merkwürdigen Tieren zu entwerfen. Sollten wirklich noch einmal Skeletteile ausgefunden werden, was ja immerhin möglich ist, dann wird es sich zeigen, ob er in seinen Berechnungen und Rekonstruktionen genau so glücklich gewesen ist, wie der große Cuvier. Daß übrigens die Fährtenkunde oder „Jchnologie" ein sehr wichtiger Teil der Zoologie ist, beweist schon die Tatsache, datz uns aus vielen geologischen Schichten mehr Tierarten nur durch ihre Fährten bekannt sind, als durch Knochenreste. Aus dem Kieselsandstein des württembergischen Keupers beispielsweise hat man solche Skelettreste nur von einer Reptilienart gefunden, während von fünfzehn Arten die Fährten bekannt sind. Das Fährtenmaterial ist also durchaus geeignet, unsere Kenntnisse von der ausgestorbenen Tierwelt ganz beträchtlich zu erweitern.
Die Lebensschickrsale der Johanna Dietz.
Von Heinrich BechtolsHeimer.
(Schluß.)
Am nächsten Morgen nahm sie Abschied von ihren freundlichen Gastgebern; denn sie konnte nicht länger zu Hause entbehrt werden. Wilbelm gab nicht zu, daß sie zu Fuß nach Hause gehe, er zog die alte, kleine Chaise aus dem Schuppen, machte sie notdürftig zurecht und spannte ein Pferd davor. Der junge Mann saß auf dem Bocke, das Mädchen in der Chaise, deren Dach zurückgeschlagen war. Das Pferd, das viele Wochen hindurch von früh bis spät eingespannt gewesen war, war nicht mutwillig, es ließ sich leicht regieren. So konnte Wilhelm vom Bocke aus oft zurück in den Wagen schauen und mit Johanna sprechen. Im hellen Sonnenschein fuhren die beiden durch das blühende Land, wohl war das Getreide noch grün, aber es war schon stark in die Höhe geschossen, die Bäume am Straßenrand zeigten schon Früchte, Feldhasen, die jetzt keiner Verfolgung ausgesetzt waren, huschten über die Straße und durch die Ackerfurchen, hohes Gras stand im Straßengraben, frischer Dust wehte über die Felder. Das Pferd zeigte gar keine Neigung zur Eile, und der Lenker des Fuhrwerkes gab sich nicht die geringste Mühe, es zur Eile anzutreiben. Die beiden jungen Menschen, die auf der schnurgeraden, ebenen Landstraße dahinfuhren, sprachen von dem Sänger- feste, das hinter ihnen lag, von dem Wachstum der Felder, die sich vor ihnen ausbreiteten, und wußten nicht, daß sie auf dieser Fahrt das Glück in den Händen hatten. Am Nachmittag mähte Wilhelm Klee, und es war ihm, als ob ihm diese Arbeit noch nie so gut von der Hand gegangen wäre.
Seit diesem Tage kamen die beiden, so oft es nur die Arbeit erlaubte, zusammen, an manchem Sonntag stieg Wilhelm von Gaubickelheim aus den Wiesberg hinauf. Dann faß er mit Johanna und ihren Eltern im Wohnzimmer und schaute durch die geöffneten Fenster hinaus in das weite Land. Anfang Oktober war der Wöllsteiner Jahrmarkt, zu dem Johanna mit ihrem Vater erschien, und als im Dezember der Schnee lag, ging die Anzeige, daß sich Johanna Dietz auf dem Wies- berger Hofe und Wilhelm Forbach in Wöllstein miteinander verlobt hätten, in Briefbogenformat und in zierlicher Schrift hinaus in die Welt.
♦
Ruhig, wie seither, floh das Leben auf dem Wiesberger Hof dahin. Der Besitzer des Hofes leitete alles mit .Umsicht und Ruhe, Knechte und Taglöhner gehorchten ihm, weil sie ihm vertrauten. Als man im Frühjahr 1864 die Sommerfrucht säte, kam aus dem deutschen Rorden die Kunde von kriegerischen Ereignissen. Man hörte von dem Sturm der Preußen auf die Düppeler Schanzen, man bedauerte die Menschen, die hierbei den Tod gefunden hatten, kümmerte sich aber nicht weiter um die Händel der Welt. 3m Herbst, wenn man die Feldfrüchte eingebracht haben und wenn die Traubenlese vorüber fein würde, sollte die Hochzeit der Tochter des Hauses sein. Es war nicht nötig, die Ausstattung in aller Eile zu beschaffen; denn sie war schon seit Jahren fertig. Die Mutter und die vor einigen Jahren verstorbene Großmutter hatten an den Winterabenden eifrig gesponnen, 3ohanna hatte viele Abende mit Nähen zugebracht, nun lag alles fertig in den Schränken, schön verziert mit blauen und roten Bändern. Mobiliar war genug im Hause, feste, solide Ware, zum Teil kunstvoll hergerichtet und noch aus der Altväter Zeit stammend. 3n mancher stillen Stunde sah Johanna nach ihren Sachen, wischte Staub von den schweren Schränken, strich lickevoll über das Weißzeug und dachte in froher Hoffnung an die Zukunft. . __
An einem Sunitage hatte Wilhelm Forbach in Drage» Weinbergs pfähle geholt, von Gaubickelheim aus lieh er den Knecht allein nach Hause fahren und stieg den Wiesberg hinan. Schon von weitem sah er, daß Johanna im Vorgarten weilte, da lieh er einen tauten Suchens erschallen, schwenkte den Hut und sah bald, datz die Braut ihm mit der Hand winkte. Sohanna war gerade daran gewesen, die Pflanzen zu begießen; denn es war ein heißer Tag und es hatte lange Zeit nicht mehr geregnet.
Eine Weile stand das Brautpaar im ©arten.


