Ausgabe 
8.3.1927
 
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Gießener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzsner Anzeiger

Jahrgang <927

Dienstag, den 8. März

Nummer Z9

Linser literarisches Preisausschreiben.

Wir bringen in der Heutigen Dummer die Aufgaben V und VI unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig auf die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen.

Die Aufgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Sämtliche zwölf Lösungen find gemeinsam in der Zeit vom 20. bis 26. März einzureichen.

V.

Ich habe mir schon manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehen. Ja, wer das halten könnte! Alle Tage unterlieg' ich der Ber-- suchung und verspreche mir heilig: morgen willst du einmal weg­bleiben ; und wenn der Morgen kommt, finde ich doch wieder eine unwiderstehliche Ursache, und ehe ich mich's versehe, bin ich bei ihr. Entweder sie hat des Abends gesagt:Sie kommen doch morgen?" Wer könnte da wegbleiben? Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich, ihr selbst die Antwort zu bringen: oder der Tag ist gar zu schön, ich gehe nach Wahlheim, und wenn ich nun da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu ihr! Ich bin zu nahe in der Atmosphäre Zuck! so bin ich dort. Meine Großmutter hatte ein Märchen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu nahe kamen, wurden auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den übereinander stürzenden Brettern.

O! Glücklich, wer noch hoffen kann.

Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! Was man nicht weih, das eben brauchte man. Und was man weih, kann man nicht brauchen. Doch lah uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern! Betrachte, wie in Abendsonneglut Die grünumgeb'nen Hütten schimmern.

Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt, Dort eilt sie hin und fördert neues Leben. O, daß kein Flügel mich vom Boden hebt, Ihr nach- und immer nachzustreben!

Ich säh' im ewigen Abendstrahl Die stille Welt zu meinen Füßen, Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal, Den Silberbach in gold'ne Ströme fliehen. Dicht heinmte dann den göttergleichen Lauf Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten:

Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten

Vor den erstaunten Augen auf.

Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken:

Allein der neue Trieb erwacht,

Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken,

Vor mir den Tag, und hinter mir die Dachl ....

VI.

Durch Bäume dringt ein leiser Ton, Die Fluten hört man rauschen schon, Da zieht er her die breite Bahn, Ein altes Städtlein hängt daran.

Mit Türmen, Linden, Burg und Tor, Mit Dathaus, Markt und Kirchenchor;

So schwimmt denn auf dem grünen Dhein

Der goldne Dachmittag herein.

2m Erkerhäuschen den Dechant

Sieht man, den Römer in der Hand, Lind über ihm sehr stille steht Das Fähnlein, da kein Lüftchen geht.

Wie still! Dur auf der Klvsterau

Keift fernhin eine alte Frau;

3m kühlen Schatten neben dran

Dumpf dvnnerts auf der Kegelbahn.

Diese Bedingung machte das Iungfräulein stutzig und sie sagte: Also gänzlich müßte sie auf das Tanzen verzichten? Und sie zwei- ; feite, ob denn auch im Himmel wirklich getanzt würde? Denn alles habe seine Zeit; dieser Erdboden schiene ihr gut und zweckdienlich, um darauf zu tanzen, folglich würde der Himmel wohl andere Eigenschaften haben, ansonst ja der Tod ein überflüssiges Ding j wäre.

Allein David setzte ihr auseinander, wie sehr sie in Liefer > Beziehung im Irrtum sei, und bewies ihr durch viele Bibelstellen, sowie durch sein eigenes Beispiel, dah bas Tanzen allerdings eine geheiligte Beschäftigung für Selige sei. Jetzt aber erfordere es einen raschen Entschluß, ja oder nein, ob sie durch zeitliche Entsagung zur ewigen Freude eingehen wolle oder nicht: wolle sie nicht, so gehe er weiter, denn man habe im Himmel noch einige Tänzerinnen von nöten.

Karl Haider, der bayerische Maler.

Bon M. L e r d i n g.

Wir erlebe» es immer wieder, dah nicht die Gegenwart den Wert einer Künstlerpersönlichkeit, die Bedeutung ihres Schaffens bestimmt. Daß vielmehr erst Jahrzehnte, lvenn nicht Jahrhunderte vergehen, bis das Bleibende die ganze Kraft seiner Wirkung auf die Menschheit ent­falten kann. Alles Aeußerliche, die Sinne oberflächlich Blendende hat dann seine ephemere Kraft verloren; es ist zurückgedämmt in den Um­fang, der ihm geziemt, sein Schreien ist verhallt vor den ernsten, tiefen Tönen der Ewigkeit, die wie in aller Natur auch in aller echten Kunst steckt. Ja, wir erleben sogar dies: daß alle Kunst unserer Zeit, die einen schnellen, lauten Ruhm erntet, so schnell wieder im Strom der Dinge untergeht, wie sie vom Strudel emporgerissen war; dah sie eben nur jenes Aeußerliche, die Sinne oberflächlich Blendende in sich trug. Täu­schung war hier also auch der NameKunst" für etwas, wasMode" heißen sollte. Liegt doch das Wesen der Mode auch in all denIsmen", bie ob nun Tagesmoden wie Kubismus und Dadaismus, ob Saison­moden wie Impressionismus und Expressionismus früher oder später von ihrem jeweiligen Gegenteil abgelöst werden wie Schuhformen, Rock­längen oder Kragenschnitte. Nein, mit Kunst im wahren, einzigen, heiligen Sinn hat all das nichts zu tun. Und weil die Ismen blühen, weil mit Mode viel Geschäft zu machen ist, hat die Kunst in unseren Tagen eine Zeit der Verkennung und der königlichen Einsamkeit. Das sprichwörtliche

Künstlerschicksal des Unverstandenbleibens, des Verhungerns, während Schmarotzer im Reich der Kunst mit Gold überschüttet werden immer kehrt es wieder, und von wenigen glücküchen Ausnahmen abgesehen, scheint es geradezu die unabwendbare Bestimmung der Berufenen. Liegt dieses Fatum denn im Wesen der Kunst oder des Künstlers? möchte man fragen. Die Antwort darauf mühte sein: Nicht die Gebenden bestimmen es, sondern die Empfangenden. And bezeichnend ist es zumal für solche Zeitläufte, in denen alles Tun und Lassen auf Mechanisierung des ganzen Lebensbetriebes, auf Oberflächenhaftigkeit der Eindrücke und Aeußerlichkeit des Geniehens eingestellt ist. Für Menschen, deren Lebens­tempo durch das Rafftnement moderner Technik bestimmt wird, bleibt der ruhende Ewigkeitsbegriff, der die Kunst hält und trägt, ein ungeheuer Fremdes. Daß dessen treueste Hüter und Verkünder erst untergehen müssen, ehe ihr Ruhm Goldschätze in Bewegung setzt, nimmt man achsel­zuckend als das Los des Sonderlings. Man will es nicht begreifen, daß Kunst nicht ein Amt ist, das mit geeigneten Persönlichkeiten besetzt wird, sondern dah umgekehrt die begnadete Persönlichkeit in der Kunst sich ausdrückt, ausgibt, verschenkt. Und gerade ihre Einmaligkeit ist der Widerschein der Ewigkeit.

Wie jede Kunst bringt auch die Malerei nicht allzuoft einen jener Großen hervor, die das Gesetz der Ewigkeit so stark in sich tragen, daß sie, dem Streit der Richtungen und Meinungen entrückt, die Jahrhun- beete in »»geschwächter Kraft ihrer Wirkung überdauern. Wenn wir unter unseren Zeitgenossen drei Namen nennen: Arnold Böcklin,