Ausgabe 
8.2.1927
 
Einzelbild herunterladen

Die Geschichte des Prinzen Alexius.

Von Albert H. Rausch.

(Fortsetzung.)

Herr!" unterbrach die Witwe mit einem sorgenvollen Blick: Fragt nicht mich, ob es wahr sei, was man sagt. Ich weih es nicht! Geht zu dem Alten, der den Abend in seinem Zimmer ver­bringt und forscht ihn aus. Mir selbst kann es nur lieb sein, wenn endlich diese Ungewißheit ein Ende nimmt und wieder Ruhe und Frieden in dieses aufgestörte Haus einkehren."

Mkephoros hatte sich vom Diwan erhoben und sah dem Richter ins Antlitz.

Seid mir gegrüßt, Rikephoros!"

Gott segne Euren Eintritt und sei mit Euch, Erlauchter Herr."

Ich bin der Oberrichter Claudius und komme aus Befehl des großen Königs, um Euch zu befragen, ob es wahr ist, daß Euer Herr der Prinz Alexius ist, des verstorbenen Komnenen Emanuel einziger Sohn."

Es ist so, Herr. Aber geruht doch, Euch auf diesen Diwan niederzusehen, damit ich Euch in wenig Worten das Schicksal des

Die für das Schiffsvolk bestimmten Lebensmittel hat man mit der größten Sorgfalt ausgewählt. Gedörrtes Rind-, Schwein-, Kalb- und Hammelfleisch, so wie auch Gemüse, sind in blechernen Büchsen verwahrt. Außerdem 2000 Pfund Pemmicau, eine Art Dörrfleisch, das an einem Feuer von Eichen- und Ulmen- (Rusten-) Holz gedörrt wurde, bey welcher Operation man 6 Pfund des besten Ochsensleisches bis auf 1 Pfund Ge­wicht eindörrt. Man zeigt an Bord Proben von diesem Pemmicau. Man beabsichtigt, sich dessen, mit Zwiebackpulver vermischt, zu bedienen, wenn man das Schiff bey den Spitzbergen verlaßen und auf Kähnen die Reiss weiter fortsetzen wird. Die Stärke des Rhums ist auf 55 Grad über die gewöhnliche Probe rektifiziert.

Das Schiff ist durch starke eiserne Knie vorn und hinten gesichert. Es ist ganz mit 3 Zoll dickem Korkholz überklsidet, um die Mannschaft gegen Kälte und Feuchtigkeit zu schützen. Eiserne Röhren, von halb-zylindrischer Form, bringen warme Luft in alle Teile des Schiffes; sie gehen von einem unter dem Verdeck angebrachten Ofen aus, und geben nicht nur allen Offizieren, sondern dem Schifssvolke auch Licht. Sie sind dergestalt ein­gerichtet, daß sie durch Ventilators ersetzt werden können, die bestimmt sind, die Lust im Schiffe zu erneuern. Die Borde (Bohlen) des Obern Verdecks find nicht der Länge nach, wie es üblich ist, sondern diagonal- förmig angebracht, um ihre Widerstandsftärke zu vermehren. Eine Spille (Schifswinde) in einer senkrechten Lage, mit 3 Multiplikationsrädern, steht zwischen dem großen Maste und dem Fockmaste; eine andere Horizontal- Spills steht am Vorüertheil des Bugspriets. Dis Einrichtung der ersten Spille ist neu erfunden. Niemals hat ein Schiff mehr Kommlichkeiten (comforts) für das Schiffsvolk vereinigt; die Betten, die Tische sind mit tadelloser Sorgfalt geordnet. Je zwey Matrosen haben eine große, in Form eines Lehnstuhls gemachte Kiste, die numeriert ist und so ihnen auch als Sitz dient. Die Tische sind mit grüner Sarsche.belegt. Man findet überall im Zwischenverdeck Licht, Eleganz und gesunde Luft. Zwey Lehn­stühle, vier Pumpen, drey Compasse und fünf Kähne stehen auf dem Verdecke. Drey Kähne, die auch als Schlitten, um über das Eis zu kommen, gebraucht werden können, sind fosben von Woolwich auf dem Hekla angelangt. Um den großen Mast herum ist ein Haufen von Piken, bestimmt, die Eisbären und andere beriet) unwillkommene Gäste ab­zutreiben.

Das große Zimmer des Kapitäns Parry enthält eine vortreffliche Bibliothek und eine große Auswahl von Kleidern, Pelzwerk und anderen Ausrüstungen, für das kalte Klima berechnet, unter dem man reifen fall. Pelzkamifole, von den Eskimaux fabrizierte Leibröcke, Pantallons, in großer Verschiedenheit mit Pelzwerk gefütterte Stiefeln, einige mit Wolfs­und Bärenfellen überzogen, die einen, um sie bey Tag, die andern, um sie bey Nacht zu tragen, wenn man auf dem Eise schläft; Mützen, die mit außerordentlich weichem Schwanenflaum gefüttert sind (mehrere wurden von Weibern der Eskimaux, andere von Londoner Pelz-Händlern ver­fertigt); kanadische vier Fuß lange Schlitt-Schuhe, um über den Schnee zu gehen; aus Därmen gemachte Netze, gazene Gesichts-Verwahrer in Brillenform, aber konvex und zwey Zoll breit, um die Schläfe und Backe zu umgeben, jedoch so, daß die Nasenlöcher und der Mund unbedeckt bleiben, weil der verschlossene Odem bald in eine Eismasse würde ver­dichtet werden.

In dem Zimmer des Kapitäns Parry ist das Porträt feiner Frau und unter ihm das feiner Mutier aufgehängt. Das große Zimmer und die Offiziers-Kabinette bieten alle Bequemlichkeiten bar, die ein fo kleiner Platz gestattete.

Die Eisanker sind hierin von dem gewöhnlichen Anker ganz ver­schieden, daß sie nur eine Ankerfliege (Haken) haben. Die Eiskähne, wenn man mit ihnen über das Meer fährt, find mit drey großen Rädern vom nämlichen Umfang wie Wagenräder versehen, wovon das eine vorn an­gebracht ist, um als Steuer zu dienen; sie haben eine 4 Schuh lange Deichsel und können von Rennthieren, ober in Ermangelung dieser von Matrosen gezogen werden. Zur Fahrt im Wasser sind die Eiskähne mit 10 ober 12 Rudern versehen; auch sind Löcher angebracht, um Taue an- knüpfen und den Kahn auf die eine oder andere Seite anholen zu können. Der Boden ist schwarz bemalt, mit einem weißen Streifen, das Innere grün. - Diese Ciskähne sind von beträchtlicher Länge.

Der Hekla ist außerdem reichlich versehen mit jeder Art von Takelwerk, Instrumenten usw.; allein ein feiner Segler ist er nicht, und auf der letzten Reise hat er niemals mehr als acht (englische) Meilen in einer Stunde zurückgelegt.--

Wie lächelt man heute über diese naive und umständliche Ausrüstung, und doch waren Unternehmer und Mannschaft ebenso voll Vertrauen, Mut und Todesverachtung, wie die heutigen Forschungsreisenden. Ob das Schiff glücklich wieder heimgekehrt ist, habe ich nicht in Erfahrung bringen können.

unglücklichen Knaben erzählen kann. Ihr wißt, daß der Kaiser Emanue» mit der Prinzessin Maria von Antiochien vermählt war und einen Sohn mit ihr hatte, der den Ramen Alexius trug. Der Kaiser war ein kluger Herrscher und wie kein zweiter dazu berufen, den Platz auszufüllen, den ihm Gott zugeteilt hatte. Er war aus dem Geschlecht der Komnenen was soll ich mehr sagen? Die Kaiserin aber so schmerzlich es mir auch ist, die Wahrheit zu bekennen war eine Buhlerin und hatte schon zu Lebzeiten ihres Gemahls ihre Geliebten, deren letzter der Protosebastus war. Mütter­liche Gefühle kannte sie nicht. Vie kümmerte sich nie um ihren Sohn, der einsam und freudlos aufwuchs, ja nicht einmal im Paläste, den seine Eltern bewohnten, sondern in einem entlegenen Schlosset am Goldnen Horn, wohin der Kaiser nur selten, die Kaiserin aber niemals kam. Ich war ihm zum Wärter bestellt und durfte ihn niemals verlassen, nicht bei Tag und nicht bei Rächt. Ich lehrte ihn lesen und schreiben, und blieb auch dann in seiner Rahe, als er von anderen, gelehrten Männern unterrichtet wurde. Manchmal wurden wir in die Stadt gerufen, wenn Feste ober Prozessionen stattsanden, kehrten aber meistens wieder rasch in unser stilles Schloß zurück. Da erreichte uns eines Tages die Kunde vom Tode des Kaisers. Ich wollte unverzüglich mit dem Knaben in Byzanz landen und den Erben des großen Verstorbenen in die Hofburg geleiten, wo fortan sein Platz war. Er hatte noch nicht das fünf­zehnte 2ahr erreicht, war aber von so fürstlicher Art, daß gar kein Zweifel bestehen konnte, er werde trotz seiner Jugend mit Wurde die Ausgabe erfüllen, die ihm vom Schicksal zufiel. Aber siehe: es kam ein Befehl der Kaiserin, im Schlosse zu bleiben. Die Sicher­heit des Staates erheische es, daß sie entgegen ihrem Gelübde, nach dem Tode des Kaisers in ein Kloster zu gehen so lange für ihren unmündigen Sohn die Herrschaft führe, bis dieser selbst dazu fähig und reif sei. Dies alles aber war nur ein Vorwand, den sie gebrauchte, um ihrem Geliebten, dem Protesebastus, zu noch größerem Einfluß zu verhelfen und den eignen Sohn im Dunkel zu halten. Ja, es liefen sogar damals Gerüchte um, der Protosebastus trachte dem Kind nach dem Leben, um selbst die Herrschaft an sich zu reißen. Ihr erratet die Angst, in der ich lebte. Dem Knaben ver­schwieg ich dies alles, um sein Herz nicht mit Schrecken zu erfüllen, die er ach noch früh genug an sich erfahren sollte. Denn seht: Als nun unter dem Regimente des Protosebastus Verwirrung einritz und alle Verbrechen sich häuften, als das Volk über die Zuchtlofigkeit der Kaiserin und den Bruch ihres Gelübdes unwillig wurde, erhob sich ein Aufstand, und viele Tausende forderten, daß man den mäch­tigen und kriegerischen Prinzen Andronikus, der einer Seitenlinie des komnenischen Hauses angehörte, aus seiner Statthalterschaft Paphiagonien herbeihole und ihm die Vormundschaft über den jungen Prinzen Alexius übertrage. Dies geschah auch durch eine glänzende Botschaft der Stadtobersten, und Andronikus rückte mit seinem Heere heran.

Ich selber weilte um diefe Zeit mit dem Prinzen in einem Seiten­flügel der Hofburg, da wir kurz vor dem Eintritt dieser Ereignisse an einer großen Prozession teilgenommen hatten, und konnte nicht daran denken, bei der allgemeinen Verwirrung aus das Land zurück­zukehren. Ich verlieh meinen Herrn keinen Augenblick und wartete voll Angst auf die Dinge, die sich ereignen würden. Die Kaiserin, von Wut und Rache angestachelt und ihres römisch-katholischen Glaubens gedenk, rief die lateinischen Kreuzfahrer zu Hilfe in die Stadt. Ein furchtbares Morden begann zwischen den Parteien, aber Andronikus und die Seinen blieben Sieger. Der Palast wurde ge­stürmt, der Protosebastus geblendet, die Kaiserin in den Kerker geworsen und kurzerhand erdrosselt. Ich hörte dies alles natürlich erst später, denn wir selbst im Seitenflügel waren von jeder Mög­lichkeit. die Wahrheit zu erfahren, abgeschnitten: entfliehen konnten wir nicht, das Schloß war rings von dreifachen Posten umstellt, und auf das Gerede von Sklaven und Mägden zu hören, war niemals meine Art.

Schon sank die zweite, lange Rächt der Ungewißheit. Der Prinz hatte sich zur Ruhe gelegt. Ich betete noch im ersten Vorzimmer beim Schein einer Kerze vor dem Bildnis der Heiligen Anastasia, die meine Schutzherrin ist. Plötzlich kamen Schritte den Gang herauf, ein Schein von Fackellichtern fiel durch die Spalten der Vorhänge, Stimmen wurden wach: Im selben Augenblick wurden schon die Seidengewebe zurückgerissen, rohe Gesichter erschienen im Rahmen der Türe, und mitten unter ihnen der Kaiser."

Der Kaiser sagt Ihr? Andronikus?" fragte erregt der Richter, Andronikus!... Ich warf mich auf die Knie und berührte die Stirne mit dem Boden. Steh auf, befahl er mir mit ruhiger, kalter Stimme. Man sagte mir, du hütest den Prinzen wie ein kleines Lamm, den Sohn einer Hure und Meineidigen? Ich bin dir Dank dafür schuldig, daß du ihn solange gehütet hast als er mir nützlich war. Deswegen magst du leben: Doch morgen früh verlange ich den Kops des Knaben vor mir zu sehen, vom Rumpse getrennt und du selbst sollst ihn mir bringen. Wo nicht, trifft dich mit ihm zunächst Vlendung und dann Tod am Kreuz."

Damit verschwand er, zwei Männer als Wache vor der Türe lassend.

Ich konnte mich nicht rühren. Von meiner Stirne sanken schtvere, kalte Tropfen auf den Teppich, meine Zähne schlugen ohne Unterlaß aufeinander. Dann fiel ich auf die Fliesen.

Plötzlich fühlte ich, wie jemand mich berührte, wie eine Hand über mein Haar fuhr. Ich wachte auf und vor mir stand der eine Wächter, ein junger Mensch von freundlichem Aussehen.

Armer Mann," sagte er in schlechtem Griechisch,kommt zu Euch! Mich jammert Euer Jammer!"

Wer seid Ihr?" frug ich leise,daß Ihr noch ein fühlendes Herz in dieser Stadt der Greuel habt?"

Ich bin ein Franke, ein Söldner der Palastwache."