Ausgabe 
8.2.1927
 
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erweckung und Erhebung trotz allem vorhanden wäre. Möglich, daß dann auch ein Mann erstünde, dem das Kampsgelöse die Ohren noch nicht ganz betäubt hätte, so datz er durch all den ntionalen Radau hindurch in die Urgründe der Vergangenheit hinabzusehen vermöchte, oder dem so scharfe Augen gegeben wären, daß er durch die Geschlechterreihen bis aus den Grund hinab sähe und den geheimnisvollen Urkeim der Volkseigenart aussände. Sigrid Unsets Geist erwacht, Kristin Laorans Tochter steigt aus der Vergangenheit herauf. Kinck hat die Bahn gebrochen.

Als Erster steht Kinck gegen eine Zeit und eine {djeinbar festgefügte Gesellschaft, die den einzelnen nur in seinem Verhältnis zur Gesellschafts­ordnung begreifen will, und stürzt er, die soziale Ordnung dafür haftbar macht. Den sozialen Horizont schlug er in Stücke, wir hören es unheimlich klirren. Den kosmopolitischen Schleiernebel zerriß er. Wies auf das Hand­greifliche, das Ich in feiner unergründlichen Tiefe und auf feinen Hinter­grund, das Nationale. Einen aristokratischen Anarchisten hat man ihn genannt. Er war kein Bohemien.

In Kinck lebt der Gegensatz, das Paradox. Er ist der einzelne. Zu dem oben geschilderten Spiel, zwischen dem Variablen und Konstanten tritt noch ein Zweites, das zwischen dem Romantiker und dem Klassiker.

Erling Jaerv streift durch die Galerien Roms.So hatte er wenigstens einen Ort, sich aufzuhalten. Hier bei diesen großen Meistern, die den Mut gehabt hatten, ihre Liebe zu Ende zu führen, es war, als fielen ihm hier drin in den Sälen die Schuppen von den Augen als löste sich drin in feiner Brust noch ein glänzender Tropfen edlen Metalls von dem Haufen Schlacken los, den er feine Seele nannte: ob nicht im tiefsten Grunde es dieser Mut bei den Meistern war, der es hier in den Sälen so still machte dieser Mut, seine Liebe zu Ende zu führen?"

Ein Mensch ohne inneren Gegensatz, in dem nicht diezwei Welten" zufammenstoßen, ist für Kinck kein Mensch, sondern ein Tier. So aus­geprägt ist das bei ihm, daß der Klassiker in ihm in bitterer Satire über den Romantiker in ihm herfallen kann. Doch wenn die Reflexion auf das »e in ihm stößt, so erscheint die Schönheit um so herrlicher, je dunkler atergrund ist, auf dcm sie sichtbar wird.

Wer an den großen Leuchttürmen vorbeigereist ist, hat ihn vielleicht gesehen: weit draußen auf der äußersten weißen Schäre sitzt bisweilen ein einsamer großer Vogel und ruht sich aus und blickt übers Meer: er sitzt meist tief unten am Rand des Wassers. Man wird sich nicht darüber klar, was das für ein Vogel ist, ob es ein alter Adler oder ein Reiher ist es ist wohl möglich, daß es keines von beiden ist: denn es ist nur etwas Einsames, das man gesehen hat . . . und niemand denkt, vielleicht war es ein großer Erotiker, dessen Leben, wie das Leben alles Lebenden, Liebe war! Daß ein keck schlagendes Flügelspiel und sein Weibchen für ihn das Leben gewesen war. In irgendeinem unbegreiflichen Sturm hier draußen mußte das Weibchen von ihm weggeweht oder unkenntlich ge­worden jein. Jetzt sitzt der Vogel dort allein, so kühl unter dem Himmel. Und wenn man um die äußerste Schäre dreht und landwärts vorbeisegelt, so bewegt er sich leise und blickt einem nach mit einem scheuen Vogelblick, als wollte er sagen: du hast es gut, der du in den Hafen kommst! Dann starrte er wieder melancholisch aufs Meer hinaus und es ist ein Büschel kleiner weißer Federn über jeder Augenbraue er starrt hinaus, als ob er dächte: aber tauschen würde ich doch nicht!

Und erhebt langsam die großen, alten Schwingen, wie um Luft unter sie zu bekommen, damit sie dem Federkleid nicht jo dicht ankleben sollen, und dann schlägt er sie wieder vorsichtig nieder.

Das ist Hans E. Kinck.

Von der Bildnrsmalerei.

Von Walther A p p e l t, Plauen.

Die weitaus meisten Bildnisse werden gemalt, weil sie bestellt sind. Dem entspricht gewöhnlich auch das Ergebnis. Es ist dem Maler eben oft nicht möglich, tiefere Anteilnahme für den Darzustellenden auszubringen. (Rur die wenigsten können es sich leisten, den Auftrag bann einfach ab­zulehnen.) Der vom Kunststandpunkte aus idealste Fall ist natürlich der, daß ein innerer Drang den Maler gerade dies oder jenes Vorbild wählen läßt. Leider ist er auch der seltenste. Wir müssen dem Künstler schon dankbar sein, wenn ihm einigermaßen ein Ausgleich zwischen dem einander Widerstrebenden gelingt.

Arbeitet der Künstler lediglich auf Grund eines erhaltenen Auf­trages, jo ist er unfrei. Auch der Hervorragendste wird unter solchen Um­ständen kaum ein Werk zu schassen vermögen, das höheren Ansprüchen genügt. Allerdincw wird, wenn der Dargestellte eine Rolle spielte oder noch spielt, ein Teil des PublikumsInteresse" an seiner äußeren Er­scheinung haben. Ein Interesse freilich, das meist nur der Neugier ent­springt und somit zu der trockenen Naturkopie paßt, die ein so entstandenes Bildnis immer bleiben muß. Jedem kann indessen diese oberflächliche Einstellung nicht genügen. Das authentische Bild irgendeines Großen hat dokumentarischen, aber an sich noch feinen künstlerischen Wert. Für die, die in erster Linie dem Werk verbunden sind, wird es um so gleich­gültiger, je größer der zeitliche Abstand ist. Wer hat sich etwa schon die immer wieder reiche Beglückung, die die Dichtungen oder Bauten des deutschen Mittelalters spenden, dadurch trüben lassen, daß wir ihre Schöpser kaum dem Namen, geschweige denn dem Aussehen nach kennen? Und steigert nicht gerade der Schleier erhabener Unpersönlichkeit, der über der Herkunft antiker Kunstwerke liegt, deren tiefe Wirkung im Sinne einer zeitlosen, ewigen Kunst?

Das Menschliche ist bei richtiger Auffassung des BegriffesBildnis" sozusagen nur das Rohmaterial, aus dem der Künstler schafft, das ihm als Mittel dient für das, was zu sagen ihn wesentlich oder gar notwendig dünkt. Wie gleichgültig ist cs uns, ob die Männer, die Dürer gemalt hat, Jakob Muffel oder Hieronymus Holzschuher heißen, ob Liebermann einen Herrn Kuhnt, und Slevogt ein Frl S. gemalt hat! Und doch fesfeln uns diese Bilder ebenso wie viele andere, für die das gleiche gilt, fesseln uns, weil wir irgend etwas darin als wesentlich empfinden. Dies Wesentliche aber das etwas himmelweit anderes ist als die oft uer= mifjte Porträtähnlichkeit ist es auch, was ein Bildnis unabhängig von

jeder Bestellung überhaupt erst wert macht, gemalt zu werden. Deutlicherr der Darzustellende muß in irgendeiner Hinsicht malenswert sein. Hinter seiner untergeordneten Außenseite muß etwas liegen, das imstande ist, einen Künstler anzuziehen, die schöpferischen Kräfte in ihm zu be­fruchten. Selbstverständlich brauchen es nicht immer gute und positive Eigenschaften und Werte zu sein, die einen Künstler in ihren Bann ziehen. Mandls berühmte Porträt Goyas z. B. ist ganz und gar vom Gegenteil beherrscht.

Die Hauptforderung ist, daß ein Bildnis festhält, was einen Menschen von anderen unterscheidet. Daß ein Maler (genau so natürlich ein Bild­hauer) durch die äußere Erscheinung eines Menschen hindurch das sieht und gestaltet, was mehr oder weniger einmalig ist in eben diesem Mensck)en. Was, in Leben und Leistungen sich auswirkend, charakteristisch ist gerade für diesen einen aus der großen FamilieMensch". Aufleuchten wird der Künstler im Bildnis also das lassen, was einen Menschen über den Durchschnitt erhebt (oder darunter bleiben läßt), was ihn bedeutend und begehrenswert (ober niedrig und verächtlich) macht. So tief er mit­unter verborgen ist: es wird der Wesenskern des Darge st eil­ten, auf den ja alles andere zurückgeht, bloßgelegt werden müssen. Im Vrennspiegel des Gesichts und vielleicht der Hände (wozu noch Gang, Haltung und sonstiges treten kann) werden die Energien gebunden zu - liegen haben, die in einem Menschen das Besondere auslösen. Nicht mehr gebunden jedoch, als daß jeweils ein zündender Funke auf den Be­schauer überspringen tarnt, um nickst so sehr seinen kühlen Intellekt, als vielmehr sein Empfinden in den Bannkreis des Porträtierten zu ziehen. Saiten soll ein Bildnis in uns anschlagen, die denen verwandt sind, die das Menschtum (Geist, Charakter) ober das Werk eines Dargestellten zum Tönen bringen, oder Menschtum und Werk zugleich. Als Beispiele seien aus der übergroßen Zahl in Frage kommender Werke herausgegrifsen: LionardosGioconda" (auchMona Lisa" genannt) Rembrandts Saskia" Slevogtsd'Andrade als Don Juan" KokoschkasPtof. Corel" HoudonsVoltaire" (Plastik) RodinsBalzac" (desgl.) ober, um noch ein ganz neues Werk zu nennen, die Studie, die die Vild- hauerin R. Sintenis unlängst nach dem Läufer Nurmi modelliert hat.

Paradoxer als es ist, mag das folgende klingen: der wahrhaft große Künstler kann ein solches Bildnis schaffen, ohne viel vom Leben und Wirken seinesModells" zu wissen. Umgekehrt kann er es auch aus dem Tun und Schaffen heraus ohne persönlick)e Anschauung entstehen lassen. 211s Beispiel hierfür sei auf Menzels Typ desalten Fritz" hingewiefen, der uns allen das Charakteristische (Wesentliche) dieser Persönlichkeit zwingend mitteilt und sich doch gar nicht sklavisch an die zeitgenössischen Bildnisdarstellungen anlehnt.

211165 Gesagte gilt beinahe wörtlich auch für die S e l b ft b i l b n i f {e. Denn es macht doch einen nur geringen oder gar keinen Unterschied, ob Besteller und Ausführender (bzw. Anreger und Ausführender) zwei ver- ichiedene Personen sind ober eine und dieselbe. So sind einige bekannte Rembrandt-Selbstbildnisse hauptsächlich aufBestellung" im eingangs erwähnten, nachteiligen Sinne entstanden. Nämlich bestellt vom Maler selbst. Und zwar, was im Werk unerfreulich deutlich wird, von feiner Eitelkeit. Aehnliches gilt für Dürers berühmtes Selbstbildnis von 1500 oder neuere Werke, auf denen Künstler sich mit dem Pinsel in der Hand darstellten. Wie oft wirken diese und andere Aeuherlichkeiten über Gebühr betont, als theatralische Mittel, die nie eine ideale Gemeinschaft von, Bildnis und Werk schaffen können.

Anders ist es, um noch einige Künstler unserer Zeit zu nennen, mit den Selbstbildnissen von Corinth, Thoma und Käthe Kollwitz. Sie er« füllen durchweg alle Forderungen, die zu stellen wir berechtigt, und die die gleichen für Bildnis und Selbstbildnis sind. Hier werden Menschtum und Werk durch das (Selbst-)Bildnis nicht nur eingefangen, sondern noch unterstrichen, ja, in einzelnen Fällen geradezu gerechtfertigt. Daß das nicht nur ohne helfendes Requisit, sondern vielfach sogar mit erstaunlicher Be­schränkung möglich ist, bestätigt eigentlich alles Ausgeführte.

Ausrüstung zu einer Nordpolfahrt vor hundert Jahren.

Von L. Lindemann-Küßner.

Es ist ein wahrer Genuß, bei der Lektüre von alten Büchern am Kamin zu sitzen, an Stellen, die zmn Nachdenken zwingen, in die Flammen zu sehen und bann wieder weiter zu lesen.

Da traf ich auf eine Notiz in einem alten Buch, das von einem Schiff berichtet, welches sich vor hundert Jahren zu einer Norpolsahrt * rüstete, und es wird wohl manchem Leser nicht uninteressant {ein, darüber folgendes zu erfahren:

Das Schiff Sr. Majestät, der Hekla, das zu einer Entdeckungsreise nach den Spitzbergen und den Nordpol, unter dem Kommando des Kapitäns Parry, bestimmt ist, wurde vorgestern zu Deptford von den Lords der ; Admiralität untersucht, um zu sehen, ob der Mannschaft nichts mangele, und um dem Kapitän Parry einen letzten Beweis ihrer Theilnahme und Achtung zu geben. .

Heute ging der Hekla nach Norlhfleet unter Segel; 5 ober 6 -tage später begibt er sich nach Sherneß und aus diesem letztem Hafen wird feine endliche Abfahrt nach dem Nordpol, in der ersten Woche des künf­tigen Monats, statt finden. Dießmal wird er weder von einem Transpork- noch Kriegsschiffe begleitet. Der Hekla ist ein Schiff von 400 Tonnen und trägt 2 fechsfpännige Karonnaden; feine Bemannung besteht aus 64 aus­erlesenen Männern, worunter 3 Lieutenants. Oberlieutenant ist Hr. Kotz; zweyter Hr. Foster, der zugleich das Amt eines Astronomen bekleidet; dritter Lieutenant ist Hr. Crofier. Das Schiss ist vor 12 Jahren erbaut worden. Seine erste Fahrt machte es mit der Expedition gegen Algier un Jahre 1816. Es hat Mund-Vorräthe für 19 Monate an Bord und lysy Sester Steinkohlen; sein Wasservorrath ist in eine einzige Masse vereinigt, was bey der Schichtung, einem Gegenstände von der höchsten Wichtige" bei weiten Seereisen, viel Raum erspart.